Kollegin
Mädels, wer war nochmal dran mit Aufräumen im Pausenraum? Sabine stellte ihre Kaffeetasse auf den Tisch und drehte sich zu ihren Kolleginnen um. Wie oft denn noch? Ich habe doch gestern erst alles sauber gemacht und heute sieht es schon wieder aus wie auf einem Schlachtfeld! Ist es denn so schwierig, seine Tasse mal selber zu spülen und zurückzustellen?
Wir hatten so viel zu tun. antwortete leise Annika und verschwand gleich wieder hinter ihrem Bildschirm. Herr Dr. Schuster kam doch gerade rein, als wir Pause gemacht haben. Er hat nach den letzten Berichten gefragt. Da haben wir halt nicht mehr aufräumen können.
Und danach? schnaubte Sabine weiter. Mussten wir dann alle sofort zum Date, oder was? Oder meint ihr, ich sei euer Dienstmädchen?
Frau Hannelore stand stumm auf und ging zur Tür.
Lass mal gut sein, Hanne. Ich hab schon alles gemacht. Sabine wartete, bis die Kollegin die Tür erreichte, dann rief sie ihr noch nach: Merk dir fürs nächste Mal: Tee trinken schön und gut, aber danach auch bitte selbst sauber machen.
Hannelore setzte sich wortlos wieder an ihren Platz, griff sich einen neuen Aktenordner und warf Annika einen kurzen Blick zu. Beide hatten gehörigen Respekt vor Sabine. Sie war konsequent, kompromisslos, galt als Koryphäe auf ihrem Gebiet und hatte deshalb eigene Ansichten und keine Angst davor, Job oder Ansehen zu verlieren im Gegensatz zu Annika, die gerade erst im Berufsleben stand, oder zu Hannelore, die kurz vor dem Ruhestand war. Sabine wusste immer genau, was sie wollte. Annika blickte fast ehrfürchtig zu ihr auf, Hannelore gab sich neutral und war sich bewusst, wie viel im Team von Sabine abhing, die erst seit kurzem Abteilungsleiterin war.
Für einen Moment herrschte Stille im Büro. Alle versuchten sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, aber wirklich gelang es keiner.
Hannelore hatte seit dem Morgen Kopfschmerzen. Das Wetter machte ihr immer mehr zu schaffen und die Schmerzphasen wurden häufiger. Zum Arzt zu gehen, traute sie sich nicht sie wusste schon, dass sie dort nichts Positives hören würde. Außerdem hatte sie kaum Zeit: Ihr jüngerer Sohn fiel wieder mal in der Schule auf, die Lehrer riefen fast täglich an. Ihre ältere Tochter steckte mitten im neuen Beziehungsdrama, stritt sich aber ununterbrochen mit ihrem Ex-Mann. Auf der Strecke blieb nur ihr kleiner Enkel, der zurzeit bei Hannelore lebte. Sie holte ihn vom Kindergarten ab, verbrachte Abende mit ihm, brachte ihm Lesen, Schreiben und Rechnen bei nächstes Jahr sollte Leon nämlich eingeschult werden, aber irgendwie kümmerte sich sonst niemand so richtig darum, alle hatten ihre eigenen Probleme. Hannelore sehnte sich nach einem einzigen ruhigen Abend, ein Buch zur Hand nehmen, eine Lieblingssendung schauen, nicht mit einem Ohr auf die Tür achten, ob gleich wieder jemand kommt, der ein Problem hat. Sie hoffte, dass ihr Ex-Mann bald von der nächsten langen Geschäftsreise zurückkäme. Vielleicht würde sie dann den Sohn für ein paar Tage dorthin schicken, ihre Tochter bitten, Leon wenigstens mal für ein Wochenende zu nehmen und sie selbst könnte eine Pause machen. Die Scheidung von Paul war damals ohne Skandal abgelaufen. Er hätte gerne weitergestritten, aber Hannelores Standpunkt war klar:
Paul, wir waren fast zwanzig Jahre verheiratet. Es war eine gute Zeit, ich kann mich nicht beschweren, aber lass uns das jetzt so beenden, wie wir zusammengelebt haben: in Würde und Respekt. Solange wir die Kinder gemeinsam begleiten, ist doch alles gut. Ich weiß übrigens längst von deiner neuen Freundin und dass sie schwanger ist.
Woher?
Sie hat mich angerufen und es mir selbst gesagt.
Und du nimmst das so hin?, fragte Paul perplex.
Was bleibt mir anderes übrig?, antwortete Hannelore ruhig. Nein, glücklich macht mich das nicht, aber ich respektiere dich dafür, dass du Verantwortung übernimmst. Wenn du die Entscheidung für die neue Familie triffst, dann ist das so.
Natürlich blieb ein bitterer Nachgeschmack. Es tat weh, dass ihre Familie gerade jetzt, zum gefühlten Herbst des Lebens, zerbrach. Ein Neuanfang schien unnötig und zu spät zu sein, und vielleicht war es einfach sinnvoller, sich weiterhin um die Kinder zu kümmern und das Übrige still zu akzeptieren. Paul würde nun nochmal Vater, vielleicht erlebte er durch das neue Kind sogar seinen zweiten Frühling. Hannelore schob ihre Enttäuschung beiseite: Was hätte sie gewonnen, wenn sie sich nun darin suhlte?
Die Geburt ihres Enkels lenkte sie ab und brachte neuen Sinn in ihr Leben, trotz aller Erschöpfung. Ihre Tochter war für das Mutterdasein einfach zu unvorbereitet.
Mama! Das ist doch dein Enkel! Du musst mir helfen! Wer, wenn nicht du?
Und so nahm Hannelore eine weitere Tablette gegen Kopfschmerzen und hetzte nach der Arbeit zu ihrer Tochter, um Leon zu übernehmen. Ihr jüngerer Sohn lebte schon längst sein eigenständiges Teenager-Leben, für sie war da kein Platz mehr. Hannelore hatte erkannt, dass sie ihre Kinder früher nicht genug begleitet und keine tiefe Verbindung aufgebaut hatte. Jetzt waren sie eher auf das Bankkonto und gelegentliche Gespräche reduziert. Sie versuchte, wenigstens jetzt für sie da zu sein, auch wenn es kaum mehr verlangt wurde.
Annika hatte es ganz anders erwischt. Sie war das späte Wunschkind ihrer Eltern, mit Liebe überschüttet, ihre Kindheit war voller Zuwendung und Zauber. Ihr Vater war ein führender Beamter in der Stadt, und Annika bekam alles, wovon ein Mädchen dieses Alters nur träumen konnte. Sie tanzte, sang, spielte Gitarre, besuchte die Kunstschule und sprach hervorragend Englisch. Man hielt ihr eine sorgenlose Zukunft offen, doch dann starb ihr Vater mit Anfang fünfzig an einem Herzinfarkt. Ihre Mutter heiratete schnell wieder und zog in eine andere Stadt, ließ Annika die zentrale Wohnung, ein ordentliches Sparkonto für das Studium und den Rat zurück: Sei glücklich! Ab jetzt liegt alles in deiner Hand.
Annika war klug genug, um nicht in Panik auszubrechen. Sie bat den alten Freund ihres Vaters, einen Anwalt, um Rat, rechnete aus, wie weit sie mit dem Ersparten kommen würde, brachte in Erfahrung, wie man Rechnungen bezahlt und Behördengänge erledigt. Zwei Universitäten suchte sie sich heraus, die ihr neben dem Studium auch eine Möglichkeit zum Nebenjob boten. Sicher war sie sich, finanziell durchkommen zu können, wenn sie haushaltete. Also setzte Annika ihren Plan um.
Mittlerweile arbeitete sie über ein Jahr in der Firma und überlegte gerade, ob sie zu ihrem Freund, der ganz dringend aus dem Elternhaus ausziehen wollte, ziehen sollte. Doch sie war sich ihrer Gefühle noch nicht sicher.
Sabine kannte ihre Mitarbeiterinnen kaum persönlich und wollte es eigentlich auch nicht. Sie hatte selbst genug zu verarbeiten: Aus gesundheitlichen Gründen hatte sie ihre Kinderwunschpläne aufgegeben und wollte daher schon seit längerem ein Kind adoptieren. Sie war alleinstehend, und das bereitete ihr Sorgen, denn das Jugendamt legte Wert auf eine klassische Familie. An eine Scheinehe dachte sie kurz, verwarf das aber schnell. Sie wollte nicht später einem Kind erklären müssen, warum der Papa wieder weg ist. Sie setzte stattdessen auf Ehrlichkeit, ihre solide Gehaltsstruktur und das schöne Einfamilienhaus, das sie von ihren Eltern geerbt hatte. Abends durchstöberte sie Online-Portale auf der Suche nach dem Kind, das sie aufnehmen wollte aber sie hatte ihr Herzenskind noch nicht gefunden. Darüber sprach sie mit niemandem, davon war sie überzeugt: Glück liebt die Stille, in ihrem Fall sogar Schweigen.
Draußen wurde es dunkel, ein fieser Nieselregen trommelte gegen die Scheiben, und jede der Frauen dachte an den kommenden Feierabend an neue Pflichten, andere Mühen und wenig Aussicht auf Entspannung, zumal der Herbst wieder mal alles fest in der Hand hatte: Regen, Wind, und nur selten ein freundlicher Tag, der doch meist im Büro vertan war.
Annika reckte und streckte sich nach einem abgeschlossenen Bericht, als plötzlich die Tür aufging und etwas so Ungewöhnliches passierte, dass alle überrascht aufblickten.
Die neue Kollegin war wirklich ein Original: Sie trug eine unfassbar grell gestreifte Mütze und hielt einen kleinen Goldfisch in einem Glas-Aquarium in der Hand. Ihre blonden Locken quollen wild unter der Kappe hervor und waren so üppig, dass die Frauen kollektiv aufseufzten welch eine Prachtmähne! Ihre hellblauen Augen blickten voll Ruhe, als wisse sie ein großes Geheimnis.
Moin zusammen! Ich bin Johanna. Ab heute arbeite ich bei euch! Und das hier ist mein Platz? Gleich am Fenster, wie ich es liebe danke, dass ihr ihn mir gelassen habt!
Sabine war so perplex, dass sie erst einmal keinen Ton herausbrachte, fand dann ihre Stimme wieder:
Ähm, wie kommen Sie also, aus welcher Abteilung sind Sie denn?
Personalabteilung! Die haben mich zu euch geschickt morgen gehts los mit der Arbeit.
Johanna stellte ihr Aquarium ab, wickelte einen unfassbar langen Schal auf und sah sich um.
Gemütlich hier! Nur ein bisschen grün fehlt. Soll ich morgen meine Palme mitbringen? Die macht sich hier sicher gut! Dann fühlen wir uns wie am Bodensee oder auf Mallorca. Ich mag den Herbst ja gar nicht zu wenig Sonne, zu viel Regen und Matsche. Ach, ich würde am liebsten das ganze Jahr am Strand wohnen, dauernd im Badeanzug. Hab einen richtig tollen, roten mit weißen Punkten! Da fühlt man sich wie eine Königin am See. Warum verstecken eigentlich so viele Frauen ihre Figur in dunklen Badeanzügen? Schwarz macht doch keinen Spaß!
Sabine deren Badeanzüge beide pechschwarz waren unterdrückte ein Schmunzeln, während Annika schon lauthals lachte. Sogar die ernste Hannelore musste sich die Tränen abwischen.
Johanna, eine Frage was arbeiten Sie eigentlich bei uns? Unser Team ist doch voll besetzt?
Softwareentwicklerin. Aber ich werde gar nicht direkt in eurer Abteilung eingesetzt die anderen Büros sind alle belegt. Aber mir gefällts hier so gut, ich bleib gern bei euch. Ach ja, lernt meinen Horst kennen! Sie deutete aufs Aquarium, mein Goldfisch!
Annika prustete: Heißt er wirklich Horst? Wieso männlich? Fische sind doch meist naja, egal!
Natürlich Horst! Goldfisch-Weibchen kennt jeder, aber Horst ist ein besonderer Kerl. Ihr, meine neuen Kolleginnen, bekommt von mir sogar ein Geheimnis verraten!
Welches denn?, fragte Hannelore, deren Kopfschmerzen sich tatsächlich ein wenig gebessert hatten.
Horst erfüllt Wünsche! Aber nur, wenn ihr wirklich daran glaubt. Sonst ist er beleidigt! Wer traut sich?
Annika machte als Erste mit. Wie geht das?
Berühr seine Nase ans Glas und wünsch dir was schnell, bevor er wegschwimmt!
Annika überlegte kurz, ließ dann aber die Augen zufallen: Ich wünsche mir, dass alles gut ausgeht
Der Goldfisch stoppte, als lausche er.
Er hats gehört!, bestätigte Johanna vergnügt.
Und so reichte sie das Wunder weiter an Hannelore, die ebenfalls ans Glas tippte, kurz innehielt und nur dachte: Hoffentlich werden meine Kinder glücklich.
Danach traute sich auch Sabine. Sie wollte erst widersprechen, spürte aber, wie sehr sie doch insgeheim einen Wunsch hegte. Vielleicht findet er mich, wünschte sie still.
Johanna klatschte in die Hände, lachte ansteckend und alle Frauen kehrten ein bisschen leichter an ihre Arbeitsplätze zurück.
Neuer Schwung kehrte ein: Am nächsten Morgen schleppte Johanna tatsächlich ihre riesige Palme herein und ließ Herrn Dr. Schuster darüber entscheiden, wo der neue Urlaubsort seinen Platz bekommen sollte. Nachdem der Chef geholfen hatte, winkte sie ihm:
Jetzt dürfen auch Sie sich was wünschen!
Verblüfft, aber neugierig, folgte er ihrer Anleitung. Und siehe da, auch er grinste zum ersten Mal seit Monaten.
Johanna brachte zusätzlich ihre bunte Lieblingstasse und einen Espressokocher mit ins Büro, bereitete frischen Kaffee, der allen ein Lächeln in die Gesichter zauberte.
Die Atmosphäre wurde bald ganz anders: Ein Lachen nach dem anderen, selbst schwierige Besucher wurden von Johanna wortwörtlich zum Goldfisch geführt und mit Bonbons abgefüttert. Ihre geheimen Lutschbonbons brachten jeden zum Schmunzeln.
Es dauerte nicht lange, bis Annika als Erste die Wirkung ihres Wunsches bemerkte: Nach Feierabend entdeckte sie ihren Freund mit einer anderen vorm Haus. Klärungsbedarf bestand nicht die Beziehung war vorbei. Zuhause heulte sie nicht, sondern machte sich einen tollen Apfelkuchen, schaute Komödien und bedankte sich am nächsten Tag beim Goldfisch.
Auch Hannelores Wunsch ging in Erfüllung ihr Sohn schaffte die Aufnahme für ein Physikstudium in München, die Tochter versöhnte sich mit Leons Vater. Hannelore wusste: Man muss die Kinder loslassen, damit sie ihren eigenen Weg machen können. Sie bedankte sich ebenfalls bei Horst.
Sabines Wunsch erfüllte sich zuletzt. Johanna hatte eines Morgens zwei Fotos auf den Schreibtisch gelegt: Ein Geschwisterpaar, drei und zwei Jahre alt, wurde in ihrer Nachbarschaft in Pflege gegeben. Sabine wusste sofort: Das sind meine Kinder. Nach Monaten voller Papierkram wurde sie schließlich Mutter.
Kurz darauf verabschiedete sich Johanna, packte ihre Sachen, ließ die Palme und Horst im Büro zurück. Annika und Hannelore kamen nie recht dahinter, warum bis Sabine sich ein Herz fasste: Johanna hatte sich jahrelang um ihre schwerkranke Mutter gekümmert, nach deren Tod zog sie mit Tochter nach Hamburg, zu einem lang ersehnten Job. Johanna hatte immer Kraft ausgestrahlt und Zuversicht verbreitet.
Und an einem Freitagmittag, beim Kaffee unter der Palme, begriffen Annika, Hannelore und Sabine, was sie von Johanna gelernt hatten: Es ist der Glaube an das Gute, die Liebe zu den kleinen Dingen und der Mut, Wünsche zuzulassen das alles macht das Leben heller, bringt Menschen zueinander und lässt im Alltag Wärme entstehen. Manches bleibt, anderes geht, doch eine offene, optimistische Haltung ist Geschenk und Aufgabe zugleich und sie kann ein kleines Büro in Berlin, Hannover oder München in eine freundlichere Welt verwandeln.





