Mama, bist du dir im Klaren, was du da tust? Annemarie stand am Fenster, den Mantel noch an, die Stimme leise und fest, als hätte sie bereits ihr Urteil gefällt und wäre nicht gekommen, um zu reden, sondern um es zu verkünden. Papa liegt im Bett, kann nicht aufstehen, und du holst irgendeine fremde Frau ins Haus.
Hannelore saß am Küchentisch, vor sich eine Tasse Tee, den sie längst nicht mehr trinken wollte. Draußen nieselte es typisch für einen Hamburger November, winzige Tropfen liefen in krummen Bahnen über die Scheibe. Die Zeit wölbte sich um sie herum, dick und schwer wie grauer Samt.
Keine irgendeine Frau. Eine examinierte Pflegerin, erwiderte Hannelore ruhig. Frau Barbara Schulze, sechzig Jahre, fünfundzwanzig Jahre Erfahrung auf der Neurologie. Ich habe mich zwei Stunden mit ihr unterhalten.
Das macht es doch nicht besser, sagte Annemarie und wandte sich vom Fenster ab. Ihr Gesicht wirkte, als habe sie jemand enttäuscht. Papa gehört zur Familie. Ins Haus, zu uns.
Er ist doch zu Hause.
Mit dir!
Hannelore hob die Tasse, nippte an dem kalten Tee. Er schmeckte nach abgestandener Zeit.
Ich bin siebenundfünfzig Jahre alt, Annemarie. Mein Rücken schmerzt, mein Blutdruck tanzt, Tabletten sind meine ständigen Begleiter. Ich kann keinen Mann um die achtzig Kilo mehrmals täglich bewegen, waschen, wenden. Es geht einfach nicht mehr.
Andere schaffen das auch.
Wer, bitteschön, sind diese andere?
Annemarie öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Das Schweigen zitterte zwischen ihnen. Sie hatte nicht vor, von sich selbst zu sprechen.
Du bist seine Ehefrau, sagte sie schließlich.
Ich weiß, wer ich bin.
Dann musst du das tun.
Hannelore stellte die Tasse sehr bedacht zurück. Kein Ton.
Weißt du, wie oft ich das in meinem Leben schon gehört habe? Dass ich etwas muss? Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen. Ich musste aufhören zu arbeiten, als ihr klein wart. Musste nicht widersprechen, musste Dinge übersehen, musste schweigen. Habe ich ja auch. Dreißig Jahre lang.
Was hat das jetzt damit zu tun?
Es geht darum, dass ich erschöpft bin.
Annemarie starrte sie an, im Blick ein Durcheinander aus Ärger und Ratlosigkeit.
Mama. Papa hatte einen Schlaganfall, ist gelähmt. Jetzt damit anzufangen, alte Rechnungen aufzutischen
Es geht nicht um Rechnungen. Es geht darum, dass ich die Pflege nicht mehr leisten kann. Physisch und psychisch.
Hinter der Wand, im Schlafzimmer, klirrte leise etwas. Frau Schulze war dort. Erster Tag. Sie lief durch die Zimmer, machte sich Notizen, tastete sich an den neuen Ort heran. Heinrich schlief nach dem Mittagessen, oder gab sich zumindest so. Hannelore wusste nie, wann es wirklich Schlaf war und wann Flucht.
Hast du eine Vorstellung, wie das nach außen wirkt? sagte Annemarie leise. Für die Nachbarn, für Freunde
Wie Verrat, meinst du, erwiderte Hannelore schlicht. Ja. Aber das ist es nicht. Es ist eine Grenze. Eine, auf die ich ein Recht habe.
Annemarie nahm ihre Tasche mit abruptem Ruck vom Fensterbrett wie ein Punkt hinter einem Gespräch.
Ich rufe Matthias an.
Ruf ihn an.
Ihre Tochter ging hinaus, die Wohnung wurde sofort wieder weich und still. Hannelore saß noch lange am Tisch, goss schließlich missmutig den kalten Tee in die Spüle und füllte Wasser für den nächsten Versuch in den Wasserkocher.
Frau Schulze erschien im Türrahmen, stand einen Moment da.
Soll ich Kaffee machen? Oder lieber Tee?
Ich mach selber, danke. Wie gehts ihm?
Ruhig. Blutdruck stabil. Kein Anlass zur Sorge.
Frau Schulze verschwand, ihre Stille war angenehm konsequent. Keine unnötigen Fragen.
Draußen peitschte der Regen nun gegen die Scheiben.
Am nächsten Morgen meldete sich Matthias. Hannelore wollte gerade das Haus verlassen zum ersten Mal seit drei Wochen, seit dem Tag, an dem Heinrich in der Küche zusammengesackt war und sich am Stuhl festhielt, seitdem war sie nicht länger als für das Nötigste vor die Tür gegangen. Sie hatte sich gerade einen Mantel gesucht, den Schal gebunden, um einfach eine halbe Stunde an der Alster spazieren zu gehen. Einfach gehen.
Das Telefon klingelte gerade, als sie ihre Schlüssel schnappte.
Mama. Die übliche Vorsicht in seiner Stimme, als wäre sie von Porzellan. Annemarie hat mir alles erzählt. Ich wollte es von dir hören.
Matthias, frag ruhig.
Stimmt es, dass du eine Pflegerin angestellt hast?
Sie war gestern schon da, ja. Frau Schulze.
Pause.
Mama, ich versteh ja, dass es schwer für dich ist. Aber Papa ist unser Vater.
Und mein Mann. Aber das macht mich nicht zu seiner Pflegerin für die nächsten zehn Jahre.
Hörst du dich eigentlich selbst reden?
Sehr deutlich. Matthias, ich sage dir dasselbe wie Annemarie: Ich bin siebenundfünfzig, habe gesundheitliche Probleme. Ich kann und will meine letzten Jahre nicht in Pflege aufreiben. Frau Schulze ist Profi. Papa ist gut aufgehoben.
Das ist trotzdem eine Fremde.
Ja. Aber ich bin keine Krankenschwester. Ich bin seine Ehefrau. Die mit ihm dreißig Jahre das Leben geteilt hat. Die Kinder großgezogen, gearbeitet, den Haushalt gemacht hat. Und die jetzt sagt: genug. Nicht aus Lieblosigkeit, sondern weil ich mich nicht länger selbst opfern will.
Matthias schwieg lange.
Du hast dich verändert, sagte er schließlich.
Nein, sagte Hannelore ruhig. Ich verschweige es nur nicht mehr.
Sie legte auf, trat hinaus in die feuchte, kalte Hamburger Luft, die nach nassen Blättern roch. Sie machte sich auf zur Alster, starrte auf die fast schwarze Wasseroberfläche. Ein einzelner Schwan trieb abseits der Gruppe. Sie dachte an nichts und an alles. Es war angenehm.
Heinrich lag in ihrem Schlafzimmer nun schon die vierte Woche. Rechte Seite schwach, kaum Bewegung im Arm, das Bein etwas besser. Sprache verwaschen, aber in seinen Augen war alles zu lesen. Diese Augen, die sie seit dreißig Jahren kannte. Nun lag etwas Fremdes darin, dass sie nicht benennen wollte.
Der Arzt hatte es deutlich gesagt: Mit richtiger Pflege und Therapie kann sich manches bessern, ohne verschlechtert sich alles. Jeder Tag zählt. Umlagern, Füttern, Medikamente, Gymnastik alles musste planvoll und minutiös laufen.
Deshalb suchte sie eine erfahrene Kraft.
Frau Schulze kam über eine Hamburger Agentur. Gleich nach der Entlassung rief Hannelore dort an noch bevor Annemarie und Matthias Widerspruch anmelden konnten. Das Gespräch mit der Vermittlerin war nüchtern, sachlich. Erleichternd niemand schob ihr eine moralische Mitschuld zu.
Sie suchen neurologische Fachpflege, korrekt?
Ja. Schlaganfallpatient, rechtsseitig gelähmt, Sprache beeinträchtigt. Sechzig, bis dahin gesund.
Wir haben mehrere Damen, ich organisiere ein Treffen.
Am nächsten Tag erschien Frau Schulze. Kräftige Gestalt, kurze graue Haare, stabile Hände. Fragte direkt nach Medikamenten, Druckgeschwüren, Schlaf und Verdauung. Und, merkte Hannelore fast überrascht, sie erwartete keine Entschuldigungen.
Wann kann ich beginnen? fragte Frau Schulze.
Morgen.
Annemarie rief sie erst abends an, das war ein Fehler lieber hätte sie es vorbereitet. Aber sie wollte nicht mehr erklären. Sie war müde davon.
Annemarie fuhr quer durch die Stadt, um ihr dann im Mantel das Urteil zu verkünden.
Doch fünfzehn Jahre früher war Schweigen noch ihre Kunst. Damals hatte Hannelore gelernt, unangenehme Dinge durchzuhalten wie eine Atemübung unter Wasser. Sie schwieg, wenn Heinrich abends nicht kam. Schwieg bei Geldsorgen, schwieg, wenn er den nächsten Arztbesuch aufschob.
Sein Blutdruck begann etwa mit fünfzig zu spinnen. Hundertvierzig zu neunzig, Kleinkram. Die Hausärztin mahnte: Lebensstil ändern. Nahrung, weniger Salz, weniger Stress. Heinrich hörte zu, nahm es nicht ernst.
Heinrich, sagte Hannelore. So geht das nicht ewig.
Hanni, mach dir keine Sorgen. Sieh Fritz an, der lebt mit 160/105.
Fritz hatte bereits einen Infarkt.
Und? Lebt trotzdem.
Endlose Runden, immer dasselbe Spiel aus Gespräch und Verdrängung.
Vor zwölf Jahren, an einem heißen Sommertag, hatte er stechende Kopfschmerzen, legte sich hin. Hannelore bekam Angst, rief die 112. Notarzt maß: 180/110. Krankenhaus, fünf Tage, Tabletten für drei Monate, ab dann wieder alles wie gehabt.
Heinrich
Nicht schon wieder, Hanni.
So war es eben.
Sie machte Arzttermine, schleppte ihn hin, hielt ihm die Tabletten unter die Nase, stellte Erinnerungen im Handy. Er nahm sie ein, eine Woche dann vergaß ers. Sie erinnerte ihn. Er war genervt. Sie schwieg.
Einmal hatte sie ihn vor acht Jahren gewarnt, klipp und klar:
Wenn du so weitermachst, wirst du einen Schlaganfall kriegen. Und dann, Heinrich, kann ich dich nicht mehr pflegen. Das schafft mein Rücken nicht.
Er schaute seltsam.
Meinst du das ernst?
Absolut.
Sagst du mir jetzt schon, dass du mich sitzenlässt?
Ich will, dass du über die Folgen deiner Entscheidungen nachdenkst.
Er ließ sie stehen. Zwei Tage sprachen sie kein Wort bis alles wieder hinter die Alltagssuppe fiel.
Doch die Worte blieben wie Kreide auf einer Tafel stehen.
Dann kam der Schlaganfall. Ein Mittwoch im Oktober, elf Uhr. Er kochte sich Kaffee, sie las im Wohnzimmer. Dann das dumpfe Geräusch, als ob ein Stuhl stürzte, ein ersticktes Stöhnen.
Als sie kam, saß er auf dem Küchenboden, den Rücken an die Schranktür gepresst, das Gesicht verzogen, rechter Mundwinkel, rechtes Auge. Linke Hand klammerte sich an die Kante, die rechte schlaff am Bein.
Heinrich!
Er sah sie, versuchte zu sprechen.
Notarzt, murmelte er. Oder so etwas Ähnliches.
Sie telefonierte, ließ sich auf den Boden neben ihn sinken, hielt seine linke Hand die, die noch reagieren konnte. Sagte irgendwas später wusste sie nicht mehr, was. Wahrscheinlich das Übliche: Alles wird gut.
Der Rettungswagen kam rasch. Acht Minuten sie hatte es registriert, so sehr brannte sich jener Tag ins Gedächtnis.
Im Krankenhaus verbrachte sie den Tag. Sie rief die Kinder an: Matthias stand bald an, Annemarie kam nachmittags und brachte Enkelin Lena direkt aus der Schule. Stundenlang saßen sie auf dem Flur vor der Intensivstation sprachen Banalitäten, weil das Eigentliche zu riesig war.
Am Abend kam der Arzt.
Schwerer ischämischer Schlaganfall, rechte Seite betroffen. Prognose unklar abwarten.
Annemarie weinte leise, Matthias hielt ihre Hand. Hannelore saß wie aus Stein. Das war genau das, wovor sie so oft gewarnt hatte sie wusste, dass der Gedanke grausam war, aber er war da.
Drei Wochen im Krankenhaus. Jeden Tag war Hannelore da, brachte Orangen, las aus der Zeitung vor, weil Heinrich kaum noch sprechen konnte und sich darüber ärgerte. Schweigen lernte sie, ein anderes Schweigen. Eines, das Trost war.
Die Neurologin erklärte es klar und sachlich: erst Bettruhe, dann Aktivierung, tägliche Übungen, Sprachtherapie, Blutdrucküberwachung, Ernährung, fester Rhythmus. Wer die Pflege übernehme?
Ich besorge eine Pflegekraft, sagte Hannelore.
Keine Überraschung im Blick der Ärztin. Vielleicht hatte sie so etwas zu oft gesehen. Vielleicht war es ihr auch egal. Hannelore war dankbar dafür.
Die ersten zwei Tage zu Hause schaffte sie es allein, doch dann nahm sie Kontakt zur Agentur auf.
Frau Schulze erwies sich als exakt die Ruhe, die sie in der Anonymität der Pflege suchte. Keine Fragen, keine Wertungen, pragmatisch. Heinrich mochte die neue Ordnung im Schlafzimmer anfangs nicht fremde Hände, fremde Stimme. Nach ein paar Tagen akzeptierte er es. Oder ergab sich.
Mit Hannelore wechselte er nur noch wenige Worte. Sie blieb Stunden bei ihm, fragte, wie es ihm gehe. Es geht, Passt, Ja. Manchmal sah er sie gar nicht an, manchmal schloss er die Augen, ein Zeichen von Müdigkeit als letztes Bollwerk.
Eine Woche nach der Entlassung, als Frau Schulze Mittagspause machte, sprach Heinrich plötzlich:
Du hattest recht.
Sie blieb an der Tür stehen.
Inwiefern?
Mit dem Blutdruck. Mit den Ärzten. Alles.
Sie setzte sich aufs Bett.
Das zählt jetzt nicht mehr, Heinrich.
Mir schon, sagte er mühsam. Du hast es gesagt. Ich habs nicht hören wollen.
Sie sah auf seine schlaffe, blasse Rechte.
Ich höre dich.
Bist du wütend?
Nein.
Die Wahrheit. Die glühende Wut war schon damals verschwunden, in den ersten Tagen. Was blieb, war etwas anderes, vielleicht Erschöpfung, vielleicht eine Art von Klarheit.
Ich pflege dich nicht selbst. Nicht aus Wut, sie hielt kurz inne, sondern weil ich es nicht mehr kann.
Er entgegnete nichts. Vielleicht gab es keine Worte, vielleicht hatte er es endlich verstanden.
Annemarie rief drei Tage nach diesem ersten Besuch an. Die Stimme nun kühl und sachlich irgendwie schmerzlicher als Wut.
Mama, wir haben beschlossen, dass Papa ins Reha-Zentrum sollte. Waldesruh, du kennst es bestimmt?
Schon davon gehört.
Dort gibt es gute Ärzte, Sprachtherapie, Physio. Wir übernehmen die Kosten.
Ihr wollt ihn dorthin bringen?
Dort hat er es besser.
Er will das nicht.
Hast du ihn überhaupt gefragt?
Nein. Aber ich kenne ihn dreißig Jahre. Er will nicht ins Heim.
Es ist kein Heim! Es ist eine Einrichtung mit allem, was er braucht.
Ob Heim oder Zentrum, für ihn ist das das Gleiche.
Kurze Stille.
Mama, Frau Schulze macht keine Therapie, sie pflegt nur. Er braucht aber Rehabilitation.
Ich weiß. Ich habe eine Logopädin organisiert, dreimal die Woche, und einen Physiotherapeuten für einmal wöchentlich.
Das reicht doch nicht.
Mehr geht zuhause nicht.
Oder man bringt ihn an einen Ort, wo ein Team rund um die Uhr da ist.
Schweigen.
Das ist sein Zuhause. Dreißig Jahre.
Du engagierst eine Fremde, willst keine fachgerechte Klinik, du
Was ich will? Hannelore atmete tief durch. Einen professionellen Pfleger daheim. Und dass ihr mich mit euren Vorwürfen in Ruhe lasst.
Annemarie legte wortlos auf.
Eine Woche später standen beide Kinder in der Tür. Sie sahen entschlossen aus, als kämen sie nicht zum Reden, sondern zum Verkünden.
Mama, wir haben es mit Papa besprochen, begann Matthias.
Wann?
Annemarie war gestern hier, als du einkaufen warst.
Hannelore spürte keine Wut mehr, sondern diese andere Müdigkeit.
Was hat er gesagt?
Er will ins Waldesruh.
Selber gesagt?
Ja, Mama, Annemarie scheute den Blick nicht. Wörtlich. Er weiß, dass
Dass was?
Dass er sich nicht wohl fühlt. Mit einer Fremden im Haus. Wenn wenn du
Wenn ich was, Annemarie?
Wenn du dich nicht mehr kümmern willst, sagte sie leise.
Hannelore nickte.
Gut. Wenn er das möchte, habe ich keine Einwände.
Sie hatten mit Protest gerechnet, statt dessen nur stille Zustimmung. Innerhalb einer Woche war der Umzug organisiert. Waldesruh lag zwanzig Minuten außerhalb Hamburgs, hinter hohen Bäumen. Sie half beim Packen, Heinrich schwieg. Während der Fahrt schaute er aus dem Fenster.
Am Parkplatz, als die Tür schon halb zu war:
Kommst du mich besuchen?
Ja, sagte sie.
Es war die Wahrheit.
Zu Hause herrschte Leere. Frau Schulze hatte ihren Dienst beendet. Im Schlafzimmer war das Bett gemacht, auf dem Nachttisch das letzte Glas Wasser, das sie am Morgen hinstellte. Sie räumte es fort. Sie stand.
Dann suchte sie die Kaffeemühle. Echter Kaffee im Kännchen Heinrich hasste Kaffeegeruch, sie war auf Instant umgestiegen jahrelang. Jetzt musste sie nicht mehr.
Der Gedanke war seltsam. Nicht Erleichterung, nicht Trauer. Nur: ein Umstand.
Annemarie rührte sich zwei Wochen nicht. Dann ein kurzes Telefonat: Papa hat sich eingelebt. Kein Wie geht es dir? Hannelore nahm es hin was hätte sie auch erwartet?
Matthias meldete sich nach einem Monat, zehn Minuten Smalltalk: das Wetter, die Arbeit, seine Tochter Lisa kommt nun in die Schule. Über Heinrich: Es geht ihm ganz gut, macht Therapie, spricht besser.
Hannelore besuchte Heinrich. Erst jede Woche, dann seltener. Das Waldesruh war freundlich, mit Blumen auf dem Korridor und freundlichem Pflegepersonal. Heinrich bekam ein Zweibettzimmer, sein Mitbewohner ein stiller Mann nach Rücken-OP. Sie schwiegen nebeneinander. Das passte ihnen beiden.
Hannelore und Heinrichs Gespräche waren knapp und sachlich. Sie erzählte von der Nachbarschaft, vom neuen Buch. Er hörte zu, manchmal nickte er, manchmal ein halbes Lächeln.
Einmal, im Winter, fragte er:
Bereust du es?
Was?
Das alles hier.
Hannelore überlegte.
Ich bereue, dass du krank wurdest. Auch, dass die Kinder sich von mir abwenden. Aber meine Entscheidung bereue ich nicht.
Er sah in den Schnee, der sich vor das Fenster türmte.
Du warst immer stur, sagte er, aber es war kein Vorwurf.
Für dich war das immer negativ, sagte sie. Aber eigentlich ist es nur eine Eigenschaft.
Er lachte verzogen, der rechte Mundwinkel hing. Es war trotzdem ein Lächeln.
Die Kinder tauchten kaum auf. Annemarie meldete sich gar nicht mehr, Matthias selten und dann nur, wenn irgendetwas praktisch zu regeln war. Lisa, Annemaries Tochter, sah Hannelore nur sehr selten. Matthias Tochter Lisa gar nicht mehr.
Das schmerzte. Nicht wie ein Unfall, sondern schleichend, wie ein alter Dorn unter der Haut.
Dennoch zweifelte Hannelore kein einziges Mal ernsthaft am Kurs. Sie dachte mehr über die Sprache nach, die ihr Leben dominiert hatte: das Müssen, das Sollen, die Jahre und Jahrzehnte. Nun hatte sie ein Nein gefunden kein Verrat, sondern ein erster Atemzug nach langem Tauchen.
Mit siebenundfünfzig. Der Rücken noch schmerzhaft, der Blutdruck ein ständiger Gast, aber sie lebte ihr eigenes Leben, nicht einen Ausschnitt eines anderen.
Im Frühling schrieb sie sich für Aquarellkurse an der Volkshochschule ein. Nicht, weil Malen ein alter Traum gewesen wäre. Nein, einfach weil das Plakat im Park hing. Die Gruppe klein, sieben Frauen, alle über fünfzig. Die Kursleiterin ruhig, ermutigte zum Probieren: Trauen Sie sich, machen Sie Fehler.
Hannelore probierte, machte Fehler. Sie mochte es.
Nach dem ersten Kurs lief sie zu Fuß heim und dachte: Es ist verrückt, mit siebenundfünfzig etwas nur deshalb zu tun, weil man möchte.
Den Sommer verbrachte sie in Hamburg. Hitze, Ventilator, Wochenmarkt, Bücher auf dem Balkon. Sie rief Gisela an, eine alte Freundin aus Barmbek, die alles kannte: Heinrich, die Kinder, die Pflegekraft.
Und, wie ist das Leben jetzt? fragte Gisela.
Ich male. Blumen. Schlecht, aber es tut gut.
Du meinst das ernst?
Ja.
Gisela lachte. Weißt du noch, du bist nie in den Harz gefahren, weil du dich nie losreißen wolltest. Die Kinder waren doch schon erwachsen.
Matthias war 22, Annemarie 19.
Und du bist geblieben.
Hannelore lachte leise. Ich denke tatsächlich manchmal an das Haus im Harz
Fahr jetzt, wohin du willst.
Der Gedanke ließ sie nicht mehr ganz los. Sie fuhr nie allein, immer war jemand dabei bis auf einen Kurzurlaub mit Heinrich, Jahre her, Ostsee, einmal Mallorca.
Im September kaufte sie ein Bahnticket nach München. Fünf Tage. Allein.
Heinrich war seit neun Monaten im Waldesruh. Er sprach besser, lief mit dem Gehstock. Die Schwester bestätigte die Fortschritte.
Vor der Fahrt besuchte sie ihn.
Ich fahr nach München. Fünf Tage.
Allein?
Zum ersten Mal.
Er überlegte.
Geh ins Deutsche Museum. Das mochtest du doch früher.
Ich werde.
Und such dir ein schönes Café.
Mach ich.
Er schaute sie lange an.
Hanni
Ja?
Nichts. Fahr einfach.
Sie verstand. Oder glaubte zu verstehen. Sie fuhr los.
München war herbstlich und kühl, aber die Luft schmeckte nach Bier und Kastanien. Sie wohnte am Sendlinger Tor, frühstückte Croissant und Kaffee in einer kleinen Bäckerei. Schloss Nymphenburg, ein ganzer Tag. Sie stand stundenlang vor Bildern.
Am vierten Tag rief sie Gisela an.
Warum habe ich das früher nie gemacht? Allein ins Hotel, allein frühstücken, einfach laufen.
Wahrscheinlich, weil du es nicht durftest.
Nein, ich habe es mir selbst nicht erlaubt, sagte Hannelore.
Sie kehrte zurück, das Gefühl kein Glück, sondern Einfachheit das Leben ging weiter, mit Möglichkeiten jenseits von Schuld und Pflicht.
Im Oktober rief Matthias an. Nicht als Pflichtanruf.
Mama, Papa gehts schlechter. Lungenentzündung. Im Krankenhaus.
Hannelore legte das Buch aus der Hand.
Ernst?
Ja, schon. Die nächsten Tage werden entscheidend. Ich dachte, du solltest es wissen.
Danke, ich komme.
Muss nicht
Doch.
Im Krankenhaus die übliche Mischung aus Eile und Anonymität. Heinrich im Vierbettzimmer, schwach.
Du bist gekommen, flüsterte er.
Natürlich.
Sie blieb eine Stunde. Hielt seine Hand. Er döste, blickte manchmal auf.
Kalt hier, sagte er einmal.
Hannelore bat die Schwester um eine Decke.
Als sie ging, fragte er:
Wirst du wieder reisen?
Vielleicht im Frühling.
Dann tus, sagte er müde. Tu, was du willst.
Ja, sagte sie.
Drei Wochen später kam Heinrich zurück in Waldesruh. Sie besuchte ihn fortan wöchentlich. Er bewegte sich weniger, die Rekonvaleszenz stagnierte. Die Schwester sprach von neuen Grenzen.
Sie saßen zusammen, sagten wenig. Kein peinliches Schweigen, sondern irgendwie friedlich.
Bist du glücklich? fragte er eines Nachmittags.
Ich bin nicht unglücklich. Das ist schon was.
Er schmunzelte schief, sein Lächeln war geblieben.
Spricht Annemarie mit dir?
Nein.
Matthias?
Wir reden, ja. Aber irgendwie auf Abstand.
Wegen mir?
Wegen allem.
Tut dir leid, dass sie enttäuscht sind?
Ja. Aber ich änder meine Entscheidung nicht.
Er nickte. Du bist stark.
Das sagst du immer, wenn du stur meinst.
Diesmal mein ich es so.
Danke.
Der zweite Schlaganfall kam zweieinhalb Jahre nach dem ersten, nachts im Waldesruh. Am Morgen rief Matthias an, leise Stimme.
Mama. Papa ist heute Nacht gestorben.
Sie saß in der Küche, das Handy am Ohr.
Ich hör dich.
Wir fahren gleich ins Heim. Willst du
Ich komme.
Die Beerdigung war still. Matthias, Annemarie, zwei Kollegen. Nachbarn, entfernte Verwandte. Am Sarg dachte Hannelore: So ging ein Stück von 32 Jahren zu Ende. Nicht abgebrochen, sondern ausgeblendet, wie das Ende eines Romans.
Annemarie hielt Abstand, das Gesicht wie hinterm Vorhang.
Erst am Grab sprach Matthias.
Mama. Wie gehts?
Es geht.
Ich war lange wütend, sagte er. Nicht wirklich auf Papa, sondern weil du mir so fremd erschienen bist. Ich hab nicht mehr verstanden, wer du bist.
Jetzt?
Noch nicht richtig. Aber ich glaube, ich war wütend, weil du etwas getan hast, womit ich nicht gerechnet hatte. Dass du als Mutter so handeln kannst.
Hannelore schenkte Tee ein.
Du hättest anderes erwartet?
Vielleicht mehr Leid. Oder dass du beim Alten bleibst. Aber du bist nach München gefahren.
Ich habe gelitten. Nur eben auf meine Weise.
Annemarie wird sich nicht ändern. Du weißt das?
Ja.
Tut das weh?
Ja, manchmal. Lisa wächst auf, ich sehe sie kaum.
Sie könnte dich anrufen.
Könnte sie. Aber sie will nicht, weil sie dann zugeben müsste, dass ihre Mutter vielleicht Unrecht hatte.
Hattest du Recht?
Entscheide du. Ich habe getan, was ich konnte.
Er nickte. Sie tranken still zusammen.
Wie gehts Karin? fragte sie nach seiner Frau.
Gut. Sie will ans Meer dieses Jahr.
Fahrt. Niemand weiß, wie viel Zeit einem bleibt.
Er lächelte.
Meinst du wegen Papa?
Ich meine uns alle.
Sie umarmten sich beim Abschied ein wenig steif, aber ehrlich.
Ich rufe öfter an, versprach er.
Das freut mich.
Das Leben kehrte zurück. Aquarell ließ sie sein, ein Spanischkurs beanspruchte nun Zeit neue Fehler, neue Unsicherheiten, aber das Gefühl, anzufangen.
Den Frühling verbrachte sie in Portugal. Lissabon, zehn Tage, allein. Die Hügel, der Kaffee, ein Gefühl von Weite. Matthias berichtete von Lisa, ihrer Begeisterung fürs Schwimmen. Sie erzählte von Pastéis de Nata und dem Meer.
Über Annemarie sprachen sie nie. Es war eine geschlossene Tür.
Im Juni meldete sich eine unbekannte Nummer.
Hallo?
Kurzes Schweigen.
Hier ist Lisa.
Hannelore blieb stehen.
Ja?
Ich habe deine Nummer bei Papa gefunden. Er weiß nicht, dass ich anrufe.
Wie gehts dir?
Gut. Ich wollte wissen, wie es dir geht.
Mir gehts gut. Ich war gerade in Portugal.
Wo?
In Europa, am Atlantik. Es war wunderschön.
Pause.
Oma, sagte Lisa, Mama sagt, du hast etwas Falsches gemacht. Ich überlege schon lange. Ich weiß nicht, ob es wirklich falsch war. Ich bin noch klein.
Du bist schon ziemlich groß, weil du nachdenkst.
Bist du böse auf Mama?
Nein.
Ganz und gar nicht?
Überhaupt nicht.
Warum?
Hannelore blickte hinaus in den grünen Hof, eine Nachbarin mit einem Hund ging vorbei.
Weil sie das tut, was sie für richtig hält. So wie ich damals. Jeder auf seine Weise.
Und wer hat Recht?
Das weiß ich nicht, Lisa. Das ist Ansichtssache.
Pause.
Ich würde dich gerne sehen.
Ich dich auch.
Aber Mama lässt das nicht zu.
Ich weiß.
Was dann?
Dann wirst du älter und kannst selbst entscheiden. Irgendwann.
Das dauert.
Ja.
Lange Pause.
Ich muss gehen, Mama kommt.
Geh ruhig. Lisa.
Ja?
Danke, dass du angerufen hast.
Wieder Stille.
Tschüss, Oma.
Tschüss.
Ein halbes Jahr später. Portugal war Erinnerung, Sonne auf den steilen Straßen Lissabons. Matthias meldete sich regelmäßig, sie erzählte von Reisen, er vom Alltag. Lisa, manchmal, am Telefon, vorsichtig, aber da. Über Annemarie kein Wort.
In Hannelores Küche stand noch immer der kleine Tonkrug aus Portugal. Das Leben hatte seine Farbe geändert. Im Frühjahr plante sie bereits die nächste Reise, vielleicht warum nicht? mit Lisa. Wenn die Zeit reif war.
Das war alles, was in ihrer Macht lag. Und das war genug.





