Es war Freitag. Johanna hatte einen anstrengenden Tag hinter sich. Sie musste noch einige Verträge abschließen und ein Gespräch mit der Geschäftsleitung führen. Außerdem sollte Johanna potenziellen Mietern verschiedene Wohnmöglichkeiten zeigen. Am Ende der Arbeitswoche fand sie, dass sie sich ein Abendessen im Restaurant verdient hatte.
Das Restaurant, für das sie sich entschied, war eines der besten in München. Oft wurden dort festliche Anlässe gefeiert. Auf dem Parkplatz vor dem Lokal standen stets neue und teure Autos. Ein kleiner Vorspeisenteller kostete so viel wie ein neues Abendkleid. Aber warum sollte sie sich so etwas verwehren? Der Restaurantleiter begrüßte Johanna freundlich und führte sie zu einem Tisch. Viele Gäste waren nicht da, im Hintergrund lief leise Musik, eine charmante Sängerin sang ein Lied.
Willkommen in unserem Restaurant. Darf ich Ihnen unsere Spezialität des Tages, eine Meeresfrüchtesuppe, empfehlen? fragte der Kellner höflich. Danke, vielleicht später. Würden Sie mir bitte erst ein Glas Wasser bringen? Johanna war eigentlich nicht durstig, wollte sich aber noch nicht gleich entscheiden. Sie wusste, dass es ein teures Restaurant war, aber so teuer? Es schien, als hätte die Mobilnummer weniger Ziffern als die Preise auf der Karte. Der Blick des Restaurantleiters blieb auf ihr haften wer bestellt schon nur Wasser in so einem noblen Lokal?
Auch das Personal warf ihr prüfende Blicke zu: Weiße Sneaker, die schon bessere Tage gesehen hatten, eine abgetragene schwarze Jacke mit ein paar Kratzern, und eine Handtasche, deren beste Zeit vorbei war.
Man tuschelte bereits, ob Johanna vielleicht eine Bettlerin sei. Sie tat währenddessen so, als studiere sie die Speisekarte aufmerksam. Garnelen in Sahnesoße dafür könnte ich meine Stromrechnung bezahlen Tiramisu zum halben Monatslohn? Das mache ich lieber selbst zu Hause. Schließlich fragte Johanna: Könnte ich vielleicht eine Bruschetta mit Käse und Birnen bestellen? Ich frage den Küchenchef, da dies eigentlich ein Frühstücksgericht bei uns ist, antwortete der Kellner höflich.
Nicht nur die Kellner und der Geschäftsführer musterten Johanna nun, alle Gäste warfen ihr Blicke zu. Hör zu, sagte der Manager leise zum Kellner, mach unserem Gast bitte deutlich, dass wir kein Schnellrestaurant sind, sondern ein gehobenes Restaurant. Beeil dich, sonst verlieren wir unsere anderen Gäste. Aber sie ist doch unser Gast, also muss ich sie bedienen, entgegnete der Kellner. Wenn du sie nicht auf der Stelle hinausbegleitest, brauchst du dir in München keinen neuen Job mehr zu suchen! Solche Leute will ich hier nicht!
Eine Dame am Nebentisch hatte das Gespräch mit angehört. Währenddessen versuchte Johanna, ihr Äußeres irgendwie noch aufzubessern. Ihr war klar, dass ihr Erscheinungsbild nicht gerade für ein Nobelrestaurant reichte. Da servierte der Kellner plötzlich einen Teller mit duftendem, zartem Fleisch, das mit Kirschsoße beträufelt war. Der köstliche Geruch durchströmte das gesamte Restaurant.
Entschuldigung, aber ich glaube, das ist nicht meine Bestellung, wandte Johanna ein. Keine Sorge, das ist auf Rechnung eines Stammgasts, erklärte der Kellner und zeigte auf die Frau am Nebentisch. Johanna hatte noch nie so etwas Leckeres gegessen. Die Fleischstücke zergingen ihr buchstäblich auf der Zunge. Neugierig blickte sie in die Karte und erschrak über den Preis. Es war ihr peinlich und sie wollte sich gleich bei der Frau bedanken, vielleicht sogar ihre Kontonummer erfragen, um den Betrag nach Lohnzahlung zurückzugeben.
Es tut mir leid, aber so etwas kann ich mir eigentlich gar nicht leisten. Das ist Ihr Geld, und ich bin Ihnen völlig fremd. Warum laden Sie mich dann zum Essen ein? fragte Johanna verlegen. Die Frau lächelte warmherzig.
Oh, ich verstehe, wie Sie sich fühlen. Mein Geld ist hart verdient. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, bei meiner Großmutter, da meine Eltern nach einem Autounfall früh gestorben sind. Sie lehrte mich, anderen mit Freundlichkeit zu begegnen. Ich habe jahrelang in mehreren Jobs gearbeitet und erst kürzlich mein eigenes Geschäft aufgebaut. Die Worte meiner Großmutter habe ich nie vergessen. Deshalb wollte ich Ihnen helfen, erklärte die Frau ruhig.
Nachdem Johanna gegangen war, rief die Frau den Geschäftsführer zu sich. Sie sind entlassen. Sie sollten Menschen nicht nach ihrer Kleidung beurteilen. Johanna war Ihr Gast, Sie hätten sie nie des Hauses verweisen dürfen. Bitte, das kommt nicht wieder vor, sagte der Mann reumütig. Nein, es reicht. Ab morgen sind Sie nicht mehr in meinem Restaurant beschäftigt. Ich dulde keine Mitarbeiter, denen Menschlichkeit fehlt.
Am Ende verstand Johanna, dass es im Leben nicht auf das Äußere oder den ersten Eindruck ankommt. Menschlichkeit und Mitgefühl sind das Wertvollste und jeder verdient eine respektvolle Behandlung.





