Monika, eine 67-jährige Dame mit mehr Lebenserfahrung als jeder Stadtarchivar in München, pflegte eisern ihre tägliche Runde im Englischen Garten. Doch just an diesem Dienstag, als die Sonne zaghaft zwischen den Kastanienbäumen hervorlugte, überkam sie eine überwältigende Traurigkeitdie Art, bei der man das Gefühl hat, selbst der Himmel trägt Trauerflor. Früher lief alles prächtig, die Familie war wie ein gut organisierter Stammtisch. Doch dann kam jener schicksalhafte Tag, der alles auf den Kopf stellte: Ihr Sohn, gerade noch am Anfang einer glänzenden Karriere in Frankfurt, erreichte sie die niederschmetternde Nachricht vom tragischen Todertrunken, ausgerechnet! Wie und warum, das blieb so undurchsichtig wie der Nebel über der Isar morgens um sechs.
Ihrem Mann, Rolf, ging das nahezu nahe. Die Trauer ließ ihn wortkarg und fahrig werden; oftmals verschwand er für Stunden, manchmal sogar Tage. Irgendwann wurde sein Name auf der Liste der Verkehrsunfälle geführt. Monika blieb mit gerade einmal 50 Jahren allein zurück, ohne familiären Rückhalt. Die Rente reichte zum Leben, aber eben nicht zum Leben, das muss man einfach so sagen. Zum Glück gab es noch Peter aus dem dritten Stock, diesen netten Kerl mit der Vorliebe für Käsekuchen, der mit schöner Regelmäßigkeit auf einen Plausch vorbeischaute.
An besagtem Tag, als Monika gerade den Rückweg von ihrem Bäcker um die Ecke, Konditorei Schmidt, antrat, sah sie einen Rettungswagen mitten in ihrer Auffahrt. Zwischen den Schaulustigen entdeckte sie Peter, der verzweifelt neben der Bahre seiner Mutter stand und sie inständig bat, die Augen zu öffnen. Ein Polizist winkte bereits einem Beamten vom JugendamtPeter sollte mitgenommen werden. Doch Monika, Couragiert wie sie war, trat vor, räusperte sich kräftig und bot kurzerhand an, den Jungen erstmal zu sich zu nehmen. Der Polizist kritzelte ihren Namen mit einer stoischen Miene in sein Notizbuch und murmelte etwas von demnächst zuständigen Behörden.
Ein ganzer Monat verging, bis das Jugendamt, wohl eher gemächlich als mit fliegenden Fahnen, bei Monika vorstellig wurde. In dieser Zeit hatten sie und Peter sich aneinander gewöhnt: Sie kochte ihm Spätzle statt Pommes und summte ihm alte Wiegenlieder aus ihrer Kindheit vor, bis ihm (und manchmal auch ihr selbst) die Augen zufielen. Als die Pedanten vom Amt schließlich auftauchten, trugen sie Gesetzestexte wie Schutzschilde vor sich her und erklärten, es sei doch äußerst schwierig, bei Monikas Alter offiziell die Verantwortung zu übertragen. Die Worte krochen rau und kalt durch die gute Stube, aber Monika wusste: Ohne Peter an ihrer Seite würde sie nie wieder inneren Frieden findenund ganz ehrlich, Köchin und Sängerin zu sein machte einfach mehr Spaß als einsame Spaziergänge durch den Park.





