Liebes Tagebuch,
manchmal frage ich mich, wie alles anders hätte laufen können. Wir haben uns während des Studiums ineinander verliebt, in einer kleinen Vorlesung an der Universität in Frankfurt. Damals hatten wir kaum Geld nicht einmal für einen richtigen Brautstrauß. Stattdessen hat mein Verlobter mir Wiesenblumen gepflückt. Sie waren wunderschön, viel besonderer als alles aus dem Blumenladen.
Unsere Hochzeit fand statt, als ich schon schwanger war. Nach der Feier sind wir bei meiner Mutter in Wiesbaden eingezogen. Während ich noch für mein Examen lernte, hat Mama uns sehr unterstützt. Anfangs lief alles harmonisch zwischen mir und Johann, meinem Mann. Wir haben viele Spaziergänge am Main gemacht, unseren Sohn Paul gemeinsam großgezogen. Johann hat mir viel mit dem Kleinen abgenommen zusammen haben wir ihn beim Aufwachen begrüßt, seine ersten Schritte bewundert.
Um Geld zu verdienen, hat Johann jede Möglichkeit ergriffen: Zuerst nahm er einen Job als Lagerarbeiter an einer Leipziger Firma an, vier Jahre lang. Danach folgte sein Traum er eröffnete einen kleinen Lebensmittelladen in unserem Stadtteil. Nach einiger Zeit lief der Laden richtig gut. Wir konnten ein eigenes Häuschen bauen und einen Volkswagen kaufen. Endlich konnten wir uns auch mal etwas gönnen, wie ein Stück Sachertorte im Café oder ein schönes Kleid für mich. Johann meinte irgendwann, ich solle meinen Job aufgeben und mich um Haushalt und Familie kümmern. Ich tat es, voller Vertrauen.
Unser Sohn Paul hat später sein Studium an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in Heidelberg abgeschlossen. Mein Mann stellte ihn gleich als Buchhalter in unserem Geschäft ein. Ich war so stolz.
Doch das Glück hielt nicht ewig. Schon nach wenigen Tagen im Laden teilte mir Paul eine sehr schmerzhafte Wahrheit mit Johann hatte eine Affäre. Ich musste mich entscheiden: Einen Schlussstrich ziehen oder so tun, als wäre nichts geschehen. Stumm hoffte ich, dass es nur eine Phase ist, dass Johann sich darauf besinnt, was wir aufgebaut haben. Zwei Monate später gestand er aber alles selbst. Es kam noch schlimmer: Die andere Frau erwartete ein Kind von ihm. Johann wollte die Ehe nicht aufgeben er sagte, wir lebten doch gut. Er wolle künftig mit ihr zusammenleben, aber mich weiter finanziell unterstützen und auch Paul zur Seite stehen.
Jetzt fühle ich mich verloren und heimatlos. In meinem Herzen zieht eine tiefe Leere ein. Immer wieder sehe ich vor meinem inneren Auge unseren ersten Tag zurück wie er mir, mit schüchternem Lächeln, diesen Strauß Wiesenblumen überreichte. Damals dachte ich, es würde für immer halten.




