25. Oktober
Ich habe den kleinen Jonas bei Oma gelassen weil ich es einfach nicht mehr aushielt.
Mutter saß würdevoll auf dem noch guten, mit einem üppig bestickten Hahn-Überwurf bedeckten Sofa und ging langsam die Papiere durch, die sie wie Spielkarten fächerförmig auf dem glänzenden Couchtisch ausgebreitet hatte. Gegenüber im Sessel saß ich Katrin , und diesmal war von meiner Unsicherheit, die mich noch vor einem Monat begleitet hatte, nichts mehr zu spüren. Ich saß zurückgelehnt, das Bein locker übergeschlagen, und in meinen Augen brannte der entschlossene Funke.
Sieht aus, als hättest du deine Entscheidung schon gefällt, sagte Mutter und strich mit der flachen Hand über den Stapel Unterlagen: Geburtsurkunde, Impfpass, Teilnahmebestätigung vom Frühförderkurs, den sie selbst noch vor einem halben Jahr bezahlt hatte.
Bitte, Mama, fang nicht schon wieder an, seufzte ich. Philipp und ich haben alles abgewogen. Wir können uns nicht entfalten, wenn ständig jemand da ist. Jonas ist ein lieber Kerl, aber er verlangt Aufmerksamkeit, macht Krach, passt einfach nicht zu unserem Lifestyle. Philipp braucht als Künstler seine Ruhe Freiraum, Inspiration! Und ich… ich kann nicht mehr ständig Mama spielen.
Mutter Karin wiederholte sarkastisch: Künstler… All die Bitterkeit aus Jahren Alleinerziehend in diesem Ton. Sie hatte nicht nur mich großgezogen, sondern auch den Alltag und ihre Arbeit allein gestemmt. Und du bist dann keine Mutter? Meinst du eigentlich, was du da sagst? Ein Kind ist kein Hund, den man abgibt, sobald er lästig wird. Jonas ist drei, Katrin. Drei!
Genau, deshalb! Mit drei kann er sich leichter anpassen als mit sieben. Jetzt kann er sich noch umgewöhnen. Für alle das Beste: Ich kann endlich leben, du wolltest doch eh immer dein Oma-Dasein ausleben und ich ließ dich nicht, erinnerst du dich? Für Philipp und mich Wir können ganz Paar sein nicht mehr Mutter mit Anhang.
Ich sah in ihrer Miene, wie sie innerlich Abstand nahm. In ihren Augen las ich, dass ich ihr fremd geworden war. Die Erinnerung an früher flackerte zwischen uns: Wie ich als kleines Kind an ihren Rock klammerte, wie sie ihre Verabredungen absagte, weil niemand auf mich aufpassen konnte. Und jetzt, nach dreißig Jahren, nannte ich mein eigenes Kind Anhang.
Und wie stellst du dir das vor?, fragte sie. Bin ich unsterblich? Ich gehe bald in Rente. Und ich möchte eigentlich endlich mal meine Ruhe.
Ach Mama du hast doch immer gesagt, Familie ist das Wichtigste! Dass man sich helfen muss! Ich lasse Jonas ja nicht im Stich du bist seine Oma, er bleibt in gewohnter Umgebung, mit seinen Sachen, seinen Spielsachen. Wir kommen vorbei, bringen Lebensmittel, Geld. Wir haben Pläne in den nächsten Monaten ans Meer fahren, Philipp muss seine Ausstellung vorbereiten in der Atelierwohnung Demokratie für alle! Ich hab genug durchgemacht mit Jonas Vater. Jetzt hab ich mal ein Recht auf Glück.
Glück, murmelte meine Mutter bitter und strich wie abwesend über die gestickten Hähne. Und Jonas? Wen interessiert sein Glück?
Er wird mit dir glücklich! Du verwöhnst ihn doch, lässt ihm alles durchgehen, was ich verbiete. Hast immer gesagt, ich sei zu streng. Jetzt kannst du ihn erziehen, wie du willst. Mach aus ihm einen Helden, ein Genie! Für dich ist das doch eine Freude. Und für mich bedeutet das endlich ein paar eigene Jahre. Bis er in die Schule kommt dann sehen wir weiter.
Drei, vier Jahre also, wiederholte meine Mutter langsam, als koste sie die Worte aus. Du willst, dass ich dein Kind erziehe, während du Musenkuss bei deinem Künstler spielst?
Nicht spielen sein, fuhr ich auf und spürte einen roten Fleck auf meinen Wangen. Du hast mich nie verstanden. Bei dir war wichtig: Standesamt, Mann, Kind, Mietbescheinigung. Ich will Liebe! Wahre, tiefe Liebe! Mit Philipp lebe ich zum ersten Mal wirklich. Jonas ist nur ein Doppelpunkt in der Vergangenheit, der mich nur daran hindert. Ich will endlich atmen.
Sie sah mir dabei zu, wie ich aufgebracht im Zimmer herumlief und ich wusste, jeder Schritt tat ihr weh. Sie dachte an die schlaflosen Nächte, die sie mit Jonas schon auf sich genommen hatte, als Philipp verschwunden war, an die Babyflaschen, an den Kinderwagen, für den sie ihre Ersparnisse opferte. Jetzt stampfte ich herum und nannte meinen Sohn Ballast.
Und die Vollmacht?, fragte sie leise das letzte Aufgebot. Soll ich zum Arzt mit ihm? Kita-Anmeldeformulare unterschreiben? Bin ich dann für alles verantwortlich, während ihr das Leben genießt?
Klar! Wir gehen zum Notar, machen eine Generalvollmacht: du darfst alles regeln Medizinisches, Erziehung, Papierkram. Niemand sagt was, du bist ja die Oma. Und für uns bedeutet das: Seelenfrieden. Was anderes brauchen wir nicht jetzt.
Sie schaute zum Fenster, hinaus auf den Spielplatz. Ein Mann schaukelte seine Tochter, sie lachte. Für einen Moment wollte sie mich hinausschmeißen nicht meine Worte hören. Aber sie tat es nicht. Wer sonst würde Jonas nehmen? Niemand. Wenn sie ablehnte, wäre der kleine Jonas mit seinen Pausbäckchen und den blonden Locken meiner und Philipps Kälte schutzlos ausgeliefert.
Und was, wenn ich nein sage? Wenn ich sage: Nein, Katrin, du hast ihn geboren, du musst ihn großziehen?
Ich hielt inne, wandte mich langsam zu ihr. Und in meinen Augen lag nicht etwa Trotz oder Schmerz, sondern Erleichterung.
Dann bleibt mir nichts anderes übrig, Mama eiskalt. Dann gehe ich zum Jugendamt. Sage, ich schaffe es nicht. Kein Rückhalt, kein Geld, keine Kraft. Dann kommt er ins Heim. Vielleicht findet er sogar eine nette Pflegefamilie. Aber du du bist dann raus. Deine Entscheidung.
Mutter wurde so blass wie ihr weißer Dutt. Die Frau, die mich großgezogen hatte, blickte mir entgegen wie einer Fremden. Sie wusste, ich bluffte nicht. Die Entschlossenheit in meinen Augen ließ keinen Zweifel daran, dass ich gehen würde über alle Prinzipien hinweg.
Du würdest das tun? Deinen Sohn ins Heim geben für für einen Mann?
Nicht irgendeinen Mann den Mann meines Lebens, korrigierte ich, gereizt. Kein Heim, sondern eine Einrichtung, in der er alles bekommt: Versorgung, Bildung, vielleicht sogar mehr als bei mir. Aber ich hoffe, du lässt es gar nicht so weit kommen. Du hast Jonas doch eh immer mehr geliebt als mich. Jetzt kannst dus beweisen.
Langsam nickte meine Mutter sie hatte aufgegeben. Nicht, weil sie schwach gewesen wäre, sondern weil sie wusste: Tut sies nicht, ist Jonas verloren. Das Herz ihrer Tochter war ausgetrocknet, verkrustet hinter Gefühlen für einen Künstler.
Gut, presste sie hervor. Ich machs. Aber merk dir meine Worte, Katrin: Du gründest dein Glück auf den Tränen deines eigenen Kindes. Das holt dich irgendwann ein. Glück findest du so nicht.
Ich verzog das Gesicht, riss mich dann aber zusammen, griff nach den Papieren und steckte sie geordnet in die Ledertasche, die Philipp mir einst aus Florenz mitgebracht hatte.
Morgen 10 Uhr beim Notar, rief ich, schon im Flur stehend. Ich bringe Jonas dann mittags mit Sack und Pack. Mach bitte Platz für ihn im Schrank. Und Mama weniger Drama, ja?
Die Tür knallte zurück blieb meine Mutter in dem noch nach meinem Parfüm duftenden Zimmer. Sie strich sich sanft über die gestickten Hähne. Erst dann brachen die Tränen aus ihr heraus.
***
Bei Philipp roch es nach Ölfarbe, Terpentin, Zigarren und Kaffee. Die Atelierwohnung war voller Leinwände, im Eck stand ein halbfertiges Bild, das er Freiwerden nannte: Eine weibliche Silhouette, die sich von Fesseln befreite und eindeutig mich darstellte.
Na?, fragte er, als ich hereinschneite und die Schuhe achtlos zwischen Pinsel und Farbtuben stellte. Widerstand gebrochen?
Gebrochen, grinste ich, schlang meine Arme um seinen Hals. Habs dir gesagt sie kann nicht anders, sie liebt Jonas viel zu sehr.
Philipp legte den Pinsel zur Seite, drehte sich zu mir, und ich glaubte in seinem Blick Anerkennung zu erkennen.
Du bist kalt, Katrin, schmeichelte er mit dieser samtigen Stimme, die mich immer weich werden ließ. Das mag ich. Stark bist du. Weißt, was du willst. Keine halben Sachen.
Wozu? Ich will dich. Ich will unsere Freiheit. Du hast gesagt, du brauchst eine Muse, die dich inspiriert, ohne Ablenkung. Hier bin ich deine Muse. Keine Kinderschreie mehr, keine Wutanfälle im Supermarkt nur du, ich, unsere Kunst.
Unsere Kunst, wiederholte er schmunzelnd. Aber später mehr davon. Du weißt: Eine Muse bringt Opfer nicht nur von anderen, sondern auch sich selbst.
Ich bring alles für dich, flüsterte ich. Ich habe das größte Opfer schon gebracht. Meinen Sohn zurückgelassen für uns, für dich, für unsere Liebe.
Sehr gut!, Philipp wendete sich ans Fenster, wo draußen das abendliche München in Lichtern glitzerte. Jetzt gibts Raum. Jetzt kanns losgehen. Ich spüre, mein kreativster Abschnitt beginnt und du spielst die Hauptrolle darin!
Ich stand glücklich mitten im Raum und fühlte mich, als würde ich schweben. Gedanken an Jonas? Nur ein kurzes Stechen, das ich gleich beiseite schob. Er ist ja bei Oma besser für ihn und ich… Ich habs verdient, endlich zu leben.
Abends, als Philipp im Nachbaratelier verschwand (mein Zutritt verboten), lag ich auf der neuen Designersofa, scrollte das Handy durch, setzte als Profilbild ein Paarfoto von mir und Philipp vor seinem Gemälde: Das wahre Leben beginnt, wenn du aufhörst, Angst vor deinem Glück zu haben. Likes prasselten rein, euphorische Kommentare der Freundinnen. Keiner fragte nach Jonas. Es war, als gäbe es ihn nicht mehr. Ich spürte Erleichterung, Freiheit. Morgen würde ich seine Fotos löschen, aus Speicher und Social-Media. Ich beginne neu. Von Null.
***
Monate gingen wie im Flug vorbei, prall gefüllt mit neuen Eindrücken. Philipp und ich speisten lange Abende im Edelrestaurant, fuhren im silbernen Cabrio durch den Bayerischen Wald, schlenderten durch den Englischen Garten. Philipp schwärmte mir von Farben und Schatten vor, dichtete, schrieb verse auf Servietten, die ich säuberlich sammelte.
Beim Notartermin saß Mutter wie eine Statue, nur die Hände zitterten heftig. Ich beachtete das nicht mein Blick galt Philipp, der im Flur modische Zeitschriften durchblätterte. Die Vollmacht war schnell unterschrieben. Jonas gehörte rechtlich zu ihr, ich war frei. Ich fühlte keine Reue nur einen Energieschub, als hätte ich die Last von drei Jahren von mir geworfen.
Wir verließen das Treppenhaus, und ich fasste Philipp beim Arm: Jetzt bin ich ganz und gar deine, ohne Zügel oder Kompromiss!
Er lachte: Ohne Bremsen? Das kann gefährlich sein! und öffnete die Autotür mit dieser leicht ironischen Souveränität, die früher mein Herz verzauberte.
Auf dem Notarparkplatz stand Mutter mit Jonas kleiner Hand in ihrer. Der Blaumann war neu, die Bäckchen rund; seine Stimme zart:
Oma Karin, kommt Mama bald wieder?
Mutter kniete sich zu ihm, zwang sich zum Lächeln und sagte leise: Mama muss arbeiten, mein Schatz. Sie kommt manchmal vorbei. Aber jetzt wohnst du erst mal bei mir. Wir bauen dann eine Garage für deine Autos. Die größte, ja?
Jonas Augen, strahlend blau, funkelten: Hast du Bausteine, Oma?
Wir kriegen welche, mein Schatz. Alles kriegst du bei mir, versprach sie und führte ihn die von Kastanienlaub bedeckte Straße entlang. Hinter ihr lag Münchens goldener Oktober und ihre Gedanken schweiften zur Tochter, die sich nicht einmal umgedreht hatte.
Im Atelier füllte Philipp Rotwein in Gläser. Ich saß gemütlich auf dem Sofa, als hätte ich den Hauptpreis gewonnen.
Auf unsere Freiheit!, stieß er an, die Facetten des Leuchters im Kristall glitzernd.
Auf unsere Liebe!, ergänzte ich. Freiheit ohne Liebe, das ist nur Leere.
Philipp lachte sanft: Weißt du, was ich denke? Wir müssen weg. Einen Monat an den Bodensee, neue Inspiration. Sonne, du liest am Ufer, ich male Studien völlige Schönheit.
Wirklich? Einen ganzen Monat?, freute ich mich wie ein Kind. Und was ist mit deinen Bildern?
Die laufen nicht weg, winkte er ab. Ich brauche neuen Impuls. Hier das erstickt mich. Kommst du mit?
Mit dir überallhin, hauchte ich. Niemals fragte ich nach Jonas oder ob Mutter das alles stemmen kann. Es fiel mir nicht mal mehr ein.
***
Ein Jahr verging.
Die ersten Wochen mit Philipp erschienen wie ein endloses Fest. Aber seine Versprechen wurden blasser, die Reise an den Bodensee dauerte länger als geplant, weil Philipp das Geld ausging von meinen Ersparnissen war nichts mehr übrig; ich war längst arbeitslos. Philipp war zwar großzügig beim Ausgeben, doch seine Gemälde verkauften sich nicht. Das ist zu persönlich, sagte ein Galerist kühl zu mir. Ihr Freund ist talentiert, aber Kunst muss mehr Handwerk haben.
Ich war beleidigt, verschwieg Philipp alles. Ich begann klammheimlich, meine Handtaschen, meine Ohrringe, ja selbst Geschenke von ihm zu verkaufen, um unser Leben zu finanzieren. Philipp merkte nichts, vielleicht wollte er nichts merken. Wenn mal Flaute war dann war ich plötzlich störend.
Du verstehst nichts!, schrie er dann, Pinsel an die Wand klatschend, schwarze Farbe auf dem Parkett. Du bist meine Muse, aber du störst! Kochgeschirr klappert, ich kann nicht denken! Ich brauche Einsamkeit!
Ich erstarrte.
Ich kann ja in ein anderes Zimmer gehen Wollte nur fragen, ob du essen magst
Essen! Immer dieser Alltagskram! Ich bin kein Spießer-Künstler, ich brauche TIEFE! Keine Hausmannskost und nervige Fragen!
Er tobte davon. Als ich allein auf dem Sofa saß, fiel mir Jonas ein. Merkte, dass ich ihn über ein Jahr abgesehen von flüchtigen Telefonaten mit Mutter kaum gesehen hatte. Karin selbst sprang auch nur selten ein. Die Stille war fast ein Trost.
Du wirst nie glücklich, dröhnte eine alte Erinnerung von Mutter in mir nach. Damals hielt ich das für spießigen Unsinn. Jetzt klang es wie eine Prophezeiung.
Am nächsten Tag kam Philipp mit Kaffee ans Bett, entschuldigte sich hundertmal: Ich bin so ein Künstler-Trottel aber du bist mein Engel, ohne dich bin ich verloren.
Ich lächelte, nahm die Tasse. Doch innerlich spürte ich: Etwas in mir war zerbrochen. Ich sah jetzt, was ich nie sehen wollte seinen Egoismus, den Willen, dass alles um ihn kreist. Ich erinnerte mich an Jonas kleine Händchen, die mich streichelten: Mama, ich hab dich lieb. Einfach so, ohne Berechnung. Und das Herz wurde schwer eine unmögliche Traurigkeit nahm Besitz von mir. Es fühlte sich wie Erschöpfung an.
***
Ein weiteres halbes Jahr zog ins Land.
Unsere Beziehung bestand bald nur noch aus Streit und Versöhnung, und die Versöhnungen wurden seltener, kürzer, schaler. Ich suchte mir einen Job keine steile Karriere, nur ein Bürojob. Philipp nahm das als Affront.
Du gehst in dieses Büro! Du, die du meine Muse bist? Du vergibst deine Inspiration!
Ich sagte müde: Wir brauchen was zum Leben. Deine Bilder bringen nix ein. Von Mutters Rente will ich nicht leben nicht nachdem sie mein Kind großzieht
Das Wort Kind blieb wie ein Stachel im Raum. Philipp musterte mich, und seine Miene nahm diesen spöttischen Zug an, den ich früher geliebt hatte und jetzt verabscheute.
Ach, dein Sohn? Der, der nur gestört hat? Den du so bereitwillig abgeschoben hast? Und jetzt ist er deine Ausrede?
Das war grausam. So grausam, dass ich kurz den Atem anhielt.
Du hast Recht, murmelte ich leise, zog die Schürze aus. Ich habe ihn weggeschoben. Und jetzt weiß ich wofür.
Was meinst du damit? Er war irritiert.
Dass ich mit uns Schluss mache, erwiderte ich, ganz ruhig als läge endlich die Wahrheit blank. Ich war naiv. Ich habe mein eigenes Kind aufgegeben für einen Traum, der nie lebendig war. Du bist wunderhübsch, Philipp, und große Klappe aber leer. Genau wie ich, nachdem ich Jonas abgegeben habe. Wir sind uns ebenbürtig. Aber ich will nicht länger so leben.
Ich packte meine paar Habseligkeiten mehr war ja sowieso nicht mehr übrig und ging. Philipp hielt mich nicht auf, sondern spottete: Tja, dann geh zurück zu deiner Mutter und deinem wohlfeilen Kind. Mal sehen, wie lange du das aushältst.
***
Mutters Wohnung roch nach Apfelkuchen und war voller Spielzeug. Jonas stand an der Tür. Er war dünner, aber seine blitzblauen Augen blickten mich abwartend an.
Hallo, Jonas, flüsterte ich, kniete mich zu ihm runter. Erkennst du mich noch?
Jonas versteckte sich hinter Oma Karin. Nach einem Jahr voller Stille war Mama für ihn eher ein Wort; für ihn war Mama die Oma.
Mutter baute sich schützend auf.
Und? Da bist du also, sagte sie.
Mama, flüsterte ich heulend und streckte die Arme aus. Es tut mir leid. Ich habe verstanden. Ich will zurückkommen. Ich will Jonas zurück.
Mutter schwieg. Jonas, mutiger geworden, trat hervor und strich mir über die Haare, jetzt fad und stumpf vom Stress.
Weinst du?, fragte er ernst. Oma sagt, Weinen bringt nix. Man soll lieber lächeln.
Ich versuchte, zwischen Tränen zu lächeln ein jämmerliches Lächeln. Mutter hielt es nicht mehr aus, seufzte, machte Platz und sagte: Komm rein. Erst mal essen. Dann reden wir.
Wir saßen in der Küche. Jonas musterte mich immer noch. Mutter schnitt Kuchen auf.
Ich weiß alles, sagte sie, während sie mir ein großes Stück auf den Teller schob. Von dir und Philipp. Meinst du, ich hätte nicht Bescheid gewusst? Ich wusste alles. Auch, wie du Sachen verkauft hast. Ich hab gewartet.
Gewartet? schluchzte ich. Warum hast du mich nie angerufen?
Wäre sinnlos gewesen, erwiderte sie ruhig. Du hättest nicht gehört. Erst am Boden kapiert man, was Sache ist.
Scham brannte tief in mir. Ich erinnerte mich an den Tag, an dem ich Jonas der Oma überließ, wie kalt und berechnend mein Ton war. Am liebsten hätte ich mich versteckt.
Mama, bitte. Gib mir eine Chance, bat ich. Ich will eine Mutter sein.
Sie schwieg lange, betrachtete den Enkel. Bist du bereit dazu? Nicht reden, machen. Stehst du nachts auf, wenn er fiebert? Schimpfst du nicht, wenn er weint? Liebst du ihn einfach weil er da ist? So wie ich dich geliebt habe, auch als du mit dieser schrecklichen Vollmacht kams?
Ich hob den Kopf. Die Antwort, ehrlich: Ich weiß nicht, ob ich bereit bin. Ich habe Angst. Angst, dass ich scheitere. Dass er mich nicht mehr will. Aber ich will es versuchen. Jeden Tag ein bisschen mehr.
Jonas wurde unruhig. Er kletterte vom Stuhl, stellte sich zwischen Oma und mich, schaute erst die eine, dann die andere an.
Oma, wohnt die Tante jetzt bei uns?
Ich zuckte zusammen bei dem Wort Tante, die Tränen rollten wieder. Karin zog Jonas an sich: Das ist keine Tante, das ist deine Mama. Sie bleibt jetzt erst mal bei uns. Mal sehen, wie lange. Ist das okay für dich?
Jonas runzelte die Stirn, überlegte. Dann trat er zu mir, reichte mir seinen Bauklotzturm.
Hier, sagte er. Halt fest. Aber nicht kaputt machen. Ich hab lange gebaut.
Ich nahm das Kunstwerk mit zitternden Händen da brach es endgültig aus mir heraus. Jonas suchte Trost bei Oma, verstand nicht, warum die Tante so weinte.
Ich bleibe, sagte ich heiser. Ich bleibe, Mama. Wenn du es zulässt. Und ich versuche es. Jeden Tag.
Na schön, sagte meine Mutter fast versöhnlich, in ihrer Stimme ein leiser Hoffnungsschimmer. Schauen wir mal.
Ich blieb. Und es war der Anfang. Nicht eines neuen Abenteuers. Sondern des wirklichen Lebens. Mit einem Jungen und harter Arbeit an mir selbst. Nicht für einen Künstlermann oder Freunde auf Instagram. Sondern wegen Jonas, der mir sein Bauwerk reichte und sagte: Nur nicht kaputt machen.
Und ich schwor mir, ihn nie mehr zu zerbrechen.





