Die Fremde Besucherin
Es war zu Beginn der Ära der Handys, als wir noch frisch verheiratet waren. Wir zogen in ein neues Haus ein, ganz am Rande von München. Die Wohnungen waren einmalig schön. Die Grundrisseunwirklich raffiniert, als hätte sie ein Träumer im Halbschlaf entworfen. Uns gefiel alles, wirklich alles. Nur die Nachbarn auf unserer Etage fühlten sich an, als wären sie aus einem seltsamen Märchen in unser Leben gestolpert. Ich war zwar jung, aber streng, trug stets einen Hauch von Unnahbarkeit, arbeitete in einer verantwortungsvollen Position beim Landratsamt. Mein Mann scherzte gern und nannte mich spaßeshalber stets Frau Dr. Dietrich.
Einmal trete ich hinaus, will den Tag begrüßen da steht die neue Nachbarin wie eine Statue aus Eis, sagt weder Guten Tag noch Auf Wiedersehen. Also beschloss ich, es ihr gleich zu tun: Keine Begrüßung, kein Lächeln, nur eine Mauer aus deutschem Granit meines Stolzes. Ich runzelte die Stirn, wie der Brocken im Harz, der sich gegen Wind und Wetter stemmt.
Dann kam das Umzugsfest: Freunde, Familie und selbst fast vergessene Cousinen wurden eingeladen, um mit ein paar Flaschen Riesling und einem Berg Brezn auf unser neues Leben anzustoßen. Wir feierten länger als üblich, die Zeit schlich davon wie ein Fuchs im Wald. Um halb zwölfan einem Samstag!klingelt dieser Nachbar wie von einer anderen Welt an unserer Tür. Ich öffne, da empört er sich, es sei schon sehr spät. Diese Frechheit! Und dann schiebt er noch seine Frau vor: Claudia hat Migräne, sie würde gerne schlafen.
Ab diesem Tag nahm ich sie gar nicht mehr wahr. Nicht beim Weggehen, nicht beim Heimkommen selbst wenn wir gleichzeitig durch den Hausflur schwebten wie Schlafwandler. Mein Mann sagte immer noch höflich Grüß Gott. Ich, aus Prinzip nicht! Jemand muss ja Haltung bewahren in dieser surreale Nachbarschaft.
Monate vergehen, alles wirkt wie in einem undurchsichtigen Nebel. Eines windumtosten AbendsMünchens Straßen waren leergefegt von einer eisigen Schneesturmnahmen wir den Heimweg. Da steht vor dem Haustürflur eine junge Frau, in ihren Mantel gewickelt, wie ins Bild eines melancholischen deutschen Winters gemalt. Als sie uns sah, leuchteten ihre Augen. Ich bin die Schwester Ihrer Nachbarin. Bin aus Dresden angereist, warte jetzt schon seit Stunden. Darf ich kurz im Hausflur sitzen? Draußen ist es bitterkalt. Die Bäume knickten vom Sturm, als hätten Riesen ihre Finger im Spiel.
Wir ließen sie hinein, während ich mit meiner kältesten Dienststimme auf sie zutrat: Sie sind nicht von hier? Wo ist denn Ihr Gepäck?
In der Gepäckaufbewahrung am Hauptbahnhof, antwortete sie. Ich dachte, der Mann meiner Schwester hilft mir morgen. Dieses Wetter, Sie wissen schon
Ich ging zurück in die Wohnung, rätselte: Wer lässt in so einer Nacht seine Schwester allein? Vielleicht ist sie gar keine Verwandte. Eine Betrügerin? Mein Misstrauen kroch wie ein Nebel durchs Zimmer.
Wir deckten den Esstisch, doch der Gedanke an die Fremde ließ mich nicht los. Ich spähte immer wieder durch den Spionsie saß still und stumm, wie aus dem Traum eines Expressionisten entsprungen. Mein Mann schlug vor, sie zum Essen einzuladen. Warum denn?, lehnte ich ab, Da könnte ja jeder kommen. Aber immerhin trug ich ihr einen Stuhl hinaus, knallte ihn in den Flur, fragte ärgerlich: Warum warten Sie draußen? Hat Ihre Schwester Sie vergessen? Sie lächelte sanft: Ich wollte sie überraschen. Sie bekommt bald ihr Baby, hat eine schwere Schwangerschaft. Ich wollte ihr helfen, beim Neugeborenen.
Ich war verwundert war unsere Nachbarin schwanger? Mir war das nie aufgefallen. Alle fünf Minuten spähte ich durch den Spionmein Herz pochte wie der Glockenschlag einer alten Dorfkirche. Mein Mann schlief längst, aber mich ließ das nicht los. Wie schwer war wohl ihr Tag gewesen?
Es wurde Mitternacht. Ich sprang aus dem Bett, warf mir einen Frottee-Morgenmantel über und stürmte wütend hinaus. Genug! Kommen Sie rein, Sie schlafen heute bei uns! Die Frau war verdutzt und dankbar zugleich, wollte erst ablehnen, aber ich war entschlossen. Ich drückte ihr einen Bademantel, ein Handtuch in die Hand, schickte sie ins Bad. Nach der Dusche bestand ich darauf, dass sie etwas aß. Dann bezog ich das Gästezimmer wie eine altdeutsche Herbergswirtin und wünschte eine ruhige Nacht.
Ich hinterließ einen Zettel an der Wohnungstür der Nachbarn: Ihre Schwester ist bei uns. Bitte vor 6 Uhr nicht stören.
Um acht Uhr am Morgen klingelte es. Ich öffnete, da strahlte unser Nachbar, als habe er im Lotto gewonnen. Seine Frau hatte in dieser stürmischen Nacht einen Jungen geboren! Verstehen Sie, ich habe einen Sohn! Einen Sohn! Die Freude spritzte auf mich über wie Champagner an Silvester. Eigentlich war sie auch meine Freude, seltsamerweise. Ein großes, helles Gefühl war da.
Mutter und Baby kamen bald heim. Die Nachbarindie, die nie grüßteumarmte mich: Ihre Dankbarkeit war wie Sonnenschein über einem verhangenen Tag.
Manchmal glaubt man, sich selbst und andere bestens zu kennen. Hält an Groll fest wie an alten D-Mark-Scheinen. Doch dann geschieht etwas, das alles wandelt, und plötzlich weißt du: Das Leben kann man nur mit offenem Herzen fühlen. Mir hat das damals die fremde Besucherin gezeigt.



