Ich arbeitete als Verkäuferin in einem kleinen Laden in München. Eines Nachmittags trat eine ältere Dame ein, sammelte ein paar Einkäufe in ihren Korb und blickte dann unsicher auf die schweren Tüten. Schnell war mir klar, dass sie niemals alles allein nach Hause tragen konnte.
Wie weit wohnen Sie von hier entfernt? fragte ich sie höflich.
Nur drei Straßen weiter, antwortete sie leise.
Dann helfe ich Ihnen gerne, erwiderte ich sofort.
Ohne zu zögern schloss ich den Laden und opferte meine Mittagspause für sie. Unterwegs kamen wir ins Gespräch. Sie stellte sich als Hannelore Becker vor, 78 Jahre alt, und offenbarte mir, wie einsam sie war: Ihr Sohn war viel zu früh an Krebs gestorben und ihre Tochter, die in Frankfurt lebte, hatte vor Jahren jede Verbindung zu ihrer Mutter abgebrochen. Von diesem Tag an freundeten wir uns an.
Ich begann, Hannelore regelmäßig zu besuchen. Oft saß ich in ihrer kleinen Küche, trank mit ihr Schwarzwälder Tee und hörte ihren Geschichten zu. Ich half ihr beim Putzen, erledigte kleinere Reparaturen und spendete ihr Trost, wann immer sie Kummer hatte.
Eines Tages konnte ich sie telefonisch nicht erreichen, was ungewöhnlich war. Also machte ich mich auf den Weg zu ihrer Wohnung. Als ich an die Tür klopfte, öffnete sich nach einer Ewigkeit die Tür aber nicht Hannelore stand vor mir, sondern ihre Nachbarin.
Sind Sie Annemarie? Ihre Freundin? fragte die Frau.
Ja… antwortete ich, schon voller Vorahnungen.
Hannelore ist gestorben. Als sie ins Krankenhaus gebracht wurde, hat sie Ihnen diesen Brief hinterlassen.
Mit zitternden Fingern steckte ich den Umschlag in meine Jackentasche und ging. Zu Hause erzählte ich meinem Mann, was geschehen war, und zusammen lasen wir den letzten Brief von Hannelore.
Annemarie, du warst mein einziger Halt. Ich habe niemanden, dem ich sonst vertrauen kann. Meine Enkelin, das Kind meiner Tochter, lebt im Heim, weil meine Tochter das Sorgerecht verloren hat. Ich habe sie jedes Wochenende besucht. Wenn es dir nicht zu viel ist, schau bitte ab und zu nach ihr. Hier ist die Nummer, dort wartet etwas auf dich…
Wir riefen an, vereinbarten einen Termin und mein Mann begleitete mich. Der Mann, der uns empfing, war ein Notar. In seinem Büro erfuhren wir, dass Hannelore mir ihre Wohnung in der Schwanthalerstraße vererbt hatte.
Am nächsten Tag fuhren wir gemeinsam ins Kinderheim. Die rothaarige Julia, zarte zehn Jahre alt, gewann sofort unser Herz. Wir beschlossen, sie zu adoptieren. Unsere eigenen Kinder waren begeistert.
Drei Jahre gingen ins Land. Mein Mann und ich gerieten in einen heftigen Streit, sodass er für einige Zeit zu seiner Mutter nach Nürnberg zog. Nach einer Weile fanden wir jedoch wieder zueinander.
Julia wuchs heran, zeigte aber keine Eile, in die Wohnung ihrer Großmutter zu ziehen. Wir vermieteten sie, um ein wenig zusätzliches Einkommen zu haben. Unsere Kinder verließen das Haus nur langsam.
Eines Abends blieb mein Mann lange in der Arbeit. Als ich die Türe hörte, lief ich ihm entgegen doch er war nicht allein. Neben ihm stand ein kleiner Junge, fest an seiner Hand.
Ich kann dir alles erklären, sagte er sofort leise.
Komm, wir essen erst einmal etwas, bringen die Kinder ins Bett und reden dann, antwortete ich ruhig, obwohl mein Herz raste.
Später am Abend gestand er:
Erinnerst du dich an die Zeit, als ich bei meiner Mutter war? Ich habe einen Fehler gemacht. Ich war betrunken, es war bedeutungslos … Zwei Tage später hatte ich alles vergessen. Heute rief das Jugendamt an. Sie sagten, die Mutter des Jungen, mit der ich damals eine Nacht hatte, hätte ihn vernachlässigt und das Sorgerecht sei entzogen worden. Wenn ich das Kind nicht aufnehme, kommt es ins Heim. Wenn du willst, können wir ihn dort lassen, ich würde es verstehen.
Niemals hätte ich das übers Herz gebracht. Der Junge, Leon, glich meinem Mann aufs Haar. Ich verzieh, nahm ihn wie meinen eigenen Sohn auf und wir lebten unser neues, unerwartetes Leben als Familie weiter.





