Als ich ein Kind war, habe ich davon geträumt, erwachsen zu werden, um endlich tun und lassen zu können, was ich will: essen, was mir schmeckt, ins Bett gehen, wann ich will, ausgehen, ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen. Heute muss ich über mein damaliges, kleines und naives Ich lachen. Die Realität hat mich an dem Tag eingeholt, an dem ich allein nach Berlin gezogen bin: putzen, kochen, Miete zahlen, Rechnungen, einkaufen und das alles mit einem Gehalt, das kaum reicht. Ich dachte, Freiheit hieße, entscheiden zu können, was es zum Abendessen gibt. Ich wusste nicht, dass es auch bedeutet, zu rechnen, ob mein Geld am Ende noch für Kartoffeln und Duschgel reicht.
Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich wochenlang nicht einmal in Ruhe gefrühstückt hatte. Ich stand auf, sprang unter die Dusche, machte das Bett hastig und rannte zur Bushaltestelle. Auf dem Weg fiel mir ein, dass ich noch auf eine E-Mail vom Chef antworten muss, dass ich das Internet noch vor Freitag überweisen sollte und dass meine EC-Karte fast am Limit ist. Die sogenannte Freiheit der Erwachsenen entpuppte sich als endlose To-Do-Liste und nicht als erfüllter Traum.
Wenn ich abends endlich nach Hause kam, fiel die Erschöpfung wie ein nasser Mantel auf mich herab. Ich öffnete hoffnungsvoll den Kühlschrank und dachte, irgendwas hätte sich vielleicht wie von allein gekocht. Aber nein ich musste waschen, schneiden, braten und danach alles wieder abwaschen. Oft reichte es nur für ein Abendessen aus Brot und Gouda, bloß um nicht noch mal die Pfanne anfassen zu müssen. Doch selbst dann kam ich nicht zur Ruhe, denn mein Kopf flüsterte: Die Wasserrechnung war diesen Monat hoch, ich muss dringend den tropfenden Wasserhahn reparieren, die Wäsche von heute Morgen müffelt schon, weil ich sie wieder nicht aufgehängt habe.
Meine Freunde sagten ständig: Lass uns doch mal wieder treffen! Aber jedes Mal, wenn wir einen Termin suchten, hatte jeder ein anderes Problem: Der eine machte Überstunden, der andere pflegte seine kranke Mutter, der nächste hatte kein Geld mehr, und der vierte war einfach fix und fertig. Als Jugendliche sahen wir uns fast täglich, als Erwachsene vergehen Wochen, ohne dass wir uns einmal sehen. Und wenn wir uns dann doch treffen, reden wir übers Müde-Sein, über Rechnungen oder Rückenschmerzen. Wir sind jung, aber manchmal klingen wir wie ältere Herren.
Das Schwerste aber ist zu begreifen, dass es echte Erholung eigentlich gar nicht mehr gibt. Selbst die Wochenenden sind voll mit Aufgaben: waschen, putzen, die kommende Woche planen, einkaufen, irgendwas reparieren. An einem Samstag ertappte ich mich dabei, wie ich beim Bodenwischen auf einmal heulte und dachte: Nicht einmal, wenn ich nichts tue, kann ich wirklich abschalten. Als Kind nannte ich das alles Freiheit, dabei mache ich jetzt all das, was die Erwachsenen früher für mich erledigt haben nur dass jetzt keiner mehr da ist, der mir hilft.
Und die Arbeit? Die war auch ganz anders, als ich es mir erhofft hatte. Ich dachte, Arbeit würde Erfüllung bringen. Ich wusste nicht, dass es auch bedeutet, freundlich zu bleiben, wenn mir gar nicht danach ist, dumme Bemerkungen auszuhalten, ständig neuen Zielvorgaben hinterherzulaufen und zuzusehen, wie ein Großteil meines Gehalts für Dinge draufgeht, die ich nicht mal richtig wahrnehme. Einmal saß ich da und rechnete, ob ich lieber Mittag esse oder doch das Geld für das Monatsticket spare. Kein Mensch bereitet dich als Kind auf solche Entscheidungen vor. Keiner erklärt dir, dass das Erwachsenenleben hauptsächlich daraus besteht, ständig im Kopf zu rechnen.
Ich dachte immer, erwachsen sein bedeutet Freiheit. Tatsächlich ist es ein seltsames Gleichgewicht aus Müdigkeit, Verantwortung und ganz kurzen, seltenen Momenten der Ruhe.



