Der perfekte Ehemann
Um Punkt 18 Uhr trat Annika in die Wohnung ein.
Hallo, mein Schatz! rief ihre Mutter aus der Küche und streckte den Kopf heraus. Wie war dein Tag?
Ganz okay, murmelte Annika. Alles war wie immer ihre Freundinnen waren noch draußen, während sie pünktlich nach Hause musste.
Warum musste sie eigentlich immer genau um 18 Uhr daheim sein? Woher kam diese seltsame Regel?
Missmutig zog sich Annika um und schlurfte in die Küche.
Mama, begann sie vorsichtig. Es ist doch Sommer, oder? Sommer!
Und? fragte die Mutter.
Ich meine, es wird doch spät dunkel
Na und?
Annika wurde langsam wütend: War das nicht eindeutig genug?
Ich könnte doch auch um 19 Uhr nach Hause kommen, oder?
Die Mutter schmunzelte.
Annika, bei uns gibt es halt Regeln. Sechs Uhr ist eine davon. Nächstes Jahr, wenn du studierst, darfst du länger bleiben.
Annika seufzte: Wenigstens das
Sie aß hastig und verschwand dann in ihr Zimmer, um den Lernstoff noch einmal durchzugehen oh, wie sehr sie sich nach Freiheit sehnte.
………………………
Sommer, Herbst und Winter vergingen, und plötzlich war Frühling.
Annika war nervös. Die Abiturprüfungen standen bevor, sie brauchte die besten Noten, um an der Universität angenommen zu werden! Dann, ja dann würde sie endlich leben
An diesem Tag setzte sie sich auf eine Parkbank im kleinen Stadtpark. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis: Gibt es die richtige Universität überhaupt für mich? Will ich wirklich diesen Beruf lernen? Vielleicht sollte ich alles noch einmal umwerfen, solange es nicht zu spät ist?
Guten Tag, schöne Frau! hörte sie plötzlich eine Männerstimme.
Annika erschrak und sah den jungen Mann an, der plötzlich neben ihr saß und freundlich grinste.
Guten Tag, sagte Annika und ihr kam sein Gesicht vage vertraut vor. Aber woher sollte sie ihn kennen?
Der junge Mann lachte:
Ich bin Matthias. Wir wohnen doch im selben Haus, nur nicht im selben Aufgang. Und weißt du noch, in der ersten Klasse? Ich habe dich damals zur Schulglocke getragen. Erinnerst du dich?
Annika nickte: Natürlich! Wie konnte sie das vergessen?
Ich war heute früh fertig und wollte durch den Park schlendern. Und plötzlich siehst du hier Zufall oder Schicksal!
Schicksal? fragte Annika verblüfft.
Na ja, ich habe dich lange nicht gesehen, aber sofort erkannt. Da dachte ich, ich spreche dich einfach mal an.
Sie plauderten eine Weile, dann musste Annika nach Hause. Aber morgen, ja morgen wollten sie sich wieder genau hier treffen.
…………….
Annika schlich sich in die Wohnung. Doch ihre Mutter hörte sie natürlich und begann gleich, beiläufiges Gespräch.
Mama, ich bin gerade angekommen, lass mich wenigstens die Hände waschen,! flehte Annika.
Die Mutter zuckte mit den Schultern und verschwand. Annika hingegen wischte sich heimlich ein Lächeln aus dem Gesicht, ihr Herz schlug wild.
Matthias hatte ihr gesagt, wie hübsch sie geworden sei, dass sie ihm schon lange gefiel und er froh sei, sie wiedergetroffen zu haben.
Annika betrachtete ihr Spiegelbild im Schrank. Sie drehte sich einmal, strich sich durchs Haar, und streckte frech die Zunge raus.
So fing es also an plötzlich hatte Annika einen erwachsenen Freund.
…………………..
Annika mochte Matthias sehr. Er wirkte klug, besonnen, sagte, ihre Eltern hätten alles richtig gemacht und sie solle unbedingt an die Uni gehen.
Sie trafen sich tagsüber, spazierten oft durch München, gingen ins Kino oder mal auf ein Stück Käsekuchen ins Café.
Matthias achtete darauf, dass Annika den Stoff verstand, half ihr beim Lernen, erklärte geduldig, was schwer für sie war.
Dank ihm schaffte sie das Abi problemlos und wurde an der Ludwig-Maximilians-Universität aufgenommen. Am nächsten Tag erklärte Matthias:
Annika, weißt du was?
Was denn?
Heirate mich!
Annika schnappte nach Luft und wurde knallrot:
Heiraten? Aber ich fange doch gerade erst an mit dem Studium
Kein Problem, du machst Halbzeit. So hast du Zeit für Uni und sammelst Berufserfahrung. Später reißt man sich um dich!
Annika spürte, wie ihre heimlichen Wünsche in greifbare Nähe rückten. Wenn sie Matthias heiratete, würde sie endlich ihre Eltern los sein. Und außerdem liebte sie ihn ja.
Ich bin einverstanden, sagte Annika.
Dann gehen wir am Samstag zu deinen Eltern und am Sonntag zu meinen?
Zu den Eltern? Annika war verblüfft.
Klar, mach dir keine Sorgen, das läuft schon, versicherte Matthias ihr.
Und tatsächlich, alles lief glatt. Die Eltern mochten ihn, fürchteten keine Einwände.
Nur abends, im Zimmer, schaute Annikas Mutter ihr tief in die Augen.
Tochter, bist du dir sicher? Du bist doch noch so jung
Ganz sicher, beruhigte Annika ihre Mutter.
……………….
So geschah es. Annika und Matthias heirateten. Die Hochzeit wurde gestrichen Annika hätte eine gefeiert, aber Matthias war dagegen, und Annika wollte ihn unterstützen. Also gab es nur das Standesamt.
Annika begann das Studium, Matthias organisierte ihr einen Nebenjob für einige Stunden täglich. Eigentlich hätte sie glücklich sein müssen doch sie war es nicht.
Kaum hatte sie gehofft, dass niemand mehr Kontrolle über sie hatte, merkte sie, dass jetzt Matthias und seine Eltern alles lenkten. Sie kontrollierten sie und gaben fortlaufend kluge Ratschläge.
Manchmal träumte Annika davon, ganz allein zu sein. In ihrem Elternhaus konnte sie sich wenigstens im Zimmer verkriechen, bei Matthias war immer jemand da. Nur an der Uni fühlte sie sich frei.
Die Hochschule war wie ein Paralleluniversum: sorglos, voller Leben. Annika fand neue Freunde, doch feiern mit ihnen durfte sie nie Matthias erlaubte es nicht. Sie hörte sehnsüchtig ihren Geschichten zu und seufzte nur.
Das kommt noch, klopfte sie ihr Freund Volker zwinkernd auf die Schulter. Du hast noch Zeit fürs Studentenleben.
Annika lächelte traurig.
…………….
Jahr um Jahr verging. Erst eins, dann zwei, drei, vier So erreichte Annika ihr Examen. Das war einerseits ein Triumph, andererseits ziemlich bedeutungslos, denn die Ehe mit Matthias war längst am Bröckeln.
Du machst alles falsch! fuhr Matthias sie an.
Wie oft noch? Seit vier Jahren schaffst du es nicht, meine Sachen ordentlich zu packen
Was stimmt denn nicht mit dir!
Erst schwieg Annika, doch bald zickte sie zurück. Sie verstand nicht, warum früher alles in Ordnung war und jetzt gar nichts mehr passte.
Der hat sich längst neu verliebt, erklärte ihre Freundin Sabine. Such nur einen Vorwand für die Scheidung.
Unsinn, Sabine! Annika konnte das nicht glauben.
Sabine zuckte die Schultern:
Du bist halt zu naiv.
Doch dann schlug das Schicksal zu. Sabine behielt recht Matthias hatte längst eine andere, er ließ sich scheiden.
…………………..
Annika saß auf einer WG-Party mit alten Kommilitonen und war traurig.
Jahrelang hatte sie auf diese Freiheit hingearbeitet, und jetzt wollte sie sie gar nicht mehr. Über ein Jahr war vergangen, seit sie und Matthias auseinander gingen, aber sie konnte es nicht fassen sie hatte alles für ihn getan, trotzdem hatte ers nicht geschätzt. Nicht einmal jetzt, wo er wieder verheiratet war, während seine Mutter Annika manchmal anrief und sich bitter über die neue Schwiegertochter beschwerte Nicht mal jetzt hätte er sich für Annika entschieden.
Hey, Annika, warum bist du so niedergeschlagen? fragte Volker, der immer noch neben ihr saß. Du hast doch alles erreicht, worauf du hinauswolltest.
Diese Party ist irgendwie trist, murmelte Annika.
Trist? Ach was, du bist einfach emotional nicht dabei! Du musst selbst mal eine Feier veranstalten. Dann wirds garantiert lustig!
Ja ja, lustig, nuschelte Annika.
Wann hast du eigentlich Geburtstag? forschte Volker.
Dauert noch
Na gut Volker dachte nach. Und auf deiner Hochzeitsfeier, würdest du da Spaß haben?
Annika stutzte. In ihren Augen blitzte kurz ein Funken Freude auf.
Vielleicht, sie erinnerte sich, dass ihre eigene Hochzeit ja eigentlich nie stattgefunden hatte. Sie wurde wieder traurig. Aber ich habe ja keinen Bräutigam dafür.
Annika seufzte.
Wie keinen? rief Volker. Was ist mit mir? Ich wäre perfekt!
Annika blinzelte verwundert: Witz oder Ernst?
Im Ernst, ich bin der ideale Bräutigam. Na, wie wärs? Wir heiraten, feiern richtig und können uns gleich darauf wieder scheiden lassen, wenn du magst.
Annika lachte.
Siehst du! Du lachst schon! Ich heitere Leute gerne auf. Also, was sagst du?
Volker machte große, bittende Augen und Annika ging auf die Scherzerei ein:
Abgemacht. Ich mache mit.
Er klopfte ihr auf die Schulter:
Perfekt. Dann gehen wir morgen das Aufgebot bestellen.
………………….
Annika dachte natürlich nicht ernsthaft daran, Volker zu heiraten. Doch dann stand Volker plötzlich vor ihrer Tür, stellte sich bei den Eltern vor und verkündete, sie hätten beschlossen, zu heiraten. Er schleppte die protestierende Annika sogar wirklich aufs Standesamt.
Volker, findest du nicht, dass der Spaß langsam ausgereizt ist? fragte Annika.
Spaß? Ich war noch nie so ernst, konterte Volker.
An diesem Abend kam Annikas Mutter wieder zu ihr und fragte:
Tochter, bist du dir sicher?
Annika zuckte mit den Schultern:
Mach dir keinen Kopf, Mama. Wir heiraten halt und lassen uns doch direkt wieder scheiden. Ich wollte einfach mal eine richtige Braut sein.
Na gut, sagte die Mutter und ging.
Und so gab es tatsächlich eine Hochzeit.
Sind Annika und Volker nach der Feier auseinandergegangen? Nein! Sie sind immer noch zusammen und erziehen gemeinsam bereits zwei Kinder.




