Das Klappbett im Flur

Klappbett im Flur

Mama, warum sitzt du schon wieder so rum? Der Ruf von Annemarie schwebte aus der Küche noch bevor sie selbst im Türrahmen stand. Ich ackere hier allein, koche Abendessen, und du sitzt nur herum.

Gertrud Schäfer blickte von ihrem Strickzeug auf. Sie saß auf dem Rand des Klappbetts, genau in jener Nische zwischen Flur und Abstellkammer, die Annemarie und Sebastian als Mamas Zimmer bezeichneten. Ein wirkliches Zimmer war das nicht, nur eine dunkle Ecke, wo kein Tageslicht hinfiel, und ein Klappbett, das sie in den ersten Tagen nach dem Umzug selbst auf dem Flohmarkt gekauft hatte.

Ich könnte helfen, sagte Gertrud und griff nach ihren Hausschuhen.

Lass das lieber, du machst es sowieso immer falsch. Gestern hast du die Kartoffeln zu klein geschnitten; ich hab doch gesagt, sie müssen grob sein.

Gertrud schwieg. Sie hatte gelernt, auf solche Worte keine Antwort zu geben. Nicht, weil es ihr an Worten mangelte, aber die Sätze in diesem Haus waren wie nasses Brennholz sie flackerten auf, rauchten, aber wurden nie warm.

Drei Monate war es her, dass sie das Häuschen in Oberammergau verkauft hatte, einem kleinen Ort zwei S-Bahn-Stunden von München entfernt. Drei Monate, jeden Morgen aufwachen im fremden Takt dieser Wohnung, jeden Abend schlafen gehen im quietschenden Klappbett, das scheinbar über das eigene Schicksal stöhnt.

Oberammergau war ihr Zuhause gewesen. Immer. Erst das Elternhaus an der Lindenstraße, dann die Wohnung mit ihrem verstorbenen Mann Karl-Heinz, später das Haus mit dem Apfelbaum im Garten, das sie gekauft hatten, als Sebastian etwa fünf Jahre alt war. Karl-Heinz war vor sieben Jahren friedlich eingeschlafen, Herzversagen. Seitdem war sie allein, der Apfelbaum am Zaun, die Nachbarin Frau Mayer gegenüber, die immer wusste, wann sie mit Kuchen rüberkommen musste.

Das Haus zu verkaufen, das war ihre Entscheidung gewesen. So jedenfalls dachte sie.

Sebastian kam letzten Herbst, sprach lang und ausführlich, wie nur er das konnte, wenn er überzeugen wollte. Allein wäre es zu schwer, das Haus müsse sowieso gemacht werden, der Winter würde hart, in der Stadt seien er und Annemarie immer da. Wir sind immer da, Mama. Annemarie hat dich doch lieb, du weißt das. Gertrud nickte damals und dachte, dass Annemarie in fünf Jahren Ehe genau zweimal Oberammergau besucht hatte und den Apfelbaum immer ansah, als hätte er sie persönlich beleidigt.

Doch Einsamkeit wiegt schwer. Mit 63 war sie zum bleiernen Begleiter geworden, redete nachts mit dem Foto von Karl-Heinz auf der Kommode, kochte sich morgens allein Kaffee, schaltete den Fernseher aus, weil es keinen gab, mit dem sie sehen konnte. Die anderen wurden krank, gingen seltener raus. Frau Mayer blieb irgendwann bettlägerig. Ihre Freundin Gisela zog zu ihrer Tochter nach Kassel. Das Dorfleben rollte sich zusammen wie ein Herbstblatt.

Das Geld aus dem Hausverkauf gab sie Sebastian. Er sagte, es werde gut angelegt, im nächsten Jahr habe sie mehr davon. Es schien richtig. Es war doch Familie.

Nun lag sie seit drei Monaten auf dem Klappbett und hörte Annemarie hinter der Wand lachen hell und unbeschwert am Telefon mit einer Freundin. Gertrud trug ihr nichts nach. Sie fragte sich nur, wo dieser Punkt gewesen war, an dem alles falsch abbog. Oder ob es immer schon so hätte kommen sollen, und sie es nur nie sehen wollte.

Die ersten Tage wirkten noch fast freundlich. Sebastian holte sie am Bahnhof ab, trug den Koffer, fuhr im Taxi mit ihr. Annemarie deckte den Tisch, schob Auflauf in den Ofen es roch wie normales Leben. Beim Abendessen betrachtete Gertrud Sebastian: ihr Junge, leicht ergraut, aber die gleichen blauen Augen wie sein Vater. Er lachte, erzählte von der Arbeit, bot ihr Nachschlag an. Annemarie lächelte, ihre Lippen geschlossen wie auf einem gemalten Bild glatt, korrekt, nicht zu deuten.

Am nächsten Tag stand Gertrud um sechs auf wie immer. Sie machte Tee, entdeckte den losen Tee im Schrank, goss sich eine Tasse ein und saß still in der Küche bis das Sonnenlicht kam. Gegen sieben erschien Annemarie im Seidenmorgenmantel, blieb in der Tür stehen.

Sie sind schon wach?

Ich stehe immer früh auf. Habe ich gestört?

Nein, nur… ich bevorzuge morgens Ruhe. Annemarie nahm ihren Becher, zapfte Kaffee aus der teuren Maschine auf dem Extralackregal teurer als alles, was je die Oberammergauer Küche gesehen hatte. Nur so, zur Info.

Gertrud nickte. Sie merkte es sich. Fing an, leiser und schneller Tee zu trinken, verschwand im eigenen Winkel, bevor Annemarie auftauchte.

Aber der Winkel war ein Sackgasse.

Das Klappbett stand zwischen Flur und Abstellkammer, neben Putzmittel, Eimer und Kisten, die nirgends sonst Platz hatten. Einen Schrank gab es nicht. Ihr Koffer stand am Boden, daraus holte sie die tägliche Kleidung. Jacken hing sie an die Garderobe, zwischen Sebastians Mänteln und Annemaries Trenchcoats. Ihre Zahnbürste balancierte zwischen den knappen Badregalen. Egal wie sie sie rückte sie hatte das Gefühl, sie störte.

Sie bemerkte viel. Zum Beispiel, wie Annemarie wortlos ihre Sachen verrückte. Wie Sebastian spät von der Arbeit kam und gleich vor Bildschirmen verschwand. Wie die beiden am Wochenende fortgingen, einkauften, nie fragte, ob sie mit wolle. Einmal hatte sie zaghaft gefragt, ob sie am Sonntag zusammen etwas unternehmen wollten. Sebastian murmelte, ohne hinzusehen: Mama, wir sind beschäftigt. Später. Doch später kam nie.

Dafür fand sich anderes.

Nach zwei Wochen legte Annemarie fest: einmal die Woche wird geputzt; wäre super, wenn Sie mitmachen. Gertrud machte mit. Schrubbte Böden, putzte das Bad, saugte Staub, wischte Leisten, an die Annemarie wohl nie dachte. Sie tat alles schweigend, morgens, wenn die beiden arbeiteten. Am abendlichen Kontrollgang fand Annemarie immer einen Makel.

Gertrud, Sie haben die Herdgitter nicht entfettet. Da ist noch Fett.

Gertrud, den Spiegel im Bad bitte mit Spezialreiniger, nicht mit dem Lappen.

Gertrud, ich habe gebeten, die Döschen nicht umzuräumen.

Gertrud nickte. Manchmal brannte in ihr der Wunsch, etwas zu erwidern etwas Scharfes, Punktgenaues. Aber sie schwieg. Sie dachte an Zeitschriftenratschläge für erwachsene Kinder: bewahren, nachgeben, nicht zerbrechen. Sie bewahrte. Gab nach. Zerbrach nicht.

Und doch zerbrach etwas in ihr. Still und schleichend, wie ein alter Schrank, dessen Knacks niemand hört.

Nach einem Monat war klar: Ihre Hauptrolle war hier nicht Mutter oder Schwiegermutter. Es war eine andere. Sie stand früher auf als alle, machte Frühstück, wusch Wäsche, bügelte Sebastians Hemden weil Annemarie einmal beiläufig meinte: Niemand bügelt Sebastians Hemden. Also bügelt sie. Erst eins, dann gleich immer. Sie kochte Mittagessen vor, stellte es in den Kühlschrank mit erklärenden Zetteln. Räumte hinter allen auf. Brachte Müll raus. Ging für alle einkaufen mit ihrer eigenen Rente.

Die Rente war schmal. Ihr Arbeitsleben als Sachbearbeiterin in der Brauerei war solide, aber nie üppig bezahlt. In Oberammergau reichte sie: keine Miete, Garten brachte Kartoffeln und Äpfel, Brennholz kam von Nachbarn. In München zerrann die Rente binnen drei Wochen Lebensmittel, Medikamente, ab und zu der Bus. Sie vermied es, Sebastian wegen Geld zu fragen. Einmal bat sie um 20 Euro für eine Monatskarte. Er gab wortlos. Da war da dieses Gefühl, fast wollte sie das Geld zurückgeben und zu Fuß gehen.

Das Geld vom Haus lag weiter bei ihm. Sie wagte nicht zu fragen aus Angst, oder aus Scham, dass eine Frage alles noch schlimmer machte.

Ende November wurde sie krank. Ein harmloser Infekt, bisschen Fieber, schwere Glieder. Sie lag auf dem Klappbett hinter der Wand Annemarie zu Sebastian: Sie hustet den ganzen Tag. Die Kinder werden sich anstecken. Es gab keine Kinder. Nur das ewige Gespräch über die, die vielleicht irgendwann kämen. Gertrud hustete ins Kissen. Das Wort anstecken für nicht existierende Kinder klang wie ein endgültiges Urteil.

Mama, brauchst du was? Sebastian lugte abends ins Halbdunkel.

Nein, Sebastian, danke.

Hast du Tabletten genommen?

Hab ich.

Na dann.

Er ging. Kein Tee, kein ich bring dir was. Sie richtete sich selbst auf, goss sich heißes Wasser ein, fand einen vergessenen Hustenbonbon in der Tasche, legte sich wieder. In Oberammergau war es anders. Frau Mayer brachte Suppe im Glas, auch bei Schnee. Sie fragte nie, ob es gewünscht sei sie brachte sie einfach.

Der Dezember wurde kalt und brachte neue Pflichten. Vor Silvester schrieb Annemarie eine Liste für Gertrud: Fenster putzen, Schränke sortieren, Sülze kochen, Plätzchen für Gäste backen. Die Liste lag am Sonntagmorgen da, noch bevor Gertrud ganz aufstand.

Ist alles klar? Annemarie glotzte ins Handy.

Ja, klar, sagte Gertrud.

Fenster bis Donnerstag meine Eltern kommen, es soll ordentlich aussehen.

Annemaries Eltern lebten in Freising. Sie kamen Freitag, brachten Torte und eine Flasche Sekt, saßen am Tisch, den Gertrud gedeckt hatte, lobten die Wohnung. Sie sahen sie an wie eine Putzfrau: höflich, aber vorbei. Annemaries Mutter, eine flotte Dame mit perlmuttenen Nägeln, fragte einmal:

Sie wohnen jetzt also hier?

Seit September.

Und, wie ist München?

Ich gewöhne mich, sagte Gertrud.

Sicher, sicher, sagte die Dame und wandte sich der Tochter zu.

Silvester feierten die anderen ohne sie. Offiziell war sie am Tisch, aber um halb zwölf meinte Annemarie: Ach, Ihnen ist bestimmt müde, Gertrud, legen Sie sich hin. Aber Gertrud war 63, keine 90. Sie stand auf, wünschte ein frohes neues Jahr, verschwand aufs Klappbett. Hörte durchs dünne Wandbett, wie Glocken läuteten, zwei Gläser klirrten, sie lachten. Sie lag im Dunkeln und dachte an Silvester in Oberammergau bei Gisela, mit altem Liedgut und Tränen vor Glück.

Im Januar rief sie Gisela häufig an. Gisela wohnte nun bei der Tochter, nicht ideal, aber mit eigenem Zimmer und eigenem Schlüssel. Sie telefonierten, solange Annemarie und Sebastian auf Arbeit waren.

Halt durch, Gertrud, sagte Gisela.

Ich halts aus.

Sag es ihnen doch mal. Die sind doch erwachsen.

Hab ich schon.

Und?

Nichts. Sebastian meint, ich übertreibe, Annemarie schweigt und bleibt zwei Tage kalt.

Und jetzt?

Ich weiß es nicht, Gisela.

Februar war besonders schwer. Ob der Winter drückte oder weil Gertrud nun beängstigende Veränderungen an sich bemerkte. Sie wagte sich kaum aus dem Winkel, wenn Annemarie da war. Aß rasch, hielt sich klein, sprach nur, wenn nötig, leise, als wolle sie nicht zu viel Luft verbrauchen. Nachts lag sie wach und dachte: Warum bin ich hergezogen? Warum das Haus verkauft? Was nun?

Immer häufiger dachte sie an Aufopferung und wo die Grenze zu Dummheit lag. Früher hielt sie beides für eins: Opfer ist, was man freiwillig gibt. Jetzt begriff sie, dass zwischen freiwilligem Opfer und stummem Benutztwerden Welten liegen. Das Wort dafür fehlte ihr aber noch.

Im März war es ein Teller, der alles lostrat.

Ein einfacher Teller aus Annemaries Porzellanservice. Sie spülte nach dem Abendessen, ihre Finger schmerzten, der nasse Teller rutschte aus der Hand und zerschellte.

Der Knall Annemarie kam sofort gerannt.

Was ist passiert?

Es war keine Absicht, Annemarie.

Annmare starrte erst auf die Scherben, dann auf Gertrud. Ihr Gesicht veränderte sich, als käme ein Gewitter.

Der ist aus dem Set.

Ich weiß. Entschuldige.

Drei Monate habe ich darauf gewartet. Es waren acht Teller. Jetzt sind es sieben.

Ich besorg dir einen neuen, Annemarie…

Wo denn? Das war eine limitierte Serie. Ihre Stimme war kalt, das war schlimmer als Schreien. Gertrud, sind Sie überhaupt jemals vorsichtig?

Es war wirklich keine Absicht.

Es ist bei Ihnen immer keine Absicht. Kartoffeln falsch gekocht keine Absicht. Handtücher falsch aufgehängt keine Absicht. Jetzt der Teller.

Gertrud betrachtete die Scherben. Hübsche Scherben, blaues Muster. Teurer Teller, erkennt man sofort am Porzellanrand.

Ich mache das schon weg, sagte sie.

Machen Sie, sagte Annemarie und verschwand.

Abends kam Sebastian. Annemarie hatte alles vorgewarnt. Er kam in die Küche.

Mama, was für eine Schlamperei.

Sebastian, meine Hände…

So geht das nicht. Annemarie ist enttäuscht.

Ich verstehs.

Du verstehst, aber der Teller bleibt kaputt. Bitte sei aufmerksamer, ja?

Ja, Sebastian.

Er ging. Gertrud trocknete sich die Hände, hängte das Handtuch akkurat auf, begab sich in ihren Flurwinkel, legte sich aufs Klappbett. Es quietschte. Hinter der Wand flüsterten Annemarie und Sebastian, Annemarie klang beleidigt schlimmer als schreien. Sebastian sprach einsilbig.

Gertrud lag da und dachte zum ersten Mal in drei Monaten: Was nun? Nicht mehr was habe ich falsch gemacht? Das war neu. Das war lebendig.

Am Morgen stand sie um sechs auf, während die anderen noch schliefen. Sie kochte sich Porridge, aß still, ohne Fernseher. Dann griff sie nach dem Handy und schrieb Gisela, einer alten Schulfreundin, die seit zwanzig Jahren in München, Giesing, lebte allein, zwei Zimmer, schon immer. Gisela hatte ein eigenes Leben, Tochter längst weg, Wohnung und Schlüssel und alles.

Gisela, weißt du zufällig, ob irgendwo ein Zimmer oder Appartement günstig zu haben ist? Ich seh mich mal um.

Die Antwort kam umgehend, so wie immer:

Gertrud, die Tante meiner Nachbarin vermietet ein Zimmer in Giesing, ganz nah. Soll ich fragen?

Gerne.

Ein Schritt so klein wie ein Tellerscherben, aber für Gertrud war es wie Frischluft.

Am gleichen Tag bat Annemarie, ein Paket zur Post zu bringen. Nicht wirklich eine Bitte sie fand schlicht: Gertrud, Paket liegt da, muss heute weg, ich schaffs nicht. Gertrud nahm das Paket, zog sich an, ging. Wartete vierzig Minuten in der Schlange. Dann kaufte sie sich als Belohnung ein Rosinenbrötchen im Laden nebenan, aß auf einer Parkbank im eisigen Wind niemand kommentierte. Es war gut.

Drei Tage später meldete sich Gisela: Zimmer kann angeschaut werden. Gertrud fuhr hin, als Annemarie und Sebastian aus dem Haus waren.

Das Zimmer zwölf Quadratmeter, in einer Zweizimmerwohnung. Vermieterin: Frau Schulze, um die siebzig, resolut, freundliches Gesicht, endete jeden Satz mit verstehen Sie. Küche und Bad wurden geteilt, aber: Ich bin ruhig, keine Gäste, Sie gefallen mir sofort, verstehen Sie.

Gertrud stand am Fenster. Draußen ein Birnbaum und ein Spielplatz. Nichts Besonderes. Aber ihr eigenes Fenster, ihre Wand, ihre Tür.

Was kostet es? fragte sie.

Frau Schulze nannte den Preis. Für Gertruds Rente viel, aber machbar.

Ich überlege es mir, sagte Gertrud.

Nicht zu lange, mahnte Frau Schulze. Das Zimmer ist beliebt, verstehen Sie.

Im Zug zurück rechnete Gertrud. Rente minus Nebenkosten, minus Lebensmittel, minus Arzt. Es blieb wenig. Sie müsste Sebastian wegen des Hausgeldes ansprechen.

Sie schob das Gespräch hinaus. Noch hatte sie Hoffnung, es werde nicht nötig sein. Dass irgendwas sich änderte, Sebastian einmal von sich aus den ersten Schritt machte. Tat er aber nicht. Kam heim, aß, starrte ins Handy, lachte manchmal ein außerweltliches Leben, mit dem sie nichts zu tun hatte.

Mitte März wagte sie das Gespräch.

Sie erwischte den Sonntagmorgen, Annemarie war bei ihren Eltern. Sebastian saß mit Kaffee und Scrollhand am Küchentisch.

Sebastian, darf ich dich was fragen?

Ja, frag halt. Er sah sie nicht an.

Guck mich bitte dabei an.

Er hob die Augen. Da war eine Trägheit in seinem Blick, die sie immer als müde bezeichnet hätte. Nicht gemein, nicht hart nur müde.

Sebastian, ich möchte das mit dem Hausgeld klären.

Mama…

Moment. Ich brauche einen Teil davon. Ich will ein Zimmer mieten.

Er sah sie an diesmal anders. Nicht mehr müde, sondern überrascht.

Wozu willst du ein Zimmer?

Mir gehts hier nicht gut.

Wie nicht gut? Was fehlt dir?

Sebastian. Sie faltete die Hände. Ich brauche einen Raum für mich. Dieses Klappbett im Flur… Ich kann das nicht mehr.

Das ist kein Flur, das ist…

Sebastian. Ich weiß genau, wo ich schlafe. Ich brauch das Geld.

Er schwieg. Stellte die Kaffeetasse ab.

Mama, das Geld ist in eine Anlage geflossen, darüber hatten wir gesprochen. Man kann es nicht einfach rausziehen.

Wie viel geht denn? Wenigstens einen Teil.

Du machst aus allem ein Drama. Dir geht’s doch gut Wohnung, Essen, Wärme…

Sebastian, sie flüsterte fast, ich habe das Haus verkauft, wo ich dreißig Jahre lebte. Das Geld dir gegeben. Ich wohne jetzt auf einem Klappbett. Ich putze deinen Boden und bügle deine Hemden, während deine Frau mich wie eine Haushaltshilfe behandelt. Das ist kein gut gehen.

Er sagte nichts. Das Wort Haushaltshilfe fiel ihr nie vorher ein, aber es war wahr.

Du übertreibst, murmelte er.

Nein.

Annemarie bemüht sich.

Sebastian.

Mama, lass uns das nicht jetzt klären. Ich bin müde.

Du bist müde. Sie stand auf. Gut.

Sie ging an ihren Platz zurück. Klappbett. Das Münchner Grau am Fenster, und darüber das Dach eines Nachbarhauses.

An diesem Abend schrieb sie Gisela: Ich nehme das Zimmer.

Zwei Wochen bereitete sie alles leise vor. Gisela besprach für sie mit Frau Schulze, dass sie Anfang April einziehen könnte. Wegen des Geldes zog sie es vor, einen kurzen Brief zu schreiben: bat Sebastian um ein Drittel, einen minimalen Betrag zum Davonleben. Der Transfer kam nach einer Woche, wortlos aufs Konto. Es reichte für ein halbes Jahr.

Ihre Sachen waren rasch gepackt. Alles, was sie aus Oberammergau mitgenommen hatte, passte in zwei Koffer und eine Tasche. Die wenigen zugekauften Dinge Becher, tiefblau mit weißer Kornblume, ein Plaid, die wenigen Bücher, das Foto von Karl-Heinz. Sonst nichts.

Am ersten April, als beide aus dem Haus waren, stand sie früh auf, packte alles, klappte das Bett zusammen, legte eine letzte Haferbrei-Portion in der Küche auf, wusch das Geschirr. Dann schrieb sie einen kurzen Zettel:

Sebastian, ich bin umgezogen. Such mich nicht. Alles in Ordnung. Machs gut. Mama.

Den Zettel schob sie unter die Butterdose. Sie nahm ihre Koffer, Tasche, Mantel unterm Arm, stoppte einen Moment an der Garderobe, zog ihren alten Mantel ab, schlüpfte hinein, öffnete die Wohnungstür.

Das Treppenhaus roch nach Katzensand und schrumpeligen Frühstück. Der Lift quietschte. Draußen war April, noch kühl, aber dieses besondere Licht, wenn Schnee weg ist, das Gras nicht wächst, alles noch grau, aber nicht mehr winterlich.

Mit zwei Umstiegen kam sie nach Giesing. Die Koffer zogen schwer an Arm und Rücken, doch sie trug sie.

Frau Schulze öffnete im Bademantel und puscheligen Pantoffeln.

Da sind Sie ja! Kommen Sie rein, ich hab schon Wasser für Tee aufgesetzt, verstehen Sie.

Das Zimmer roch nach Sauberkeit, nach frischem Pinienmittel. Am Fenster stand ein Kaktus. Ein echtes Bett, mit Matratze, zwei Kissen, rosa geblümte Tagesdecke.

Gertrud stellte das Gepäck ab, trat ans Fenster. Im Hof grünte unten ein Birnbaum, die ersten feuchten Blätter.

Alles in Ordnung? kam es von hinten.

Alles in Ordnung, sagte Gertrud.

Und es stimmte.

Die ersten Tage gewöhnte sie sich. Nicht an das Zimmer das war sofort Heimat , sondern daran, nachts Wasser holen zu dürfen, ohne Angst, jemanden zu stören. Den Fernseher bis elf laufen lassen zu dürfen. Dass die Tasse am Tisch stehen bleibt, wo man sie abgestellt hatte. All die Kleinigkeiten, die einem erst fehlen, wenn man sie verloren hat.

Frau Schulze war eine besondere Person die sich nicht einmischte, aber an richtiger Stelle half. Morgens tranken sie manchmal Tee, Frau Schulze erzählte Anekdoten aus ihrem Leben. Über den verstorbenen Mann, über den Sohn in Freiburg. Sie fragte nie nach der Vergangenheit. Akzeptierte Gertrud einfach.

Sebastian rief nach drei Tagen an.

Mama, wo bist du?

Alles gut, Sebastian.

Aber wo?

Unterwegs.

Mama, was soll dieser Zettel? Annemarie ist völlig aus dem Häuschen.

Gut, dass sie das Empfinden hat.

Mama…

Sebastian, ich lebe. Mach dir keine Sorgen.

Adresse?

Nein.

Pause.

Mama, bist du beleidigt?

Beinahe hätte sie gelacht. Wie bei einer Geburtstagseinladung, nicht bei einem Bruch.

Nein, Sebastian. Ich bin un-beleidigt. Ich habe einfach neu angefangen.

Was heißt das?

Ich habe jetzt ein Zimmer, ein Bett, ein Fenster mit Birnbaum vorm Haus. Ich schneide Kartoffeln wieder wie ich will.

Mama, du redest komisch.

Nein. Ich rede endlich normal. Ruf nächste Woche an. Ich freu mich dann.

Sie beendete das Gespräch. Hände ganz ruhig erstaunlich.

April verlief langsam und gut. Auf dem Markt, den sie fußläufig fand, kaufte sie sich einen Gemüsekuchen, aß ihn auf einer Bank; es war ein guter Tag. Gisela wohnte zwei Häuser weiter, sie trafen sich gleich am ersten Samstag, tranken Tee in Giselas Küche bis spät am Abend. Gisela war wie vor 30 Jahren, bloß mit weißen Haaren. Sie stellte keine Fragen, goss einfach Tee auf, sagte: Na los, erzähl. Gertrud erzählte alles, das erste Mal seit Jahren ganz und ohne inneren Stopp.

Gertrud, Respekt, sagte Gisela. Ist nicht leicht.

Nein, stimmte Gertrud zu. Aber besser so.

Und jetzt?

Weiß ich nicht. Leben eben.

Leben mit über sechzig hat eine eigene Gestalt, die man erst langsam sieht. Gertrud ging in die nahe Stadtbibliothek, las abends ihre Lieblingsbücher am Leselicht, das sie sich an den Sessel hängte.

Im April lernte sie Herrn Weber kennen.

Ganz unspektakulär. Sie kam mit schwerer Einkaufstasche in den Treppenaufgang, ein Apfel fiel ihr heraus, rollte zur Nachbartür. Die Tür öffnete sich, ein Mann im Trenchcoat und mit Stock bremste den Apfel vor seinen Füßen.

Ihrer? fragte er.

Meiner. Entschuldigen Sie.

Nichts passiert. Er hob ihn auf, reichte ihn. Florian Weber. Ich wohne gegenüber.

Gertrud Schäfer. Bei Frau Schulze.

Weiß ich. Zina hats erzählt.

So begann es. Am nächsten Tag trafen sie sich im Aufzug, er sagte: Guten Tag, Frau Schäfer. Später auf der Bank im Hof fragte er nach ihrem Buch. Er setzte sich ans andere Ende. Sie schwiegen angenehm.

Florian war 67, Witwer, Ex-Ingenieur. Sein Stock war vom Knie eine Operation, von der sie später hörte. Wissen sammelte sie nach und nach, in Gesprächen im Hof oder Flur.

Er hatte keine Eile, keinen Drang zu beeindrucken. Er fragte nicht. Er hörte zu, wenn sie begann zu erzählen aufmerksam, nicht aus Höflichkeit.

Im Mai trank sie zum ersten Mal mit ihm Tee. Sie buk einen Apfelkuchen, reichte Frau Schulze ein Stück, schnitt ein weiteres ab und klingelte schüchtern bei Florian.

Für Sie, sagte sie.

Er sah auf das Päckchen, dann auf sie.

Kommen Sie herein, sagte er. Ich koche Tee.

Sie saßen über eine Stunde in seiner Küche. Er sprach von seiner verstorbenen Frau. Ohne Pathos, bloß als Teil des Weges. Sie redete von Karl-Heinz. Dann schwiegen sie. Dann sagte er:

Sie backen gut. Sie könnens.

Ich kann noch viel mehr, sagte sie. Mir fehlte nur der Grund.

Er sah sie an.

Den gibts jetzt wieder, sagte er leise.

Das war kein Liebesbekenntnis, kein Versprechen, einfach nur eine Feststellung. Aber sie wärmte.

Währenddessen tat sich bei Sebastian einiges, von dem sie später von Gisela, der Flurfunk-Queen, erfuhr.

Nach Gertruds Auszug geriet Sebastians Haushalt aus den Fugen. Niemand kochte, niemand bügelte, niemand kaufte ein, während beide arbeiteten. Annemarie bestand nicht darauf, die Rolle zu übernehmen. Sebastian auch nicht. Es gab Streit, zunächst über Alltägliches, dann wurde es tiefer. Gisela erzählte es im Juni im Café neben der Bücherei:

Sie lassen sich scheiden.

Gertrud stellte ihre Kaffeetasse ab.

Woher weißt du das?

Eine Kollegin von mir ist mit Annemarie im Büro, Annemarie trägt das breit vor allen herum.

Gertrud sah zum Fenster hinaus. Irgendwer führte einen Hund aus, ein Frühlingstag wie viele.

Tja, sagte sie.

Leid tuts dir?

Um Sebastian. Weniger um Annemarie. Auch wenn das nicht nett ist. Aber Annemarie wird klarkommen. Die findet schon jemand Neuen.

Sebastian auch?

Vielleicht. Oder er begreift erstmal was. Das wäre besser.

Im Juli meldete er sich wieder.

Mama, mit Annemarie läuft alles schief.

Ich weiß.

Weißt dus schon? Pause. Mama, vielleicht könntest du zurückkommen?

Wohin denn?

Zu uns. Sprich bitte mit Annemarie. Du kommst mit allen klar.

Gertrud lachte leise, nicht enttäuscht, einfach klar.

Sebastian, du wünschst, dass ich zurückkomme und euch wieder?

So hab ichs nicht gemeint. Ich hab dich vermisst.

Ich vermisse auch dich. Treffen wir uns im Café, reden? Freu mich.

Im Café? als wär das Beleidigung.

Ja, im Café. Dort ist Platz.

Im August hatte sich Annemarie ausgezogen. Sebastian mietete eine kleine Wohnung. Annemarie blieb, bis zur Teilung der Wohnung. Es gab Streit über Papiere.

Mama, ich bin allein.

Weiß ich.

Mama, kannst du wenigstens mal kommen? Besuch.

Nein, Sebastian.

Wieso?

Weil ich hier lebe. Und es mir gut geht. Komm mich besuchen, gibt Kuchen.

Zu dir, ins Untermietzimmer?

Da war in seiner Stimme etwas, das sie früher verletzt hätte eine Spur Missmut, Staunen darüber, doch sie lächelte nur.

Ja, zu mir. Zimmer ist klein, aber der Tee ist gut.

Im September kam er. An einem Sonntag zu Mittag. Frau Schulze öffnete, machte gleich Tee, Ihr Sohn? Kommen Sie rein! Gertrud empfing ihn in der Garderobe.

Er stand da, Mantel, Tüte, älter geworden. Oder es fiel erst jetzt auf, weil das Leben sich verschoben hatte.

Hallo, Mama.

Hallo, mein Junge.

Sie umarmten sich, spürten: er klammerte wie ein Kind. Sie ließ zuerst los.

Komm, Mittag steht bereit.

Sie aßen in der Küche, Frau Schulze ließ sie allein. Gertrud servierte Suppe, Brot, alles ruhig.

Sebastian aß still, dann:

Schmeckt gut.

Freut mich.

Mama, ich habe damals nicht verstanden, wie schwer es für dich war.

Sie sah ihm ins Gesicht. Vierzig bald, saß ihr gegenüber, endlich Worte, die er nie finden wollte. Ist das gut oder zu spät? Beides vielleicht.

Ich nehms dir nicht sehr übel, Sebastian, sagte sie. Du hast nicht nachgedacht. Das passiert.

Ist keine Entschuldigung.

Nein, aber ich bleibe trotzdem deine Mutter, ich trage das nicht wie einen Stein. Solche Steine sind zu schwer.

Er blickte in die Suppe.

Mama, kommst du zurück? Zu mir?

Nein, Sebastian.

Aber warum? Ich hab Platz, wohn allein.

Sebastian, sie faltete die Hände, ich wohne hier. Mein Zimmer, mein Bett, mein Fenster. Gute Nachbarin. Beste Freundin in der Nähe. Leute, mit denen ich gern rede. Mir gehts gut.

Aber mit deiner Rente…

Ist schwer, ja. Du schickst, was du mir schuldest, das ist fair. Aber zurück nein.

Du bestrafst mich.

Sie schüttelte den Kopf.

Nein. Ich weiß jetzt, was ich brauche. Ein Zimmer, in dem ich Herrin bin. Nicht viel. Aber meins.

Sie blieben noch sitzen, tranken Tee. Frau Schulze, ganz Nachbarin, brachte ein paar Kekse und lockerte die Stimmung. Als Sebastian ging, hielt er im Flur inne.

Mama, ich werde dich besuchen.

Würde mich freuen. Ruf rechtzeitig an.

Er nickte. Sie hörte seine Schritte die Treppe verstummen. Dann spülte sie, sah durchs Fenster dem Birnbaum zu, wie er langsam Herbst annahm.

Am Abend klopfte Herr Weber. Brachte Äpfel, große, duftende.

Hatten Sie heute Besuch? Habe einen Mann gesehen.

Mein Sohn war da.

Wars gut?

Sie überlegte.

Gemischt, sagte sie. Aber insgesamt gut.

Spazieren? Es ist noch mild.

Sie gingen raus. Bank unter dem Birnbaum frei. Setzten sich, nicht zu nah. Der Baum wiegte die Äste, ein kleiner Junge fuhr Rad, die Mutter rief ihn heim.

Gertrud blickte in die Krone, dachte: Vor einem Jahr verkaufte ich ein Haus und meinte, jenseits der Sechzig beginnt nur das Warten. Warten worauf, wusste ich nie Hauptsache war vorbei, jetzt schrumpft alles. Wie ein fast leerer Teekessel, das Wasser lau, kein Dampf mehr.

War falsch.

Nicht ganz. Der Schmerz, um Sebastian, ums Haus, drei Monate im Flur der blieb. Liegt unten am Grunde, rührt sich manchmal, wenn sie unerwartet einen blauen Teller sieht oder aus Versehen hört.

Aber man kann damit leben. Nach vierzig Jahren weiß man, wie.

Woran denken Sie? fragte Herr Weber.

An Verschiedenes, sagte sie. An den Birnbaum. Wie schnell die Blätter gelb werden.

Das geht immer schnell, nickte er. Merkt man erst, wenn schon die Hälfte weg ist.

Ja. Sie schwieg. Bereuen Sie es manchmal, allein zu leben, Herr Weber?

Er überlegte.

Manchmal, sagte er. Aber einsam bin ich nicht. Das ist ein Unterschied.

Ein großer Unterschied, sie lächelte.

Der Junge radelte zum Haus. Es wurde ruhiger.

Frau Schäfer, gibts bald wieder Apfelkuchen?

Sie lächelte.

Bald, versprochen.

Das ist gut, sagte er ernst. Sehr gut.

Sie saßen noch, dann gingen sie sie mit Tasche, er mit Stock, langsam, kein Wort im Fahrstuhl. Er stieg früher aus.

Gute Nacht.

Gute Nacht, Herr Weber.

Gertrud fuhr weiter. Frau Schulze schlief, der Fernseher summte leise. Gertrud schaltete ihren Leselicht an. Auf dem Tisch ihre blaue Tasse mit Kornblume, Kaktus auf dem Fensterbrett von Frau Schulze geschenkt. Sonst pflegt ihn niemand, Sie brauchen was Grünes.

Der Kaktus schwieg. Gertrud goss ihn jeden Sonntag, dachte: Die stillen sind oft die dankbarsten.

Das Foto von Karl-Heinz stand am Nachttisch. Sie betrachtete es.

Schau, Karl-Heinz, sagte sie leise. Wir leben.

Er blickte wie immer: gelassen, mit ein bisschen verschmitzten Augen, als wüsste er mehr, als er sagt.

Sie kroch ins Bett. Weich, breit, kein Vergleich zum Klappbett. Schloss die Augen. Draußen Herbst, der Birnbaum verlor sein Laub, Sebastian hatte nun sein eigenes Leben, seine eigenen Bruchstücke nicht mehr ihre. Sie lag in ihrem eigenen Zimmer, im eigenen Bett, und die Stille ringsum war wirkliche Stille, keine angestaute Gewitterluft.

Morgen würde sie Apfelkuchen backen, Herrn Weber ein Stück bringen, Gisela anrufen und vielleicht mal wieder in die Bibliothek.

Das Leben war klein, aber es war ihr eigenes.

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Homy
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