Glück – Das Streben nach Zufriedenheit im deutschen Alltag

Glück

In meinem Haus ist für dein Kind kein Platz, sagte der neue Freund meiner Mutter. Und meine Mutter stimmte zu.

Für den achtjährigen Andreas schien die Welt für immer zusammenzubrechen, als der Wagen des Jugendamts ihn abholte. Mama versprach ihm, ihn bald zu holen. Aber Tage wurden zu Monaten, Monate zu Jahren

Und doch erschien jeden Sonntag eine kleine Gestalt im alten Mantel am Gartenzaun. Im Regen, im Schnee, bei Frost. Immer.

Kann man Glück auf den Trümmern des Verrats aufbauen? Und wie lässt man den Schmerz los, wenn man von dem Menschen verraten wurde, der einem am nächsten steht?

***

Ich vergesse diesen Sommer nie. Nicht, weil er so besonders war ein Juli wie jeder andere: heiß, staubig, der Pappelflaum flog in die Nase und sammelte sich in den Hauseingängen und auf den Fenstern. Ihr kennt diese kleinen deutschen Kleinstädte jeder kennt jeden, jeder weiß alles, die alten Damen auf den Bänken klatschen von morgens bis abends.

Abends duftet es aus den Fenstern nach Bratkartoffeln, aus jedem Hof hört man dieselben alten Lieder im Radio. Langweilig? Vielleicht. Aber für einen achtjährigen Jungen: die ganze Welt.

Ich war damals glücklich. Einfach so ohne Grund, ohne mir darüber Gedanken zu machen. Erst viel später habe ich verstanden, dass das wirklich Glück war. Damals lebte ich einfach.

Mein Vater war LKW-Fahrer.

Er war oft lange unterwegs, kam erschöpft und unrasiert zurück, mit dem Geruch der Straße und von Diesel an den Klamotten. Er brachte Geschenke: Parfüm für Mama in merkwürdigen Fläschchen, für mich kleine Autos, Kaugummi einmal sogar ein echtes Schweizer Taschenmesser mit zahlreichen Klingen.

Mama schimpfte, sowas gehöre nicht in Kinderhände, aber das Messer nahm sie mir trotzdem nie weg, und ich trug es wie einen Schatz.

Mein Vater hieß Stefan. Groß gewachsen, ein bisschen nach vorne gebeugt wie große Männer manchmal sind, als schämten sie sich für ihre Größe. Dunkle Augen, eine sanfte Stimme, die gar nicht zu so einem massigen Körper passte. Er lachte selten, das stimmt. Aber wenn er lachte, war es wie Donnergrollen und ich hätte alles dafür getan, das wieder zu hören.

Meine Mutter, Birgit, war wunderschön.

Das wusste ich genau, weil es alle sagten: die Nachbarinnen, die Verkäuferinnen im Edeka, ja sogar der Dorfpolizist, der unsere Anmeldung überprüfte. Hellblonde Haare, feine Züge, eine Eleganz selbst im simplen Baumwollkleid wirkte sie, als käme sie aus einer ganz anderen, besseren Welt, in den kleinen, staubigen Ort aus Versehen vielleicht.

Wahrscheinlich war es auch so. Mama stand oft am Fenster und blickte hinaus mit einer Miene, die ich damals nicht benennen konnte, aber sehr wohl in Erinnerung behalten habe. Später verstand ich: Es war Sehnsucht.

Sehnsucht nach einem anderen Leben, das sie sich ausgemalt hatte und das ihr nicht vergönnt war.

Oma Helga wohnte zwei Häuser weiter. Zu ihr schickten sie mich, wenn meine Eltern reden wollten ich hatte bald heraus, dass das immer ein Code war für Streit, Türenknallen, Mamas Tränen.

Bei Oma war es schön. Es roch nach Kuchen und nach Geranien. Auf den Fensterbänken standen Marmeladengläser, die ich eigentlich nicht anrühren durfte, aber trotzdem manchmal vorsichtig öffnete, um ein bisschen vom süßen Schaum abzulecken. Oma tat dann immer, als bemerke sie nichts.

Du bist ganz der Vater, sagte sie oft mit einem eigenartigen, stolzen und traurigen Unterton. Mein Stefan war genauso als Junge. Immer voller Unfug.

Ich wusste nicht, was Unfug bedeutete, aber ich mochte es, zu hören, dass ich auf meinen Vater kam.

Dann kam der Tag, an dem Papa nicht mehr zurückkehrte.

Es war ein Augustabend, schwül, es blühten noch die Phloxen vorm Fenster. Ich lag im Bett und konnte wegen der Hitze nicht schlafen.

Zuerst telefonierte jemand. Dann hörte ich Mamas Stimme fremd und raunend. Dann war da lange, unnormale Stille. Schließlich hörte ich sie sagen, durch die Wand:

Stefan kommt nicht mehr zurück. Sein LKW hatte einen Unfall.

Von der Beerdigung weiß ich wenig. Nur die Schwüle, den schweren Blumenduft und Omas trockene, kleine Hand, die meine festhielt. Mama stand schwarz gekleidet am Sarg, selbst an diesem Tag schöner als alle anderen, sie weinte, aber sie nahm mich nicht in den Arm, streichelte mich nicht, sah mich eigentlich gar nicht an.

Sie schien mich gar nicht mehr zu sehen.

***

Ein Jahr ging vorbei. Das seltsamste überhaupt nicht nur, weil Papa fehlte, klar, das tat weh. Aber das Seltsame war: Mama wurde langsam jemand anders. Fremd.

Meine Lieblingspfannkuchen am Sonntagmorgen machte sie nicht mehr. Sie kontrollierte keine Hausaufgaben, gab keine Küsse vorm Schlafengehen. Es war, als lebte sie plötzlich in einer parallelen Welt, in der es mich nicht mehr gab.

Dafür tauchte Holger auf.

Er kam ein halbes Jahr nach Papas Beerdigung. Groß, breit, ein Mann, der so auftrat, als läge ihm die Welt zu Füßen. Ein teures Auto, teure Uhr, Parfüm, das man schon von weitem riecht sicher auch nicht günstig. Alles vom Feinsten. Er erzählte von seinem Geschäft in Düsseldorf, von seiner Wohnung mit Rheinblick, von Restaurants, Urlaubsreisen ans Meer. Er erzählte sehr überzeugend.

Wir kennen uns durch Bekannte, sagte Mama, obwohl ich nicht gefragt hatte. Er ist ein guter Mensch. Du sollst ihn respektieren.

Ich fragte mich, warum ich einen fremden Mann respektieren sollte, der zwar mit ihr sprach, mich aber ansah, als sei ich unsichtbar. Aber ich schwieg. Das hatte ich mir inzwischen angewöhnt.

Holger brachte Blumen und Pralinen für Mama, nicht für mich. Manchmal, etwas zerstreut, steckte er mir eine Tafel Schokolade zu, so als wolle er lästige Fliegen abwimmeln.

Mama blühte an seiner Seite auf. Sie lachte wieder, zog hübsche Kleider an und schminkte die Lippen. In ihren Augen war auf einmal Gier, Hoffnung auf dieses andere Leben, das sie sich am Fenster erträumt hatte.

Dann kam das Gespräch.

Eigentlich hätte ich schon schlafen sollen, aber die Stimmen auf der Küche waren laut. Ich schlich zur Tür und lauschte.

In meinem Haus will ich kein fremdes Kind, sagte Holger scharf. Der erinnert ständig an deinen ersten Mann. Schieb ihn ab ins Heim oder woandershin. Sonst bin ich weg.

Stille. Ich hoffte, dass Mama widerspricht, dass sie für mich einsteht ihn rauswirft, mich beschützt.

Aber dann hörte ich ihren leisen, zitternden Ton:

Aber wie soll ich ohne dich sein?

Ich blieb stehen wie paralysiert. Von da an wusste ich, was passieren würde so deutlich, wie man etwas weiß, das man nicht ändern kann.

***

Am nächsten Tag kam Oma Helga zu uns. Noch nie hatte ich sie so erlebt: Die sonst so kleine, sanfte Frau stand wütend und verzweifelt vor meiner Mutter.

Bist du verrückt geworden? rief sie. Birgit, besinn dich! Das ist doch dein Kind!

Du verstehst das nicht, sagte Mama monoton, wie auswendig gelernt. Es ist nur vorübergehend. Ich hole ihn, wenn alles geregelt ist, höchstens ein Jahr oder zwei.

Ein Jahr oder zwei? Hörst du dir selbst zu?

Ich habe keine Wahl!

Es gibt immer eine Wahl! Dann gib ihn mir! Ich zieh ihn groß!

Wieder Schweigen, dann Mamas seltsam entfernte Stimme:

Holger will das nicht. Er meint, du würdest Andreas gegen uns aufbringen.

Holger! Was hat er denn mit meinem Enkel zu tun?

Er wird mein Mann, dann hat er das letzte Wort.

Ich stand hinter der Tür und fühlte mich innerlich zerbrechen. Nicht mit Knall, sondern leise, wie schmelzendes Eis in der Frühlingssonne.

Eine Woche später holte mich ein Jugendamtswagen ab.

Mama packte meine Sachen in eine große Karotasche. Sie erzählte mir, dass es ein guter Ort sei, mit neuen Freunden und nur für kurze Zeit. Ich hörte kaum hin, starrte sie an ihr schönes, fremdes Gesicht, das ich versuchte, mir einzuprägen, ohne zu wissen, warum.

Oma weinte leise, lautlos so wie Menschen weinen, die keine Tränen mehr haben. Ich drückte sie, sog den Geruch von Kuchen, Geranien, etwas unaussprechlich Heimischem ein.

Ich komme dich besuchen, flüsterte sie. Ich finde dich, ich verspreche es.

Ich nickte, wollte glauben.

Der Wagen fuhr los, ich schaute aus dem Rückfenster. Oma lief hinterher winzig, der Schal verrutscht. Und dann sackte sie mitten auf der staubigen Straße auf die Knie.

Ich weinte nicht. Ich konnte nicht. Innen war es leer wie in einer ausgeräumten Wohnung.

***

Das Kinderheim war groß, grau, roch nach Chlor und gekochtem Fisch. Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung stand draußen dran, wir sagten nur: Heim.

Ich kam in die mittlere Gruppe zwölf Jungs, Metallbetten, Spinde in behördlichem Grün, an der Wand ein verblichenes Plakat mit Verhaltensregeln.

Die ersten Tage sprach ich mit niemandem. Saß auf dem Bett am Fenster und schaute auf die Straße, wartete.

Mama hatte gesagt, sie komme bald. Ich wusste nicht, wie lang bald ist ein Tag, eine Woche, ein Monat? Ich starrte jede einfahrende Karre an, jedes Frauengesicht.

Ein Monat verging, dann zwei, dann ein halbes Jahr.

Sie kam nicht.

***

Frau Tamara arbeitete schon seit vielen Jahren im Heim. Mittelgroß, freundlich, mit blauen Augen und warmem Lächeln.

Sie hatte selbst einen Sohn gehabt damals.

Er war mit siebzehn bei einem Autounfall gestorben. Seitdem lebte Tamara, wie man so schön sagt, mit ihren Kindern hier im Heim weiter.

Am dritten Tag bemerkte sie mich. Schwer zu übersehen immer am Fenster, kaum essend und bei jedem Geräusch zusammenzuckend. Klein und verloren.

Sie fragte nicht viel. Eines Abends setzte sie sich einfach aufs Bett, legte ein Buch aufs Nachttischchen.

Das ist Jules Verne, Die Kinder des Kapitän Grant. Hast du Lust auf Abenteuer?

Ich zuckte die Schultern.

Lies mal rein. Wenns dir gefällt, ich hab noch mehr.

Ich fing an zu lesen, erst aus Langeweile und wurde süchtig. Nach einer Woche holte ich mir das nächste Buch. Und das nächste. So entstand eine ungewöhnliche Freundschaft: eine Erwachsenen-Frau und ein neunjähriger Junge.

Sie brachte mir Schach bei, half bei Hausaufgaben. Manchmal steckte sie mir heimlich ein Keks oder einen Apfel zu.

Vor allem aber sprach sie mit mir. Nicht von oben herab, sondern wie mit einem Menschen.

Du trägst keine Schuld, sagte sie, als ich ihr alles erzählte. Was passiert ist, liegt nicht an dir. Du bist ein Kind. Es lag in der Verantwortung der Erwachsenen, dich zu schützen.

Ich versuchte es zu glauben. Es war schwer.

***

Michel Grunert tauchte ein Jahr nach mir im Heim auf. Rothaarig, dünn, mit Sommersprossen. Er prügelte sich ständig mit Kindern, Pädagogen, sogar mal mit dem Heimleiter.

Seine Mutter trank, richtig schlimm, oft tagelang. Die Nachbarn riefen das Jugendamt, Michel wurde eingewiesen.

Er hasste die Welt, besonders die, die nachts weinten.

Weichlinge und Jammerlappen, wie er sie nannte.

Warum wir Freunde wurden, weiß ich bis heute nicht. Vielleicht, weil ich nicht weinte. Oder weil ich mal einem Großen Paroli bot, der ihm sein einziges Foto von seiner Mutter entreißen wollte.

Du bist okay, meinte Michel nach der Schlägerei mit blutiger Lippe. Nicht wie die anderen.

Von da an waren wir Freunde oder Brüder, wie man das nimmt. Zwei gegen den Rest der Welt.

***

Oma hielt ihr Versprechen.

Drei Monate, nachdem ich weggebracht wurde, steht sie am Heimgelände. Wartet, bis jemand die Pädagogin ruft. Der Hausmeister will sie wegschicken, Frau Tamara verhindert es:

Sie tut doch niemandem was. Lass sie ruhig stehen.

Ich sehe sie durch das Fenster winzig, im alten Mantel und Kopftuch, ein Bündel in der Hand.

Ich laufe hinaus zum Zaun, Herz bald zu groß für den Brustkorb. Ich kralle meine Finger durch die Maschen, halte ihren Ärmel.

Oma Helga!

Sie weint und lacht zugleich, reicht mir das Päckchen Lebkuchen, selbstgestrickte Wollhandschuhe, eine Postkarte mit gezeichnetem Segelschiff.

Ich wollte dich mitnehmen, erklärt sie war überall, sogar in Berlin. Sie sagen, ohne die Zustimmung der Mutter geht nichts. Habe das Haus verkauft, wollte einen Anwalt bezahlen, eine Wohnung kaufen, damit du bei mir leben kannst. Aber sie haben wieder abgelehnt.

Ich verstand nicht, wie jemand sein Heim verkaufen kann, für einen Enkel, den er nichtmal zurückbekommt.

Ich wohne jetzt gleich um die Ecke, erzählt sie. Habe ein Zimmer gemietet. Ich komme jede Woche. Jede.

Und sie kam.

Manchmal wurde sie von den Hausmeistern verjagt, manchmal durfte sie am Zaun stehen. Sie brachte jedes Mal etwas mit Essen, Handarbeiten, Bücher. Einmal sogar das Schweizer Messer von meinem Vater, das ich beim Auszug vergessen hatte.

Bewahr es auf, flüsterte sie. Das ist von deinem Papa, vergiss ihn nicht.

Ich bewahrte. Und vergaß nie.

***

Die Jahre vergingen.

Ich wuchs heran, wurde vom stillen Kind zum verschlossenen Jugendlichen. Hart, stachelig, niemand durfte mir zu nahe kommen. Ich lernte gern, doch nicht, weil ich Karriereträume hatte, nein. Das Lernen half, das schmerzliche Vakuum zu füllen. Ich spielte Schach mit Frau Tamara, schlug mich mit Michel, wartete an jedem Sonntag auf Oma am Zaun.

Sie alterte sichtlich.

Graue Haare, tiefe Falten, inzwischen brauchte sie einen Stock. Doch sie kam bei Regen, Schnee, Eiseskälte. Immer.

***

Mit siebzehn erfuhr ich, dass meine Mutter ein kleines Mädchen bekommen hatte Marie. Frau Tamara hatte durch Zufall ein Foto in der Lokalzeitung gesehen: Birgit auf einem Wohltätigkeitsball, schön zurechtgemacht, strahlend. Neben ihr Holger, das kleine Mädchen im schmucken Kleid.

Ich schaute dieses Bild an und suchte nach Gefühlen Wut, Schmerz, Bitterkeit? Doch da war nur Leere.

Da beschloss ich, einen Brief zu schreiben. Den ersten und einzigen.

Mama, ich werde bald aus dem Heim entlassen. Ich bin dir nicht mehr böse. Vielleicht könnten wir uns treffen? Nur reden. Ich verlange nichts, verspreche es.

Die Adresse hatte ich von Oma. Schickte den Brief. Wartete.

Ein, zwei, drei Monate.

Keine Antwort.

***

Dann starb Michel.

Er war im November, bei Schnee und Wind, aus dem Heim abgehauen seine Mutter war wieder trocken, hatte angeblich eine Arbeit gefunden, langsam schien sich alles zu bessern. Ein halbes Jahr hätte er noch bleiben sollen, aber er hielt es nicht mehr aus. Er wollte nur nach Hause.

Sie fanden ihn ein paar Tage später unter einer Brücke, dreißig Kilometer entfernt. Erfroren. Nach Hause kam er nie mehr.

Ich erfuhr es von Frau Tamara.

Sie sagte sanft zu mir, wie zu jemandem, der gleich explodieren könnte. Doch ich hörte kaum noch, es brauste nur noch in meinen Ohren.

Ich zerschlug nachts das Fenster, blutete, wusste nicht mehr, was ich schrie. Vielleicht Warum? Er wollte doch nur heim!

Frau Tamara hielt mich fest, während ich weinte. Sie sagte nichts. Nur gehalten.

Tags drauf war Sonntag. Erst hatte ich es vergessen, dann ging ich zum Zaun.

Oma war da.

Im alten Mantel, mit Stock, einem Päckchen. Sie sah mein Gesicht und brach in Tränen aus sie hatte alles schon von Frau Tamara erfahren.

Oma Helga, ich lehnte die Stirn ans Gitter. Warum hast du nie aufgegeben?

Sie legte ihre runzelige, nach Apfel und Kuchen duftende Hand auf mein Gesicht, so gut es durch das Gitter ging.

Weil du alles bist, was mir von meinem Stefan geblieben ist. Ich habe es ihm am Grab versprochen. Und weil du mein Enkel bist. Mehr brauchts nicht.

Ich schloss die Augen, drückte mich an ihre Hand.

Michel hatte seine Mutter gesucht, die ihn verlassen hatte. Ich hatte die Oma die mich nie verließ.

***

Ich wurde achtzehn, der Abschluss stand bevor. Die Schulzeit im Heim, das Abitur mit ordentlichen Noten. Vor mir: das Erwachsenenleben, für das niemand einen vorbereitet hatte.

Der Staat gab mir ein Zimmer im Wohnheim. Ein Bett unter anderen Waisen, die auch niemand haben wollte. Ich meldete mich an der Berufsschule, für Waisenkinder gab es Vorteile.

Ich lernte. Arbeitete nebenbei als Lagerhelfer, maler, handlanger alles, was ging, um Geld für ein Studium zu sparen. Eigentlich wollte ich Ingenieur werden, wie Papa es sich für sich erträumt hatte.

Jedes Wochenende besuchte ich Oma.

Sie wohnte noch immer im winzigen Zimmer der Wohngemeinschaft ein kleines, mit einer Schlafcouch, einer Heiligenfigur in der Ecke, Geranien am Fensterbrett. Die hatte sie mitgenommen, als sie das Haus verkaufte.

Wir tranken Tee und aßen ihren Kuchen sie buk inzwischen selten, aber für meinen Besuch gab sie sich immer Mühe.

Sie erzählte von Papa was für ein Junge er mal war, wie sehr er Autos liebte, wie er die ganze Welt bereisen wollte. Ich stellte mir diesen jungen, lebendigen Vater vor, den ich doch kaum noch in Erinnerung hatte.

Du bist ihm sehr ähnlich, sagte Oma. Nicht äußerlich. Im Innern. Genauso stur. Genauso stark.

Ich fühlte mich nicht stark. Aber ich widersprach nicht.

***

Ich schaffte es aufs Abendgymnasium. Bekam das Diplom als Ingenieur. Fand Arbeit im Werk langsam baute ich mir mein Leben wieder auf, Stein für Stein.

Und dann lernte ich Kathrin kennen.

Sie arbeitete als Krankenschwester in der Betriebsambulanz. Ich kam wegen einer kleinen Verletzung aufgeschürfte Hand, eigentlich nichts. Sie war klein, braune Haare und kluge, ruhige Augen. Ihre Stimme war zurückhaltend.

Sie verband meine Hand.

Kommen Sie morgen wieder, dann muss der Verband gewechselt werden.

Ich kam wieder. Und wieder. Irgendwann war die Wunde längst verheilt. Aber ich besuchte sie einfach, weil ich sie sehen wollte.

Kathrin kam aus einer heilen Welt. Mutter, Vater, jüngerer Bruder, Apfelbäume im Garten, Großmutter samstags zum Kaffeetisch. Alles, was ich nie hatte. Ich hatte Angst, sie würde mein Schicksal nicht verstehen. Ich erzählte es lang nicht.

Als ich es tat, rechnete ich mit allem. Mit Mitleid, Abscheu, Unbehagen. Aber

Sie nahm nur meine Hand.

Für das, was dir angetan wurde, trägst du keine Schuld. Und wer du bist, kann ich selbst sehen.

Wir heirateten nach einem Jahr. Still, klein, nur Standesamt und ein Essen im Café. Oma war dabei. Strahlend vor Glück, Tränen in den Augen, in ihrem besten Kleid das sie über Jahrzehnte gehütet hatte.

Endlich, flüsterte sie, endlich hab ich dein Glück noch gesehen.

***

Nachts das Telefon. Ich war schon halb im Schlaf, Kathrin auch, grade schwanger im fünften Monat.

Andreas Stefan, Ihre Großmutter, Helga Wagner, wurde mit einem Schlaganfall ins städtische Krankenhaus eingeliefert.

Ich weiß nicht mehr, wie ich mich angezogen habe, wie ich das Taxi bestellte, wie ich mit zitternden Beinen die Krankenhausflure ablief. Ich sah nur ihr weißes, stilles Gesicht, die Hand mit der Infusion.

Sie war bei Bewusstsein.

Andreas, flüsterte sie, und ich beugte mich über sie. Ruf deine Mutter an. Ich möchte ihr verzeihen bevor ich gehe. Nicht für sie. Für dich. Damit du das nicht mit dir schleppst.

Oma, bitte, ruh dich aus. Die Ärzte sagen, du packst das.

Red keinen Unsinn. Ich weiß, wann es Zeit ist. Ruf sie an. Tu das für mich.

Ich sah sie an die Frau, die mein einziger Halt war, all die Jahre, der Beweis für die Liebe unter Menschen.

In Ordnung. Ich ruf sie an.

***

Die Nummer von meiner Mutter kannte ich seit Jahren, als ich ihr einmal schrieb. Ich hatte sie nie angerufen.

Jetzt tat ich es.

Das Freizeichen. Noch eines. Noch eines.

Hallo?

Die Stimme war fremd, alt, heiser. Und doch erkannte ich sie sofort.

Ich bins, Andreas, sagte ich. Es wurde still. Oma liegt im Krankenhaus, Schlaganfall. Sie möchte dich sehen.

Lange Pause. Ihr Atem in der Leitung, schwer und unregelmäßig.

Ich komme, sagte sie. Sag mir, wo.

***

Sie kam am nächsten Tag ins Krankenzimmer. Ich erkannte sie kaum: Die strahlende Frau aus meiner Erinnerung, aus dem Zeitungsfoto, war weg. Übrig war eine gealterte, ausgezehrte Person. Mattes Haar, matte Augen.

Erst später erfuhr ich: Holger hatte sie im letzten Jahr verlassen. Ging zu einer Jüngeren, nahm das Geschäft, ließ sie mittellos zurück. Marie, die Tochter, war erwachsen, lebte in Berlin und meldete sich selten.

Damals im Zimmer wusste ich nichts davon. Ich schaute sie an und suchte nach Gefühlen.

Mama, sagte ich leise.

Sie zuckte zusammen. Sah mich lange an, gierig, fast so als wollte sie sich mein Gesicht einprägen. Ihre Lippen bebten, Tränen kamen in die Augen.

Verzeih mir, rief sie, fiel auf die Knie auf den Krankenhausboden. Gott, verzeih mir. Ich war feige und selbstsüchtig. Verzeih mir, mein Sohn.

Ich schwieg. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

Ich verzeihe dir das wäre gelogen gewesen. Ich hasse dich auch nicht wahr. Hass empfand ich nicht. Eigentlich nichts außer Müdigkeit und vielleicht eine seltsame Erleichterung, dass das Schweigen gebrochen war.

Oma Helga blickte von ihrem Bett auf uns beide. Auf ihre Schwiegertochter, die einst den Sohn verstoßen hatte. Auf ihren Enkel, den sie nie zurückholen durfte, aber nie aufhörte zu lieben.

Sie lächelte mild und schloss für immer die Augen.

***

Einige Jahre später.

Samstagmorgen. In der Wohnung riecht es nach Pfannkuchen ich backe sie jeden Samstag, nach Omas altem Rezept, von Buttermilchteig, dünn und mit vielen Blasen.

Papa! Papa! Ich will mit Marmelade!

Stefan, mein Sohn, sieben Jahre alt. Benannt nach seinem Opa. Dunkle Augen, immer in Bewegung. Er sitzt am Tisch auf dem alten Schemel, baumelt mit den Beinen.

Und ich mit Quark! Das ist Helga, vier Jahre, benannt nach Oma. Blond wie ihre Mutter, mit ernsten, klugen Augen.

Kathrin deckt den Tisch Teller, Tassen, Servietten. Nach den zwei Geburten ist sie ein bisschen rundlicher, für mich nur noch schöner als je zuvor.

Es klingelt an der Tür.

Oma ist da! ruft Stefan und stürmt zur Tür.

Ich schaue ihm nach wie er aufspringt und Birgit um den Hals fällt. Sie kommt seit Jahren jedes Wochenende. Bringt Spielsachen, hilft im Haushalt, liest den Kindern vor.

Sie versucht nicht, die perfekte Oma zu sein. Sie ist einfach da, so viel sie es schafft.

Ich habe nie zu ihr gesagt:

Ich verzeihe dir. Sie bittet auch nicht mehr darum. Zwischen uns ist ein fragiler, beanspruchter Zustand kein Versöhnen, keine Feindschaft, sondern so etwas wie ein stiller Waffenstillstand, ein Tee am gemeinsamen Tisch, das entschiedene Verschweigen der Vergangenheit.

Oma, schau mal, was ich gemalt hab! Stefan zieht Birgit am Arm, zeigt das Bild. Sie lobt, streichelt ihm übers Haar.

Ich sehe die Szene und denke an mich selbst den Jungen am Fenster, der auf eine Mutter wartete, die nie kam.

Ich bin nicht mehr dieser Junge.

***

Abends. Die Kinder schlafen. Kathrin und ich sitzen in der Küche. Sie trinkt Tee, ich blicke aus dem Fenster.

Hast du ihr vergeben? fragt Kathrin leise.

Ich schweige lange.

Ich weiß nicht, ob das Verzeihen ist, sage ich irgendwann. Ich habe nichts vergessen. Ich erinnere jeden Tag am Fenster, jeden Sonntag am Zaun mit Oma. Das kann man nicht vergessen.

Draußen leuchten Straßenlaternen, irgendwo fahren Autos.

Aber ich habe gemerkt: Hass bedeutet ständigen Schmerz. Und ich will leben und glücklich sein.

Kathrin antwortet nicht. Sie nimmt nur meine Hand, fest.

Mehr braucht es nicht.

***

An der Wohnzimmerwand hängen drei Bilder.

Stefan. Jung, lachend, im karierten Hemd. Ich fand das Foto nach Omas Tod in ihren Sachen.

Helga, meine Oma. Im Sommergarten, mit Kuchen in der Hand. Ich habe das Foto selbst gemacht, mit dem ersten Handy damals.

Und ein kleiner Andreas zwischen beiden. Ein Bild aus dem anderen Leben. Ein glücklicher Junge, der nicht weiß, was kommt.

Daneben ein neues Foto. Andreas, Kathrin, Stefan, Helga. Und am Rand des Bilds Birgit. Nicht im Mittelpunkt. Aber im Bild.

***

Montagmorgen.

Ich bringe Stefan zur Schule. Er plappert über Dinosaurier, seinen Freund Lars, und dass er einen Hund mit Namen Rex haben möchte.

Papa, hast du wirklich ohne Mama als Kind gelebt? fragt er plötzlich.

Ich stutze. Kathrin und ich hatten besprochen, irgendwann, wie viel, wann wir erzählen. Stefan hat wohl etwas mitbekommen oder selbst geahnt.

Ja, das stimmt, sage ich. Aber ich hatte Oma. Oma Helga, nach der deine Schwester heißt. Sie hat mich sehr geliebt.

Aber jetzt hast du uns!

Ja, jetzt habe ich euch.

Wir gehen weiter. Birgit läuft ein paar Meter hinter uns sie hatte gefragt, ob sie heute mitgehen dürfe. Ich habe nur kurz genickt.

Stefan dreht sich um, winkt. Sie winkt zaghaft zurück, lächelt vorsichtig, aber doch.

Stefan schaut zu mir:

Papa, warum hältst du meine Hand immer so fest?

Ich blicke nach unten auf seine kleine Hand in meiner. Auf die Finger, die sich so fest an meine schmiegen. Diese kostbare, zerbrechliche Verbindung.

Und antworte ruhig:

Weil ich dich nie loslasse.

Hinter uns bleibt die Frau stehen, die uns nachschaut.

Vor uns: ein ganz normaler Tag, ein normales Leben. Dieses leise, unspektakuläre Glück, das ich Stein für Stein gebaut habe, Jahr für Jahr, auf dem, was andere hinterließen.

Ich habe es selbst gebaut.

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Homy
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