„Ab jetzt gehört die Hälfte deines Eigentums mir“, sagte die seltsame Frau.

Also, stell dir vor, da war dieses Ehepaar, das wirklich ein schönes Leben geführt hat. Sie haben mit 30 geheiratet, hatten dann ihren Sohn bekommen und als Familie waren sie einfach richtig glücklich. Auch finanziell lief alles rund. Sie haben sich damals eine Wohnung mitten in München gekauft, und das alte Haus auf dem Land irgendwo in der Nähe vom Chiemsee haben sie so ausgebaut, dass es total gemütlich wurde, mit allem drum und dran. Der Urlaub war ihnen auch wichtig, sie sind fast jedes Jahr nach Italien oder Frankreich gefahren. Ihr Mann war ihr total treu, sie brauchte sich nie Gedanken um eine andere Frau zu machen.

Der Sohn ist dann groß geworden und hat eine superliebe Frau kennengelernt die beiden waren Anfang zwanzig als sie geheiratet haben. Das sind doch genau wir, nur zehn Jahre früher, hat sie damals zu ihrem Mann gesagt und sich so richtig gefreut. Die Eltern von beiden Seiten haben dann zusammengelegt und den jungen Leuten ein kleines Apartment in Augsburg gekauft.

Es hätte echt nicht besser laufen können und sie war glücklich. Aber über die Jahre, vielleicht lags am Älterwerden oder weil sie manchmal so abergläubisch wurde, kam öfter so ein mulmiges Gefühl, ob das alles so bleibt. Irgendwann passiert doch bestimmt noch was

Und so kams dann tatsächlich.

Ihr Mann ist plötzlich gestorben.

Sie hat ewig gebraucht, bis sie einigermaßen wieder im Alltag angekommen ist. Stückchen für Stückchen hat sie wieder ins Leben zurückgefunden, ist zum ersten Mal seit Jahren wieder arbeiten gegangen davor war sie ja immer zu Hause bei der Familie gewesen.

Alle haben ihr geraten, dass sie mit ihrem Sohn zusammen einen Termin beim Notar machen soll wegen des Erbes. Sie hatte zwar keine Ahnung, wie das alles funktioniert, aber dachte, die Hälfte gehört ja eh ihr, die andere dem Sohn, oder? Andere Verwandte gabs eigentlich nicht mehr, die Schwiegereltern waren längst verstorben.

Beim Notar dann die Überraschung: Im Büro saß noch eine fremde Frau, etwa Mitte fünfzig, nicht unbedingt sympathisch, schon ein bisschen verbittert vom Leben.

Der Notar hat ihr erklärt, dass es ein Testament gäbe. Ihr Mann hat das vor 27 Jahren gemacht und weil ers nie widerrufen hat, ist es eben gültig.

Total verrückt, oder?

Also, die Geschichte dahinter ist wirklich wie aus einem Film. Sie war damals Mitte zwanzig, er auch, beide gerade die Uni hinter sich, eben frisch verliebt. Er war ihr erster Freund, irgendwie hat er sich immer ein bisschen wie der große Beschützer gefühlt, hat sie oft seinen kleinen Schatz genannt, obwohl sie gleich alt waren. Sie hat immer darüber gelacht.

Eines Abends haben sie dann zusammen einen Film angeschaut da hatten die Hauptdarsteller ein Testament füreinander geschrieben, so ganz romantisch, nach dem Motto Was mir gehört, gehört dir, für immer!. Die Idee fanden sie urkomisch und haben aus Spaß auch so ein gemeinsames Testament gemacht. Sie meinte noch lachend, eigentlich müsste das doch notarisch abgesichert sein also, haben sies tatsächlich beim Notar eingetragen. Danach haben sie noch mit einem Glas Sekt angestoßen.

Aber das Leben ist dann eben dazwischengekommen. Der Vater von ihm ist schwer krank geworden die Familie ist für die Behandlung sogar nach Wien gezogen. Sie hat in der Zeit ein paar Mal jemanden gedatet und wurde schwanger. Der neue Mann hat ihr einen Heiratsantrag gemacht. Ihre Mutter meinte, Jetzt heirat ihn einfach, du brauchst jemanden, der zu dir hält. Von ihrem damaligen Freund kam gar nichts mehr zurück. Also hat sie den Neuen geheiratet. Wegen seines Jobs sind sie dann nach Hamburg gezogen. Sie hat eine Tochter bekommen, aber die Ehe hat nicht gehalten, am Ende wurde sie geschieden.

An das Testament hat sie natürlich schon lange nicht mehr gedacht und auch längst alles für ihre Tochter geregelt.

Und dann, letztes Jahr, kriegt sie plötzlich einen Einschreibebrief. Sie hat echt alles vergessen gehabt, aber beim Namen hats wieder Ping gemacht die ganze alte Geschichte ist zurückgekommen. Wahnsinn, wie verliebt sie mal war.

Er dagegen hatte das Testament komplett verdrängt, weil nach dem Tod seines Vaters auch seine Mutter schwer krank wurde. Als er gehört hat, dass seine frühere Freundin längst verheiratet, weggezogen und eine Familie hatte, hat er abgeschlossen. Mit seiner eigenen Frau lief es gut auch wenns nicht die große Liebe war, aber sie war zuverlässig. Sie habens sich gemeinsam schön gemacht, das war alles.

Und jetzt stand da in den Unterlagen: Ihr gehört nach wie vor die Hälfte seines Vermögens!

Sie hat sich gefragt, was das jetzt wohl heißt? Würde diese andere Frau die er mal so geliebt hatte echt jetzt einfach alles nehmen? Wohnung in München, das Haus am Chiemsee, der VW im Carport, das Geld in Euro, alles?

Ernsthaft, sie war wie vom Donner gerührt. Erst der Tod ihres Mannes und jetzt so ein Nachbeben. Nach all den gemeinsamen Jahren hat er also nie die alte Liebe ganz vergessen?

Die hat also wirklich alles bekommen, einfach weil das Papier von damals immer noch gültig war

Natürlich hat sie geklagt, aber gebracht hats nichts nur noch mehr Nervenstress.

Letztlich was blieb ihr übrig hat sie das Geld bekommen. Sie hat sich dafür eine kleine neue Wohnung gekauft und ist dann mit ihrer Tochter ans Meer gefahren.

Jeden Tag hat sie leise vor sich hingemurmelt: Danke.Danke für die verrückten Wege, die das Leben geht, auch wenn sie nicht die sind, die ich mir ausgesucht hätte.

Und irgendwann am dritten Morgen, während die Sonne rosa über dem Wasser aufging, lag ihre Tochter schlafend neben ihr auf der Liege. Da griff sie nach dem kleinen Bernstein-Anhänger, den sie immer noch trug, ihr Glücksbringer aus Münchner Tagen, und lächelte.

Sie hatte alles verloren, was ihr einst Sicherheit gab aber auch alles gewonnen, was einen Neuanfang möglich machte: Mut, eine Tochter und das Gefühl, dass das Leben sie vielleicht auf Umwegen immer wieder nach Hause bringt.

In diesem Moment wusste sie: Manche Geschichten enden nicht, sie beginnen nur ganz unerwartet neu.

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Homy
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„Ab jetzt gehört die Hälfte deines Eigentums mir“, sagte die seltsame Frau.
Mein Mann fuhr am Wochenende weg, um sich zu erholen. Er kam nie zurück. Erst Jahre später erfuhr ich, warum.