Ein Obdachloser kam am 31. Dezember, um sich aufzuwärmen. Eine Stunde später erfuhr ich, auf wen meine Mutter ihr ganzes Leben lang gewartet hatte.

Ich stellte den letzten Teller auf den Tisch und trat einen Schritt zurück. Zwölf Gedecke. Zwölf Weingläser. Zwölf Servietten, zu Dreiecken gefaltet genau so, wie Mama es mir beigebracht hatte. Um acht würden die Schmidts kommen, später dann Maria mit ihrem Mann. Das Haus würde voller Leben sein, so wie Mama es liebte. Das Tischtuch weiß, mit gestickten Schneeflocken in den Ecken war noch aus Mamas Aussteuer. Ich strich die Falten glatt und dachte daran, dass ich nun schon das dritte Silvester alleine vorbereite. Ohne sie.

Oma Greta, und was ist mit dem dreizehnten Stuhl?

Ich zuckte überrascht zusammen. Clara stand im Türrahmen der Küche, eine kleine Stapel zusätzlicher Teller an die Brust gedrückt. Ihre Wangen waren noch rot von der Kälte draußen sicher hatte sie etwas im Hof vergessen.

Welcher dreizehnte?, fragte ich scheinbar überrascht.

Uroma hat doch immer einen zusätzlich gestellt. Für einen unerwarteten Gast.

Ich wandte mich zum Fenster. Draußen fielen dicke, langsame Schneeflocken, ganz leise fast wie Wattebäusche. Mama liebte diesen Schnee. Sie sagte immer, er bringe Gäste ins Haus. Ich hatte nie gefragt, welche Gäste genau sie eigentlich erwartete. Es war für mich einfach eine Redensart, eine alte Angewohnheit.

Uroma ist jetzt schon drei Jahre tot, Clara.

Eben deshalb.

Clara sah mich an direkt, ohne Vorwurf, aber mit einem unausgesprochenen Wunsch. Mit zehn Jahren war sie die einzige in der Familie, die Mamas Geschichten wirklich gehört hatte. Die nicht nur höflich nickte, sondern zuhörte. Ich selbst hatte irgendwann aufgehört, wirklich zuzuhören. Immer gab es Rechnungen, To-dos, irgendetwas im Büro. Jetzt, wo Mama nicht mehr da ist, gibt es niemanden mehr, den ich fragen könnte.

Na gut, sagte ich. Hol den alten Holzstuhl aus dem Keller. Der steht an der Wand.

Clara schenkte mir ein Lächeln und verschwand. Ich trat zum Kommodenschrank und öffnete die Schublade. In einer kleinen Samtdose lagen Mamas Ohrringe Bernstein in silberner Fassung. Ihr einziges Schmuckstück, das ich trage. Viktor sagt, sie stehen mir. Ich trage sie aber nicht deshalb. Wenn ich sanft das kühle Silber an meiner Haut fühle, habe ich das Gefühl, Mama ist ganz nah.

Ich legte die Ohrringe an und betrachtete mich im Spiegel. Zweiundfünfzig Jahre alt. Fältchen an den Augen, graue Strähnen an den Schläfen. Mama sah in meinem Alter jünger aus. Oder bilde ich mir das nur ein?

Der dreizehnte Stuhl stand plötzlich am Kopfende des Tisches. Clara hatte ihn so platziert, dass er direkt zur Eingangstür wies. Ich wollte sagen, dass das doch unpraktisch war der Gast säße mit dem Rücken zum Fenster aber ich schwieg. Mama hatte es immer so gemacht. Jedes Mal.

Uroma hat mir erzählt, sagte Clara, während sie das Tischtuch um das neue Gedeck glättete, dass sie einen Bruder hatte. Onkel Gregor. Er ging fort, als sie 27 war. Und kam nie wieder.

Ich hielt inne, die Salatschüssel in den Händen.

Woher weißt du das?

Sie hats mir mal erzählt. Damals, als ich klein war und immer bei ihr übernachtete. Dann lagen wir im Dunkeln, und sie erzählte von früher. Vom Haus, von ihrer Kindheit, von Gregor. Sie sagte, eines Tages kommt er zurück. Deshalb hat sie immer einen Stuhl übrig gelassen.

Vierzig Jahre. Vierzig Jahre hat Mama den dreizehnten Stuhl gedeckt und ich dachte immer, das sei nur eine Tradition. Eine nette Geste. Die Schrulligkeit einer älteren Dame. In Wahrheit wartete sie. Jedes Silvester wartete sie auf jemanden ganz Bestimmten.

Warum hat sie mir das nie erzählt?

Clara zuckte mit den Schultern.

Vielleicht hoffte sie, du würdest fragen.

Ich hatte nie gefragt. Nicht einmal in zweiundfünfzig Jahren. Kein einziges Mal hatte ich mich nach ihrer Kindheit, nach ihrer Familie erkundigt. Nicht gefragt, warum dieser Stuhl immer am Tisch stand. Ich nahm sie als selbstverständlich Mama eben. Jetzt ist sie weg, und fast nichts weiß ich von ihr.

Die Haustür klapperte. Viktor kam mit der Kälte herein, schüttelte den Schnee vom Mantel. Dahinter folgten Paul mit seiner Frau Lena. Stimmen, Gelächter, der Klang von Geschirr erfüllten die Räume. Lena brachte ihren berühmten Apfelstrudel, Paul eine teure Flasche Sekt. Viktor umarmte mich und küsste mich auf die Stirn.

Wunderschön hast du gedeckt.

Ich lächelte, half beim Mantelablegen, servierte Tee, hörte zu, wie von Staus und Winter erzählt wurde. Doch mein Blick wanderte immer wieder zum dreizehnten Stuhl. Leer. Wartend.

Mama hatte auf jemanden gewartet. Vierzig Jahre. Und ich hatte es nicht gemerkt.

Um sechs Uhr abends klingelte es an der Tür.

Wir waren gerade mit der Vorspeise fertig. Paul witzelte über seine Arbeit, Lena lachte, Viktor öffnete die nächste Flasche Sekt. Clara saß still da, stochert in ihrem Salat überhaupt war sie heute nachdenklich. Dann plötzlich: Das Klingeln, scharf und unerwartet.

Ich mach auf!, rief Clara und sprang auf.

Ich trocknete mir gerade die Hände ab, als ich sie rufen hörte:

Oma, da ist ein Mann!

Etwas an ihrem Tonfall ließ mich aufhorchen.

Ein alter Mann stand vor der Tür. Grauer, wirrer Bart. Ein abgewetzter Mantel, sicher einmal teuer nun schmutzig, mit abgerissenen Knöpfen. Eine Mütze, aus der Wattefetzen lugten. Abgelaufene Stiefel, einer mit Bindfaden statt Schnürsenkel. Ein Obdachloser, wie es sie an jedem Bahnhof gibt.

Doch er sah nicht uns an. Er schaute das Haus an. Die Fenster mit geschnitztem Rahmen, das Treppengeländer, den Baum mit der Lichterkette draußen. Er sah aus, als versuche er sich zu erinnern. Oder wiederzuerkennen.

Guten Abend, sagte er leise, die Stimme rau, aber freundlich. Entschuldigen Sie. Ich… friere. Könnte ich mich kurz aufwärmen?

Viktor trat zu mir, ich spürte seine Anspannung.

Wir geben leider nichts, sagte er fest, aber höflich. Aber ich bringe Ihnen gerne heißen Tee an die Tür.

Lass ihn doch rein!, Clara stellte sich dazwischen. Ihre Augen funkelten entschlossen. Oma, du hast doch selbst den dreizehnten Stuhl hingestellt. Für einen überraschenden Gast!

Ich schaute den Mann an. Er bettelte nicht. Kein Wort über eine schwere Kindheit oder hungrige Kinder wie es Bittsteller oft tun. Er stand einfach dort, schaute das Haus an. Mein Haus. Mamas Haus.

Und dann fielen mir seine Hände auf.

Er hatte die gestrickten Fingerhandschuhe ausgezogen mit Loch am Zeigefinger und die Hände gerieben. Saubere Nägel, ordentlich geschnitten. Die Haut vom Frost rissig, aber gepflegte, schlanke Finger. Das waren nicht die Hände eines Landstreichers. Mehr die eines Menschen, der feine Arbeiten gewohnt war.

Kommen Sie, sagte ich, ehe ich es recht bedacht hatte, heute ist Silvester. Niemand soll draußen frieren.

Viktor wollte protestieren, ich sah das leichte Zucken seines Kinns. Aber ich legte ihm die Hand auf den Arm. Genau so hatte Mama immer Papa beruhigt. Es funktionierte immer.

Na gut, meinte Viktor. Aber nicht zu lange.

Der Alte trat zögernd über die Schwelle. Schaute herum. Drehte den Kopf erst nach rechts zur Küche, dann nach links ins Wohnzimmer mit dem Baum. In seinen Augen blitzte etwas auf. Wiedererkennen oder Einbildung?

Küche ist rechts?, fragte er ohne jemanden anzusehen.

Ja, Clara nickte. Woher wissen Sie das?

Solche Häuser sind fast immer so gebaut, erwiderte er nachdenklich. Entschuldigen Sie. Ich war lange nicht mehr in einem richtigen Zuhause.

Wir geleiteten ihn ins Wohnzimmer. Paul war wenig begeistert Überraschungen mochte er nicht. Lena wich an den Tischrand. Nur Clara lächelte, deckte dem Gast den Platz.

Vorsichtig ließ er sich auf dem dreizehnten Stuhl nieder, ganz als fürchte er, etwas zu zerbrechen. Die Hände auf die Knie, der Rücken gerade trotz des Alters und der Müdigkeit.

Ich bringe Ihnen was, sagte Clara.

Vielen Dank. Sie sind sehr freundlich.

Seine Stimme klang merkwürdig die Sprache gewählt, die Aussprache ordentlich. Nicht wie jemand, der seit Jahren auf der Straße lebt.

Clara stellte ihm eine Platte mit Kartoffelsalat, Braten und Rotkraut hin. Er nahm das Besteck in die Hand und wieder fiel mir der Griff auf: nicht grob, sondern gepflegt, souverän. Er aß langsam, nicht schlingend, ohne Geräusche. Wie jemand, dem solches Verhalten von Kindesbeinen an beigebracht wurde.

Wie heißen Sie denn?, fragte Clara, die sich ihm gegenübersetzte.

Er hob den Blick.

Gregor.

Beinahe hätte ich das Glas fallen lassen. Die Finger zitterten, Rotwein tropfte auf die Tischdecke. Gregor. Onkel Gregor, von dem Clara erzählt hatte. Eine dunkle Erinnerung: ein Verwandter, der ging, als ich klein war. Ich war neun, und schon davor sah ich ihn selten er wohnte am anderen Ende der Stadt, arbeitete viel. Das Gesicht war verblasst. Nur an Mamas Tränen damals nach seiner Abreise erinnere ich mich. Ein Zufall. Es gibt viele Gregors in Deutschland.

Und Nachname?, wollte Clara wissen.

Andreas.

Ich fuhr mir instinktiv an die Ohrringe. Andreas. Mein Großvater, Mamas Vater, war ein Andreas. Andreas Wagner. Er starb, bevor ich geboren wurde nur die alten Fotos kenne ich.

Sehr lecker, sagte der Alte und stellte den leeren Teller weg. So etwas hatte ich lange nicht mehr.

Noch etwas?, fragte Clara.

Nein, danke. Es reicht.

Er faltete die Hände, betrachtete den Weihnachtsbaum. Die kugeln, die Lichter, den Stern obenauf. In seinen blassblauen Augen fühlte ich plötzlich etwas Vertrautes aufblitzen. Etwas, das ich jahrelang in Mamas Gesicht gesehen hatte.

Gretchen, sagte er da plötzlich zu mir und blickte mich an, könnten Sie mir bitte das Salz reichen?

Gretchen.

So hat mich nur Mama genannt. Gretchen, komm essen. Gretchen, es ist Zeit ins Bett. Niemand sonst sagte das. Viktor nennt mich Greta oder Greti, Paul sagt Mama, Clara Oma Greta. Im Büro: Frau Wagner.

Woher kennen Sie meinen Namen?

Er erstarrte, die Gabel in der Hand. Da war Angst in seinem Gesicht oder Verwirrung?

Ich… habe es gehört, wie Sie gerufen wurden.

Aber niemand hatte heute Abend Gretchen gesagt.

Ich schwieg und reichte das Salz. Wandte mich ab zum Fenster, wo weiter der dicht fallende Schnee die Welt bedeckte.

Doch meine Gedanken kreisten immer wieder um seine Hände.

Viertel vor Mitternacht erhoben wir die Gläser. Viktor sprach einen Toast auf Familie, Gesundheit, Glück im neuen Jahr. Alle prosteten sich zu. Der Alte Gregor trank still, kleine Schlucke. Vom Sekt nahm er kaum etwas, nur zum Anstoßen.

Als die Glocken Mitternacht schlugen, rief Clara Frohes neues Jahr!, Lena umarmte Paul, Viktor küsste mich. Ich sah zu dem alten Mann. Er saß unbewegt da, dem Baum zugewandt, die Lippen murmelten stumm irgendetwas. Ein Gebet? Oder zählte er einfach die Glockenschläge?

Nach dem Anstoßen spielte Clara Musik ab. Paul und Lena tanzten im Nebenraum, lachten. Viktor döste im Sessel, müde vom Trubel. Clara verschwand, um Freundinnen zu Neujahr zu gratulieren.

Ich fing an, den Tisch abzuräumen.

Der Gast saß weiter aufrecht, stumm, den Baum im Blick.

Plötzlich hörte ich das leise Knarren eines Stuhls.

Gregor stand auf. Langsam, vorsichtig wie alle alten Menschen es tun, um die Gelenke zu schützen. Er trat zu dem Weihnachtsbaum, streckte die Hand nach der alten Spitze eine Sternspitze, noch von Oma gehäkelt und drehte sie. Ein kleines bisschen nach links. Genau zwei Zentimeter.

Etwas in mir riß. Diese Bewegung. Diesen Handgriff kannte ich. Mama hat es an jedem Silvester genauso gemacht. Jedes Mal, wenn wir den Baum geschmückt hatten, trat sie zum Schluss zum Baum und rückte die Spitze ein wenig nach links. Exakt zwei Zentimeter.

Ich trat näher, das Herz pochte so laut, dass ich dachte, er müsste es hören.

Warum haben Sie das gemacht?

Er zog die Hand zurück. Drehte sich langsam um. Panik in den Augen.

Gewohnheit.

Wessen Gewohnheit?

Stille. Er schaute mich an die blassblauen Augen, Fältchen, grauer Bart, Müdigkeit. Die Augen aber … genau wie meine im Spiegel. Wie Mamas.

Sie kannten meine Mutter. Es war keine Frage.

Er senkte den Blick.

Sabine Andreas Wagner? Er nickte. Ja, ich kannte sie.

Woher?

Lange Pause. Er blickte zum Baum, als finde er darin die Antwort.

Wir sind gemeinsam in diesem Haus aufgewachsen.

Mein Herz blieb stehen. Das konnte dies und das bedeuten Nachbarn, entfernte Verwandte…

In diesem Haus?, fragte ich leise, doch ich wusste es längst.

Ja.

Ich bekam kaum Luft. Ich machte einen Schritt auf ihn zu.

Wer sind Sie?

Er schwieg.

Dort war einmal ein Kinderzimmer, sagte er schließlich, den Blick versonnen auf den Flur. Klein, am Ende des Gangs, Fenster zum Hof hinaus. Im Winter waren dort immer Eisblumen. Wir wir haben sie betrachtet und Muster gesucht.

Jetzt ist es der Abstellraum.

Ich weiß. Er hielt inne. Sabine und ich … Dann schwieg er.

Was?

Er schüttelte abwehrend den Kopf.

Nichts. Entschuldigung. Ich brauche frische Luft.

Und ging hinaus, ohne seinen Mantel.

Eine halbe Stunde später fand ich ihn draußen.

Er saß auf der alten Bank am Zaun, schaute zu den Fenstern hoch. Schnee bedeckte die Schultern, die Mütze, den Bart. Er bewegte sich kaum. Saß einfach nur da und schaute.

Ich legte Mamas alten Daunenmantel über, noch aus DDR-Zeiten, aber immer noch gut.

Sie frieren.

Nicht zum ersten Mal.

Ich setzte mich neben ihn. Die Bank war eiskalt sogar durch den Mantel. Feuchter Schnee prickelte auf meinem Gesicht.

Erzählen Sie.

Was?

Alles. Wer Sie sind. Woher Sie Mama kannten. Warum Sie heute kamen.

Lange schwieg er. Schrieb sich in die Hände diese sorgfältigen Hände mit Schwielen an den Fingerspitzen.

Sabine war meine Schwester, sagte er schließlich. Die Stimme brach. Meine kleine Schwester. Ich bin weggegangen, als sie 27 war. Ich war dreißig.

Mir wurde schwindelig. Ich klammerte mich an die Bank, damit ich nicht umfiel.

Sie sind Onkel Gregor?

Er zuckte zusammen, sah mich an.

Sie hat von mir erzählt?

Clara. Uroma hat ihr von Ihnen erzählt. Und sie heute mir. Sie meinte, Uroma wartete immer auf Sie. Deshalb der Stuhl. Vierzig Jahre lang. Zu jedem Silvester.

Er verbarg das Gesicht in den Händen. Die Schultern zitterten.

Dreiundvierzig Jahre Dreiundvierzig Jahre hatte ich Angst, zurückzukommen.

Wovor?

Er nahm die Hände vom Gesicht. Die Augen rot, feucht. Der alte Mann weinte stumm, nur Tränen liefen langsam durch den Bart.

Mein Vater Wir stritten damals. Es waren schlimme Worte. Ich sagte, er habe mein Leben ruiniert, dass ich ihn hasse, nie mehr hierher kommen würde. Er atmete schwer, die Worte formten kleine Dampfwölkchen im Licht. Ich fuhr weg, nach Norden. Beim Bau angeheuert. Ich dachte, nach einem Jahr komme ich zurück. War kühl, schlich mich wieder ein. Aus einem Jahr wurden fünf, aus fünf zehn, aus zehn zwanzig. Irgendwann wurde es nur noch peinlich. Zu lange fort. Zu viel passiert. Da dachte ich, es ist leichter, wenn man mich für tot hält.

Und Sabine? Mama?

Sein Gesicht zuckte, als hätte er Schmerzen.

Ich dachte, auch sie hasste mich. Dachte, sie stünde auf Papas Seite. Ich habe nie geschrieben, nie angerufen. Dachte, sie würde nicht antworten. Oder mir schreiben, ich solle nicht zurückkommen.

Mama hat gewartet, flüsterte ich. Die Kehle war wie zugeschnürt. Vierzig Jahre lang gedeckt, jedes Silvester.

Er hob seine Augen.

Ich erfuhr erst vor einem Jahr, dass sie verstorben ist. Zufällig. Am Bahnhof lag eine alte Zeitung als Unterlage. Da war ein kleiner Nachruf. Sabine Andreas Wagner. Meine Schwester, grau und alt. Darunter stand: Nach schwerer Krankheit verstorben. Da wusste ich Zu spät. Dreiundvierzig Jahre gezögert zu spät.

Was führte Sie heute hierher?

Weil sie gewartet hatte. Vierzig Jahre. Sie hat nie aufgegeben. Einmal musste ich wenigstens das Haus sehen. Unser Haus. Wo wir glücklich waren. Wo ich alles kaputtgemacht habe.

Wir saßen schweigend da, während der Schnee auf uns fiel. Mamas alter Mantel roch noch nach ihrem Lieblingsparfum 4711, das sie nie ablegte.

Ich glaube Ihnen nicht, sagte ich leise nach einer Weile. Verzeihen Sie. Aber das kann jeder behaupten. Haben Sie einen Beweis?

Er überlegte lange, blickte dann zu den Fenstern.

Im alten Kinderzimmer jetzt Abstellraum haben Sabine und ich als Kinder eine Inschrift in die Wand geritzt. 1962. Ich war elf, sie acht. Mit einem Nagel, unter der Tapete.

Wir haben fünfmal tapeziert.

Ich weiß. Aber in die Wand, auf Höhe eines Kindes. Neben dem rechten Fenster. Er zeigte die Höhe an. Auf einem Schemel haben wir gestanden.

Ich stand auf. Die Knie weich.

Kommen Sie.

Der Abstellraum roch nach alten Tüchern, Papas Büchern, einem Hauch von Mamas Seife. Ich knipste die Funzel an und schob mich zum Fenster.

Rechte Ecke. Kinderhöhe. Etwa einen Meter vom Boden.

Hier?

Ungefähr. Ein bisschen höher. Wir standen auf dem Hocker.

Ich kramte nach einem Werkzeug. Ein altes, stumpfes Taschenmesser lag griffbereit. Ich löste die Tapete. Die oberste Schicht beige, geklebt vor sechs Jahren. Darunter grün, floral, dann blaugrau aus den Achtzigern, gelb, fast vergilbt, noch aus den Siebzigern. Zuletzt rot, ganz verblasst, aus den Sechzigern.

Und darunter Putz. Grau, rissig.

Mit dem Handy leuchtete ich die Stelle an. Die Hände zitterten.

Buchstaben. Unsicher, krakelig, hineingeritzt. Tiefe Rillen im Putz.

Hier wohnten Gregor & Sabine, 1962

Mir entglitt das Handy. Ich kniete mich hin, fuhr mit den Fingerspitzen über die eingeritzten Buchstaben. Sechs Jahrzehnte haben sie unter den Tapeten geruht. Ihr gemeinsames Geheimnis.

Ich habe das eingeritzt, sagte Gregor leise. Sabine hatte Angst, dass Mama es sieht. Ich meinte, wir tapezieren einfach alles zu, wird unser ewiger Schatz.

Ich drehte mich um. Er stand in der Tür alt, zerschunden, fremd und doch vertraut. Onkel Gregor. Der Mann, auf den Mama vierzig Jahre wartete.

Sie sind wirklich Onkel Gregor.

Ja, Gretchen, ich bins. Du warst noch ganz klein, als ich fortging. Aber ich weiß, wie ich dich auf dem Schoß schaukelte. Sabine rief dann immer: Gretchen, zu Onkel Gregor! Deshalb ists mir heute rausgerutscht.

Bis zum Morgengrauen saßen wir dann in der Küche.

Ich kochte starken Tee mit Thymian, wie Mama es liebte. Holte das Himbeergelee hervor, das sie Sommer vor dem Letzten noch gekocht hatte. Sie hatte es in den Vorrat gestellt, kurz bevor sie krank wurde.

Gregor erzählte: Vom Norden von Hamburg bis Kiel, dann vom Leben in verschiedenen Städten. Von der Haft drei Jahre für eine dumme Jugendsünde. Von Obdachjahren, Bahnhofsfluren, Notunterkünften, Kellern. Von seiner Angst, zurückzukommen wie sie von Jahr zu Jahr größer wurde und zur Mauer erstarrte.

Ich war Uhrmacher, sagte er, die Hände betrachtend. Früher. In der Werkstatt in der Langen Straße. Reparierte Wanduhren, Wecker, Taschenuhren. Die Hände erinnern sich noch. Er zeigte die Finger, an den Spitzen Schwielen, die ich schon am Abend gesehen hatte.

Weißt du, warum ich solche Angst hatte zurückzukehren? fragte er, als es draußen zu dämmern begann. Nicht nur wegen der Scham. Sondern weil ich befürchtete, Sabine würde sagen, ich soll verschwinden. Dass für sie gestorben bin. Lieber nicht wissen, als enttäuscht werden.

Sie hätte das nie gesagt.

Woher weißt du das?

Sie hat den Stuhl gedeckt, sagte ich fest. Jahr für Jahr. Bis zum Schluss. Sogar, als sie bettlägerig war, bat sie mich darum. Ich verstand es nie hielt es für einen Spleen. Aber sie hat auf dich gewartet.

Er schwieg lange. Draußen färbte das erste Licht das Fenster.

Die Ohrringe, sagte er dann. Bernstein. In Silber. Ich schenkte sie ihr zum 18. Geburtstag. Von meiner ersten Ausbildung Uhrmacherlehrling, das wenige Geld dafür zusammengespart. Sie war so glücklich. Sagte, sie würde sie ihr ganzes Leben tragen.

Ich berührte die Ohrringe. Der Bernstein in kühlem Silber. Ein Geschenk von ihm.

Sie hat sie nicht abgenommen, sagte ich. Noch im Krankenhaus trug sie sie. Die Schwestern sagten, sie solle sie ablegen, aber sie wollte nicht.

Tränen rannen leise durch seinen Bart.

Ich erhob mich, holte den grauen Wollschal von Mama aus dem Schrank selbstgestrickt, immer noch mit einem Hauch von 4711, nach Zuhause und Kindheit.

Ich legte ihm den Schal um die Schultern.

Frohes neues Jahr, Onkel Gregor.

Er nahm meine Hand und presste sie an die Wange, benetzte sie mit stillen Tränen.

Sie hat es nicht mehr erlebt, flüsterte er. Drei Jahre habe ich verpasst. Wenn ich nur vorher …

Du bist gekommen. Lieber spät als nie. Und das zählt. Das war ihr Herzenswunsch.

Er blickte mich an die Augen rot und geschwollen.

Sie hätte gewollt, dass du bleibst.

Bleiben?

Hier. Bei uns. In diesem Haus.

Er schwieg. Draußen ging langsam die Wintersonne auf.

Am Morgen, als das Licht durch Eiskristalle am Fenster drang, trat ich ins Wohnzimmer.

Onkel Gregor saß auf dem dreizehnten Stuhl. Vor ihm dampfte der Tee. Clara erzählte ihm eifrig und gestikulierte, er lächelte zum ersten Mal in dieser Nacht ehrlich glücklich.

Der Stern auf dem Baum stand ein bisschen nach links wie Mama es immer gemacht hatte. Jetzt wusste ich, warum. Das war ihr und Gregors Zeichen. Das besondere Geheimnis, das sie vierzig Jahre lang verbunden hielt. Sie hoffte, dass er eines Tages käme und ihn selbst drehte.

Paul beobachtete den Gast skeptisch aus der Ecke. Lena klapperte in der Küche. Vielleicht war es für sie ein Tag wie jeder andere. Für mich nicht.

Viktor trat näher und legte mir den Arm um die Schulter.

Also bleibt er?

Ja.

Greta … bist du sicher? Wir wissen wenig von ihm…

Er kennt die Inschrift hinter den Tapeten, Viktor. Hier wohnten Gregor & Sabine, 1962. Das kann niemand wissen, der nicht dazugehört.

Viktor seufzte. Er war vorsichtig, aber ein guter Mensch. Und er liebte mich genug, mir zu vertrauen.

Na gut. Aber falls etwas ist, sagst du es.

Ich sah zu Gregor. Die Hände wie ein Uhrmacher um die Teetasse gelegt: Hände, die mit Geduld Werke zusammensetzen, Erinnerungen eingeschlossen.

Mama hat den Stuhl vierzig Jahre gedeckt, sagte ich ruhig. Er war nun drei Jahre leer. Das reicht.

Clara winkte mir lebhaft zu.

Oma Greta! Onkel Gregor meint, er könne meine alte Kuckucksuhr reparieren! Stell dir vor! Die hängt schon ewig still. Er meint wirklich, er kanns!

Ich trat an den Tisch, legte die Hand auf Gregors Schulter genauso wie Mama es immer getan hatte: zum Willkommen, zum Trösten, zum Segen.

Frohes neues Jahr auf einen neuen Anfang.

Er legte seine warme Hand auf meine.

Danke, Gretchen. Die Stimme wackelte. Danke, dass du mich aufgenommen hast.

Draußen schneite es weiter langsam, ruhig, dicht. Mama sagte immer, solcher Schnee bringe Gäste.

Sie hatte recht. Wie immer.

Vierzig Jahre lang hoffte sie. Drei Jahre später kam er wirklich zurück.

Und der dreizehnte Stuhl blieb nie wieder leer.

Unser Haus hatte wieder Platz für Vergebung, Geschichten und für Hoffnung.

Denn manchmal bringt der Schnee nicht nur Gäste, sondern auch die Möglichkeit, das zu heilen, was verloren schien.

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Homy
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Ein Obdachloser kam am 31. Dezember, um sich aufzuwärmen. Eine Stunde später erfuhr ich, auf wen meine Mutter ihr ganzes Leben lang gewartet hatte.
„Das unerwartete Auftauchen der Schwiegermutter: Wie ein überraschender Besuch das Münchner Familienleben völlig auf den Kopf stellte“