Als ich Kind war, hatte ich einen großen, leuchtenden Traum, der sämtlichen Platz in meinem Kopf beanspruchte: Ich wollte unbedingt Mutter werden. Als ich dann tatsächlich schwanger wurde, konnte ich es kaum erwarten, mein Baby endlich im Arm zu halten. Die Wehen setzten ein und ich wurde schnurstracks ins Krankenhaus nach München gebracht. Es wurde ein Junge! Meine Freude kannte wirklich keine Grenzen. Am späten Nachmittag brachte die Hebamme mir mein Bündel Glück winzig, mit einer Stupsnase und grauen Augen.
Plötzlich waren wir allein. Ich sah meinen Sohn an und versuchte, ihn einzuwickeln. Das dauerte wohl eine halbe Ewigkeit, vielleicht zehn Minuten zum ersten Mal überhaupt hielt ich ein Baby in den Händen und hatte panische Angst, etwas falsch zu machen.
Vorsichtig zog ich an den Enden des Stramplers, seine kleinen Beinchen wurden sichtbar. Warum auch immer, ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt größer, vielleicht mit einem kleinen Bart, wie Opas Kuckucksuhr. Er schlief seelenruhig. Ich streichelte seine Füßchen, Ärmchen, das Bäuchlein. Dann schloss ich die Augen, drückte ihn an mich und sog diesen einzigartigen Babyduft ein. Den Geruch meines eigenen Sohnes! Doch plötzlich überkam mich ein seltsames Gefühl meine innere Ruhe verabschiedete sich auf Nimmerwiedersehen, und in meinem Kopf wirbelten Zweifel herum wie Blätter im Oktoberwind. Irgendwie roch mein Junge doch ganz anders als erwartet. Es fühlte sich fast an, als würde ich das Kind einer anderen halten.
Kurz wollte ich einfach gehen. Verschwinden. Und nie wieder in dieses Zimmer zurückkehren! Aber wie könnte ich so ein hilfloses Würmchen im Stich lassen? Zwei Jahre hatte ich auf diesen Moment hingefiebert!
Das Krankenzimmer fühlte sich plötzlich an wie ein Kühlschrank. Ich rief nach einer Schwester, tat mein Bestes, das Baby irgendwie in die Windeln zu wickeln es war zum Verzweifeln! Und dann sollte ich auch noch stillen. Keine Ahnung, wie das geht, er wollte nicht mal richtig trinken. Er blinzelte zu mir hoch, noch unfähig, seine Augen scharf zu stellen aber ich hatte das Gefühl, er versucht mich zu erkennen. Als ich ihn vorsichtig an mich drückte, legte sich seine winzige Hand auf meine Schulter. Warm und weich. In dem Moment waren alle Zweifel weggefegt. Mein Sohn schlief friedlich in meinen Armen. Mein größter Wunsch war in Erfüllung gegangen: Ich war jetzt Mutter.





