Ich kann ihr einfach nicht vergeben

Ich weiß nicht, ob ich ihr jemals verzeihen kann.

Ich stehe in unserer kleinen Küche, die Tasse mit Kamillentee in der Hand, und starre durch das regennasse Fenster hinaus auf den grauen Innenhof. Tropfen rollen langsam an der Scheibe herab, verschmelzen zu schlieren, die der Wind immer wieder tänzeln lässt. Manche prallen mit leichtem Klirren gegen das Glas, als wollten sie mich wachrütteln. Mir ist gar nicht kalt, trotzdem umklammere ich den Becher so fest, als könnte ich mich daran festhalten.

Aus dem Wohnzimmer klingt fröhliches, ausgelassenes Lachen meine Söhne, fünf und drei Jahre alt, bauen begeistert mit ihren Bauklötzen. Ihre Stimmen überschlagen sich, sie streiten spielerisch, wer den höchsten Turm schafft, jubeln, wenn alles einstürzt, und lachen so herzlich, dass es mein Herz wärmt. Ab und zu hört man auch Marko, meinen Mann. Er erklärt etwas, gibt Tipps, wie die Türme stabiler werden, und lobt die Jungs, sodass sie sich immer wieder an ihn schmiegen.

Leise öffnet sich plötzlich die Küchentür. Marko steht im Türrahmen, das Handtuch lässig über die Schulter gehängt, nachdem er sich eben die Hände gewaschen hat. In seinen braunen Augen blitzt Zuneigung auf, doch als er mich ansieht, wird sein Blick gleichzeitig besorgt.

Anja? Was ist los? Du bist heute so still. Er tritt näher.

Ich zwinge mich zu einem Lächeln, das sich seltsam fremd anfühlt, als hätte ich es einfach aufgesetzt.

Alles in Ordnung, sagt meine Stimme, während ich mich ans Fenster lehne. Ich tue so, als wäre nichts.

Er drängt nicht, sondern kommt nur näher, legt seinen Arm um meine Schultern. Diese Umarmung ist mir sonst immer eine sichere Insel, aber heute löst sie das Zittern in meiner Brust nicht auf.

Denkst du wieder an deine Mutter? fragt er leise, voller Mitgefühl.

Ein tiefer Atemzug, dann stelle ich die Tasse neben mir ab. Das dumpfe Klirren klingt wie ein Schlussstrich.

Ich kann einfach nicht aufhören, an sie zu denken, flüstere ich. Heute hat sie Geburtstag.

Marko setzt sich neben mich auf die Küchenbank, nimmt meine Hand in seine. Seine Berührung warm, rau von der Arbeit hält mich ein wenig aufrecht an diesem Tag, an dem alles so schwer ist wie der Himmel draußen.

Kannst du ihr immer noch nicht vergeben? haucht er schließlich.

Ich schweige lange. Mein Blick schweift durch das Fenster, hinaus in das nasse, fahle Licht. Schließlich bekenne ich:

Ich kann nicht. Ich wüsste nicht, ob ichs je kann.

Ich schließe die Augen und sehe wieder all diese Bilder wie offene Wunden, die einfach nicht verheilen.

Ich war vierzehn. Zuhause herrschte große Aufregung der Geburtstag meiner Mutter. Unsere Wohnung in Hamburg war voller Onkel, Tanten, Freunde der Familie. “Tante Bärbel” war auch da, Mammas laute Freundin, die mit ihrem roten Lippenstift, den glitzernden Ohrringen und ihrem polternden Lachen jeden Raum einnahm. Immer wieder brachte sie alle zum Lachen, auch wenn es anderen gelegentlich peinlich war.

Ich stand schüchtern an der Tür, hatte meinen neuen Rock an er zwickte. Ich zupfte nervös am Saum.

Anja, warum bist du bloß so pummelig? schallte Bärbels Stimme durch das Wohnzimmer.

Sie packte mich am Arm, zog mich zum Tisch, auf dem Käsekuchen, Kartoffelsalat und Frikadellen standen.

Schau mal, so viel Leckeres! Das schaffst du sicher im Alleingang! grinste sie.

Alle lachten. Manche lachten lauter, andere senkten verlegen den Blick. Tante Birgit sagte hastig: “Lass sie doch, Bärbel, Kinder wachsen eben,” doch ihre Worte gingen unter.

Mir wurde heiß. Ich schaute zu meiner Mutter am Tischende aber sie schwieg. Sie lächelte, griff nach ihrem Saftglas, als hätte sie nichts gehört.

Mit aller Kraft riss ich meinen Arm aus Bärbels Griff. Die Scham brannte auf meiner Haut, die Worte dröhnten in meinen Ohren: Pummelig… pummelig…

Tränen schossen mir in die Augen, und ich rannte hinaus aus dem Wohnzimmer, den Flur entlang in mein Zimmer. Die Tür knallte zu, ich warf mich aufs Bett, tief in die kühle Decke. Ich wollte fort sein, einfach verschwinden. Ich schluchzte so lange, bis meine Kehle schmerzte und ich vor Erschöpfung einschlief.

Am nächsten Morgen war ich früh wach. Die Hände zitterten noch von der Nacht. Im Bad, vor der alten Personenwaage, stand ich zögernd da. Ich stellte mich auf das eiskalte Ding, schloss die Augen… Die Anzeige machte alles schlimmer. Ich schwor mir: Nichts mehr. Kein Omas Apfelkuchen, kein Butterkeks, nicht mal ein Apfel. Nur Wasser und vielleicht eine Scheibe Schwarzbrot. Strenge Kontrolle.

Die Tage verschwammen. Anfangs nagte der Hunger überall, dann kam seltsame Gleichgültigkeit. Mir wurde manchmal schwarz vor Augen, aber ich blieb eisern. Das war der Preis für einen winzigen Rest Selbstachtung. Ich musste es ihnen beweisen, allen aber vor allem mir selbst. Dass ich es wert war, gesehen zu werden, nur, wenn ich stark war.

Wochen vergingen. Ich wurde dünn. Die Wangen fielen ein, die Augenringe wurden dunkler. Aber im Spiegel suchte ich Beweise für meinen Willen.

Dann kam wieder Tante Bärbel zu Besuch. Es war wie in einem schlechten Traum. Sie scherzte diesmal sagte sie:

Na Anja, hast du es mit der Fitness jetzt ernst gemeint? Oder wanderst du nachts doch immer noch heimlich zum Kühlschrank?

Ich starrte auf die Teller. Wut stieg in mir auf, kalt und kontrolliert. Ich sagte, zum ersten Mal:

Sag mal, hast du selber eigentlich keinen Mann? Vielleicht würde dir das ganz guttun…

Die Worte waren schroff, aber ehrlich. Völlige Stille. Tante Bärbel wurde rot im Gesicht. Die anderen erstarrten.

Meine Mutter sprang plötzlich auf, kam zu mir und schlug mir heftig ins Gesicht. Die Ohrfeige hallte durchs Zimmer.

Entschuldige dich sofort! schrie sie. Ihre Stimme war voller Panik, als müsste sie sofort wieder Ordnung schaffen.

Aber ich blieb stehen, ballte die Hände so fest zu Fäusten, dass die Nägel sich in die Handflächen bohrten.

Nein, sagte ich leise, aber felsenfest.

Dann ging alles ganz schnell: Sie griff nach meinem Handy, nach meinem alten iPad, warf beides auf die Fliesen. Dann riss sie die Flurtür auf, draußen lag schlafend meine alte Katze Minka, und ohne jedes Zögern bugsierte sie die Katze nach draußen.

Geh! Leb, wo du willst! schrie sie fast.

Ich spürte Leere keinen Schmerz, keine Angst, einfach nur Leere. Ich sammelte meine Sachen, schnappte mir Minka, wählte zitternd Papas Nummer.

Papa, hol mich bitte ab, hauchte ich.

Er stand zwanzig Minuten später vor der Tür, sagte nichts, packte meine restlichen Sachen, hob die schüchterne Minka hoch und streichelte sie. Dann fuhren wir gemeinsam in seine kleine Wohnung in Altona.

Bei Papa wurde alles langsam etwas heller. Er war nie ein Mann großer Worte, aber war da, hörte zu, nahm sich Zeit am Wochenende. Und Katrin, seine neue Frau, wurde meine Vertraute sie wollte meine Mutter nie ersetzen, sondern war einfach da. Sie bestand vorsichtig darauf, dass ich zum Hausarzt ging. Nicht zum Kontrollieren, sondern weil sie sich sorgte.

Katrin kümmerte sich, achtete darauf, dass ich wieder regelmäßiger und gesünder aß. Sie kochte nahrhafte Sachen, drängte mich aber nie. Wenn ich durchdrehte, hielt sie mich einfach im Arm.

Du bist schön, du bist stark, du packst das, sagte sie ruhig.

Diese Worte taten etwas. Mit jedem Tag kam ich mir selbst etwas näher nicht, weil ich schlank war, sondern weil ich merkte, dass ich auch ohne Perfektion wertvoll war.

Irgendwann, Jahre und viele steinige Etappen später, begegnete ich Marko. Er fragte nicht nach Details, bohrte nicht in der Vergangenheit, sondern war einfach für mich da. Er hat mich mit allen Ecken und Kanten akzeptiert.

Manchmal, wenn wir abends beisammen sitzen, schaue ich ihn an und alles, was mich Jahre geplagt hat, wird leichter.

Du musst ihr nicht verzeihen, Anja, sagt Marko oft. Sie hat dir wehgetan, das darfst du anerkennen.

Er drängt nie, sondern lässt mich in meinen Gefühlen. Ich spüre nur: Meine Meinung zählt, meine Gefühle sind echt.

Ich weiß, sage ich dann. Aber vielleicht… Vielleicht sollte ich es zumindest versuchen. Vielleicht will sie es auch ändern.

Es ist mühsam, das zuzugeben. Ich sage es mehr zu mir als zu ihm.

Wenn du sie triffst, bin ich da. Aber nur, wenn du willst, verspricht Marko.

Ich nicke, blicke hinaus der Regen hat aufgehört. Ein blasser Sonnenstrahl bricht durch die Wolken. Sogar ein kleiner Regenbogen steht über den Dächern. Es fühlt sich an wie ein leiser Neuanfang.

Vielleicht noch nicht heute, sage ich, aber irgendwann. Vielleicht.

Marko drängt nicht. Er hält mich einfach fest und ich weiß: Ich bin nicht allein.

Wichtig ist, dass du jetzt glücklich bist. Wir sind hier, du hast deine Familie. Das zählt.

Ich schließe die Augen, atme seinen vertrauten Duft ein eine Mischung aus Waschmittel und seinem Aftershave. In diesem Moment bin ich wirklich glücklich, weil ich angekommen bin. Und die Lacher der Kinder in unserem Wohnzimmer sind der schönste Beweis.

************************

Eine Woche später sitze ich in einem kleinen Café in Ottensen, an einem Fensterplatz. Draußen laufen die Leute mit ihren Schirmen vorbei, drinnen ist es warm. Musik plätschert leise aus den Lautsprechern, Geschirr klappert. Mir gegenüber sitzt sie meine Mutter. Sie ist älter geworden, die blonden Haare von grauen Strähnen durchzogen, Falten an den Augen. Ihr Blick wirkt müde, verunsichert.

Danke, dass du gekommen bist, sagt sie mit bebender Stimme. Die Hände drehen eine Serviette, bis sie ganz zerfleddert ist.

Was ich sagen wollte, habe ich vergessen. In mir tobt ein Wirbel aus alten Vorwürfen und Verletzungen. Doch alles bleibt im Hals stecken.

Sie atmet tief ein, wagt kaum, mich anzusehen.

Ich weiß, dass du mir nicht verzeihst. Ich erwarte das nicht. Aber ich muss sagen: Es tut mir leid. Ich war keine gute Mutter. Ich habe dich nicht beschützt, Bärbel durfte dich runtermachen. Und ich habe dich geschlagen. Das war falsch.

Ihre Stimme zittert, aber sie weicht meinem Blick nicht aus.

Mir schnürt es die Kehle zu. Tränen brennen, ich presse die Kaffee-Tasse zwischen den Händen. Nur ein Satz löst sich aus mir aber es ist der, der all die Jahre überfällig war:

Warum hast du nie eingegriffen? Warum hast du nie etwas gesagt? Warum war dir mein Wohl egal?

Mamas Finger halten inne. Es dauert, bis sie antwortet.

Ich hatte Angst. Angst, meine einzige Freundin zu verlieren. Angst, ganz allein zu sein. Ich dachte immer, es beruhigt sich schon. Aber ich habe mich geirrt.

Das ist eine Seite von ihr, die ich nie gesehen habe verletzbar, kleinlaut, ehrlich. So vieles in mir will losschreien, will alles hinausschleudern. Aussprechen, was mich schon so lange wütend macht. Aber es kommt nur ein stilles Nicken.

Ich werde darüber nachdenken, sage ich, und bin erschrocken, wie leise meine Stimme klingt.

Sie lächelt durch Tränen. Ihre Hand zuckt, als wolle sie nach mir greifen, bleibt dann aber zögernd auf dem Tisch.

Danke, dass du mir zuhörst, sagt sie.

Wir trinken schweigend aus. Draußen bricht ganz vorsichtig ein heller Streifen durch die Wolkendecke Sonnenlicht nach dem Regen. Meine Mutter verabschiedet sich, wirft mir einen letzten, schwermütigen Blick zu.

Ich bleibe zurück, sehe dem Licht nach. Ich weiß nicht, ob ich verzeihen kann. Aber zum ersten Mal fühlt es sich so an, als könnte ich zumindest darüber nachdenken ohne dass sofort alles in mir schmerzt.

********************

Am Abend bin ich wieder zuhause. Die Jungs stürmen auf mich zu, erzählen wild durcheinander von ihren Abenteuern: Thomas’ buntes Bild, Pauls neue Feuerwehr, die Marko ihm gekauft hat. Ihr Lachen füllt die Wohnung mit Wärme.

Marko kommt dazu, legt sanft den Arm um mich. Er fragt nichts, spürt, dass ich Zeit brauche.

Alles gut? fragt er einfach still.

Ich sehe in seine Augen, lächle und weiß: Ja, es ist gut. In mir ist Zuversicht, wo vorher nur Bitterkeit war.

Ich knie mich zu meinen Kindern, halte sie fest im Arm, rieche ihr Shampoo, ihr warmes Kinderhaar. Thomas zeigt mir stolz sein Bild, Paul hüpft wild umher.

Marko bleibt bei mir, seine Hand auf meiner Schulter.

Jetzt weiß ich: Die Vergangenheit bleibt. Sie verblasst nicht, verfliegt nicht einfach so. Aber mein Leben steuert sie nicht mehr. Jetzt gibt es mich, meine Familie, Lachen, Geborgenheit. Das ist das, was zählt.

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Homy
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Ich kann ihr einfach nicht vergeben
„Ich konnte ihn doch nicht im Stich lassen, Mama,“ flüsterte Nikita. „Verstehst du? Ich konnte einfach nicht. Nikita war vierzehn, und die ganze Welt schien gegen ihn zu sein. Oder besser gesagt: Die Welt wollte ihn nicht verstehen. „Schon wieder der Rabauke!“, murmelte Frau Klara aus dem dritten Hausaufgang und wechselte hastig die Straßenseite. „Allein erzogen von der Mutter – da sieht man, was dabei rauskommt!“ Doch Nikita ging mit den Händen in den Taschen seiner zerschlissenen Jeans vorbei und tat so, als würde er nichts hören. Aber natürlich hörte er. Seine Mutter arbeitete – mal wieder bis spät abends. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel: „Frikadellen im Kühlschrank, wärmen.“ Und Stille. Immer Stille. Auch heute kam er gerade von der Schule, wo die Lehrer wieder einmal ein „ernstes Gespräch“ zu seinem Verhalten führten. Als wüsste er nicht längst, dass er für alle ein Problem war. Er wusste es. Und was brachte das? „Hey Junge!“, rief ihn Herr Viktor, der Nachbar aus dem Erdgeschoss. „Hast du hier einen hinkenden Hund gesehen? Den sollte man mal verjagen.“ Nikita blieb stehen. Schaute genauer hin. Neben den Mülltonnen lag tatsächlich ein Hund. Kein Welpe, ein ausgewachsener, rot-weißer Mischling. Lag reglos da, nur die Augen folgten den Leuten. Kluge, traurige Augen. „Verjagt den doch endlich mal jemand!“, stimmte Frau Klara ein. „Der ist bestimmt krank!“ Nikita trat näher. Der Hund bewegte sich nicht, wedelte nur schwach mit dem Schwanz. An der Hinterpfote – eine offene, blutverkrustete Wunde. „Was stehst du da rum?“, schnauzte Herr Viktor genervt. „Nimm ‘nen Stock, verjag ihn!“ Und dann riss irgendetwas in Nikita. „Wagen Sie es nur, ihn anzufassen!“, schoss er hervor und stellte sich schützend vor den Hund. „Der tut doch niemandem etwas!“ „Na so was“, staunte Herr Viktor. „Da hat sich ja ein Beschützer gefunden.“ „Und ich werde ihn schützen!“ – Nikita hockte sich neben den Hund, streichelte vorsichtig. Der schnupperte und leckte zur Begrüßung seine Hand. Etwas Warmes breitete sich in Nikitas Brust aus. Zum ersten Mal seit langem war jemand freundlich zu ihm. „Komm“, flüsterte er dem Hund zu. „Komm mit nach Hause.“ Zu Hause richtete Nikita dem Hund ein Lager aus alten Jacken in der Ecke seines Zimmers her. Mutter war bis zum Abend auf der Arbeit – niemand würde ihn ausschimpfen oder den „Seuchenträger“ rauswerfen. Die Wunde sah schlimm aus. Nikita wühlte im Internet, las alles über Erste Hilfe bei Tieren. Medizinkram war schwer zu verstehen, doch er gab alles. „Mit Wasserstoffperoxid ausspülen, dann vorsichtig mit Jod am Rand“, murmelte er und suchte in der Hausapotheke. „Nicht wehtun, nur vorsichtig…“ Der Hund blieb ruhig liegen, streckte Nikita die verletzte Pfote entgegen. Schaute dankbar – so wie schon lange niemand mehr auf Nikita geschaut hatte. „Wie heißt du denn eigentlich?“ – Nikita verband die Pfote behutsam. „Rot bist du. Nenne ich dich einfach ‚Rudi‘?“ Der Hund bellte leise – schien einverstanden. Am Abend kam Mutter heim. Nikita erwartete Streit, doch sie betrachtete Rudi, prüfte die Wunde. „Alles selber gemacht?“, fragte sie leise. „Ja. Habe ich im Internet nachgelesen.“ „Was kriegt er zu essen?“ „Mir fällt schon was ein.“ Mutter blickte lange Nikita an. Dann – auf den Hund, der dankbar ihre Hand leckte. „Morgen gehen wir zum Tierarzt“, entschied sie. „Mal sehen, was mit der Pfote ist. Und einen Namen hast du schon?“ „Rudi“, strahlte Nikita. Zum ersten Mal war da keine Mauer des Unverständnisses zwischen ihnen. Am nächsten Morgen stand Nikita früher auf als sonst. Rudi wollte aufstehen, wimmerte aber vor Schmerz. „Bleib liegen“, beruhigte Nikita. „Ich bring dir Wasser und Futter.“ Kein Hundefutter im Haus. Also gab er die letzte Frikadelle, weichte Brot in Milch. Rudi fraß gierig, aber vorsichtig, leckte jede Krume auf. In der Schule gab Nikita den Lehrern zum ersten Mal keine frechen Antworten. Er dachte nur an Rudi. Ob es ihm gut ging? Ob die Pfote wehtat? Ob er ihn vermisste? „Heute bist du irgendwie anders“, wundert sich die Klassenlehrerin. Nikita zuckt nur mit den Schultern. Erzählen? Die würden eh lachen. Nachmittags rannte er heim, ignorierte die skeptischen Blicke der Nachbarn. Rudi sprang ihn freudig an – konnte schon auf drei Beinen stehen. „Na, willst du raus, Kumpel?“ Nikita bastelte aus einer Schnur eine Leine. „Aber vorsichtig, die Pfote schonen!“ Im Hof geschah etwas Unglaubliches. Frau Klara verschluckte sich fast an ihren Sonnenblumenkernen: „Der schleift den Hund echt heim! Nikita, bist du verrückt?!“ „Was ist denn dabei?“, antwortete Nikita gelassen. „Ich pflege ihn. Bald ist er wieder gesund.“ „Pflegst du?!“, kam Frau Klara näher. „Und woher das Geld für Medikamente? Stehlst wohl deiner Mutter was?“ Nikita ballte die Faust, beherrschte sich. Rudi schmiegte sich dicht an sein Bein – als spürte er die Spannung. „Tue ich nicht. Ich gebe mein eigenes Frühstücksgeld aus“, sagte Nikita leise. Herr Viktor schüttelt den Kopf: „Junge, weißt du eigentlich, auf was du dich da einlässt? Das ist ein Lebewesen. Muss man füttern, versorgen, Gassi gehen…“ Jeden Tag startete jetzt mit einem Spaziergang. Rudi wurde rasch gesünder, lief schon wieder, wenn auch etwas humpelnd. Nikita übte mit ihm Kommandos – stundenlang, geduldig. „Sitz! Prima! Gib Pfote! So ist’s richtig!“ Die Nachbarn beobachteten aus der Ferne. Mancher schüttelte den Kopf, andere lächelten. Doch Nikita sah nur Rudis treue Augen. Er änderte sich. Nicht schlagartig, aber Stück für Stück. Hörte auf, grob zu sein, half zu Hause, wurde sogar besser in der Schule. Er hatte ein Ziel. Und das war erst der Anfang. Drei Wochen später trat ein, was Nikita am meisten fürchtete. Er kehrte mit Rudi von der Abendrunde zurück, als hinter den Garagen eine Hundegruppe hervorsprang. Fünf, sechs große Streuner – hungrig, wütend, mit glühenden Augen. Der Anführer, ein riesiger schwarzer Hund, fletschte die Zähne und ging voran. Rudi wich instinktiv hinter Nikita zurück. Die Pfote tat noch weh, laufen konnte er nicht richtig. Die anderen Tiere spürten seine Schwäche. „Zurück!“, rief Nikita, schwang die Leine. „Verschwindet!“ Doch das Rudel zog den Kreis enger. Der schwarze Anführer knurrte immer lauter und sprang vor. „Nikita!“, tönte ein Frauenschrei vom Fenster oben. „Lauf weg! Lass den Hund und lauf!“ Das war Frau Klara, die sich aus dem Fenster lehnte. Hinter ihr weitere Nachbarn. „Junge, spiel nicht den Helden!“, brüllte Herr Viktor. „Der hinkt eh, der kommt nicht weg!“ Nikita schaute auf Rudi. Der zitterte, wich aber nicht zurück. Schmiegte sich an Nikitas Bein, bereit, alles mit ihm zu teilen. Der schwarze Hund sprang. Nikita deckte sich mit den Armen ab – der Biss ging ins Schulter, die Zähne rissen die Jacke auf. Doch Rudi, trotz schmerzender Pfote und Angst, stürzte sich auf den Anführer, verbiss sich in dessen Bein, hängte sich mit ganzer Kraft daran. Es entbrannte ein Kampf. Nikita schlug mit Händen und Füßen, versuchte, Rudi vor den Zähnen der anderen zu schützen. Er kassierte Bisse und Kratzer, aber wich keinen Schritt zurück. „Ach Gott, wie kann das sein!“ jammerte Frau Klara oben. „Viktor, mach was!“ Herr Viktor rannte die Treppe runter, griff nach einem Stock, einem Eisenrohr – irgendwas. „Halt dich fest, Junge!“, rief er. „Ich komme!“ Nikita lag schon am Boden, als er die Stimme seiner Mutter hörte: „Jetzt reicht’s!“ Sie stürzte aus dem Hausflur, schüttete einen Eimer Wasser auf die Hunde. Das Rudel wich knurrend zurück. „Viktor, hilf mir!“, rief sie. Herr Viktor eilte mit dem Stock; weitere Nachbarn kamen gehetzt. Die Streuner merkten, dass sie unterlegen waren – und flüchteten. Nikita lag auf dem Asphalt, presste Rudi an sich. Beide bluteten, beide zitterten. Aber sie lebten. Und waren unverletzt. „Mein Junge“, setzte sich die Mutter neben ihn und untersuchte vorsichtig die Schrammen. „Du hast mich vielleicht erschreckt.“ „Ich konnte ihn einfach nicht im Stich lassen, Mama“, flüsterte Nikita. „Verstehst du? Ich konnte nicht.“ „Ich verstehe“, erwiderte sie leise. Frau Klara kam in den Hof, trat näher. Schaute Nikita seltsam an – als sähe sie ihn zum ersten Mal. „Junge“, sagte sie verwirrt, „du hättest… Du hättest doch sterben können. Wegen eines Hundes.“ „Nicht ‚wegen eines Hundes‘“, mischte sich Herr Viktor ein. „Wegen eines Freundes. Verstehen Sie das, Klara Steinmann?“ Die Nachbarin nickte stumm. Tränen liefen ihr über die Wangen. „Kommt nach Hause“, sagte die Mutter. „Wir müssen die Wunden versorgen. Auch Rudis.“ Schwer stand Nikita auf, hob den Hund auf den Arm. Rudi wimmerte, wedelte aber leicht mit dem Schwanz – froh, dass sein Mensch bei ihm war. „Wartet“, hielt sie Herr Viktor zurück. „Fahrt ihr morgen zum Tierarzt?“ „Ja.“ „Ich fahre euch mit dem Auto. Und bezahle die Behandlung – der Hund hat sich ja als Held entpuppt.“ Nikita schaute verwundert auf den Nachbarn: „Danke, Herr Viktor. Aber ich schaffe das.“ „Kein Widerspruch. Du kannst es später zurückzahlen. Jetzt…“ Der Mann klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Jetzt sind wir einfach stolz auf dich. Wirklich.“ Die Nachbarn nickten zustimmend. Ein Monat verging. Ein gewöhnlicher Oktoberabend, Nikita kam von der Tierklinik, wo er am Wochenende jetzt den Ehrenamtlichen half. Rudi lief neben ihm – die Pfote war geheilt, das Humpeln fast verschwunden. „Nikita!“, rief Frau Klara. „Warte mal!“ Der Junge blieb stehen, rechnete mit neuer Kritik. Doch sie reichte ihm eine Tasche mit Futter. „Für Rudi“, sagte sie verlegen. „Gutes Futter, teuer. Du kümmerst dich so um ihn.“ „Danke, Frau Klara“, erwiderte Nikita ehrlich. „Wir haben genug. Ich verdiene jetzt in der Klinik, Frau Dr. Anna Petri zahlt.“ „Nimm’s trotzdem. Man weiß nie.“ Zu Hause kochte Mutter Abendessen. Sie lächelte beim Einlass: „Wie läuft’s in der Klinik? Ist Frau Petri zufrieden mit dir?“ „Sie meint, ich habe geschickte Hände. Und Geduld. – Vielleicht werde ich Tierarzt. Denke echt darüber nach.“ „Und die Schule?“ „Ganz gut. Sogar Herr Petersen lobt mich in Physik – sagt, ich bin aufmerksam geworden.“ Mutter nickte. Ihr Sohn hatte sich in diesem Monat bis zur Unkenntlichkeit gewandelt. Kein Grobian mehr, half zu Hause, grüßte die Nachbarn und vor allem – er hatte jetzt ein Ziel. Einen Traum. „Weißt du“, sagte sie, „morgen kommt Viktor vorbei. Er möchte dir noch einen Nebenjob anbieten. Beim Bekannten im Zwinger, sie suchen Hilfe.“ Nikita strahlte: „Echt? Darf Rudi mit?“ „Ich denke, ja. Er ist ja schon fast ein richtiger Diensthund.“ Abends saß Nikita mit Rudi im Hof. Sie übten das neue Kommando „bewachen“. Rudi führte alles brav aus, sah Nikita treu an. Herr Viktor kam vorbei, setzte sich neben ihn. „Morgen also zum Zwinger?“ „Ja. Mit Rudi.“ „Dann geh früh schlafen. Das wird ein anstrengender Tag.“ Nachdem Herr Viktor gegangen war, blieb Nikita noch etwas sitzen. Rudi legte den Kopf auf seine Knie, seufzte glücklich. Sie hatten einander gefunden. Und würden nie mehr einsam sein.