Der kleine Junge
Leon, musst du wirklich auf diese Fahrt gehen? Mein Herz lässt mir keine Ruhe Frag doch, ob dich jemand vertreten kann, flüsterte Lotte und versuchte, das Zittern in ihrer Stimme zu verbergen.
Diese Tour bringt gutes Geld. Und wir brauchen es, Lottchen. Wir wissen beide, dass jeder Euro jetzt Gold wert ist, antwortete Anton, drückte seine Frau an sich und küsste sie auf die Stirn, dann die beiden quirligen Mädchen, die Zwillinge Frieda und Greta.
Lotte nickte schweigend. Ihr Herz blutete, doch ihr Verstand sagte ihr, dass ihr Mann recht hatte: Ihr Budget stand am Rande des Zusammenbruchs. Sie wischte sich die Tränen weg und sah ihm nach, wie er ging, während sie ihn umarmte und flüsterte: Komm schnell zurück Wir warten auf dich.
Die Tür schloss sich hinter Anton. Lotte ballte die Fäuste, fütterte die Mädchen und ging mit ihnen spazieren. Der Tag verging seltsam friedlich. Keine Launen, kein Gezeter als ob selbst die Kinder eine drohende Unruhe spürten.
Jeden Abend um zehn telefonierten sie, wie immer. Lotte erzählte ihm, wie sehr die Mädchen ihn vermissten, wie sie langsam Näharbeiten erledigte. Anton lachte am Telefon und versprach: Morgen bin ich zu Hause, Mäuschen.
Doch nach Hause kam er nie.
Auf der Rückfahrt kollidierte sein Lkw mit einem entgegenkommenden Transporter. Alles ging zu schnell. Keine Sekunde, um auszuweichen. Anton starb sofort.
In derselben Nacht klingelte das Telefon. Lotte hob wie im Traum den Hörer und ihre Welt stürzte ein.
Sie kroch zur Nachbarin, Tante Helga, und bat sie, auf die Mädchen aufzupassen. Dann brach sie auf der Schwelle zusammen. Die Ärzte konnten sie gerade noch retten eine Not-OP, ein komplizierter Kaiserschnitt.
Der Junge war schwach, ein Frühchen. Ihm fehlte die Kraft des Vaters, und der Mutter die Stütze eines Mannes.
Lotte nannte ihn Anton, nach ihrem Mann. Als sie das Krankenhaus verließ, zählte sie das übrige Geld. Es reichte für zwei Monate. Danach würde man sehen.
Das Leben wurde ein Kampf ums Überleben. Die Nachbarin, Tante Helga, half, wo sie konnte. Sie hatten keine nahen Verwandten. Lotte begann wieder zu nähen erst für Nachbarn, dann, durch Mundpropaganda, kamen mehr Kundinnen.
Die Mädchen gingen zur Schule, der kleine Anton in den Kindergarten. Sie waren ihre Hoffnung, ihr Anker. Doch
Sie liebte die Mädchen mehr. Und den Jungen nein, sie hasste ihn nicht doch sie konnte ihn nicht ohne Schmerz ansehen. Er glich immer mehr ihrem verlorenen Mann. Und jedes Mal, wenn sie ihn sah, fühlte sie, dass sie ihn nicht halten, nicht aufhalten konnte
Der Junge war ruhig, gutmütig, fürsorglich. Er las, half, beschwerte sich nie.
Den Mädchen kaufte sie neue Kleider, nähte Puppenkleider. Für Anton flickte sie alte Sachen.
Armster Waise mit lebender Mutter, seufzte Tante Helga, als sie sah, wie er Geschirr spülte oder die Spielsachen der Schwestern aufräumte.
Die Zeit verging. Die Mädchen wuchsen auf, heirateten, zogen fort. Nur Anton blieb bei seiner Mutter.
Er machte eine Berufsausbildung und wurde Ingenieur in der Süßwarenfabrik ihrer Heimatstadt, Dresden. Lotte begann ihr Augenlicht zu verlieren schlaflose Nächte, zermürbte Nerven, Jahre der Einsamkeit forderten ihren Tribut.
Anton kümmerte sich, so gut er konnte. Er kochte, wusch, führte sie an der Hand durch den Park. Sie flüsterte ihm immer öfter zu: Verzeih mir, mein Sohn Ich habe deine Liebe nicht verdient. Leb dein Leben, du bist jung
Er lächelte nur: Wird schon, Mutter. Ich werde auch eine Frau und Kinder haben. Du hast noch Zeit, Enkel zu genießen.
Und eines Tages kam sie. Lisa, schlicht und schüchtern.
Mutter, Lisa bleibt bei uns. Sie hat niemanden. Sie ist Waise, sagte Anton leise.
Drei Monate später war die Hochzeit. Die Schwestern kamen, die Neffen, die Schwiegersöhne die ganze Familie versammelt. Lotte war glücklich, doch ihr Lächeln wurde von Schmerz begleitet.
Die Diagnose war grausam Krebs. Sie hatte nicht mehr lange, und sie wusste es.
Doch das Schicksal schenkte ihr noch eine Freude sie sah ihren ersten Enkel.
Sie ging friedlich, mit einem Lächeln auf den Lippen. Dann schlossen sich ihre Augen für immer, während ihre Hand sanft die ihres Sohnes umschloss, der ihr der Liebste geblieben war.




