Du liebst mich nicht!
Der Freitagabend versprach damals, vor all den Jahren, wahrlich keine Stürme. Draußen in einem typischen Wohnviertel von München brannten nach und nach die Fenster der Plattenbauten. Konstantin, gerade erst über dreißig, war soeben heimgekehrt in seine Wohnung im zwölften Stock. In den Händen trug er eine Papiertüte vom Supermarkt das übliche Wochenendeinkaufspaket: Camembert, den Annemarie liebte, luftgetrocknete Kaltwurst, Cherrytomaten, eine Flasche italienischen Rotweins und eine Schachtel Windbeutel mit Vanillecreme und Schokoguss auch die für seine Frau.
Im Flur herrschte eine merkwürdige Stille. Meist empfing Annemarie ihn mit viel Getöse, sprang ihm um den Hals, verlangte Rechenschaft über jede Minute außerhalb der Wohnung doch heute? Nichts. Keine Musik aus ihrem Zimmer, kein Poltern ihrer witzigen Hausschuhe mit Hasenohrenflair.
“Annemarie, ich bin da”, rief er, während er die Schuhe auszog und lauschte.
Stille.
Konstantin ging ins Wohnzimmer, stellte die Tüte auf den Couchtisch und steuerte das Schlafzimmer an. Dort bot sich ihm ein Bild, das ihn zusammenzucken ließ. Annemarie lag quer über dem großen Bett, das Gesicht in das Kissen gedrückt. Ihre kleinen Schultern bebten leise, die langen, dunklen Haare lagen zerzaust auf der Decke verstreut.
“Was ist los?”, fragte er vorsichtig, trat näher. “Ist etwas passiert?”
Sie drehte sich abrupt auf den Rücken. Rote, geschwollene Augen, schwarze Wimperntusche zerflossen über die Wangen ihr Blick ein stummer Vorwurf voller Schmerz.
“Du kannst es dir nicht denken?”, hauchte sie, die Stimme schwankte zwischen Flehen und Drama. “Mir gehts so schlecht, Konstantin. So schlimm, dass ich eigentlich nicht mehr leben mag.”
Er setzte sich auf die Bettkante, streckte fast automatisch die Hand nach ihrer Stirn aus. Doch Annemarie zuckte zurück wie vor einem Aussätzigen, verbarg sich unter den Armen.
“Was tut denn weh? Hast du Fieber?”, fragte er beherrscht, obwohl in ihm bereits, nach sechs Ehejahren, der vertraute Ärger zu brodeln begann.
“Mir schmerzt die Seele!” schrie sie auf, wälzte sich wieder ins Kissen und weinte lauter. “Und du, dir ist es völlig egal! Du kommst heim, schaust nicht mal nach mir, umarmst mich nicht, küsst mich nicht! Ich krepier vor Einsamkeit, und du läufst mit irgendwelchem Kram durch die Läden!”
Konstantin seufzte leise. “Annemarie, ich war nur im Laden, damit wir essen können. Die Windbeutel hab ich extra am Odeonsplatz geholt, wo sie frisch sind. Für dich.”
“Ach, Windbeutel!”, sie setzte sich, das Haar nach hinten geworfen, in den Augen aufgebrachte Triumph, als hätte sie ihn überführt. “Meinst du, du kannst mich mit Windbeuteln abspeisen? Du solltest mich in die Arme nehmen, mir sagen, dass ich die Schönste und Liebste bin! Aber stattdessen ein Tüte aus dem Supermarkt. Ich will überhaupt nichts, nur Aufmerksamkeit! Doch du für dich bin ich ein Nichts!”
Er schwieg, kämpfte mit der Wut. Er kannte dieses Theater, das Wechselspiel von Anklage, Pause, der Erwartung, dass er als Erster um Frieden bittet, sie umarmt, ihre Tränen trocknet, Buße tut über Vergehen, die er nie beging dann mit ihr Seite an Seite zur Küche geht, wo die Windbeutel warten.
Aber an jenem Tag war er müder als je zuvor. Der Chef hatte getobt, die Kunden das Lieferdatum gerissen. Konstantin hatte keine Kraft mehr für das Zirkusstück. Nicht körperlich, nicht seelisch.
“Annemarie, können wir nicht einfach in Ruhe zusammen essen?” Er stand auf. “Ich bin total erledigt. Lass uns zusammen einen Schluck Wein trinken und Windbeutel essen. Ganz normal reden.”
“Normal?!” Ihr Tonfall stieg ins Schrille. Sie sprang vom Bett, trommelte mit kleinen Fäusten gegen seine Brust: “Du bist müde? Ich etwa nicht? Heute hab ich Großputz gemacht, während du Kaffee mit deiner Sekretärin trankst! Mein Rücken tut weh, ich kann kaum stehen, und ein Tee von dir oder eine Frage, wies mir ging Fehlanzeige! Du bist ein Egoist! Ein gefühlloser Klotz!”
Konstantin hielt ihre schmalen Handgelenke fest sie wirkten zerbrechlich wie bei einem Kind. Früher hatte ihn ihre scheinbare Verletzlichkeit berührt, damals, als sie sich kennenlernten. Da hatte er nur an Schutz gedacht, nicht daran, wie das zum Bumerang werden könnte.
“Lass mich los, das tut weh!”, schrie sie. Er öffnete die Hände. Annemarie entfernte sich wimmernd ans Fenster, kehrte ihm den Rücken zu, starrte hinaus in die Lichter der Großstadt. Die Schultern zuckten.
Er atmete tief durch, ging in die Küche, entkorkte den Wein, schenkte sich ein Glas voll, kippte es hinunter, als würde es helfen. Dann schenkte er ein zweites, ging langsam zurück ins Schlafzimmer.
“Magst du einen Schluck?”, fragte er versöhnlich und reichte ihr das Glas.
Sie drehte sich abrupt um das Gesicht trocken, aber die Augen böse.
“Verschwinde”, zischte sie. “Du willst nur dein schlechtes Gewissen beruhigen, mich abfüllen, damit ich schweige! Du liebst mich nicht! Du bist nur noch aus Mitleid mit mir zusammen!”
“Wie kommst du denn darauf?” Er stellte das Glas auf die Kommode.
“Du weißt es genau!” Sie stand so dicht vor ihm, dass sie ihm mit dem Finger in die Brust picken konnte. “Ich seh doch, wie du mich ansiehst! Früher hast du mir Blumen gebracht, bist gerannt, um daheim zu sein. Jetzt ist dir nur die Arbeit wichtig. Bin ich Möbel?”
Er schwieg. Jedes Wort, das er sagen könnte, würde gegen ihn ausgelegt werden das war kein Streit, das war Jagd. Er war die Beute.
“Na schön”, sagte er schließlich. “Ich esse jetzt etwas. Wenn du willst, komm dazu.”
Er drehte sich um und verließ das Zimmer. In der Küche packte er Brot, Käse, Tomaten aus, schenkte sich noch Wein nach und bemühte sich, nicht darüber nachzudenken, wie das weitergeht.
Doch es kam, wie immer.
Fünf Minuten später stürmte Annemarie in die Küche, schnappte sich den Teller mit dem Käse und warf ihn zu Boden. Porzellan zerbarst in tausend Stücke, das Essen landete auf den Fliesen.
“Bist du verrückt?!” rief Konstantin aufgebracht.
“So siehts aus!” Sie stand mit hochrotem Kopf mitten in der Küche. “Sollst du mal merken, wie das ist, mich zu ignorieren. Während ich putze und warte!”
Sie griff nach der Weinflasche, aber er war diesmal schneller und hielt ihre Hand fest. Der Wein schwappte aufs Parkett, mischte sich mit den Scherben.
“Lass mich los!”, kreischte sie. “Lass mich los, Schwein!”
“Beruhig dich”, knirschte er und presste ihr Handgelenk so, dass sie kurz vor Schmerz schrie. “Genug jetzt!”
“Bist du wahnsinnig, was tust du da!”
Er ließ sie los, Annemarie rutschte auf dem feuchten Boden beinahe aus, konnte sich gerade noch am Fensterbrett abfangen. Konstantin sah sich das Chaos an, und alles, was er spürte, war Zorn.
“Schau an, was du angerichtet hast”, sagte er leise.
“Ich?! Das bist du! Wegen deinem Gleichmut! Wenn du ein richtiger Ehemann wärst, gäbs das nicht!”
Konstantin sagte nichts, griff zum Besen, begann, die Scherben zusammenzufegen. Annemarie stand daneben und beobachtete ihn, dann entriss sie ihm plötzlich den Besen, warf ihn ins Spülbecken und schrie erneut:
“Fass das nicht an! Jeder soll sehen, wie du wirklich bist! Jeder Nachbar soll wissen, was du mir antust!”
“Und was interessiert das die Nachbarn, Annemarie?”
“Die müssen wissen, welches Monster ich geheiratet habe!”
“Die sinds längst gewöhnt”, sagte er bitter. “Für die ist ‘Porzellantage’ bei uns Alltag.”
Tatsächlich, das waren keine Dramen mehr für die anderen. Das junge Paar nebenan, die mit Kind, hörten wohl aufmerksam zu, wenn Annemarie wieder Porzellan zerschlug. Manchmal hatte Konstantin den Eindruck, die Nachbarn machten das Radio sogar extra leiser.
“Du machst dich noch lustig über mich?!” Sie war außer sich.
“Nein, Annemarie. Mir ist nicht zum Lachen.”
Er stellte den Besen beiseite, verließ die Küche, ließ sich in einen Sessel fallen und schloss die Augen. Im Kopf rauschte es. Er dachte daran zurück, wie alles begann. Wie er Annemarie damals auf einer Geburtstagsfeier kennengelernt hatte. Sie war so lebendig und sprühend, so jung ein Einzelkind, von Eltern, die ihr alles schenkten. Die Mutter war pensionierte Lehrerin, der Vater besaß eine kleine, ertragreiche Autowerkstatt in Augsburg. Für ihre Tochter rannten sie stets, Wolldecken für jeden Wunsch. Wein, Geschenke, Aufmerksamkeit nur damit Annemarie lachte.
Schon beim ersten Kennenlernen hatte sie ihren Charakter gezeigt; zog ein Schmollmund, wenn er zu spät kam, warf im Café einen ihrer kleinen Anfälle, wenn sie den Kuchen nicht mochte. Doch Konstantin, von Liebe geblendet, sah in all dem nur Jugend, Sanftmut, Sensibilität glaubte, die Liebe würde alles verwandeln. Er irrte.
Nach der Hochzeit wurde es schlimmer. Annemaries Eltern zogen sich rasch zurück, das ganze Heer an Forderungen brach nun allein über ihn herein. Er sollte nicht nur Ehemann, sondern Mama, Papa, Kindermädchen und Entertainer auf einmal sein.
Sie erwartete ständiges Kümmern, Umsorgen, als wäre sie ein kleines Mädchen. Jeder Morgen begann mit Kaffee am Bett, Kuss auf die Nase, Kompliment als Warmstart des Tages. Jeder Abend: Annemarie auf seinen Knien, er musste ihr über die Haare streichen, ihr stundenlange Klagen anhören über einen “schweren Tag”, der aus Instagram-Scrollen und Gesichtsmasken bestanden hatte. Kleine Geschenke mussten unaufhörlich kommen, egal wie wertvoll, nur regelmäßig wie Vitamine. Süßes jeden Tag. Und wer einmal das Lieblingsjoghurt von der Liste vergaß, wurde Zeuge eines Weltuntergangs.
“Du liebst mich nicht!”, kreischte Annemarie dann. “Sonst würdest du meine kleinen Freuden nicht vergessen!”
Wollte er gegenhalten, dass Männer eben auch Arbeit und Alltag zu stemmen hätten, setzte sie zu Tränen an. Sie schluchzte, dramatisch und laut wie ein enttäuschtes Kind, und für die meisten Männer hieß das Nachgeben. Doch Konstantin wurde mit jeder Träne immer schlechter gelaunt. Er wusste: Das waren keine echten Tränen das war eine Taktik.
Mit der Zeit durchschaute sie, dass ihre Tränen nicht mehr wirkten; also erfand sie Schwächeanfälle und Unwohlsein.
“Konstantin, mir gehts so schlecht”, hauchte sie, schlängelte sich ins Bett. “Mein Herz sticht! Mir ist schwindlig. Sicher ist mein Blutdruck zu niedrig.”
Natürlich kümmerte er sich, maß den Blutdruck alles normal. Wollte er einen Arzt rufen, war das komischerweise nie nötig. Hauptsache, er saß daneben, küsste, machte Tee und fragte minütlich: Alles gut? Gehts besser?
Sie lag, stöhnte, schloss die Augen, kommandierte mit schwacher Stimme:
“Konsti, Decke nachziehen Wasser, aber lauwarm Sitz bei mir, ich habe Angst Massier meine Schläfen”
Er rannte um sie herum wie eine Krankenschwester, innerlich wütend vor Hilflosigkeit. Ging er kurz ins Arbeitszimmer, um Mails zu checken, folgte der Vorwurf:
“Jetzt lässt du mich allein sterben! Arbeit ist dir wichtiger als ich!”
Jedes Mal dieselbe Eskalation: Reagierte er nicht schnell genug, sprang sie vom Bett, plötzlich wie neugeboren, und raste in die Küche, um erneut Geschirr zu zertrümmern. Die Scherben wirkten fast wie Medizin.
“Warum diese Marotte mit der kaputten Küche?”, fragte er irgendwann müde.
“Was bleibt mir denn? Du hörst mich nur, wenn ich laut werde! Fragt sich, was billiger ist eine Therapiestunde oder zwanzig Teller.”
“Billiger? Schau dich um nach einem Jahr ist hier schon das dritte Service zerbrochen.”
“Wenn du mich nicht reizt, muss ich auch keine Teller werfen”, konterte sie frech.
Konstantin war erschöpft. Er wollte eine erwachsene Beziehung abends einfach Arm in Arm fernsehen, ruhig sein zu können, einen natürlichen Umgang; und nicht Sex als Belohnung oder Erpressungsmittel, keine kindischen Dramen.
Aber er wusste, sie war so geprägt. Ihre Eltern hatten es ihr beigebracht: Willst du etwas? Dann weine, trommele, zerstöre, und die Welt liegt dir zu Füßen.
Am nächsten Morgen, es war Sonntag, Annemarie schlief noch. Er stand früh auf, brühte Kaffee, saß lange am Küchenfenster, schaute in den grauen Münchner Himmel. Die Stimmung war hoffnungslos. Er beschloss, heute zum letzten Mal ernsthaft mit ihr zu sprechen.
Gegen elf kam sie, zerknittert, verquollene Augen, Bademantel. Sie sagte kein Wort, setzte sich zu ihm.
“Annemarie, wir müssen reden.”
“Worüber?” rief sie abweisend, ohne ihn anzusehen.
“Über uns. Dass ich so nicht kann.”
“Du kannst nicht? Nein, ich kann nicht! Ich kann nicht mit jemand leben, dem alles egal ist!”
“Hör dir selber zu. Weißt du, wie du wirkst? Wie ein bockiges Kind.”
“Ich bin also ein Kind? Wer macht hier sauber, kocht, versorgt dich?”
Er lächelte traurig. “Die Putzfrau ist zweimal die Woche da. Und Spiegeleier hast du in sechs Jahren vielleicht zehn Mal gemacht. Deine größte Sorge bist du selbst.”
“Wie kannst du!” Wütend stürzte sie auf, die Kaffeetasse lief über. “Ich versuche alles, und du bist undankbar!”
“Setz dich”, sagte Konstantin ruhig.
Sie hörte auf nicht gehorsam, eher neugierig auf das, was folgen würde.
“Ich habe dich geliebt”, sagte er. “Aber ich bin am Ende. Deine Dramen, die Scherben, das ewige Beweisen-müssen ich kann das nicht mehr. Ich wünsche mir eine Partnerschaft. Nicht Mutter und Kind.”
“Ich bin also schlecht?” Die Unterlippe zitterte, Augen füllten sich mit Tränen.
“Nicht schlecht. Aber du musst erwachsen werden. Auch mich mal hören, nicht nur dich. Deine Tränen und Wehwehchen sind Manipulation.”
“Manipuliere? Ich?” kreischte sie. “Ich bin krank vor Kummer! Deine Schuld”
“Immer, wenn du was willst, beginnst du zu weinen oder zu jammern. Sobald ich nachgebe, bist du gesund. Das ist kein Leiden das ist Erpressung.”
Sie starrte ihn an so etwas hatte sie noch nie gehört. Sonst gab er immer irgendwann nach. Heute blieb er fest.
“Du bist ein Monster!”, stieß sie hervor. “Du hast mich nie geliebt! Wolltest nur das Geld meiner Eltern!”
“Welches Geld? Wir leben in meiner Wohnung, die hab ich vor dir gekauft, und deine Eltern zahlen uns nichts, außer Geburtstagsgeschenken.”
“Du hast mich benutzt! Und jetzt willst du mich wegwerfen!”
Konstantin erkannte, dass jeder Versuch zwecklos war. Sie hörte nicht zu, hörte nur sich.
“Ich geh jetzt raus”, sagte er leise. “Ich brauch Luft.”
“Du gehst?! Du bist noch nicht fertig hier!”
“Für mich ist es gesagt, Annemarie.”
Sie packte eine bleischwere Vase und zertrümmerte sie auf dem Fliesenboden. Kristallsplitter verteilten sich überall.
Konstantin sah sie an, dann die Splitter. Sie erwartete, dass er kommt, tröstet, aufräumt, sie bemitleidet. Aber er schwieg.
“Möchtest du noch was zerbrechen?” fragte er ruhig.
“Was?”
“Mehr Geschirr? Wenn nicht, gehe ich jetzt.”
Er wich ihr aus, zog sich Jacke und Schuhe an. Sie stürmte hinterher, hielt ihn am Ärmel fest.
“Du gehst nicht! Du bist mein Mann!”
“Genau deshalb muss ich gehen”, antwortete er. “Ich kann dein Mann nicht mehr sein.”
Er trat ins Treppenhaus. Gegen die Tür flog etwas Schweres. Unten trat er nach draußen, lief ziellos durchs kühle München, trat gegen Herbstlaub, betrachtete die Menschen, fragte sich, wie alles so hatte kommen können.
Er kehrte in ein Café ein, bestellte Kaffee und Gebäck, setzte sich ans Fenster. Das Handy vibrierte permanent Annemarie, immer wieder. Dann Nachrichten: erst beleidigt, dann flehend, dann wieder wütend schließlich meldete sich die Schwiegermutter.
“Was erlaubst du dir? Wo bist du? Annemarie ist am Ende, ihr Herz tut weh. Komm sofort heim und entschuldige dich!”
Konstantin musste grinsen. Eine Mutter, die genauso manipuliert nur älter. Sie nahm immer ihre Tochter in Schutz, rechtfertigte jedes Verhalten. Sie hatte Annemarie zur kleinen Egoistin gemacht.
Er antwortete nicht, schaltete das Handy aus und bestellte Nachschub.
Als er spät nach Hause kam: Dunkelheit, Stille. Splitter und Scherben unbeachtet in der Küche. Annemarie lag mit abgewandtem Gesicht im Schlafzimmer und spielte Schlafen. Er weckte sie nicht, räumte die Kristallscherben weg, säuberte den Boden, schlief auf dem Sofa.
Am nächsten Morgen kam sie weinend ins Wohnzimmer, setzte sich, lehnte sich mit dem Kopf gegen seine Schulter.
“Konsti, es tut mir leid”, flüsterte sie. “Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Ich hab solche Angst gehabt, als du weg warst. Bitte bleib doch.”
Er sagte nichts.
“Ich liebe dich”, flüsterte sie. “Ich will mich ändern. Ehrlich. Dieses Mal gehe ich wirklich zur Psychologin schau, ich hab schon einen Termin!”
Sie streckte ihm das Handy mit der Bestätigung entgegen. Er seufzte.
“Versuch es”, sagte er. “Aber das ist deine letzte Chance.”
Sie küsste ihn, klammerte sich an ihn. Und wieder glaubte er fast daran, vielleicht nur, weil er nicht die Kraft hatte, an einen Neuanfang zu glauben. Es war beängstigend sechs Jahre wegzuwerfen.
Zwei Wochen ging es gut. Annemarie war zweimal bei der Psychologin, zeigte ihm ordentliche Notizen, riss sich zusammen, atmete tief durch, wenn sie merkte, dass eine Welle anrollte. Konstantin schöpfte Hoffnung.
Dann kam das Unvermeidliche. Er verspätete sich nach der Arbeit um eine Stunde, hatte sie telefonisch informiert. Doch als er heimkam, war sie wieder die Alte.
“Wo warst du?”, zetert sie.
“Ich hab doch Bescheid gesagt.”
“Halbe Stunde hast du gesagt jetzt bist du längst überfällig! Wo warst du diese letzte halbe Stunde?”
“Ich war mit einem Kunden im Gespräch, dann im Stau.”
“Lüge! Du warst bei ihr!”
“Bei wem?”
“Bei dieser Inga aus der Buchhaltung! Ich weiß alles!”
“Inga? Ich weiß nicht mal, wie die aussieht.”
“Du hast ihr schon einmal Kaffee besorgt! Mir hat das Max aus deinem Büro erzählt!”
“Max ist ein Tratschmaul. Ich hol öfter mal jemandem Kaffee. Das bedeutet gar nichts.”
“Für mich bedeutet das alles!” Sie brüllte. “Du liebst mich nicht! Du betrügst mich! Ich weiß es!”
Die Eskalation nahm ihren Lauf Tränen, Vorwürfe, Schreien, der Gang in die Küche, das große Zerdeppern: Diesmal traf es den erst neu gekauften Geschirrsatz.
Konstantin stand in der Küchentür und schaute zu, wie sie wild eine Schüssel nach der anderen zertrümmerte. Bums Splitter überall. Bums und noch eine. Am Ende lag fast alles in Trümmern.
“Annemarie, hör auf”, sagte er fertig. “Die Nachbarn schlafen längst.”
“Mir egal!” Sie holte zur letzten Schale aus sie rutschte ihr aus den Händen und blieb auf dem Boden liegen, nur ein leises Klirren.
Annemarie starrte das heile Porzellan an, dann ihren Mann, dann blieb sie reglos stehen da war plötzlich keine Wut, sondern Ratlosigkeit.
Er drehte sich um, ging ins Schlafzimmer, holte vom Schrank einen alten Koffer und begann, Sachen einzupacken. Jeans, Pullover, Socken, Handyladekabel, Laptop.
Sie erschien in der Tür, das Gesicht verschmiert, die Haare wirr, stand stumm.
“Was machst du?”
“Ich gehe”, antwortete er.
“Wohin?”
“Zu meiner Mutter. Zumindest solange du hier wohnst.”
Sie kam schluchzend näher, wollte ihn von hinten umarmen, doch er wich zurück.
“Lass das sein.”
“Konsti, bitte verzeih mir”, flehte sie. “Ich mach das nie wieder. Es sind die Nerven. Bitte geh nicht.”
Er stoppte nur kurz, blickte sie an all das hatte er schon hundertmal gesehen.
“Annemarie”, sagte er ruhig, “du wirst dich nicht ändern. So bist du eben. Ich kann nicht mehr.”
“Doch, ich kann mich ändern. Du gibst mir nie eine Chance!”
“Sechs Jahre lang habe ich dir Chancen gegeben. Ich bin ausgebrannt. In mir ist nichts übrig.”
“Und die Liebe?” flüsterte sie.
“Geliebt habe ich”, nickte er. “Sehr. Jetzt ich weiß es nicht mehr. Wahrscheinlich ist sie gestorben. An deinen Dramen, Scherben, Tränen, Manipulationen. Stück für Stück, jeden Abend ein bisschen mehr.”
Er nahm den Koffer und ging. Annemarie warf sich gegen die Tür, blockierte den Gang.
“Du gehst nirgendwo hin! Wie lange wohnst du bei deiner Mutter?”
“Solange, bis du ausziehst. Die Wohnung gehört schließlich mir, erinnerst du dich? Gekauft fünf Jahre vor dir.”
Sie wich zurück, als hätte er sie geohrfeigt. Er schritt hinaus, drückte den Fahrstuhl.
“Konsti!” schrie sie ihm nach. “Komm zurück! Ich kann nicht ohne dich! Ich sterbe sonst!”
Er stieg ein, drehte sich noch einmal um.
“Ruf doch den Notarzt, wenns dir so schlecht geht. Oder deine Mutter. Die bringt dir neues Geschirr.”
Die Fahrstuhltüren schlossen sich.
Konstantin fuhr durch die Nacht, ohne Ziel. Insgeheim ahnte er, wo er nicht hinwollte zur Mutter nicht, das gäbe nur Mitleid, Ratschläge, Fragen. Er kreiste durch Münchens Lichter, schaute aus dem Fenster auf leere Straßen, auf Laternen.
Das Handy klingelte pausenlos. Annemarie rief über zwanzig Mal an. Schließlich eine SMS: “Du wirst es bereuen. Ich lass das nicht auf mir sitzen.”
Er schaltete sein Handy aus.
Am nächsten Morgen erwachte er im Auto, irgendwo am Rand von Pasing. Nacken und Rücken schmerzten. Er fuhr ins Café, trank drei Tassen Kaffee, aß ein warmes Sandwich langsam kam Lebensmut zurück.
Einen Monat später wurde die Ehe geschieden. Annemarie weinte, bettelte, aber da war kein gemeinsames Kind, also ging alles rasch.
Manchmal träumte Konstantin noch von ihr: Im Bademantel, verzweifelte Augen, klammert sich an ihn, “Konsti, bitte, ich tue das nie wieder.” Er wachte schweißgebadet auf, starrte lange an die Decke.
Aber irgendwann ließ es nach.
Ein Jahr darauf begegnete er Nadja, sie kam neu ins Nachbarbüro. Trug randlose Brille, lachte leise, liebte schwarzen Kaffee ohne Zucker und verlor selten die Beherrschung. Wenn Nadja wütend war, schwieg sie und redete nach einer Pause in aller Ruhe weiter.
Konstantin war anfangs ängstlich. Jeder laute Ton, jede ruckartige Bewegung ließ ihn innerlich erzittern. Doch Nadja war anders. Sie schlug kein Geschirr, wurde nicht dramatisch, verlangte keine ständige Aufmerksamkeit.
Zwei Jahre später heirateten sie standesamtlich, ganz still, nur mit den Eltern. Am Tag der Hochzeit kam von Annemarie eine SMS: “Hoffentlich verreckt du, du Schwein.” Er las sie, lächelte müde und blockierte die Nummer.
Manchmal, im Supermarkt, blieb Konstantin vor den Regalen mit Geschirr stehen. Porzellanweiß, mal mit Blümchen, mal gläsern oder mit Rand. Und dann dachte er: Wie viele Teller hätte ich für die tausenden Euro kaufen können, die Annemarie in sechs Jahren zerdeppert hat?
Nadja kam, nahm ihn sanft an die Hand, fragte: “Worüber denkst du nach? Komm, wir müssen noch Milch holen.”
Er nickte, wandte sich vom Porzellan ab und folgte ihr.




