Der Punkt ohne Wiederkehr
Das ist ja unmöglich! Wie soll man leben, wenn es kein warmes Wasser gibt? ich höre noch deutlich, wie mein Mann Martin damals geseufzt hat. Gerade einmal zwei Tage war das Wasser abgestellt, und doch murrte er unaufhörlich vor sich hin, als wäre es das Ende der Welt. Dabei war das jedes Jahr dasselbe Spiel. Ich, Anna, gähnte, drehte mich damals im Bett zur Seite und zog mir das Kopfkissen über das Ohr. Kaum hatte ich wieder die Augen geschlossen, kam Martin in das Schlafzimmer, riss mir das Kissen vom Ohr und fragte:
Warum stehst du nicht auf!?
Wie immer!, ging es mir durch den Kopf.
Martin! Was ist denn los? Ich muss heute erst zum Mittag ins Büro, das habe ich dir doch gestern erzählt
Aber Anna, und wer sitzt mit mir beim Frühstück? jammerte Martin.
Verwundert sah ich ihn an: Du hast doch gestern selbst gesagt, ich soll nicht extra aufstehen. Aber gut, ich komme gern mit dir.
Martin schwieg nur und verschwand wieder. Mir blieb nichts anderes übrig, als doch aufzustehen.
So saßen wir schließlich gemeinsam in der Küche, ich nippte langsam an meinem Kaffee, während Martin mir Komplimente machte und seine Liebe beteuerte. Natürlich wurde mir warm ums Herz, aber vor meinem inneren Auge sah ich immer noch den Mann, der mich heute nicht hatte ausschlafen lassen ganz gleich, wie sehr ich das beiseite schieben wollte.
Als Martin zur Arbeit ging, kroch ich wieder ins warme Bett und dachte grüblerisch nach: Warum erschien mir Martin früher, zu Beginn unserer Beziehung, als der perfekte Mann, aber jetzt, nach der Hochzeit, offenbarten sich manche Seiten, die mich störten? Ewig dieses Jammern Vielleicht hätten wir doch erst zusammenleben sollen, bevor wir heirateten, aber ich hatte damals so sehr auf die Ehe bestanden. Nun, das Jammern war ja nicht das Schlimmste sicher hatte auch ich meine Macken, die ich nicht bemerkte und die andere störten. Wahrscheinlich musste man sich einfach daran gewöhnen oder dem etwas Gutes abgewinnen. Nur wie?
Anna! Ich weiß, was wir kaufen müssen!, empfing Martin mich eines Abends schon an der Tür.
Und was?
Na was wohl? Einen Durchlauferhitzer!
Wozu das denn? Das warme Wasser wird doch nur einmal im Jahr für zehn Tage abgestellt. Da lohnt sich kein Durchlauferhitzer, entgegnete ich.
Aber zehn Tage das sind Qualen!
Für mich war das nicht so schlimm, auch wenn das Abwaschen mit kaltem Wasser unangenehm war und ich fürs Duschen das Wasser erhitzen musste. Na gut, wenn Martin darauf bestand
Also gut, wir kaufen einen. Aber dann müssen wir ihn bald besorgen, in acht Tagen kommt das Wasser ja zurück.
Natürlich, schick mir ein paar Modelle, nickte Martin eifrig.
Ich hatte tatsächlich gehofft, wir würden das gemeinsam aussuchen. Aber offenbar lag die Entscheidung bei mir. Also machte ich mich daran, die Modelle zu vergleichen und schickte sie Martin aber es war ihm kein einziges recht. So verstrichen die acht Tage, das Wasser wurde wieder angestellt.
Anna, lass uns trotzdem ein Gerät kaufen, das nächste Jahr kommt bestimmt wieder so eine Phase, meinte Martin und ich begann erneut, ihm Vorschläge zu machen aber immer schmetterte er sie ab.
Du, Anna, ich hab doch mit meinem Kollegen Bernd erst letztes Jahr einen Durchlauferhitzer fürs Gartenhaus ausgesucht. Soll ich dir helfen? bot überraschend die Kollegin Sabine auf der Arbeit an, und tatsächlich hatte sie einen guten Vorschlag parat. Ich schickte ihn Martin, der aber nicht reagierte. Da Sabine auch noch einen Rabatt hatte, der bald ausgelaufen wäre, bestellte ich kurzerhand das Gerät.
Warum hast du das ohne mich entschieden? Wir sind doch eine Familie!, beschwerte sich Martin empört.
Ich habe dich gefragt, du hast nicht geantwortet! rechtfertigte ich mich.
Deshalb ist das jetzt nicht das Richtige!, giftete Martin dann wurde er versöhnlicher: Na gut. Gekauft ist gekauft.
Trotzdem blieb in mir ein Gefühl von Schuld, Unmut und Ärger zurück.
Ich kaufe jetzt überhaupt nichts mehr, schwor ich mir insgeheim.
Martin, wie lange steht das Ding jetzt eigentlich noch hier im Flur rum? Ich schlage mir ständig das Schienbein an und es tut weh!
Ja, ja, Anna, demnächst hänge ich ihn auf, versprochen, meinte Martin zum wiederholten Mal.
Ich seufzte und ahnte, dass der Durchlauferhitzer noch lange im Weg stehen würde tatsächlich blieb er dort bis zur nächsten Warmwassersperrung. Schließlich wurde es mir zu bunt und ich engagierte Handwerker.
Anna! Wir sind doch eine Familie! Man bespricht solche Dinge! Die Installation ist völlig daneben, schimpfte Martin. Doch ich zuckte mit den Schultern:
Hauptsache, wir haben warmes Wasser?! Der Rest ist Kleinkram.
In Wahrheit aber dachte ich bei mir, dass ich dem Kauf besser nie zugestimmt hätte.
Eines Nachmittags saß ich bei meiner Freundin Katrin und hörte, wie sie sich über ihren Mann beschwerte: Er würde nichts machen, nichts helfen es wäre alles an ihr.
Ich habe mich entschieden: Es reicht, ich lasse mich scheiden, schloss Katrin.
Aber ihr habt doch ein Kind!, entfuhr es mir.
Und? Ich schleppe doch sowieso alles allein. Ohne ihn wärs leichter.
Aber und die Liebe? Ihr wart doch so verliebt, trauerte ich.
Die war mal. Jetzt ist nichts mehr davon übrig. Mein Mann hilft nicht, und dazu beklagt er sich noch bei seiner Mutter über mich. Sie hält mir dann Vorträge, und ich kann nicht mehr, seufzte Katrin. Leider ist mein Mann nicht so wie deiner
Ich war baff dachte Katrin wirklich, Martin sei ein Musterexemplar? Dabei trug ich meine Sorgen nur nicht nach außen und sprach nie schlecht über Martin.
Später auf dem Heimweg grübelte ich: Hatte ich Martin eigentlich noch wirklich lieb oder war er eher zur Gewohnheit geworden? Würde es mir besser gehen, wenn ich allein wäre?
Wo warst du so lange?, kam mir Martin unzufrieden entgegen. In letzter Zeit war er immer öfter gereizt. Kein Abendessen da. Ich bin hungrig.
Aber, wollte ich ansetzen. Ich hätte sagen können, dass wir gestern besprochen hatten, dass er sich heute selbst etwas mitbringt. Doch ich schwieg und machte mich ans Kochen.
Beim Kartoffelschälen dachte ich, dass Liebe so nach und nach schwindet bei jeder unberechtigten Beschwerde, Tropfen für Tropfen. Und eines Tages merkt man, dass man kaum noch einander kennt.
Es schüttelte mich bei dem Gedanken. Nein, ich wollte nicht, dass diese Liebe verschwindet! Bei anderen vielleicht, aber mir sollte das nicht passieren.
Martin schloss die Tür auf, als wir abends nach Hause kamen.
Endlich wieder daheim!, sagte er.
Ich sagte nichts. Einerseits war ich auch erleichtert, andererseits hätte ich gerne noch mehr Zeit mit meinen Freunden verbracht. Leider war das selten möglich, weil Martin bei solchen Treffen nie vorhersehbar war: Mal wollte er unbedingt dabei sein, dann sagte er wieder im letzten Moment ab, ärgerte sich aber, wenn ich dann allein hinging und wenn ich daheimblieb, war er auch unzufrieden. Egal, wie ich es machte richtig war es nie, das brachte mich zur Weißglut.
Und, was wollte denn der Paul von dir?, fragte Martin plötzlich.
Ach, er sagte, er habe ein berufliches Angebot für mich und möchte morgen mit mir darüber sprechen, entgegnete ich ruhig.
Und? Du willst hingehen?!, wetterte Martin.
Ja. Es geht um Arbeit.
Und mit mir willst du das nicht besprechen? Oder sind wir keine Familie?
Ich schaute verwirrt. Natürlich sind wir eine Familie. Aber unsere Berufe haben nichts miteinander zu tun. Ich denke, ich kann allein entscheiden, was ich arbeite, argumentierte ich für mich war nicht nachvollziehbar, warum ich berufliche Entscheidungen mit Martin absprechen sollte, solange wir keine gemeinsame Baufinanzierung oder ähnliches am Laufen hatten.
Na warte, ich fahr da bestimmt nicht mit.
Überraschende Wendung.
Wer sagt denn, dass man wohin fahren muss?
Ich weiß, was Paul vorhat. Er will bestimmt, dass du die Leitung eines neuen Standorts übernimmst.
Und wo?
Martin sah weg. In meinem Kopf formte sich ein Verdacht.
Etwa dort, wo wir mal hinziehen wollten?
Genau, murmelte Martin widerwillig.
Das wäre doch super!
Nein. Ich bleibe hier. Und du auch, sagte er entschieden.
Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Aber ich entschied mich, das Angebot von Paul trotzdem anzuhören.
Das ist mein Angebot, Anna. Was meinst du?, blickte Paul mich ernst an.
Warum suchst du niemand anderen dafür?
Ich kenne dich, ich vertraue dir, antwortete Paul schlicht.
Martin will auf keinen Fall wegziehen, sagte ich leise.
Paul stand auf, ging einmal durchs Büro.
Anna, das wollte ich eigentlich nicht sagen, aber ich denke, du solltest Martin verlassen.
Ich wurde blass. Warum? Ich liebe ihn doch.
Ich weiß. Aber er betrügt dich. Mit deiner Freundin Katrin. Darum will er auch nicht umziehen. Zwei Frauen, beide richten sich nach ihm. Denk doch an mein Angebot.
Ich verließ sein Büro und schlich wie betäubt heim.
Zuhause war es ruhig, aber irgendetwas fehlte. Ich ließ mich auf das Sofa sinken, zog meine Beine an.
Tropf, tropf, tropf Was war das? Ich folgte dem Geräusch ins Bad. Der Wasserhahn tropfte. Ich drehte ihn ab.
Tropf, tropf, tropf Fast, als rinnt meine Liebe aus meinem Herzen davon.
Ich rannte aus der Wohnung, zog mir rasch Jacke und Schuhe an und stand kurz darauf vor Katrins Tür. Auf mein Klingeln keine Antwort, da klopfte ich. Vergeblich, nur Frau Meier aus der Nachbarwohnung steckte den Kopf heraus und meinte: Die ist noch nicht da.
Ich sah auf die Uhr. Natürlich, Katrin war noch bei der Arbeit. Ich, Anna, hatte mir heute freigenommen. Plötzlich fuhr der Aufzug hoch, und Katrin stieg mit Martin aus. Sie verstummten auf der Stelle. Schweigen erfüllte die Luft.
Ich sagte kein Wort, aber ich wusste jetzt, dass Paul nicht gelogen hatte. Martin fing an, etwas zu erklären, aber ich hörte nicht hin. Ich sah Katrin an, die den Blick senkte. Da wusste ich, dass ich hier jetzt nichts mehr zu suchen hatte, drehte mich um und rannte die Treppe hinunter. Ob Martin mir folgte, war mir egal. Ich lief auf den Alexanderplatz zu und mischte mich dort unter die Menge.
Also doch, es stimmt wirklich, hämmerte es in meinem Kopf.
Das ganze Sich-Ausliefern, das ständige Entgegenkommen, das stete Nachgeben alles umsonst. Es funktioniert nicht!
Mein ganzes Weltbild lag in Trümmern. Ich zückte mein Handy und rief Paul an.
Paul, ich nehme dein Angebot an, schaffte ich nur zu sagen.





