Buchweizen statt Trüffel
Ich stehe gerade am Herd und sehe zu, wie in der Sauteuse das zerfällt, woran ich zwei Stunden gewerkelt habe. Die Sahne-Trüffel-Soße fürs Risotto mit Steinpilzen sollte eigentlich seidig und homogen sein, fast wie lebendig. Stattdessen flockt sie aus. Das Öl schwimmt oben, der feste Teil setzt sich als Klümpchen am Boden ab.
Ich drehe die Hitze runter und beginne von vorne, rühre ganz langsam kalte Butter in kleinen Würfeln ein, immer im Kreis. Die Bewegung kommt aus dem Handgelenk, sie ist meinem Körper so vertraut. Draußen wird es dunkel; der Himmel über Berlin färbt sich blau, Lichter auf der Straße flackern und irgendwo unten auf der Schlüterstraße rauschen Autos vorbei. Ein ganz gewöhnlicher Oktoberdonnerstag.
Katrin, dauert das noch lange? Ich hatte seit zwei nichts mehr.
Johannes taucht im Türrahmen auf. Immer bleibt er mit den Händen in den Hosentaschen stehen, kommt nie ganz in die Küche, als gehöre sie nicht zu seinem Hoheitsgebiet. Und dieser Gesichtsausdruck, nach über zwanzig Jahren habe ich immer noch kein passendes Wort dafür: Keine Ungeduld, sondern etwas anderes.
Noch zwanzig Minuten, sage ich, ohne mich umzudrehen. Die Soße ist heute ein bisschen schwierig.
Zwanzig Minuten also. Aha.
Er verschwindet und ich höre, wie er sich ins Wohnzimmer fallen lässt, wie der Fernseher erst laut angeht, dann sofort auf fast stumm gestellt wird. Auch das ist ein Signal. Ich kenne sie alle.
Am Ende gelingt die Soße doch. Nicht perfekt, aber nah dran. Das Risotto wird so, wie es sein soll: zart nachgebend mit dieser berühmten Cremigkeit. Ich richte alles an, garniere mit feinen Spänen von schwarzem Trüffel, den ich vorgestern am Winterfeldtmarkt bei einem bekannten Händler gekauft habe ein Stück für so viel Euro, wie früher ein ganzes Mittagessen für zwei im guten Café gekostet hätte.
Ich stelle alles auf den Tisch. Zünde Kerzen an. Nicht wegen irgendeiner Romantik sondern weil das Licht schmeichelhafter ist, sowohl für das Essen als auch für mein Gesicht, das Alter um die Augen sieht man bei Kerzenlicht weniger.
Johannes setzt sich, nimmt die Gabel, sieht das Risotto an.
Lange sieht er einfach nur.
Schon wieder Risotto, sagt er schließlich.
Du hast dir doch etwas mit Pilzen gewünscht.
Ich habe Pilze gesagt. Kein Risotto. Letzte Woche gab es im Restaurant bei Sebastian auch Risotto da war ein richtiger Chefkoch. Ist schon was anderes.
Ich setze mich gegenüber, nehme meine Gabel.
Probier erst mal.
Er probiert, kaut langsam mit diesem prüfenden Ausdruck, als hätte er eine Laboranalyse vor sich.
Der Reis ist leicht zu weich.
Der Reis ist al dente gekocht. So soll es sein.
Deiner Meinung nach also. Gut.
Wir essen schweigend. Ich sehe auf die Kerzenflammen, er auf seinen Teller, mit diesem unergründlichen Gesichtsausdruck. Draußen lebt Berlin, hetzt, rauscht es weiß nichts von Risotto.
Die Soße ist zu fettig, murmelt er, als der Teller fast leer ist.
Ich sage nichts.
Du fragst dich, warum ich ehrlich bin? Weil du dich doch als Feinschmeckerin weiterentwickeln willst, nicht? Da bringt Streicheleinheiten nichts.
Ich hab nicht gefragt, sage ich.
Tja, Pech.
Danach schaut er Fußball, ich räume den Tisch ab, spüle und kratze den Rest von der teuren Trüffelsoße ab, an der ich mir dreimal die Zähne ausgebissen habe, nur um die Konsistenz zu treffen. Für die ich ein französisches Fachbuch auf dem Kochkurs gekauft habe, dreißig Euro allein fürs Buch, und Spezialbehälter, damit die Soße auf dem Heimweg nicht absetzt.
Zu fettig.
Ich stütze die Hände auf die Spüle und schaue dem Wasser nach, wie es im Abfluss verschwindet. Trockne meine Hände, lösche das Licht, gehe ins Schlafzimmer.
Ein ganz gewöhnlicher Abend.
***
Frau Habermas kommt samstags meist gegen drei. Sie ruft immer etwa vierzig Minuten vorher an; genug Zeit für mich, das Wohnzimmer aufzuräumen und Kuchen zu backen. Meine Schwiegermutter hat das Auge für Ordnung, spricht es aber nie offen an, sondern schaut höchstens prüfend über den Fensterbrett.
Sie ist achtundsiebzig. Zierlich, schlank, mit aufrechter Haltung, auf die jede Jüngere stolz wäre. Seit sie vor sechs Jahren ihren Mann verloren hat, lebt sie alleine in ihrer Altbauwohnung am Viktoria-Luise-Platz, umziehen wollte sie trotz Johanns Bitten nie. Ich habe es auch nie versucht. Wir wussten das beide und haben nie darüber gesprochen.
An diesem Samstag kommt sie etwas blasser als sonst. Ich bemerke es schon, als ich ihr die Tür öffne.
Kommen Sie rein, Frau Habermas. Ich habe einen Nusskuchen gemacht.
Danke, Katrin. Ist Johannes da?
Nein, der ist bei Sebastian. Kommt erst zum Abendessen.
Sie nickt, geht direkt in die Küche normalerweise zieht sie sich ins Wohnzimmer zurück, ihr Lieblingsplatz ist der Sessel am Fenster.
Ich schenke Tee ein, schneide Kuchen. Wir sitzen uns gegenüber.
Wie fühlen Sie sich?, frage ich.
Es geht. Bisschen Blutdruck, ist nicht schlimm.
Sie nimmt ein Stück Kuchen, beisst ein winziges Stück ab.
Sehr gut, sagt sie. Es klingt so schlicht, so warm, dass mir der Hals eng wird.
Wir schweigen eine Weile. Frau Habermas trinkt den Tee in kleinen Schlucken, sieht hinaus auf die Bäume, die Ende Oktober schon fast kahl sind.
Katrin, darf ich Sie etwas fragen?, sagt sie plötzlich. Nicht böse sein?
Ich geb mir Mühe.
Sie blickt mich lange an.
Erinnern Sie sich, dass Sie mal Designerin waren?
Damit hatte ich nicht gerechnet.
Natürlich.
Eine Gute?
Man sagte es.
Ich weiß es. Ich habe ihre Projekte gesehen. Erinnern Sie sich an die Wohnung am Savignyplatz, die Sie für diese Ärztefamilie gemacht haben? Ich war dort mal zu Besuch wunderschön. Ich dachte: Dieser Mensch kann Räume sehen.
Ich sehe sie an.
Worauf wollen Sie hinaus?
Sie stellt die Tasse ab. Ganz präzise. So wie Menschen, die ein Leben lang still sein mussten, nie unnötigen Lärm machten.
Ich schäme mich, sagt sie leise.
Ich weiß nicht, was ich antworten soll. So hat sie noch nie gesprochen. Sie gehört zu der Generation, die über das Wesentliche schweigt.
Ich hätte Ihnen das schon viel eher sagen müssen. Vielleicht vor zehn Jahren, als Sie den Job aufgegeben haben. Aber ich sagte mir: Nicht mein Bier. Vielleicht ist das ja Ihr Wunsch.
Sie sieht sich ihre Hände an. Sehr schöne, schmale Hände für ihr Alter. Gepflegte Nägel.
Johannes mag keine raffinierte Küche.
Ich glaube, ich habe mich verhört.
Wie bitte?
Er mochte sie nie. Schon als Jugendlicher Magenprobleme. Der Arzt sagte schon vor dreißig Jahren: einfach essen Brei, Suppe, gekochtes Fleisch. Seine Lieblingsspeise seit der Kindheit: Boulette mit Buchweizen und Butter. Das könnte er jeden Tag essen.
Die Küche wird ganz still. Nur der Kühlschrank brummt leise, wie das Leben woanders.
Warum dann, setze ich an, meine Stimme klingt fremd.
Warum er nach Foie Gras und Trüffeln fragt und die Soße kritisiert, ja, beendet sie für mich. Genau.
Frau Habermas hebt den Blick. Da ist etwas, das mir kalt den Rücken runterläuft. Keine Wut. Nicht mal Mitleid. Etwas Älteres, Schwereres.
Weil ihm der Prozess gefällt. Zu sehen, wie Sie sich abmühen. Geld und Zeit investieren, die Spannung im Raum und dann das Urteil. Das gibt ihm Überlegenheit.
Ich stelle meine Tasse hin.
Verstehen Sie, was Sie da sagen?
Ja. Ich habe lange darüber nachgedacht, bevor ich es ausspreche. Ich verstehe es.
Und Sie haben zehn Jahre geschwiegen.
Achtunddreißig Jahre habe ich geschwiegen, Katrin. Seit Paul mit mir ähnlich umgegangen ist.
Paul. Paul Habermas, ihr Mann, Johannes Vater. Ich habe ihn kaum gekannt, er ist ein Jahr nach unserer Hochzeit gestorben. Ich erinnere mich an einen lauten, höflichen Mann in der Öffentlichkeit.
Er war ein Feinschmecker, sagt sie, das Wort in Bitterkeit getaucht. Ich habe unzählige Soßen gekocht, Sonntage in der Küche immer kam Kritik. Bis ich ihn eines Tages in seiner alten Heimat bei seiner Mutter erlebte: drei volle Teller Buchweizen mit Butter und Brot. Kein Wort. Kein Urteil. Einfach gegessen und glücklich gewesen.
Ich höre zu. Draußen fängt leichter Regen an.
Damals habe ich es verstanden. Aber ich bin geblieben. Andere Zeiten, man blieb eben. Und Johannes hat es gesehen: wie so ein System funktioniert. Ein Werkzeug, um Menschen zu kontrollieren. Und er nutzt es vielleicht nicht bewusst, aber er tut es.
Absicht?, sage ich. Eher Feststellung als Frage.
Ich glaube nicht, dass er jedes Mal denkt: Jetzt demütige ich meine Frau. Menschen leben, wie sie gelernt haben. Wie sie sich wichtig fühlen notfalls durch andere.
Ich stehe auf. Nicht um wegzugehen, sondern weil Stillsitzen nicht geht. Sehe aus dem Fenster, auf den nassen Asphalt, auf Passanten mit Schirmen.
Zehn Jahre.
Zehn Jahre Kochkurse: Grund- und Aufbaukurse, Spezialworkshops für französische und italienische Küche. Unzählige Bücher, Videos, Forenbeiträge. Ich fuhr zum Markt, zu bestimmten Verkäufern, suchte passende Weine, dachte ständig über Aromen nach, wachte manchmal nachts auf mit einer Soßenidee.
Ich hielt das für meine neue Berufung, mein zweites Leben. Etwas, das ich wirklich kann, nachdem ich den Gestaltungsberuf aufgegeben hatte.
Dabei aß er innerlich immer nur Buchweizen.
Warum sagen Sie mir das jetzt?, frage ich, ohne hinzusehen.
Weil ich alt bin, sagt sie schlicht. Und du bist noch jung. Zweiundfünfzig das ist kein Alter. Das ist fast ein Anfang.
Ich drehe mich um. Sie sieht mich direkt an. Keine Spur Mitleid. Genau das zählt jetzt.
Und weil ich schuldig bin. Nicht bewusst. Aber ich habe ihn so großgezogen. Ich habe es vorgelebt, er hielt das für normal. Das ist meine Schuld. Wenigstens das kann ich jetzt: Ihnen die Wahrheit sagen.
Ich setze mich zurück, nehme meinen kalten Tee.
Er wird sich nicht ändern, sagt sie. Ich schreibe dir nicht vor, was du tun sollst. Aber du solltest es wissen.
Wir trinken aus, fast wortlos. Sie zieht ihre Jacke an, ich helfe ihr mit den Knöpfen.
Der Kuchen war ausgezeichnet, sagt sie an der Tür.
Danke.
So einfach, so hausgemacht. Besser als alles, was du jemals für mich gebacken hast.
Sie geht. Ich bleibe lange im Flur stehen, blicke auf die Garderobe und Johannes Jacken.
***
Die nächsten zwei Wochen koche ich genauso wie immer. Wie eine Maschine fahre ich weiter: Ententerrine, Hummersuppe, japanische Desserts. Johannes isst und kritisiert, ich höre und schweige.
Doch etwas hat sich verschoben. Wie eine Glasscheibe zwischen mir und dem Geschehen. Ich beobachte mich selbst am Herd, beim Zitronenreiben, beim Safran, beim Richten der Teller. Dann sehe ich sein Gesicht: diesmal sehe ich, was ich vorher nie bemerkte.
Genuss.
Nicht vom Essen. Von der Erwartung. Vom Augenblick, bevor er urteilt. Ich sehe jetzt, wie er kurz glücklich ist, mich klein an den Tisch rufen zu können.
Ich erinnere mich an meine Designjahre. Wenn ich einen Raum direkt als Ganzes vor mir sah, mit den Möglichkeiten, schon bevor er fertig war. Wie ich Zuhörerinnen und Kunden nicht nur ihre Worte, sondern ihre Tiefe verstand. Wie ich genoss, wenn sie am Ende den Raum betraten und aufatmeten.
Ich hatte mein eigenes Atelier. Ein kleines Büro in der Marburger Straße mit zwei anderen Designerinnen. Wir tranken schlechten Kaffee, stritten bis in die Nacht über Farben und Materialien.
Johannes nannte das Spinnerei. Familie oder Arbeit, das war seine Ansicht. Er verdiene genug, ich müsse mir den Stress nicht antun. Er wollte, dass ich zu Hause bin.
Ich entschied mich für das Zuhause. Mit Anfang vierzig. Dachte, Zeit genug, um zurückzukehren.
Zehn Jahre sind vergangen.
Ich greife zum Handy und schreibe Anna Krüger. Wir haben früher zusammen gearbeitet, sie führt noch heute ein Designbüro. Ich schicke ihr manchmal Grußnachrichten, mehr nicht.
Anna, hallo. Sag mal, hättest du Lust auf einen Kaffee?
Sie antwortet nach einer halben Stunde.
Katrin! Immer gern. Morgen Mittag?
***
Wir sitzen im Café am Savignyplatz. Anna sieht immer noch so aus wie früher, nur etwas mehr graue Strähnen, die ihr gut stehen.
Du siehst gut aus, sagt sie.
Du bist eine schlechte Lügnerin, entgegne ich.
Sie lacht.
Wir bestellen Kaffee. Ich rutsche herum, weiß nicht, wie ich anfangen soll.
Hast du Arbeit für mich? Also richtig?
Sie sieht mich ernst an.
Im Ernst?
Absolut.
Du warst zehn Jahre raus.
Ich weiß. Aber ich kann es noch. Glaub ich.
Sie schweigt. Bewegt die Tasse.
Es gibt gerade drei Projekte. Ein großes Haus im Umland wir könnten Unterstützung brauchen. Aber ehrlich: Du wärst am Anfang wie eine Praktikantin. Nicht weil du schlecht bist, sondern weil alles sich verändert hat Programme, Kunden, Standards. Damit musst du rechnen.
Mache ich.
Was willst du verdienen?
Was du geben kannst Hauptsache, ich komme wieder rein.
Sie sieht mich wieder so lange an, dass ich glaube, sie liest mich.
Okay. Komm Montag vorbei. Wir sehen weiter.
Am Montag stehe ich pünktlich um neun im Büro. Drei Wochen lang tauche ich täglich ein; lerne neue Programme, mache Fehler, lerne neu. Aber da ist etwas, das zurückkommt, wie die Fähigkeit zu schwimmen: Die Hände wissen, wies geht.
Zu Hause koche ich nun Buchweizen.
Beim ersten Mal fast aus Versehen. Es ist spät, ich bin müde, sehe in den Kühlschrank und habe keinen Ehrgeiz mehr für ausgefallene Gerichte. Finde dort ein Glas Buchweizen, ein Stück Mettwurst, Butter.
Ich koche den Buchweizen, würfle die Wurst darunter, gebe ein Stück Butter dazu. Johannes sitzt am Tisch.
Er schaut den Teller an, als müsse er einen Code knacken.
Was ist das?
Buchweizen mit Mettwurst.
Ich sehs ja Alles okay mit dir?
Bin einfach müde. Morgen gibts was anderes.
Er isst schweigend. Kein Kommentar. Bis zum letzten Löffel.
Ich sehe ihn an und denke an das, was Frau Habermas mir erzählt hat: das Land, die drei vollgeschöpften Teller, das Glück über einfache Kost endlich zu Hause angekommen.
Johannes isst bis zum Schluss, steht dann auf, sagt kein Wort. Weder Kritik, noch Lob.
Auch das ist eine Antwort.
***
Das eigentliche Gespräch kommt nach zwei Wochen. Ich komme spät von der Arbeit, im Kopf Farbkonzepte für ein Landhausprojekt. Johannes sitzt vor dem Fernseher.
Wo warst du so lange? Es ist schon acht!
Gearbeitet.
Immer diese Anna Krüger
Das IST mein Job, Johannes.
Er schaltet den Fernseher aus, dreht sich um.
So war das nicht abgemacht.
Wie denn?
Dass du dauernd weg bist, Familie und Haus vernachlässigst. Und was essen wir überhaupt? Der Kühlschrank ist leer.
Da sind Eier, Kartoffeln, Wurst drin. Reicht für heute.
Er schaut mich an, als spräche ich Chinesisch.
Machst du Witze?
Nein. Sag nur, was da ist.
Wo sind deine Trüffel geblieben? Die feinen Soßen? Erinnerst du dich noch daran, wie man richtig kocht?
Ich stelle meine Tasche ab, hänge den Mantel auf.
Johannes, ich will ruhig reden. Kannst du?
Worüber?
Über uns. Über die letzten Jahre. Über das, was hier passiert.
Er beugt sich vor, wird starr.
Was passiert? Ich arbeite. Du bist zu Hause.
Ich bin nicht mehr zu Hause. Und werde es nicht mehr sein.
Das heißt, du hast beschlossen ohne mich zu fragen.
Deshalb will ich jetzt reden.
Er steht auf, steht am Fenster, geht dann zurück.
Katrin, ich verstehe das nicht. Wir hatten ein normales Leben. Du hast gekocht, ich gewertet. Das war unser Arrangement, kapier das doch!
War deins, Johannes. Nicht meins.
Weil meine Mutter wieder etwas eingeredet hat, was? Klar.
Ich sehe ihn an: den Mann, mit dem ich zwanzig Jahre lebe, in einer Wohnung, die eigentlich nicht meine ist, nie war. Alte Möbel, hohe Decken, alles von ihm ausgesucht, noch vor meiner Zeit. Ich habe nie etwas verändert dabei hätte ich gekonnt; ich war immerhin mal Designerin.
Deine Mutter hat mir die Wahrheit gesagt, sage ich. Ganz einfach.
Was für eine Wahrheit? Über Dramen im Alter?
Dass du einfache Küche liebst. Einen empfindlichen Magen hast. Schon immer Buchweizen mit Boulette mochtest.
Eine kleine Pause eine Sekunde.
Unsinn, sagt er.
Du hast es vor zwei Wochen wortlos gegessen.
War halt hungrig.
Johannes, sage ich. Stopp bitte. Eine Minute.
Er schweigt.
Ich will keinen Streit. Ich will reden. Will dich fragen, ob du bereit bist, mal anders zu leben. Auf Augenhöhe. Beide arbeiten. Manchmal einfache, manchmal aufwendige Gerichte. Keine Demütigungen, keine Spielchen. Sagen, was ist.
Langes Schweigen.
Ich habe dich nicht demütigt, sagt er schließlich leise. Ich war ehrlich zu dir.
Ehrlich? Und hast Buchweizen heimlich gemocht, während ich Trüffel kaufe?
Stille.
Das war nicht ehrlich, sage ich. Ohne Zorn. Einfach so.
Er geht ins Schlafzimmer. Schließt die Tür ganz leise.
Ich koche Kartoffeln. Esse allein am Küchentisch. Sitze später bei Tee und höre, wie er in der anderen Hälfte der Wohnung umhergeht.
***
Die darauffolgenden Monate fühlen sich an wie langsames Tauen eines alten Gletschers, nicht wie im Film, sondern so, dass jeden Tag ein weiteres Stück gewohnte Form zerbröckelt.
Johannes probiert Verschiedenes aus.
Erst Beleidigtheit. Tage, an denen er mit gekränkter Miene wartet, dass ich auf ihn zugehe und um Frieden bitte. Ich tue es nicht. Koche einfache Gerichte, gehe zur Arbeit, komme wieder.
Dann versucht er Zärtlichkeit. Einmal bringt er mir Tulpen im Dezember, gekauft bei irgendeinem Kiosk. Sagt, wir sollten mal wieder ausgehen. Ich stimme zu. Im Restaurant ist er freundlich, fragt nach meiner Arbeit ich glaube, es könnte sich ändern.
Am nächsten Tag kommt die Routine: Warum hast du am Wochenende nichts Besonderes für meine Kumpels gemacht? Ganz beiläufig. Und wieder sehe ich sein Gesicht, die Vorfreude auf meine Reaktion. Das Muster.
Danach Streit. Mit lauten Stimmen, Aufzählungen seiner Leistungen: Wohnung, Geld, Freiheit, Hobby-Erlaubnis alles als Investition aufgelistet.
Ich bin doch kein Werk, sage ich einmal ruhig. Sondern ein Mensch. In Menschen investiert man anders.
Er versteht das nicht. Oder will nicht.
Frau Habermas ruft wöchentlich an, nie aufdringlich. Sagt simple Sätze wie Halte durch oder Du machst das gut. Einmal sagt sie:
Er ärgert sich über mich, oder?
Ein wenig.
Sollen. Aber für dich stehe ich zum ersten Mal im Leben.
Das verstehe ich.
Im Dezember bekomme ich von Anna meinen ersten eigenen Auftrag seit langem. Eine Wohnung in Prenzlauer Berg für eine junge Familie. Ich schlafe kaum vor lauter Angst, die Fähigkeit verloren zu haben. Aber es klappt.
Die Kundin, etwa dreißig, betritt das fertige Wohnzimmer, bleibt in der Tür stehen, schweigt lange, sieht mich dann an.
Sie sind eine Zauberin, sagt sie.
DAS Gefühl erinnere ich. So nannte es sich also.
***
Im Februar wird mir klar: Johannes und ich werden es nicht schaffen. Ich rede, ich bleibe, versuche, auf den Trümmern etwas Neues zu bauen aber er will nichts anderes. Er will die alte Katrin zurück, die am Herd steht und wartet. Kein Mensch, sondern eine Spiegelfläche.
Vielleicht erkennt man einen Manipulator so: Er will, dass du auf sein Urteil wartest; ohne dein Warten kennt er sich nicht mehr.
Johannes ist kein schlechter Mensch. Trinkt nicht, schlägt nicht, geht arbeiten. Liebt auf seine Weise. Bleibt treu.
Aber leben mit ihm, das heißt kleiner werden mit jedem Tag. Die eigene Form vergessen.
Im März reiche ich die Scheidung ein.
Er glaubt es erst nicht, dann bettelt er, dann wird er wütend, dann wieder sanft. Frau Habermas redet ihm gut zu; was sie ihm sagt, weiß ich nicht, aber ab dann ist er still, kalt und distanziert.
Die Wohnung gehört ihm; ich wusste das immer. Ich ziehe zu meiner Freundin Nadine, für drei Monate. Im Juni bekomme ich eine kleine Wohnung in Kreuzberg, Altbau, Blick auf eine stille Seitenstraße, lebendig, echt.
Ich renoviere sie selbst mit Freude, entscheide alles allein, manchmal lache ich über mich. Ich weiß plötzlich, was ich will wusste es immer, nur nie gefragt.
***
Ein Jahr ist vergangen.
Jetzt ist April. Ich bin dreiundfünfzig. Draußen vor dem Fenster blühen kleine, weiße Bäume, wie sie entlang der Ohlauer Straße wachsen, ich kenne den Namen nicht, schaue oft in der Morgensonne vom Küchentisch aus hinüber.
Den Kaffee mache ich in der Kanne, ohne Firlefanz, aber aus guten Bohnen.
Anna hat mich im Januar zur Partnerin gemacht. Wir führen jetzt vier Projekte, ich leite zwei allein. Ich schlafe wieder gut. Manchmal träume ich von Wohnungen, Ecken, Licht. Aber das ist gutes Arbeiten, keine Angst.
Frau Habermas ruft mir jede Woche an. Ich besuche sie auf ein Stück Kuchen, wir reden lange. Sie erzählt von früher, von den Jahren des Schweigens. Ich denke dabei an weitergegebene Verletzungen dass einer den Kreislauf bricht, ist alles, was zählt.
Sie konnte ihn nicht brechen, aber sie half mir, es zu tun.
Johannes lebt immer noch in der Wohnung. Wir schreiben selten, wenn es sein muss. Von Bekannten habe ich gehört, er besucht Kochkurse. Vielleicht stimmts; Menschen verändern sich manchmal erst, wenn niemand mehr zusieht.
Ich denke selten an ihn. Manchmal, im Supermarkt, bleibe ich an Glas-Trüffelpaste stehen. Dann spüre ich kurz etwas nicht Bitterkeit, nicht Lachen. Irgendwas Gemischtes. Zehn Jahre Leben, die nicht einfach verfliegen.
Aber ich bleibe nicht darin stecken.
Andreas habe ich im vergangenen September kennengelernt. Er war Klient, wollte nach dem Tod seiner Frau die Wohnung umgestalten: Sie war vor zwei Jahren an Krebs gestorben. Die alte Wohnung voller Fotos, Leben. Er sagte: Nur heller solls werden, luftiger. Die Bilder bleibe bitte.
Ich verstand das sofort.
Andreas ist vierundfünfzig, Ingenieur in einem Brückenplanungsbüro. Ich habe oft gedacht: Er baut Brücken, ich Räume irgendwas verbindet das.
Er ist ruhig, nicht still. Hört mir zu, sieht mich beim Reden an, lacht, wenn es lustig ist, ohne sich größer zu machen als nötig.
Nach dem zweiten Projektgespräch lud er mich auf einen Kaffee ein.
Wir spazierten, tranken Kaffee, gingen dann ins Kino; ein französischer Film, ein paar Mal mussten wir lachen. Es war einfach schön. Ich merkte, wie sehr ich das nicht mehr kannte.
Wir treffen uns seit Monaten. Gemächlich, ohne Eile. Beide wissen, es gibt keinen Grund zu hetzen.
Freitags kommt er meist zu mir.
***
Heute ist Freitag.
Ich kaufe ein Hähnchenschenkel, Kartoffeln, Zwiebeln, Möhren, viel Dill, saure Sahne.
Aus all dem ergibt sich ein einfacher Auflauf: Kartoffeln in Schichten, Hähnchen, Zwiebeln, Möhren, obendrauf saure Sahne. Eine Stunde Ofen. Dann Dill.
Das koche ich, wenn ich etwas Hausgemachtes will. Keine Exotik, nur zuhause.
Während der Auflauf bäckt, ziehe ich mich um. Die Wohnung duftet nach Zwiebeln, Butter, Hähnchen, ein Hauch Knoblauch als kleines Kind roch es so bei Oma. Jahrzehnte verdrängt.
Um sieben bimmelt der Summer.
Ich öffne. Andreas tritt herein, stellt eine Tasche ab, oben blitzt eine Flasche Wein hervor.
Hallo, sagt er.
Hi. Wonach riechts?
Er schnuppert.
Lecker. Kartoffeln?
Auflauf! Muss noch eine halbe Stunde.
Prima, sagt er. Zieht die Jacke aus. Ich hab Wein mitgebracht. Und das er nestelt in der Tüte Schokolade mit Nüssen.
Ich nehme das Päckchen.
Woher weißt du…
Du hast es im September erwähnt, als wir an der Bäckerei vorbei sind.
Ich halte die Schokolade fest, mir ist nach Weinen. Zu viel Gefühl für Worte.
Du merkst dir so was.
Ich geb mir Mühe.
Wir gehen in die Küche. Ich öffne den Ofen, prüfe, ob alles durch ist. Er schenkt Rotwein ein, nimmt Platz.
Wie läuft dein Projekt? fragt er.
Anstrengend. Der Kunde will das Unmögliche für wenig Geld.
Kommt vor.
Ja. Aber ich hab eine Lösung die hohen Decken muss man ausnutzen.
Er nickt, beobachtet mich in der Küche.
Katrin?
Ja?
Bist du jetzt glücklich? Nicht grundsätzlich jetzt, in diesem Moment.
Ich sehe ihn an. Er meint es ernst.
Jetzt? Ja. Jetzt gerade ja.
Gut, sagt er. Mehr nicht.
Auflauf ist fertig. Ich lasse ihn ruhen, streue frischen Dill darüber, stelle ihn auf den Tisch, ganz ohne Kerzen.
Andreas guckt das Essen an.
Sieht toll aus, sagt er.
Ist ganz einfach.
Sieht lecker aus und riecht gut. Du kannst scheinbar nicht hässlich kochen.
Ich lache.
Habs nie probiert.
Wir essen. Er nimmt Nachschlag, reicht mir wortlos den Teller. Ich lege ihm mehr auf. Wir reden über alles Mögliche: Seine Arbeit, seine Tochter in Hamburg, meine Reiselust. Finnland, meint er, sei schön ruhig.
Dann Tee und Schokolade aus der schlichten Packung.
Draußen ist Berlin: April, Duft nach nassem Asphalt, kleine weiße Blüten vor dem Fenster tanzen im Wind.
Ich denke: Das ist es. Kein Fest, kein Ereignis. Einfach Abend. Ein lebendiger, freundlicher Mensch und Essen, das nach Zuhause riecht. Und kein einziger Moment, in dem ich auf ein Urteil warte.
Manchmal denke ich an die Jahre voller Trüffel und Saucen. An das viele Warten aufs Urteil zu fettig. Das tut weh aber langes Bedauern ist Luxus, den ich mir nicht mehr gönne.
Selbstwert, habe ich mal gelesen, sei wie Augenfarbe: Entweder man hat ihn oder nicht. Unsinn. Er ist etwas, das wächst. Manchmal bricht er, manchmal baut man ihn mit zweiundfünfzig auf einer fremden Büro-Küche neu auf, kämpft sich durch Programme, bleibt, lernt das Sehen wieder.
Persönliche Grenzen ein Modebegriff. Aber nun weiß ich: Sie sind kein Wall. Nur ein Wissen, wo ich ende, wo der andere beginnt. Einfach: Hier bin ich.
Das Rezept für Glück ist eben einfach. Tun, was man kann. Umgeben von Menschen, die einen sehen. Kochen, was gefällt. Nicht auf ein Urteil warten.
Woran denkst du?, fragt Andreas.
Ich sehe ihn an, sein ruhiges Gesicht, den Tee in der Hand.
An den Auflauf, sage ich.
Er lacht.
Ein guter Gedanke.
Der beste. Magst du noch Tee?
Gerne.
Ich gieße ihm nach, mir auch. Stelle die Kanne zurück, schaue hinaus.
Andreas?
Hm?
Wirst du mir je sagen, wenn ich zu viel Salz erwische?
Er sieht mich an.
War alles genau richtig, sagt er ernst.
Und wenn ich mal zu viel erwische?
Er überlegt.
Dann sage ich Nächstes Mal weniger Salz und esse trotzdem auf.
Ich nicke.
Gute Antwort.
Ich bemühe mich, sagt er, nimmt sich die letzte Praline. Darf ich?
Natürlich, sage ich.
Draußen schaukeln die weißen Zweige, Berlin rauscht, wie eine große Maschine, der unsere Teller egal sind, unsere Saucen, Trüffel, Buchweizen und die Jahre, die vergangen sind. Die Stadt lebt weiter. Und ich lebe weiter. Der Tee ist heiß. Der Duft vom Auflauf hängt noch in der Luft. Auf dem Fensterbrett steht eine kleine Pflanze, die ich diese Woche gekauft habe, einfach, weil mir ihr Blattgrün gefiel.
Einfach so.
So lebe ich jetzt.





