Vergeltung
24. Februar
Heute ist wieder so ein Tag gewesen, an dem ich nur den Kopf schütteln konnte über meinen Bruder, über unsere Familie, über alles. Aber ich fange von vorne an, wie es sich für ein richtiges Tagebuch gehört.
Max, mein großer Bruder, kam wie ein Wirbelwind in unsere Wohnung. Hallo zusammen! Lernt meine Lisa kennen!, rief er mit seinem gewohnten Strahlen, das es stets irgendwie schafft, alle um den Finger zu wickeln. Ich war gezwungen, ihr freundlich zuzulächeln, während in meinem Kopf ein ganz anderer Gedanke tobte: Wo findet er immer diese Lisas, Anjas, Paulas, diese unscheinbaren, schüchternen Mädchen?
Mein Bruder ist eigentlich ein toller Typ: groß, sportlich, charmant und immer ein Lächeln im Gesicht. Die Mädchen stehen bei ihm Schlange, und manchmal sind wirklich echte Schönheiten dabei und ausgerechnet er entscheidet sich immer für die stille, eher unauffällige Sorte. Das konnte ich noch nie nachvollziehen.
Einmal habe ich ihn darauf angesprochen, aber Max zuckte nur mit den Schultern und meinte, ich würde das halt nicht verstehen, weil ich noch zu jung sei. Als ich später mit Mama darüber redete, druckste sie herum und sagte nur, dass Max eben seinen eigenen Geschmack habe. Klar, dachte ich. Ich weiß doch, wie er die hübschen Frauen ansieht. Aber scheinbar gibts etwas, das ihm wichtiger ist ein bisschen Selbstbestätigung vielleicht?
Als ich mich mit meiner besten Freundin Julia darüber austauschte, lachte sie: Das ist doch klar! Mit solchen Mädchen kann er machen, was er will sie verzeihen alles, kochen, waschen, sitzen brav daheim und warten mit einer heißen Suppe.” Ihre Theorie: Er sucht sich Frauen aus, bei denen er immer der Held sein kann.
Ein bisschen stimmte das wohl. Nur warum hielt es nie lange bei ihm? Warum wechselten die Lisas und Paulas ständig? Auch Julia hatte darauf keine Antwort.
Und dann kam alles anders
Zu meiner Überraschung mochte ich Lisa, das neue Mädchen, wirklich. Sie war nicht wie die anderen: herzlich, witzig und irgendwie zum Wohlfühlen. Endlich mal eine normale Freundin für Max! Ich dachte wirklich, diesmal könnte es ernst werden.
Nach dem Mittagessen zogen sich Max und Lisa zurück. Ich wollte mit Mama über Lisa sprechen und ihr sagen, wie nett ich sie fand. Doch kaum näherte ich mich der Küche, blieb ich abrupt stehen, weil ich Papas Stimme hörte. Hoffentlich heiratet er sie endlich und zieht aus. Das kann so nicht weitergehen immer auf unsere Kosten! Der Junge ist doch alt genug, endlich selbst zu arbeiten!
Mama seufzte. Angeblich hat sie gut verdienende Eltern, eine eigene Wohnung und einen guten Job. Vielleicht kriegt sie Max ja irgendwo untergebracht Ich wünsche mir auch, dass er endlich auszieht und uns nicht noch länger auf der Tasche liegt.
In dem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Klar Max sucht sich nicht nur Frauen, die sich glücklich schätzen, dass er mit ihnen zusammen ist, sondern solche, hinter deren Familien Geld steckt. Die nächste Freundin ist immer ein bisschen besser ausgestattet als die letzte. Und Lisa hatte wohl die besten Karten bisher.
Es war mir plötzlich richtig übel. Das war einfach so ungerecht, so widerlich! Ich bekam Mitleid mit Lisa echtes, tiefes Mitleid.
Die Beziehung zwischen Max und Lisa nahm Fahrt auf. Er überschüttete sie mit teuren Geschenken, doch das waren alles Dinge, die er mit dem Geld unserer Eltern kaufte. Jedes Mal gab es zu Hause Streit. Meine Eltern versuchten, ihm das Geld zu verweigern, aber mit viel Überredungskunst bekam er es immer wieder.
Irgendwann fragte Julia mich: Sag mal, warum macht dein Bruder Lisa keinen Antrag? Zieht er das extra in die Länge? Nicht, dass sie noch rausfindet, was für ein Blutsauger er ist!
Ich konnte keine Antwort geben, aber auch mir kam das komisch vor. Warum wartete Max so lange?
Und dann, eines Tages, machte Max Lisa tatsächlich einen Heiratsantrag. Alle waren glücklich, vor allem meine Eltern. Doch geändert hat sich trotzdem nichts; die Hochzeit wurde immer wieder verschoben von Frühjahr auf Sommer, dann auf Herbst. Der Stress zu Hause wurde immer schlimmer.
Meinst du, dein Bruder heiratet sie überhaupt? fragte Julia irgendwann. Mir war alles zu viel. Ich wünschte mir eigentlich nur noch, es wäre vorbei egal wie.
Als ich gestern nach Hause kam, hörte ich wieder lautes Geschrei. Statt wie sonst wegzulaufen, stellte ich mich ins Wohnzimmer.
Jetzt reichts! platzte es aus mir heraus, als das Gezeter verstummte. Du nimmst unsere Eltern aus wie Weihnachtsgänse, um Lisa mit Geschenken zu beeindrucken warum arbeitest du nicht einfach selbst mal? Max verteidigte sich wie immer: Das zahle ich schon zurück
Wie denn? schnaubte ich. Wenn ihr verheiratet seid und Lisa merkt, dass du ständig nur abbummelst, jagt sie dich doch sofort davon!
Max blaffte zurück, aber ich ließ mich nicht beeindrucken. Schließlich verließ ich das Zimmer, mein Vater reichte mir wortlos einen Umschlag, den ein Kurier gebracht hatte. Mein Name stand darauf.
Ich zog mich verwirrt in mein Zimmer zurück. Der Umschlag war verschlossen, ohne Absender, darin lag eine Eintrittskarte für die Oper am heutigen Abend. Nur eine.
Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, aber ging trotzdem hin.
Vor dem Opernhaus stand ich eine Weile herum, tat so, als würde ich auf jemanden warten. Aber natürlich erkannte ich kein bekanntes Gesicht. Also gab ich meinen Mantel an der Garderobe ab, fand meinen Platz im ausverkauften Saal.
Das Stück begann. Ich war nervös, schaute immer wieder umher. Doch dann, beim zweiten Akt, blieb mein Blick wie gebannt auf einer Frau auf der Bühne hängen. War das nicht Lisa? Als sie zu sprechen begann, war klar: Sie war es wirklich!
Nach der Vorstellung, als das Publikum sich zerstreute, trat plötzlich eine Mitarbeiterin auf mich zu. Frau Weber möchte Sie sprechen, kommen Sie bitte mit. Ich folgte ihr hinter die Bühne.
Dort begrüßte mich, ganz anders als sonst, Lisa oder soll ich sagen, Oksana? Sie lachte herzlich. Eigentlich heiße ich Oksana, stellte sie klar.
Mir wurde einiges klar. Also von den reichen Eltern, der tollen Bankposition das stimmt alles gar nicht?
Sie grinste. Nein. Dein Bruder hat meine Freundin eiskalt sitzen lassen, sie wollte sich rächen. Also habe ich mich ein bisschen verstellt unscheinbar, schüchtern, angeblich mit reichen Eltern. Dein Bruder ist voll darauf eingestiegen. Und ich habe ihn etwas an der Nase herumgeführt.
Die eigentliche Pointe folgte: Weißt du, ich wollte dir persönlich das Geld für die Geschenke geben damit du es deinen Eltern zurückgeben kannst. Wenn ich es direkt gebe, lassen sie sich doch eh wieder um den Finger wickeln!
Mir wurde übel beim Blick auf den Umschlag voller Scheine und der beigefügten Liste mit Wertangaben. Wie hatte sie das nur angestellt?
Sie lachte. Ganz einfach ich bin Schauspielerin!
Tatsächlich machte Oksana Schluss mit Max. Es war ein ordentlicher Schock für ihn, das habe ich gemerkt. Er tauchte wieder zu Hause auf, bettelte nach Geld, doch dieses Mal war Papa unnachgiebig. Er schmiss Max kurzerhand raus. Wenn du nicht endlich klarkommst, dann hast du hier nichts mehr verloren!
Mama weinte, Papa fluchte, Max packte beleidigt seine Sachen und zog aus. Erst als er weg war, drehte sich Papa zu mir:
Wehe, du lässt ihn wieder rein! Und Mitleid hat er nicht verdient.
Ich gab Mama das Geld zurück. Ob sie sich freute, weiß ich nicht, aber man spürte, dass eine riesige Last von uns allen abgefallen war.
Max meldete sich noch ab und zu, aber die meiste Zeit herrschte Funkstille. Ich fragte mich oft, ob Oksanas Theaterstück ihn zum Nachdenken brachte oder ob er so bleiben würde, wie er immer war. Menschen verändern sich selten aber vielleicht ja doch?
Manchmal hoffe ich das noch, auch wenn ich es fast nicht mehr glaube.





