Ich muss euch unbedingt von meiner späten Erleuchtung erzählen. Leider war sie alles andere als erfreulich, aber wie sagt man so schön? Besser spät als nie.
Erst im hohen Alter wurde mir schmerzlich klar, wieso ich jetzt, mit siebzig Jahren, allein in meiner kleinen Wohnung in München hocke. Meine Kinder? Die haben mich seit zehn Jahren nicht mehr angerufen. Meine Enkel könnten mich heute auf der Straße nicht erkennen so sehr wissen sie von meiner Existenz wie von einem vergessenen Gartenzwerg am Straßenrand. Aber warum eigentlich?
Weil ich, na, erst als Rentnerin geschnallt habe, dass ich mein Leben ziemlich verbockt habe. Über Jahrzehnte hab ich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann und jetzt sitze ich da und kann die Zeit nicht mehr zurückdrehen.
Meine Kinder habe ich regelmäßig für zu schusselig gehalten. Sie waren für mich wie kopflose Hühner, die Orientierung suchten; also wollte ich sie als gute deutsche Mutter ständig auf den richtigen Weg bringen und ihnen erklären, wie man das Leben richtig lebt. Hatten sie einen Misserfolg, habe ich selbstverständlich prompt die gute, alte Phrase losgelassen: Siehst du, wenn du auf deine Mutter gehört hättest, wäre das nicht passiert!
Ich hing mit meiner Nase immer tief in ihren Angelegenheiten privat, beruflich, egal. Ohne meine brillianten Ratschläge, dachte ich, wäre bei denen sowieso alles schief gegangen. Und einen charmant-unhöflichen Kommentar konnte ich auch mal in Gegenwart von Gästen oder Cousine Gertrud fallen lassen, da war ich nicht zimperlich.
Irgendwann war es dann so weit: Meine Kinder zogen sich zurück Stück für Stück, bis absolute Funkstille herrschte. Von der Geburt meiner Enkelin erfuhr ich durch das Getuschel fremder Leute im Edeka. Wie peinlich das war, kann sich wohl jeder denken.
Natürlich versuchte ich noch, den Kontakt zu retten Anrufe, Briefe, selbst Postkarten mit Brezeln drauf. Vergeblich. Meine Kinder meinten nur:
Wenn wir so dämlich sind, dann such dir halt klügere Leute. Wozu brauchst du uns denn?
Und da, mit siebzig, ging mir die zweite Glühbirne auf: Man sollte seine Kinder immer ernst nehmen, als erwachsene Menschen mit eigenen Wünschen und Sorgen. Sie brauchen keine Oberlehrerin als Mutter, sondern jemanden, der ihnen zuhört, sie unterstützt und ihnen ab und zu einen richtig guten Apfelkuchen samt heißem Tee serviert.
Man darf sich einfach nicht ständig in ihre privaten Angelegenheiten einmischen. Ihr Leben, ihre Entscheidungen, ihr eigenes Glück. Heute bin ich alleine und was hab ich nun von meinem großartigen Wissen?
Schätzt eure Kinder, bevor ihr am Ende des Lebens allein am Küchentisch sitzt mit all eurem klugen Rat und keinem, der ihn hören will.





