Rache missglückt
Liselotte schlenderte gemächlich durch den leeren Flur eines modernen Stuttgarter Bürogebäudes. Nur das gedämpfte Klackern ihrer Absatzschuhe und das entfernte Summen des Aufzugs irgendwo am anderen Ende störten die Stille. Es war zehn vor acht, die Uhr an der Wand zeigte schon fast Feierabendstimmung na ja, für die anderen. Sie selbst hatte mal wieder beinahe zwei Stunden überzogen, aber das fühlte sich heute gar nicht mehr belastend an. Ein selten wohliges Gefühl der tiefen Zufriedenheit machte sich in ihr breit: Das Projekt, das sie die letzten drei Monate gequält hatte, war endlich abgeschlossen.
Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken zurück. Was war das bloß für ein Nervenkrieg! Der Kunde ein Exemplar besonderer Art: Heute wollte er so, morgen genau andersrum. Die Anforderungen änderten sich derart hektisch, dass die Leute aus der Abteilung schon witzelten: Wenn du seinen Namen hörst, erstmal tief durchatmen. Einigen Kollegen zuckte bereits nervös das Augenlid; so sehr ging das Dauerchaos an die Substanz.
Doch das war nun alles Vergangenheit. Der Vertrag ist unterschrieben, der Abschlussbericht verschickt, und damit würde es für alle Beteiligten ordentliches Weihnachtsgeld geben. Allein der Gedanke daran zauberte ihr ein Grinsen auf die Lippen endlich war mal Gerechtigkeit hergestellt.
Liselotte, Sie sind ja immer noch hier jetzt so spät?
Sie drehte sich um. Natürlich, wer sonst als Sebastian: Der junge Kollege aus der IT, der in letzter Zeit wie zufällig überall dort auftauchte, wo auch sie war. Immer wieder suchte er das Gespräch mal brauchte er eine Einschätzung zum Bericht, dann eine Meinung zur neuen Software, dann einfach nur einen Kaffee neben ihr.
Liselotte lächelte höflich. Sebastian war nett, aber mit gut zwanzig Jahren Altersunterschied wirkten seine Annäherungsversuche doch leicht unbeholfen. Sie schätzte seine Freundlichkeit, aber so ganz verstehen konnte sie nicht, warum er daran festhielt, obwohl es offensichtlich war, dass da nichts außer Kollegialität drin war.
Ja, ich war noch kurz beschäftigt. Das Projekt ist endlich erledigt, antwortete sie und bemühte sich um einen Tonfall, der zwar freundlich, aber nicht zu herzlich war.
Sebastian kam näher, die Hände in den Hosentaschen, der Blick irgendwo zwischen Fürsorge und Hoffnung auf Smalltalk.
Wow, Respekt! Man hat ja so einiges gehört Der Kunde soll recht äh eigen gewesen sein. Aber so lange im Büro zu hocken muss nicht sein!
Liselotte zog eine Augenbraue hoch. Eigen war noch diplomatisch ausgedrückt. Aber das alles fühlte sich jetzt gar nicht mehr so dramatisch an. Hauptsache, die Nummer ist gelaufen.
Na, jetzt kann wenigstens die ganze Abteilung durchschnaufen, entgegnete sie mit dem sprichwörtlichen Beamtenlächeln. Sie achtete penibel darauf, kein falsches Signal zu senden ein zu freundliches Wort und Sebastian träumte sich schon in die nächste Annäherung hinein.
Darf ich Sie nach Hause fahren? Ihr Auto steht doch in der Werkstatt, stimmts? Sebastian platzte fast, so schnell musste er sein Hilfsangebot loswerden. In seinen Augen funkelte Hoffnung, in seinen Bewegungen lag der Tatendrang eines Golden Retrievers, der darauf wartet, endlich den Ball zu holen.
Liselotte seufzte. Ach Sebastian wie ein junger Dackel, der unbedingt nützlich sein möchte. Klar, das war rührend. Aber sie wollte seine Träume nun wirklich nicht auch noch befeuern.
Danke, aber ich habe schon ein Taxi bestellt, erklärte sie betont sachlich und setzte sich in Bewegung.
Er jedoch blockierte höflich, aber entschlossen den Weg, die Hand zum Stopp ausgestreckt.
Das ist gefährlich!, rief er mit bemüht ernstem Blick. Man weiß doch nie, wer da fährt und in Stuttgart gibts auch dunkle Gestalten!
Überrascht blieb Liselotte stehen. Er meinte das eindeutig ernst, aber Sorgen um ihre Sicherheit waren nicht das, was sie brauchte schon gar nicht dieses halb verzweifelte Beharren darauf, ein paar Minuten mehr mit ihr zu verbringen.
Sebastian, ich bin erwachsen und habe die Fahrerin seit Jahren. Da passiert nichts. Außerdem wäre es unhöflich, die Frau unnötig warten zu lassen, erklärte sie im Tonfall einer Kindergärtnerin, die zum hundertsten Mal das gleiche erklärt.
Sie umkurvte den sichtlich geknickten Sebastian und marschierte Richtung Ausgang. Sie spürte seinen Blick im Rücken und stellte sich sein Gesicht halb gekränkt, halb verwirrt vor aber nett sein lohnt in der Hierarchie ihres Betriebs manchmal eben gar nichts.
Während sie den Flur entlangging, dachte sie darüber nach, wie schwer es manchmal ist, klare Grenzen zu ziehen. Hätte Sebastian nicht zufällig den Nachnamen des Finanzleiters getragen, wäre das alles viel unkomplizierter. Dann könnte man einfach freundlich sagen: Sorry, deine Bemühungen sind vergebens, such dir jemand aus der Kaffeeküche. Aber so musste sie diplomatisch jede Miene, jeden Satz abwägen.
Einerseits durfte sie ihm keine Hoffnung machen, andererseits konnte eine plumpe Abfuhr am Ende noch ein Fall fürs Betriebsratsprotokoll werden. Der gute Junge war es wohl gewohnt, immer ein Ja zu bekommen vor allem im Privaten. Wenn er wüsste, wie wenig die Karriereleiter für Sprösslinge ohne Rückgrat übrig hatte
Draußen atmete sie die kühle Abendluft tief ein. Das Taxi stand schon bereit, die Fahrerin nickte ihr aufmunternd zu. Sie stieg ein, musterte noch einmal das Bürogebäude und dachte: Hoffentlich fährt der nicht wieder wie neulich im eigenen Auto hinterher einmal Stalker-Marathon reicht.
Die Heimfahrt war exakt das, was sie brauchte: ruhig, predictable, keine schiefen Annäherungsversuche. Liselotte schloss die Augen und beschloss, den Sebastian-Komplex spätestens morgen während der Buchführung zu verdrängen
***
Die Feier zum dreißigjährigen Firmenjubiläum fand im teuersten Lokal der Stadt statt. Der Festsaal erstrahlte im Glanz tausender kleiner Lichterketten, das Buffet bog sich unter schwäbischen Spezialitäten, und aus den Lautsprechern dudelte dezente Feierabendmusik. Selbst die eingefleischten Zahlenmenschen ließen heute das Laptop zu Hause, redeten laut, lachten viel und prosteten schon lange nicht mehr nur mit Selters.
Liselotte hielt sich vom Mainstream fern und zog es vor, am Rand Mineralwasser zu schlürfen und hier und da mit Kollegen auszutauschen. Ein angenehmer Abend bis Sebastian in ihr Blickfeld geriet.
Je mehr Gläser, desto mutiger. Eben noch war er ein schüchterner Schatten schon wenig später wirkte er entschlossen, auf sie zuzusteuern. Die legendäre Mischung aus Übermut und Verzweiflung leuchtete ihm aus dem Gesicht.
Liselotte, ich habe mich entschieden: In einem Monat wird geheiratet. Wir wohnen bei mir, du kündigst, und wartest jeden Tag mit leckerem Kaffee!, rief er so laut, dass selbst der Ober kurz innehielt.
Alle Gespräche erstarben, Lächeln gefroren. Liselotte stockte der Atem. Was zum Teufel? Obwohl sie für einen Moment erwog, dass es sich um einen Gag handeln musste, ließ die bierernste Miene keine Zweifel offen.
Bevor sie abwehren konnte, beugte er sich in auffälliger Absicht zum Kuss vor. Liselotte zuckte so grausam zurück, dass beinahe das Glas umfiel.
Jetzt reichte es! Monate höflicher Abwehr, schiefe Lächeln, Hundeblicke alles, was Kollegen längst zum Flurfunkstoff gemacht hatten es musste raus.
Sag mal, tickst du noch ganz richtig? Wovon phantasierst du überhaupt?, schallte ihre Stimme über die versammelten Gäste.
Sebastian setzte an, aber da brach es schon aus Liselotte heraus:
Schluss jetzt! Deine ständigen Annäherungen sind peinlich ich hab dir x-mal klargemacht: Ich will nichts von dir! Dank dir muss ich Spott und Klatsch ertragen, Ausreden erfinden und mich verstecken
Je mehr sie redete, desto mehr wich die jahrelange Frust aus jeder Pore.
Weißt du was? Wenn du mich nicht in Ruhe lässt, kündige ich. Ich brauch keinen Job, bei dem ich mich von mutlosen Söhnchen belästigen lassen muss, nur weil ihre Eltern oben mitspielen!
Die ganze Belegschaft starrte. Als hätte jemand die Tanzmusik gestoppt, nur noch Liselotte und ihr Donnerwetter hallten durch den Saal. In ihrer Wut klang endlich ein wenig Erleichterung mit.
Sebastian stand wie vom Blitz getroffen. Die vorherige Coolness war einer Mischung aus Verlegenheit und Unverständnis gewichen.
Überlegs dir, sagte sie eisig, drehte sich um und verließ das Fest. Sebastian blieb im Scheinwerferlicht betreten zurück.
Im halbdunklen Korridor stand Liselotte am Fenster, atmete tief durch, Hände zitternd, Gedanken ein einziger Wirbel. Neben ihr ihre Kollegin, die verständnisvoll schwieg, bis Liselotte lospolterte:
Es macht mich wahnsinnig, dass ich diesen Bengel nicht einfach rausschmeißen kann, nur weil seine Mutter in der Geschäftsführung sitzt! Glauben Sie, ich finde keinen neuen Job? Ich bekomme regelmäßig Angebote. Zehn Jahre Berufserfahrung, Referenzen en masse und dann muss ich mir solche Frechheiten gefallen lassen!
Sie ballte die Fäuste. Ihr Spiegelbild zeigte eine Frau mit erhitzten Wangen und flammenden Augen.
Da wurde es laut hinter ihnen: Sie müssen nicht kündigen.
Hildegard von Schönfeld, die Geschäftsführerin stocksteif, strenger Blazer, preußische Disziplin von Kopf bis Fuß kam mit schnellen Schritten auf sie zu.
Für mein Kind entschuldige ich mich. Ich hätte nie gedacht, dass er so aus der Art schlägt. Morgen schicke ich ihn zum Standort Hamburg. Was er geleistet hat, geht zu weit.
Aus dem Festsaal erklang ein entrüsteter Ruf:
Ich bestimme selbst! Nach Hamburg geh ich nicht! Und du, Liselotte, ich vergesse das nie!
Sebastian, sichtlich angeschickert, kämpfte sich in den Flur. Seine Mutter warf ihm einen eiskalten Blick zu.
Er war zu lange an der Bar, verkündete sie diesmal an den herangeeilten Sicherheitsdienst. Bringen Sie ihn bitte hinaus. Und bitte: bis zum Wagen begleiten.
Der Sicherheitsmann tat wie geheißen, Sebastian wand sich, wurde aber von Mamas Kommandoton und Muskelkraft zum Ausgang dirigiert.
Hildegard wandte sich Liselotte zu, nun sichtlich erschöpft.
Es tut mir sehr leid. So etwas passiert kein zweites Mal. Versprochen.
Mit einem kurzen Nicken verschwand sie wieder im Festtrubel und ließ Liselotte und ihre Kollegin in der Flur-Drama-Nachspielzeit zurück
***
Mama, ich bin verliebt!, rief Emilie und platzte in die Stuttgarter Wohnküche. Ihre Augen glänzten reine Lebensfreude pur. Liselotte konnte sich der Welle der guten Laune gar nicht entziehen. Emilie ließ sich wie ein Hefekloß aufs Sofa plumpsen und sprudelte schon weiter: Er ist so aufmerksam, so nett einfach perfekt!
Liselotte stand mit Teetasse am Fenster und schmunzelte. Es war schön zu sehen, dass Emilie nach all den Tagen Trübsinn offenbar aufblühte.
Wie heißt denn der Glückspilz?, fragte sie unauffällig, obwohl es sie innerlich fast zerriss.
Sebastian!, hauchte Emilie verträumt und Liselotte verschluckte sich beinahe. Derselbe Name. Sie zwang sich zur Ruhe: All die Erinnerungen an das Büro, das Drama, der peinliche Skandal beim Fest sie musste neutral bleiben.
Und wann darf ich ihn mal kennen lernen?, fragte Liselotte, bemüht gefasst, obwohl sie am liebsten sofort einen FBI-Hintergrundcheck anberaumt hätte.
In einer Woche! Beim Geburtstag von Oma. Da sind ja sowieso alle da wir meinens echt ernst, Mama sogar über Hochzeit haben wir schon gesprochen.
Liselotte erstarrte, riss sich dann aber zusammen. Die Tochter wollte sie nicht mit alten Geschichten verstören. Erstmal abwarten, Fakten sammeln, nicht die Stimmung ruinieren
Ich bin gespannt, sagte sie mit diesem bestärkenden, aber etwas zu kontrollierten Lächeln. Ich freue mich, den Mann zu treffen, der meine Emilie so glücklich macht.
Emilie sprang auf, umarmte sie stürmisch. Du bist die Beste! Danke, dass ich mit dir über alles reden kann!
***
Samstags früh herrschte Hochbetrieb im Haus von Oma Gertrud: Es wurde gerührt, geknetet, gebacken, als hätte das SWR-Fernsehen seinen Bauer sucht Frau-Dreh angekündigt. Der Duft von Brezeln und Streuselkuchen zog durchs ganze Haus, der Musikant der Familie suchte den richtigen Sender für den Festtagstanz.
Kurz nach zwölf rollten die ersten Gäste an Tanten, Onkel, Cousinen, der halbe Großraum Reutlingen, plus Omis beste Freundinnen aus Jugendtagen. Schnell füllten sich die Zimmer, Stimmengewirr, und draußen vor dem Haus die ersten Wettläufe der Kleinen zur Schaukel.
Als der festliche Mittagstisch stand, fehlte nur noch Emilie von ihr ploppte eine Nachricht aufs Handy: Fangt ruhig an wir sind unterwegs! Oma lachte und winkte ab: Na dann, Prost! Die Nachzügler schaffen das auch noch zum Kaffee.
Endlich, als der Bienenstich schon fast leer war, flog die Tür auf: Emilie, strahlend wie ein Sommertag, am Arm na klar, Sebastian. Sie gab ihn gleich stolz als ihren Verlobten bekannt alle tuschelten und musterten das neue, frische Paar.
Liselotte starrte. Sie traute ihren Augen nicht: Das war der Sebastian aus der Firma der, der sie monatelang genervt und sich auf dem Jubiläumsevent öffentlich zum Gespött gemacht hatte. Sein Blick traf sie, ein schiefes Lächeln zuckte über sein Gesicht. Oh, er hatte sie nicht vergessen das war das Gesicht eines Mannes, der endlich glaubt, doch noch Triumph zu feiern.
Guten Tag, ich bin begann Sebastian, doch weiter kam er nie
Liselotte sprang auf, rot im Gesicht, und ließ ihre schwäbische Zurückhaltung weit hinter sich. Raus mit dir! Lukas, geleite den Herrn höflich, aber konsequent zum Hoftor! Wirklich, Sebastian, erst blamierst du dich im Komitee, nun willst du dich an meiner Tochter rächen?
Totenstille. Opa Josef guckte ratlos, die anderen starrten betröppelt auf die Tapete. Emilie rang schockiert nach Worten: Mama was meinst du denn?
Liselotte marschierte auf Sebastian zu, funkelte ihn an. Deine lächerliche Schauspielerei beim Jubiläum! Hildegard hat doch gesagt, du ziehst nach Hamburg! Und jetzt meinst du, meinen Familienfrieden sabotieren zu dürfen?
Sebastian lief kalkweiß an, setzte an zum Protest, aber Emilie wurde laut: Du hast echt versucht, was mit meiner Mutter zu starten?! Sag mal, ist das dein Ernst?
Sebastian stampfte, die Fäuste geballt, und fauchte Liselotte an: Du hast alles verdreht! Wie konntest du mich nur vor der Familie blamieren?
Da platzte der Knoten: Onkel Paul begann brüllend zu lachen, schlug sich auf die Schenkel, keuchte: Des glaubsch net! Ist das nicht der Knilch vom Fest? Au, das Video hab ich mir zehnmal angeschaut Käs, hab ich gelacht!
Nun war das Eis gebrochen. Erst zögerlich, dann voller Inbrunst prustete die ganze Gesellschaft los Omas Freundin musste das Sektglas abstellen, sonst wäre es ihr vor Lachen aus der Hand gefallen. Die kleinen Kinder kicherten, weil die Großen kicherten ein regelrechter Lachflash fegte durch die Verwandtschaft.
Emilie stand da, die Enttäuschung wich einer Erkenntnis: Der Sebastian mit den großen Worten, das war wirklich der Clown aus dem Handyvideo und das sollte nun ihre Zukunft sein? Der Gedanke war so schräg, dass auch sie nur noch lachen konnte. Erst schüchtern, dann mit wachsender Erleichterung.
Sebastian wurde derweil tiefer und tiefer in den Boden gekichert sein Plan, Rache zu nehmen, sich als Schwiegersohn zu präsentieren und endlich triumphieren zu dürfen, war buchstäblich in Gemeinderatsschmunzeln und Tantenlachern untergegangen. Ohne ein weiteres Wort stürmte er hinaus, warf die Hoftür so zu, dass sogar die Hühner erschraken und sich wohl noch heute daran erinnern.
Nachdem sich alle wieder beruhigten, klopfte Onkel Paul Emilie auf die Schulter: Ach, Schwätzle, lass dich nicht ärgern wir kennen da noch ein paar Kandidaten mit mehr Grips und weniger Theater!
Der Rest des Tages verlief so herzlich und albern, dass Emilie die noch vor Minuten der große Liebeskummer plagte am Ende selig lächelte. Sie spürte: Familie hat doch irgendwie immer Recht, selbst beim Hochzeitscasting.





