Jeder, der arbeitet, versteht mein Gefühl von Begeisterung, wenn an meinem einzigen freien Tag der Woche die Klingel an der Haustür schrillt.
Noch halb im Schlaf, schoss mir als Erstes völlig grundlos das Bild eines Rohrbruchs durch den Kopf. Ich sprang aus dem Bett und rannte los, um zu prüfen, ob ich vielleicht das Bad oder die Küche geflutet hatte ich wollte wirklich nicht wieder die Nachbarn unter mir ins Unglück stürzen, so wie vor einem halben Jahr. Doch alles war trocken und in Ordnung.
Doch die Klingel ging unablässig weiter. Widerwillig schlurfte ich zur Tür. Beim Öffnen bot sich mir erstmal das Bild von mehreren Koffern, dahinter standen Leute, die ich auf Anhieb kaum zuordnen konnte.
Ach, auf der Straße hätte ich Sie ja nie erkannt! Das klang irgendwie wie ein fragwürdiges Kompliment, vorgetrugen von einer älteren Dame, die mir sehr unbekannt vorkam.
Wem zur Hölle habe ich gerade die Tür aufgemacht?
Ich musterte die Begleitung der Frau eine fröhlich dreinblickende junge Frau, die mir strahlend die Hand entgegenstreckte. Im Hintergrund sah ich einen jungen Mann, der zum Glück schwieg und meine Verwirrung nicht noch steigerte. Die ältere Dame aber sprach schon wieder: Na, lassen Sie uns doch rein! Wir stehen doch nicht ewig im Flur herum!
Entschuldigung wie meinen Sie das reinlassen?
Ach, sagte sie und winkte mit der Hand, du hast doch deinen Onkel gar nicht erkannt? Ich habe früher auf dich aufgepasst! Und das hier sie deutete nun auf den jungen Mann ist dein Cousin. Er fängt jetzt hier in München mit dem Studium an und braucht eine Unterkunft. Wir dachten, er kann solange bei dir bleiben. Das Bett besorgen wir später, das klappt schon. Wir bringen auch Geschenke! Hat dein Vater nicht Bescheid gesagt?
Nein, der hat nicht angerufen.
Dann hat ers wieder vergessen, winkte sie ab. Kriegen wir auch so hin!
Wie meinen Sie kriegen wir hin? Soll er hier wohnen?
Natürlich! Du kümmerst dich ein bisschen um ihn, du weißt doch, wie schwer es in einer fremden Stadt ist.
Ich werde mich aber um niemanden kümmern. Mein Verlobter ist ständig hier und wir haben einfach keinen Platz!
Wir finden schon eine Lösung
Ich will aber keine Lösung. Es gibt Studentenwohnheime habe ich selbst durchgemacht. Das reicht doch!
Ach nein, das ist doch wirklich unzumutbar!
Langsam wurden die Verwandten sichtbar gereizt und rollten schon prustend die Koffer Richtung Wohnung, doch ich stellte mich in den Türrahmen. Ich wusste: Lassen sie die Koffer erstmal ins Wohnzimmer, werde ich sie nie wieder los. Also bat ich sie, fünf Minuten zu warten, und führte meine verwunderten Verwandten kurzerhand zum Studentenwohnheim, wo mein Cousin ohnehin angenommen worden war.
Es fielen gleich Vorwürfe: Ich wäre herzlos und egoistisch. Von ihren freundlichen Gesichtern war nichts mehr zu sehen, und kurze Zeit später waren auch die Verwandten samt ihrem Hab und Gut verschwunden.
Sofort rief ich meine Eltern an und fragte: Was war das gerade?
Nach meinem Bericht war meine Mutter besonders enttäuscht: Jetzt beschuldigte auch sie mich, kein Familienmensch zu seinMein Vater lachte erst ungläubig, dann seufzte er: Ach, die Tante kann manchmal ein bisschen übergriffig sein. Wir wollten dich vorher fragen, aber dann hat sie einfach alles geplant. Im Hintergrund hörte ich meine Mutter protestieren: Wir hatten es wirklich vor!
Ich setzte mich auf die Bettkante und betrachtete die leere Wohnung, in der mein einziger freier Tag wieder ganz mir gehörte. Draußen war das Stimmengewirr der Verwandtschaft längst verklungen.
Ich drehte mein Handy in der Hand, atmete einmal tief durch und schrieb meinem Cousin eine kurze Nachricht: Meld dich, wenn du was brauchst. Und willkommen in München.
Dann griff ich zum Kaffee, schaltete mein Lieblingslied ein und öffnete das Fenster. Die Ruhe war fast greifbar, der Tag lag unbeschrieben vor mir.
Manchmal muss man eben seine Tür schließen, damit das eigene Leben auch mal wieder hereinspazieren kann.





