Omas Haus (Eine Erzählung)

Wieder Kaffee im Café gekauft, hm?! Kaum hatte Jutta die Wohnung betreten, stürzte sich Tobias schon auf sie.

Habe ich gab Jutta versöhnlich zurück. Aber die Tasse hat doch nur 1 Euro gekostet. Sie wollte schon erklären.

Ein ganzer Euro! fauchte Tobias.

Dafür habe ich aber auch zwei Euro gespart, also kann dein Vorwurf nicht stimmen.

Und wie hast du das hinbekommen? spottete Tobias.

Ganz einfach! Ich bin zweimal mit den anderen Fahrgästen in die U-Bahn geschlüpft.

Hast du kein Monatsticket gekauft?

Noch nicht. Ich dachte mir, falls mich einer kontrolliert, hole ich es nach. Hat aber niemand gemacht!

Na gut, brummte Tobias. Aber bitte besorg dir ein Ticket. Sei wie alle anderen auch.

Jutta nickte und ging in die Küche.

Mehr konnte ich leider nicht einkaufen, entschuldigte sich Tobias und zuckte mit den Schultern.

Ist nicht schlimm, seufzte Jutta und fing an, das Abendessen vorzubereiten.

Denk an Oma Ingrid, erinnerte Tobias sie, und Jutta musste sich zusammenreißen, nicht gleich loszuschreien: diese Großmutter von Tobias wusste genau, wie knapp das Geld war, doch half kein bisschen und versorgen mussten sie sie trotzdem.

Ich vergesse es nicht, antwortete Jutta beherrscht.

Beim Abendessen war Oma Ingrid wie immer mit allem unzufrieden. Nichts schmeckte ihr, alles passte ihr nicht. Jutta war innerlich aufgebracht. Sie wusste, Tobias gefiel das ebenso wenig, doch er schwieg.

Wann fahrt ihr denn endlich ins Heimatdorf? fragte Oma Ingrid.

Warum sollten wir überhaupt dahin fahren? konterte Tobias.

Wie warum? Das Haus muss verkauft werden! Sonst steht es dort ewig leer

Ach Oma, das Ding ist doch längst baufällig!

Tobias hatte so gar keine Lust, dorthin zu fahren.

Oma Ingrid legte die Gabel beiseite und begann zu lamentieren:

Wir hatten mal ein stattliches Haus! Das steht auch heute noch! Du warst ja nie da! Fahrt hin und verkauft es. Ich gebe dir, sie deutete auf Tobias, die Vollmacht.

Von mir aus steht es noch, aber es liegt doch in der Pampa. Da gibts kaum Geld für, meinte Tobias skeptisch.

Ich finde, wir sollten dennoch mal nachsehen, griff Jutta die Idee auf.

Jutta!

Unsere Ferien stehen bevor. Wir haben eh kein Geld für eine Reise. Da könnten wir wenigstens nach dem Rechten sehen, blieb Jutta hartnäckig.

Tobias seufzte:

Aber wir haben doch keine Kohle, nicht mal für die Fahrt und die Vollmacht.

Ich geb euch das Geld, mischte sich Oma Ingrid ein. Tobias und Jutta schauten verwundert. Doch sie tat so, als wäre nichts, und nörgelte weiter über das Essen.

Nach dem Essen wollte Tobias Jutta umstimmen.

Juttchen, das ist doch alles Quatsch. Das wird eine Bruchbude sein, nichts weiter!

Tobias, du hast das Haus noch nie gesehen. Vielleicht können wir es doch zu einem guten Preis loswerden. Bitte, lass es uns wenigstens versuchen!

Tobias blieb stur. Da füllten sich Juttas Augen mit Tränen:

Ich kann nicht mehr! Wir mussten soviel zurückstecken. Wer weiß, vielleicht hilft uns das Haus, aus diesem Loch rauszukommen. Was verlieren wir schon?!

Also gut, mein Schatz, Tobias setzte sich zu ihr und nahm ihre Hand. Ich versuche irgendwie Geld für die Fahrt aufzutreiben.

Deine Oma hat es ja angeboten. Lass es uns nehmen.

Tobias lächelte schief:

Du kennst meine Oma nicht Sie sagt viel, hält aber selten was. Hinterher bleibt alles an mir hängen.

Mach dir keine Sorgen. Erinnern kann ich sie schon. Darin hab ich Erfahrung, entgegnete Jutta mit einem tapferen Lächeln.

Ein Monat später ratterte der Regionalzug durch den Thüringer Wald und brachte Tobias und Jutta zum alten Haus ins Ungewisse.

Tobias erzählte etwas, aber Jutta war weit weg. Sie bemerkte nicht einmal, dass Tobias aufgehört hatte zu reden.

Wie konnte das passieren? Früher lief doch alles: gute Jobs, Perspektiven und jetzt reicht das Geld nicht mal für Papas Pfleger und Mamas Operation. Warum musste alles zusammenkommen?

Klar, sie hätten einen Kredit aufnehmen können. Aber wenn Tobias Vater nicht wieder gesund wird, brauchen sie dauernd Geld, die Schulden werden immer größer Nein, so will sie nicht leben!

Hoffentlich ist das Haus noch in Schuss! Hoffentlich

Da stieß Tobias sie an.

Du hörst mir gar nicht zu.

Nein, stimmt Ich denke an das Haus.

Tobias atmete schwer.

Es wird schon werden. Ehrlich, ich hoffe auch, dass das Haus uns retten kann. Wenn ich doch nur etwas gespart hätte

Der erste Blick auf das Haus überraschte beide. Keine Ruine ein hübsches Fachwerk, zweistöckig.

Sieht richtig gut aus, staunte Tobias. Kaum zu glauben, dass es so alt ist

Fast schade, es zu verkaufen, pflichtete Jutta bei.

Tobias öffnete das Tor. Der Garten war verwildert.

Hier müssten wir wohl viel machen.

Jutta warf einen Blick über seine Schulter, als plötzlich jemand räusperte.

Wer seid ihr? Ein älterer Herr stand neben ihnen.

Ich bin Ingrids Enkel, stellte sich Tobias vor. Und Sie?

Euer Nachbar. Bleibt ihr länger?

Kommt drauf an.

Lebt Ingrid noch?

Natürlich, gesund und munter.

Ob sie das Haus verkaufen will? fragte der Nachbar.

Tobias wollte schon ja sagen, doch Jutta war schneller:

Nein, wir sind nur hier, um nach dem Rechten zu sehen.

Schade, ich hätte Interesse gehabt. Aber für das Grundstück gibts nicht viel. Der Boden taugt nichts und alles ist zugewachsen. Im Haus sind bestimmt schon Löcher

Da irren Sie sich, widersprach Jutta. Das ist Naturschutzgebiet! Hier kostet Land ein Vermögen!

Der Nachbar wollte noch etwas erwidern, winkte dann aber ab und verschwand. Endlich gingen Tobias und Jutta ins Haus.

Woher weißt du das mit dem Naturschutzgebiet? fragte Tobias.

Habe mich schlau gemacht. Die Preise hier sind alles andere als niedrig.

Na los, schauen wir uns das Innere an.

Schon wenige Tage später kamen Interessenten zum Haus. Sie boten gar nicht so schlechte Summen. Doch Tobias und Jutta erwiderten jedem: Erst muss Ingrid kommen und alles unterschreiben.

Ich würde noch zu einem Makler gehen, meinte Tobias zu Jutta.

Jutta zuckte die Schultern. Sie wünschte sich ebenfalls, bald Geld zu haben und nicht mehr jeden Cent umdrehen zu müssen.

Räumen wir den zweiten Stock leer? fragte Jutta.

Da steht nur Gerümpel, winkte Tobias ab.

Manchmal findet man zwischen Kram echte Schätze, sagte Jutta mit Nachdruck.

Worauf spielst du an?

Keine Ahnung. Aber seit unserer Ankunft träume ich jede Nacht: Such oben Dabei haben wir den Dachboden noch nicht durchsucht!

Tobias schüttelte den Kopf, aber stimmte am Ende doch zu.

Nach ein paar Tagen war fast alles sortiert. Einige Stücke waren wertvoll, aber nichts Besonderes.

Siehst du, meinte Tobias, alles nur Kram.

Vielleicht gibts unter dem Boden noch etwas. Oder hinter den Bildern Jutta inspizierte eine Wand. Plötzlich stolperte sie über eine Welle im Teppich, fiel hin und kniete auf dem Boden.

Alles ging so schnell, dass Tobias ihr nicht helfen konnte.

Aua, murmelte Jutta und wollte aufstehen.

Warte mal, sagte Tobias.

Er zog den Teppich beiseite und entdeckte lose Dielen.

Die sehen anders aus.

Ich seh nix.

Doch, die sind anders!

Tobias holte Werkzeug, löste die Dielen darunter war ein Hohlraum, darin mehrere kleine Holzkästchen. Die erste öffnete er: sie war voll mit Schmuck.

Juttas Atem stockte.

Wahnsinn stammelte sie.

Ist die Tür zu? fragte Tobias plötzlich nervös.

Ja, keine Sorge.

Sie durchsuchten die restlichen Schatullen.

Vielleicht müssen wir das Haus gar nicht verkaufen, meinte Tobias. Gut, dass du so bestanden hast, dass wir herkommen! Alleine hätte ich es nicht gewagt.

Zum Glück Jutta strahlte vorsichtig. Vielleicht schafften sie es, ihr Leben wieder zu ordnen.

Zurück in der Stadt verkauften sie ein paar Stücke, aber eigentlich änderte sich der Alltag nicht. Tobias sparte weiter, drehte Strom, Gas, Wasser ab, so oft es nur ging. Bald gab es wieder Streit.

Unfassbar! Jetzt soll ich erst alles mit Spülmittel einreiben, das Wasser abdrehen und dann abwaschen?! Da bleibt das Essen ja an den Tellern kleben! klagte Jutta einer Freundin.

Dann lass Tobias doch mal vorführen, wie das geht!

Findest du etwa, ich stelle mich an?

Nein, aber Versuchs doch! Sonst denkt er, das macht jede Frau mit.

Keiner versteht mich. Immer heißt es, Tobias ist perfekt. Ich dachte das ja selbst! Aber seitdem wir dauernd streiten, ist nichts mehr wie früher. Und jetzt, wo das Geldproblem doch gelöst ist, spart er trotzdem. Ich versteh es nicht mehr

Er will wohl nie wieder in so eine Lage kommen wie früher. Versuchs zu akzeptieren.

Mach ich ja! Aber neulich brauchte ich Geld für Mamas Medikamente und er wollte es mir nicht geben! Sagte, das wären “meine Probleme”. Dabei gebe ich doch mein ganzes Gehalt ab, alles! Er verteilt es auf “Papas Pfleger”, auf Medikamente Warum bleibt da nichts für meine Familie?

Dann gib es ihm nicht! Du sagst doch selbst, finanziell läufts wieder.

Wir sind doch eine Familie

Und Taschengeld für Tampons? Gibts das auch offiziell? fragte die Freundin ironisch.

Nein Da muss ich tricksen.

Jutta, du brauchst eigenes Geld. Überlegs dir mal.

Jutta grübelte darüber nach. Doch Tobias blieb unnachgiebig.

Warum brauchst du eigenes Geld? Sag, was du willst, ich kaufe es dir!

Sie sagte es, doch er vergaß es stets.

Der Tag war wie jeder andere. Jutta kam von der Arbeit, kochte. Draußen wurde es schnell dunkel, sie schaltete das Licht an.

Ich hab dir gesagt, nur die Lampe über dem Herd anzumachen, schimpfte Tobias aus dem Flur.

Aber, Tobias, ich seh doch sonst nichts!

Was musst du groß sehen! Tobias war gereizt, schaltete überall das Licht aus, sehr zum Ärger von Oma Ingrid.

Keiner schätzt mich hier! Ich bin so gut, und ihr Tobias Stimme überschlug sich.

Jutta seufzte. Konnte er nicht begreifen, dass sie ordentlich sehen musste?

Mensch, reg dich ab! meckerte Oma Ingrid. Lass das Licht, ich bleib mit Jutta sitzen.

Sie ließ sich an den Tisch plumpsen und murmelte vor sich hin.

Ist alles in Ordnung? fragte Jutta.

Alles gut, Kindchen, nickte Oma Ingrid. Nur eine Bitte: Könntest du meine Blumen gießen? Ach, ich wollte dich was war es denn ?

Sie stutzte, während Jutta das Geschirr verteilte. Plötzlich fiel es Oma wieder ein:

Ach ja, die Blumen!

Mache ich gleich! Jutta griff die Gießkanne und ging ins Schlafzimmer der Oma. Der Geruch von Alter schlug ihr entgegen. Sie wollte das Licht anmachen, aber erinnerte sich an Tobias’ Gezanke.

Na, gieß ich halt im Dunkeln , dachte sie.

Ein paar Blumen schaffte sie, dann bückte sie sich über einen Blumenkasten. Plötzlich spürte sie einen stechenden Schmerz im Auge und schrie auf.

Was ist passiert? rief Tobias und stürzte herbei.

Mein Auge! Schnell, ruf ein Taxi, wir müssen in die Notaufnahme!

Wieso Taxi, fahren Bus! Ich schau mal nach

Nein, Taxi! Ich will mein Augenlicht nicht verlieren nur wegen deiner verdammten Stromsparerei!

Auch Oma Ingrid kam dazu und half Jutta anzuziehen, während sie auf Tobias einschimpfte:

Tu was, ruf ein Taxi! Sonst pieks ich dich selbst mit meinem Stock!

Widerwillig griff Tobias endlich zum Telefon.

Kurze Zeit später saß Jutta wieder mit ihrer Freundin im Café, ein Lächeln im Gesicht.

Wie jetzt? Du bist wirklich geschieden? fragte die Freundin.

So ist es. Es gab nichts zu teilen, keine Kinder, kein Eigentum zusammen.

Und Tobias? Der war einverstanden?

War auch egal. Es gab unüberwindbare Differenzen. Nach dem Unfall gab er mir nicht mal mehr Geld für meine eigenen Medikamente. Und er verkaufte schließlich den Schmuck nicht, versuchte alles nur von unseren Gehältern zu stemmen für seinen Vater, uns, Oma Ingrid

Jutta schwieg, dann, leise:

Und irgendwann hatte ich einfach Angst, abends nach Hause zu kommen. Nur noch Vorwürfe. Die Liebe war einfach verschwunden.

Hm, murmelte ihre Freundin.

Aber jetzt Weißt du, das Beste? Ich bin wieder Herrin über mein Leben und über mein Geld. Und weißt du, was noch lustig ist?

Die Freundin schüttelte den Kopf.

Oma Ingrid hat mir ihr Haus vermacht. Stell dir vor! Sie meinte, auf ihren Enkel könne sie sich eh nicht verlassen Die Freundin blieb mit offenem Mund sitzen. Jutta nahm einen letzten Schluck von ihrem Kaffee, atmete tief durch und sah hinaus auf die belebte Straße.

Weißt du, sagte sie, ich dachte immer, Glück wäre eine Frage von Geld. Aber das stimmt nicht. Es ist die Freiheit, das eigene Leben selbst zu gestalten, ohne jemanden, der jeden deiner Schritte kontrolliert.

Sie stand auf, schulterte ihre Tasche und lächelte verschmitzt.

Übrigens habe ich das erste Zimmer schon frisch gestrichen. Rosa. Einfach, weil ichs kann. Komm doch mal vorbei.

Ihre Freundin grinste zurück, während Jutta hinausging leichtfüßig wie lange nicht mehr, ein ganzes Haus und ein neues Leben in der Tasche.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: