— Ich bin nicht dem Erbe wegen hier, — sagte er leise. — Ich habe nur… Sehnsucht gehabt.

Ich bin nicht wegen dem Erbe gekommen, sagte er leise. Ich habe dich einfach vermisst.

Hannelore Meier blickte ihren Sohn an und wusste nicht, was sie sagen sollte. Ein Kloß steckte ihr im Hals.

Fünf Jahre lang hatte sie sich auf diesen Moment vorbereitet, immer wieder überlegt, was sie sagen würde, wenn er zurückkam. Und jetzt stand sie einfach da und schwieg.

Zieh die Schuhe aus, brachte sie schließlich hervor. Du bist ganz durchnässt.

Martin zog die Turnschuhe aus. In seiner Socke klaffte ein Loch. Hannelore wendete den Blick ab es traten Tränen in ihre Augen.

In der Küche roch es nach Kartoffelsuppe. Heute hatte sie, wie so oft aus Gewohnheit, einen großen Topf gekocht. Ihr Mann schimpfte abends immer: Warum so viel für uns zwei? Aber Hannelore konnte nicht erklären, dass sie immer noch für drei kochte.

Setz dich. Iss etwas.

Ich hab keinen Hunger, Mama.

Setz dich, sagte ich.

Sie füllte den Teller bis zum Rand. Martin aß schweigend, gierig. Wann hatte er das letzte Mal richtig gegessen? Hannelore setzte sich ihm gegenüber und sah ihn einfach an.

Wo arbeitest du jetzt?

Aufm Bau. Hilfsarbeiter.

Und dein Abschluss? Du hast doch auf Ingenieur studiert.

Das Diplom liegt zu Hause. Keiner braucht einen Ingenieur ohne Erfahrung.

Sie erinnerte sich, wie er sein Diplom verteidigt hatte. Ein Einser-Abschluss. Große Pläne damals, ein eigenes Büro, Erfolg, Reisen. Und jetzt Bau, Hilfsarbeiten.

Bist du verheiratet?

Nein.

Hast du eine Freundin?

Hatte. Ist vorbei.

Antwortete, als wäre sie ihm fremd. Hannelore stand auf, holte Frikadellen aus dem Kühlschrank. Von vorgestern, aber noch gut.

Ich erinnere mich, als Kind mochtest du sie immer am liebsten mit Kartoffeln.

Wirklich, Mama, das ist nicht nötig.

Doch sie hatte die Pfanne schon auf der Herdplatte. Ihre Hände zitterten. Ihr Sohn war zu Hause Nach fünf Jahren war Martin wieder zu Hause.

Wo ist Papa? fragte Martin.

Im Schrebergarten. Er kommt morgen zurück.

Ist er noch sauer?

Nein. Schon lange nicht mehr. Er wartet auf dich.

Das stimmte. Ihr Mann stand oft vor Martins altem Zimmer und blieb dort einen Moment, als horchte er hinein.

Das Zimmer war noch unverändert die Poster an der Wand, die alten Bücher im Regal. Sie wischten nur den Staub ab, rührten nichts an.

Und wie gehts Sabine? fragte Martin nach seiner Schwester.

Gut. Sie hat geheiratet. Einen Sohn bekommen.

Einen Sohn? Er blickte auf. Wie heißt er?

Kilian. Drei Jahre alt.

Martin lächelte zum ersten Mal an diesem Abend.

“Onkel Martin”. Klingt komisch.

Sie hat dich auch vermisst. Fragt immer nach dir.

Wirklich?

Natürlich, du bist ihr Bruder.

Die Frikadellen bruzzelten in der Pfanne. Hannelore schnitt Brot auf. Ihre Hände zitterten weniger.

Mama, ich wollte mich entschuldigen.

Wofür?

Für alles. Für den Streit damals. Was ich gesagt habe. Für die fünf Jahre.

Sie erinnerte sich an jedes Wort jenes Streits. Martin hatte geschrien, er wolle die Wohnung nicht mit Sabine teilen. “Verkauft sie, schenkt sie her, mir doch egal! Ich komme schon alleine klar!” Dann war die Tür zugeknallt, so hart, dass der Putz abblätterte.

Du warst jung und stur.

Ich war dumm. Dachte, ich schaff alles allein. Dass ich eure Hilfe nicht brauche. Und am Ende

Er schwieg. Hannelore schaltete die Herdplatte aus, legte die Frikadellen auf einen Teller.

Iss.

Mama, ich meine es ernst. Ich habe oft daran gedacht, anzurufen oder zu kommen. Aber ich konnte nicht. Ich habe mich geschämt.

Und jetzt?

Martin schwieg einen Moment. Dann sagte er:

Sebastian ist gestorben

Sebastian sein Freund aus Schulzeiten. Sie lernten zusammen, gingen auf dieselbe Uni.

Wann?

Vor einem Monat. Autounfall. Ich war auf der Trauerfeier und habe seine Mutter gesehen. Wie sie mich ansah

Da kam mir der Gedanke was, wenn dir etwas passiert, Mama? Und ich nicht einmal Tschüss gesagt habe.

Hannelore setzte sich neben ihn. Sie nahm seine raue, schwielige Hand.

Jeden Tag habe ich auf dich gewartet. Jeden einzelnen Tag.

Ich weiß. Nachbarin Rosi hats mir erzählt. Dass du oft an meiner Wohnung vorbeigegangen bist.

Bin ich. Habe Licht gesehen. Wollte klingeln, aber

Aber der Stolz nicht zuließ.

Es war nicht der Stolz, Martin. Es war Angst. Angst, dass du die Tür nicht aufmachst.

Martin drückte ihre Hand.

Ich hätte sie immer geöffnet. Immer.

Sie saßen in der stillen Küche Hand in Hand. Draußen regnete es. Irgendwo knallte eine Haustür Nachbarn kamen von der Arbeit heim.

Komm doch nach Hause zurück, sagte Hannelore.

Mama

Dein Zimmer wartet auf dich, alles so wie damals.

Ich kann nicht. Ich hab damals gesagt, ich schaffe das alleine. Muss mein eigenes Geld verdienen.

Martin, was spielt das noch für eine Rolle, was du damals gesagt hast? Du bist mein Sohn. Das bleibt dein Zuhause.

Er schüttelte den Kopf.

Noch nicht. Es ist noch nicht an der Zeit.

Und wann ist es an der Zeit?

Wenn ich wieder mit erhobenem Kopf herkommen kann. Mit geregeltem Job, mit Geld. Nicht als Schmarotzer.

Du bist kein Schmarotzer. Du bist mein Sohn.

Mama, bitte. Ich muss es allein schaffen. Mir selbst beweisen, dass ich was wert bin.

Hannelore wollte widersprechen, doch als sie in seine Augen blickte, wusste sie: er war und blieb stur wie immer.

Schon mit 25. Schon mit 15. Schon mit fünf Jahren, als er den Grießbrei verweigerte.

Dann bleib wenigstens heute Nacht.

Das geht nicht. Ich muss früh raus.

Er stand auf, Hannelore auch.

Warte.

Sie holte ein Päckchen aus dem Schrank im Schlafzimmer dicke Wollsocken, die sie im letzten Winter gestrickt hatte. Für ihn, auch wenn sie es sich nie eingestand.

Nimm die.

Mama

Nimm sie, sagte ich. Es wird schon kalt draußen.

Martin nahm das Bündel. Im Flur zog er die Jacke an und schlüpfte in die Schuhe. An der Tür zögerte er.

Darf ich ab und zu mal vorbeischauen?

Was für eine Frage! Natürlich. Das ist doch dein Zuhause.

Grüß Papa von mir. Und Sabine. Sag ihr, ich komme mal vorbei und schaue mir meinen Neffen an.

Das mache ich.

Er öffnete die Tür doch er zögerte, zu gehen.

Mama, ich ich habe dich wirklich sehr vermisst.

Ich dich auch, Junge. Ich dich auch.

Die Tür fiel ins Schloss. Hannelore lehnte sich gegen die Wand, Tränen liefen ihr die Wange hinab. Aber diesmal waren es andere Tränen nicht von Schmerz, sondern von Erleichterung. Ihr Sohn war zurück. Nicht ganz, noch nicht vollständig, aber er war wieder da.

In der Küche stand noch der leere Suppenteller und der Teller mit unberührten Frikadellen. Sie packte die Frikadellen in Alufolie ihr Mann würde sie morgen essen.

Im alten Zimmer von Martin knipste sie das Licht an. Wischte den Staub vom Schreibtisch, zog die Decke glatt. Morgen sollte sie mal die Bettwäsche frisch machen man weiß ja nie.

Denn sie wusste er würde wiederkommen. Vielleicht nicht schon morgen, vielleicht nicht in einer Woche, aber er würde zurückkommen. Und sie würde warten. So lange, wie nötig.

Am nächsten Morgen kam ihr Mann, Hans, früher als üblich vom Schrebergarten zurück. Hannelore bereitete gerade das Frühstück vor, als die Haustür ins Schloss fiel.

Hans, du bist aber früh dran.

Er stand in der Küchentür. Sie sah gleich: Er wusste schon Bescheid.

Rosi hat angerufen. Sie hat Martin gestern gesehen, als er zu uns ging.

Nachbarin Rosi das halbe Viertel wusste dank ihr Bescheid, wenn irgendwo was passierte.

Ja, er war da, Hannelore schnitt weiter das Brot.

Und?

Wir haben gesprochen. Er hat gegessen, dann ist er wieder gegangen.

Hans setzte sich schwer an den Tisch, als sei er plötzlich zehn Jahre älter geworden.

Wird er wiederkommen?

Weiß nicht. Er hat gesagt, er wird ab und zu vorbeischauen.

Drängst du ihn?

Ich habe ihn gebeten. Er will noch nicht. Sagt, es ist zu früh.

Hans grunzte.

Stolz. Hat er von mir.

Von uns beiden. Wir sind beide stolz, Hans.

Sie aßen lange schweigend. Schließlich sagte Hans:

Ich geh zu ihm. Weißt du, wo er wohnt?

Weiß ich. Aber warte noch. Er kommt selbst, wenn er bereit ist.

Wir haben fünf Jahre gewartet.

Dann warten wir eben noch.

Sabine rief an. Aufgeregte Stimme:

Mama, stimmt es, dass Martin gestern da war?

Woher weißt du das?

Tante Rosi hat es Kilian auf dem Spielplatz erzählt und der mir weiter. Stell dir vor, ein Dreijähriger verbreitet hier die Neuigkeiten!

Ja, er war hier.

Und wie gehts ihm? Was hat er gesagt? Warum hat er mich nicht angerufen?

Es geht ihm Er ist nur sehr dünn. Er lässt grüßen. Er will euch bald besuchen und Kilian kennenlernen.

Mama, aber hat er uns vergeben?

Hannelore schwieg. Hatte er vergeben? Oder war er einfach müde, wütend zu sein?

Ich weiß es nicht, Sabine. Aber er ist zurückgekommen. Das ist das Wichtigste.

Eine Woche später kam Martin wieder. Am Sonntag, vor dem Mittag, mit einer Tüte Äpfel.

Hab sie auf dem Markt gesehen, Boskop. Du magst die doch.

Hans traf ihn im Flur. Sie standen einen Moment nur da und dann umarmten sie sich wortlos. Hannelore wandte sich ab, um nicht zu weinen.

Beim Mittag ging es um Belanglosigkeiten Wetter, Preise, die Politik. Niemand sprach aus, was sie alle bewegte die verlorenen fünf Jahre. Als hätte es sie nie gegeben.

Wird aufm Bau wenigstens anständig bezahlt? fragte Hans.

Es reicht.

Wenn du irgendwas brauchst

Nein, Papa. Ich komm klar.

Nach dem Essen half Martin beim Abräumen, wie früher, vor dem Streit.

Fährst du zu Sabine? fragte Hannelore.

Beim nächsten Mal. Ich fühle mich noch nicht bereit.

Sie wartet auf dich.

Ich weiß. Ich brauche nur noch etwas Zeit.

Bald kam Martin jeden Sonntag. Brachte Obst mit, mal Schokolade. Hannelore kochte Sommersuppen, Frikadellen und Krautkuchen seine Lieblingsspeisen.

Am vierten Sonntag kam Sabine mit Kilian.

Ich halts nicht mehr aus, sagte sie an der Tür. Ich muss meinen Bruder sehen.

Martin erstarrte im Wohnzimmer. Sabine auch. Sie sahen sich an.

Hallo, sagte er.

Hallo, Dussel.

Sie fiel ihm um den Hals, und Hannelore sah, dass Martins Schultern zitterten.

Mama, warum weinst du so? Kilian zupfte Sabine am Rock.

Ach, Kilian, das sind Freudentränen.

Und wer ist das? zeigte Kilian auf Martin.

Das ist Onkel Martin. Mein Bruder.

Kilian trat an ihn heran, schaute auf.

Warum hab ich dich denn noch nie gesehen?

Ich war lange verreist.

Wohin denn?

Ins Ausland. Dienstreise, sozusagen.

Und jetzt bist du zurück?

Ja, jetzt bin ich zurück.

Für immer?

Martin sah zu seinen Eltern, zu Sabine. Ich weiß es noch nicht.

Beim Tee erzählte Sabine von ihrem Leben. Vom Mann, von der Arbeit, von Kilians Kindergarten.

Martin hörte zu und lächelte. Kilian saß auf seinem Schoß und zeigte ihm seine Spielzeugautos.

Onkel Martin, hast du ein Auto?

Nein.

Warum nicht?

Kein Geld für eins.

Wann hast du welches?

Weiß ich nicht.

Papa sagt, man muss viel arbeiten, dann gibts viel Geld.

Da hat er recht.

Am Abend, als Sabine mit ihrer Familie ging, half Martin noch beim Abwasch.

Mama, darf ich was fragen?

Natürlich.

Die Wohnung von Oma. Habt ihr sie verkauft?

Hannelore erstarrte mit einem Teller in der Hand.

Nein. Wir vermieten sie.

Und das Geld?

Geht hälftig an Sabine und dich, so wie Oma es wollte.

Martin nickte.

Das ist richtig so.

Martin, falls du Geld brauchst

Brauch ich nicht. Ich wollte nur wissen, ob alles mit rechten Dingen zugeht.

Sie stellte den Teller ab.

Weißt du, die letzten fünf Jahre habe ich oft an diesen Streit gedacht. Ob wir Fehler gemacht haben. Ob wir es hätten anders regeln sollen.

Nein, Mama. Ihr habt alles richtig gemacht. Ich war der Dumme. Dachte, als ältester Sohn stünde mir mehr zu.

Du warst verletzt.

Ich war gierig. Dachte, weil ich den besten Abschluss hatte, sei ich was Besonderes. Aber das Leben hat mir gezeigt ohne euch bin ich nichts.

Sag so was nicht.

Doch, Mama. Es stimmt. In diesen fünf Jahren hab ich viel verstanden. Dass Stolz Blödsinn ist. Dass Familie wichtiger als Geld ist. Ich habe das Wertvollste verloren wegen ein paar Quadratmetern.

Hannelore umarmte ihn.

Du hast deine Familie nicht verloren. Wir sind da. Wir haben gewartet.

Ich habe das nicht verdient.

Doch. Du bist mein Sohn. Das reicht.

Einen Monat später verlor Martin seinen Job. Das Bauprojekt wurde gestoppt, alle Arbeiter entlassen.

Ich finde was Neues, sagte er am Telefon.

Komm nach Hause.

Mama

Martin, jetzt reichts. Komm nach Hause. Von hier aus suchst du weiter.

Ich überlege.

Eine Woche später rief Hans an.

Pack ein. Ich hol dich morgen, helfe beim Umzug.

Papa, ich hab doch gar nicht gefragt.

Ich biete auch nichts an. Ich sags nur. Ich komme morgen um zehn.

Es war nicht viel einzupacken zwei Koffer mit Kleidung, eine Kiste Bücher, das Notebook. Fünf Jahre passten in den Kofferraum des alten VW Golf.

Das alte Zimmer begrüßte ihn mit dem gleichen Poster an der Wand, den alten Schulbüchern im Regal. Als wäre er nie fort gewesen.

Danke, Mama.

Wofür?

Dass ihr alles aufgehoben habt.

Wohin damit? Es ist immer dein Zimmer.

Am Abend versammelten sie sich alle Sabine mit Mann und Kilian, Hans, Hannelore, Martin. Hannelore deckte feierlich den Tisch.

Auf die Rückkehr! Hans hob sein Glas.

Auf die Familie! rief Sabine.

Martin schaute sie alle an und konnte es kaum glauben. Fünf Jahre Wut, Kränkung, Starrsinn und jetzt war er wieder hier. Zu Hause.

Ich habe einen neuen Job, platzte er heraus. Ingenieur. Noch Junior, aber immerhin.

Wann? rief die Mutter.

Gestern Vorstellungsgespräch, heute der Anruf: ich fange an.

Warum hast du nichts gesagt?

Ich wollte euch überraschen.

Hannelore weinte. Hans umarmte sie.

Ach Mama, freu dich doch!

Ich freue mich. Ich weine vor Glück.

Kilian kletterte wieder auf Martins Schoß.

Onkel Martin, bist du jetzt für immer zu Hause?

Martin sah seine Familie an. Seine Mutter mit verweinten Augen. Seinen Vater, ernst und stolz. Seine Schwester, die in der Stille vergeben hatte. Den Neffen, für den er immer der große Onkel war und bleibt.

Für immer, mein Kleiner. Jetzt bleibe ich.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

— Ich bin nicht dem Erbe wegen hier, — sagte er leise. — Ich habe nur… Sehnsucht gehabt.
Ein Verehrer schlug vor, bei -20 Grad spazieren zu gehen, weil „im Café sitzen nur Schmarotzerinnen“ – da habe ich nicht lange überlegt…