Annegret kam nicht mit leeren Händen von der Arbeit nach Hause. Sie liebte es, im Supermarkt eine kleine Flasche Riesling mitzunehmen als netten Begleiter zum Abendessen. Zuhause erwartete sie eine Szene wie aus einem schlechten Theaterstück: Ihr Ehemann, Dieter, packte gerade seinen alten, ausgefransten Koffer. Hast du etwa einen Job gefunden? Machst du jetzt die Nachtschicht?, fragte sie. Nein, ich hau ab. Wohin willst du denn um zehn Uhr abends?, hakte Annegret, völlig perplex, nach. Bist du taub, oder tust du nur so? Ich verlasse dich, du Dussel!, zischte Dieter, während er seine Socken suchte.
Annegrets Knie gaben nach, als ob sie das Oktoberfest allein gestemmt hätte, und sie plumpste auf den Küchenstuhl. Gehts dir noch ganz sauber? Wir haben zwei kleine Kinder! Dieter, bist du irre geworden? Ich habe dir unsere Kinder geboren, dich damals am Hauptbahnhof aufgegabelt, dir ein Hemd gebügelt, dich sattgefüttert und halbwegs gesellschaftsfähig gemacht. Während ich jeden Tag ins Büro gerannt bin, hast du dich zu Hause gesonnt und das Bier kaltgestellt
Für die Kinder bleib ich da, aber für dich reichts. Mir hängts bis obenhin raus, dass du jeden Abend mit einer Flasche aufkreuzt und so tust, als wäre das nurn Appetitanreger. Aber bei Sabine ist das anders die riecht nicht nach Alkohol. Die duftet wie Vanillekipferl! Du willst also wirklich zu Sabine? Weißt du überhaupt, wer das ist? Die ist aus Köln getürmt, da weiß doch kein Mensch, vor wem oder was die abgehauen ist! Viel Spaß, du Dussel. Aber Dieter hörte nicht mehr zu, knallte die Tür mit voller Wucht zu und war verschwunden.
Das hat Annegret endgültig umgehauen. Sie griff jetzt öfter zur nächsten Flasche. Im Nähatelier tauchte sie mit Kater und Augenringen auf, war zu zittrig für gerade Nähte und knöpfte Hemden wahlweise schief oder gar nicht zu. Wochen schlichen dahin. Annegret trank regelmäßig abends, vergaß manchmal das Kochen, und die Kinder ernährten sich tagsüber nur noch in der Kita.
Die Wohnung verwahrloste, überall roch es nach kaltem Rauch, in den Kochtöpfen wuchs Schimmel, die Kinder liefen herum wie kleine Streuner. Schließlich klingelte das Jugendamt der Familienhelfer kam, schnappte sich die Kinder und erklärte Annegret: Noch hast du eine Chance, alles in Ordnung zu bringen. Du hast einen Job, du hast eine Wohnung jetzt tu was!
Annegret nahm sich auf Arbeit ein paar Tage frei. Sie lag zwei, drei Tage platt auf dem Sofa und konnte sich kaum rühren. Aber sie schwor sich: Keine Flasche mehr! Am fünften Tag, als sie merkte, dass sie wieder Hunger hatte, aber vor allem keine Lust mehr aufs Fläschchen, wischte sie sich den Staub von der Seele und begann die Wohnung zu putzen. Sie stürzte sich wieder in die Arbeit und schmiss nach Feierabend die Putzlappen, statt die Sektkorken, in die Ecke.
Nach ein paar Monaten durfte sie ihre Kinder wieder bei sich haben. Das Jugendamt schaut nun öfter mal vorbei aber Annegret blieb standhaft, Alkohol hatte keine Chance mehr: Für ihre Kinder würde sie durchs Sauerland rennen. Und selbst als sie erfuhr, dass Dieter nun der Sabine einen Antrag gemacht hatte Annegret blieb bei sich. Es tat weh, sicher, immerhin hatte sie ihm Kinder geboren, acht Jahre mit ihm geteilt, und nie auch nur ans Standesamt gedacht.
Monate später stand Dieter mit einem blau geschlagenen Auge bei ihr auf der Matte: Anne, es tut mir leid… Die Sabine ist tatsächlich ihrem Ehemann abgehauen, der hat sie gefunden, mir eine verpasst und sie an den Haaren zum Auto gezerrt. Annegret lächelte schief: Dieter, danke für die Kinder und für die Lektion aber weiter gehst du alleine. Machs gut, und grüß Sabine von mir!Dieter wollte noch ein letztes Wort anfügen, aber Annegret schob die Tür mit einem festen Ruck zu. Sie lehnte sich kurz dagegen, lachte trocken über das absurde Schauspiel ihres Lebens, und holte tief Luft. Im Wohnzimmer standen die Kinder, drückten sich aneinander und schauten fragend zu ihr. Annegret breitete die Arme aus, nahm sie fest und spürte zum ersten Mal seit langem wieder diesen winzigen, zarten Aufbruch in sich.
Später am Abend, auf dem frisch gemachten Sofa zwischen Bauklötzen und Bastelkram, hörte sie den Regen ans Fenster trommeln und dachte: Das hier das bin ich jetzt. Nicht mehr die Frau an Dieters Seite, nicht die, die sich wegtrinkt oder auf jemanden wartet, sondern die, die bleibt. Für sich selbst, für die Kinder für ein Leben, das mit jedem neuen Morgen neu aufblühen kann.
Und als sie die Schlagzeilenblätter vom Küchentisch fegte und mit den Kindern einen Kakao kochte, war ihr, als hämmerte jemand von fern ans Fenster und rief: Das Glück, das du suchst, das kommt nicht zu dir das wächst dir jeden Tag ein Stück nach!
Annegret lächelte und diesmal schmeckte das Leben nach morgen.





