Mama, wo warst du? Ich habe dich überall gesucht! Ich war im Urlaub – vielleicht habe ich ja meine eigenen Sorgen und Angelegenheiten. Und das ist Philipp. Wir werden zusammenleben.

Anna, soll ich dich am Sonntag erwarten?, fragte ich meine Tochter vorsichtig. Natürlich, Mama, antwortete sie mir, ihre Stimme klang freundlich und voller Zuversicht.

Ich bereitete alles für die Kinder vor, voller Vorfreude auf ihr Kommen. Die Wohnung war auf Hochglanz gebracht, jeder Teller stand an seinem Platz, frische Blumen zierten den Esstisch. Ich hatte einen Apfelstrudel gebacken und deftige Braten vorbereitet ich wollte sie verwöhnen. Das Einzige, was mir noch blieb, war, auf meine Liebsten zu warten.

Doch als die Uhr die verabredete Zeit schlug, blieb es still im Flur. Kein Kinderlachen, keine Schuhe auf den Fliesen. Die Unruhe kroch in mir hoch vielleicht war ihnen etwas passiert? Eigentlich wollte ich ihnen eine stattliche Summe Euro überreichen, ich wusste, wie sehr sie sich ein neues Auto wünschten. Schließlich griff ich zum Telefon und wählte Annas Nummer.

Verschlafen hob sie ab, ihre Stimme leise, fast schuldig:
Mama, tut mir leid, ich habe ganz vergessen, dass wir heute zu dir kommen wollten.
Du meinst, ich hab hier zwei Tage alles vorbereitet völlig umsonst? Und das ausgerechnet an meinem Geburtstag?
Ach Mama, wir kommen morgen ganz bestimmt. Es war einfach so viel los Vergib mir.
Schon gut, murmelte ich, bevor ich auflegte.

Ein dumpfer Schmerz drückte mir das Herz ab. All die Mühe, die Leere im Haus, meine Enttäuschung ich hielt es nicht aus. Ich räumte alles Essen fort, warf weg, was ich gekocht hatte, packte kurzerhand meinen Koffer, nahm das Geld für die Kinder an mich und fuhr spontan nach Baden-Baden. Ich gönnte mir eine Auszeit, lief durch die Parkanlagen und atmete die Luft der Freiheit.

Eines Abends im Park saß ich auf einer Bank, als ein distinguiert wirkender Herr sich neben mich setzte. Hans-Philipp, pensionierter Richter. Seine Geschichten waren charmant, seine Lebensweisheiten flossen in jedes Gespräch und irgendwann vertraute ich ihm meine Sorgen und Sehnsüchte an. Wir kamen uns näher, als hätte das Schicksal uns genau in diesem Moment zusammengeführt.

Bald gestand er mir seine Gefühle, bat mich, mit ihm zusammenzuziehen.
Ich habe eine schöne Wohnung am Englischen Garten, dazu eine ordentliche Pension. Wir könnten ins Theater gehen, Spaziergänge machen, das Leben genießen.
Ich war hin- und hergerissen. Ich dachte an meine Kinder, an meine Enkelkinder
Die haben ihr eigenes Leben, erwiderte Hans-Philipp sanft. Aber du verdienst auch Glück. Sie werden dich besuchen, ganz sicher.

Seine Worte gaben mir Mut. Ich stimmte zu.

Nach einer Woche fuhr ich wieder nach München zurück. Im Hausflur entdeckte ich einen Aushang: Man suchte eine vermisste Frau mich.
Du bist gemeint, nicht wahr?, fragte Hans-Philipp.
Das ist bestimmt Anna, antwortete ich.

Da tauchte meine Tochter auf der Treppe auf, Tränen in den Augen.
Mama, wo warst du? Wir haben dich überall gesucht!
Ich war im Urlaub, Anna. Auch ich darf einmal abschalten, oder? Und das hier ist Hans-Philipp. Wir werden zusammenleben.
Ich verstehe gar nichts mehr
Mach dir keine Sorgen, mir geht es gut. Willst du nicht, dass ich glücklich bin?
Doch, natürlich

Ich lächelte, nahm sie in den Arm.
Komm, ich hab dir Mitbringsel aus Baden-Baden besorgt. Hättest du dich getraut, so einen Neuanfang zu wagen?Anna sah mich lange an, dann lächelte sie zaghaft und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Vielleicht sollte ich mir ein Beispiel an dir nehmen, Mama.
Hans-Philipp lachte herzlich. Das Leben fängt immer wieder neu an, junge Dame.
Anna nickte nachdenklich. Wahrscheinlich wollte ich dich zu sehr festhalten. Aber jetzt freue ich mich einfach für dich.

Wir standen zu dritt im Flur, das Licht warm und golden und zum ersten Mal seit langem fühlte ich mich nicht einfach gebraucht, sondern wirklich gesehen. Ich streichelte Annas Wange und wusste, dass sie, die Enkelkinder und ich einander nie verlieren würden, ganz gleich, wie unser Leben sich veränderte.

Dann sagte ich augenzwinkernd: Kommt, wir trinken zusammen Tee. Ich habe Pfefferminz aus der Kurstadt und Hans-Philipp erzählt die besten Geschichten.
Anna grinste. Und morgen bringe ich endlich euren Apfelstrudel mit. Versprochen.

So begann ein neues Kapitel voller Wärme, eigener Wege und einer Ahnung von Glück, die leise, aber beharrlich mit jedem Lachen im Haus wuchs.

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Homy
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