Liebling
Liebling, ich glaube, meiner Mutter geht es schon besser. Sollen wir nach Hause fahren? Lass sie sich ausruhen.
Greta stellte eine Frage, die wie gar keine klang. Und mir blitzt, ich müsste wohl mein Leben lang so leben… mein ganzes Leben.
Greta, ich hab doch gesagt, dass ich heute Nacht bei meinen Eltern bleibe. Warum bist du da? Kontrollierst du mich, oder was?
Anscheinend hatte Greta etwas in meinem Tonfall bemerkt etwas Ungewohntes, das wie ein alarmierender Piepton zwischen trägen Alltagsgedanken summte. Alles fühlte sich seltsam an.
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Felix, gib mir mal den Schraubenzieher! rief ich von meiner Leiter herunter.
Wir renovierten die Beleuchtung in der alten Grundschule. Mein Kollege, Felix, sollte eigentlich unten stehen, mich absichern und Werkzeuge anreichen, sobald ich sie brauchte.
Hier bitte, sagte Felix, nur klang seine Stimme plötzlich hell und gläsern, fast wie eine Glocke. Ein Schraubenzieher stieß gegen meine Hand.
Vor Schreck wäre ich beinahe gefallen.
Ein Bild flackert. Ich schraube schnell die Leuchte fest und steige hinab. Glück gehabt da steht sie noch: die Besitzerin der klingenden Stimme, wie aus einer anderen Welt gefallen. Kein Felix weit und breit.
Wo ist Felix hin? frage ich die junge Frau.
Sie lächelt geheimnisvoll und sagt:
Ich habe ihn gebeten, meine Steckdose im Lehrerzimmer zu reparieren.
Wird er schon sehen, sage ich streng. Er hatte kein Recht, dich allein zu lassen, während ich auf der Leiter stehe.
Ich heiße Sophie, sagt sie, und du?
Verwirrt sehe ich sie an, antworte dann aber schnell:
Ich bin Jan.
Ich wollte eigentlich… Sophie zupft an einer Locke. Deinen Kontakt für einen Privatauftrag. Machst du so was?
Unsere Firma saniert gerade die Elektrik in der Ludwig-Thoma-Grundschule als Auftrag der Stadt. Sophies Frage bringt mich aus dem Konzept vielleicht, weil sie so hinreißend war, dass ich alles vergaß. Ich schaue, starre, verliere mich fast im Träumen.
Auch sie blickt mich an und wartet auf eine Antwort, auf die ich erst später komme.
Was meinst du mit Privatauftrag?
Naja, Elektrikersachen in Wohnungen, Jan, lächelt sie. Also bei mir zuhause.
Ich murmele etwas von Verträgen, dem Chef und dem Abrechnen. Da kommt Felix zurück.
Ihre Steckdose ist repariert, Frau Wendorf. Können Sie mal abnehmen?
Sophie hört meinem wirren Gerede zu, wendet sich dann an Felix und nickt.
Ja, kommen Sie.
Er folgt ihr bereitwillig. Also gut, er hat sich wohl sofort in sie verguckt so fängt bei uns Elektrikern alles an: Mit einer reparierten Steckdose.
Felix war schon lange allein, so eine wie Sophie wäre gut für ihn. Ich hingegen bin verlobt mit Greta. Allerdings ist meine Mutter überzeugt, dass ich einen Fehler mache.
Warum denn einen Fehler? frage ich.
Weil Greta so pragmatisch und herrisch ist! Sie wird dich dein Leben lang steuern, alles für euch beide planen. Warum hast du keine sanftere getroffen… So ein guter, lieber Kerl wie du.
Niemand in meiner Familie mag Greta weder Mama, die sie aktiv ablehnt, noch Papa, der einfach mitzieht. Auch meine Freunde meiden uns: Komme ich mit Greta, gibts keine Einladungen mehr, oder nur mit dem Hinweis: Aber komm allein!. Da ich meine Freizeit mit ihr verbringe, treffe ich die Freunde selten.
Felix und ich packen alles ins Auto.
Warum hast du mich vorhin im Stich gelassen? frage ich. Man hätte da runterfallen und sich was brechen können, mit den ganzen Kindern da! Wenn es nur mich erwischt hätte, aber stell dir vor, ich wäre auf ein Kind gefallen? Hättest du gleich gesagt, dass dir die Lehrerin gefällt, hätte ich dich schon gehen lassen.
Felix schaut mich an, als spreche ich Kauderwelsch.
Das war doch für dich, Jan! Sie hat dich gemocht. Sie hat mich weggerufen, damit sie dich auffangen kann, falls nötig, und dir Werkzeuge reichen.
Echt jetzt?
Jan, die Steckdose war nur lose. Das war alles!
Mist. Darum redete sie so von Privataufträgen… und ich habe ihr einen Vortrag gehalten.
Ich denke kurz nach:
Nette Frau. Nur… ich habe Greta.
Felix winkt nur ab als könne man mit mir eh nichts anfangen.
Nachts, während Greta neben mir schläft, träume ich von Sophie. Sie steht an der Tafel, mit Zeigestab aber irgendwie ist alles anders als im wachen Leben. Sie wirkt… wie eine strenge, verlockende Lehrerin. Sie schlägt mit dem Stab auf die Bank:
Pahlke, an die Tafel!
Ich stehe auf, stottere etwas von Verträgen und Aufträgen. Sophie fixiert mich scharf:
Genug jetzt, Pahlke. Setzen, Fünf. Schon wieder nicht gelernt! Ich muss Sie zu Nachhilfe einladen…
Und was machen wir da? frage ich traurig.
Sie beugt sich vor, und plötzlich ist nur noch ihr Dekolleté zu sehen.
Glühbirnen eindrehen!
Ich schrecke hoch, schweißgebadet.
Jan! Was kreischst du rum? Ich muss morgen früh raus… schimpft Greta. Erst guckst du abends düstere Filme und dann schreist du im Schlaf.
Ich habe wohl wirklich laut geschrien.
Greta motzt noch, dass wir später, wenn wir verheiratet sind, schöne Liebesfilme schauen werden, so wie alle vernünftigen Ehepaare. Da wird mir schwer ums Herz. Ich denke an Mamas Worte: Sie plant euer beider Leben. Sie hat schon das Fernsehprogramm für die Ehe festgelegt.
Am nächsten Tag laufe ich in der Mittagspause statt zu essen Richtung Ludwig-Thoma-Grundschule. Der Pförtner beäugt mich fremd.
Werkzeug vergessen, ich muss ganz dringend rein.
Er greift zum Telefon. Nach Vorschrift muss jetzt wohl jemand von der Schulleitung kommen und entscheiden, ob ich rein darf. Alles scheint schon vorbei zu sein, bis ich eine vertraute, helle Stimme höre ganz anders als im Traum.
Herr Heilmann, lassen Sie ihn durch. Ich begleite den jungen Mann und bringe ihn zurück.
Natürlich, Frau Wendorf, sagt der Mann.
Wir gehen in den Bio-Raum. An den Wänden hängen Poster mit Fasern, Zellen, Bäumen, Evolution. Ich lese, überlege, warum ich eigentlich hier bin, warum ich überhaupt komme.
Jan, wollten Sie mir etwas sagen? fragt Sophie und schaut mir in die Augen.
Mir entgleitet der Blick. Sie ist so ganz anders als die strenge Traumlehrerin und gleichzeitig so sanft, so schön, einfach… richtig. Ich schlucke.
Funktioniert die Steckdose?
Und alle Lampen auch. Danke, Sophie lächelt.
Felix meint, ich hätte Ihnen gefallen.
Kaum gesagt, fühle ich mich, als stünde ich ohne Halt in eiskaltem Wasser.
Naja… Eigentlich hatte ich gehofft, Sie merken es selbst, seufzt Sophie.
Also stimmts…
Schweigen.
Was soll eigentlich bei Ihnen in der Wohnung gemacht werden? frage ich leise.
Sags ruhig direkt, Sophie fasst meine Hand. Nicht drumherum reden.
Ich heirate bald, gestehe ich.
Verstehe… Das passiert. Gibt ja sogar ein Lied darüber. Schwarz und Weiß.
Kenn ich gar nicht…
Doch, das kennst du. War mal in einem alten Film, Die große Pause.
Da erkenne ich es Mamas Lieblingsfilm. Ihr Resonanzboden bei der Hausarbeit. Ein Film über die Wahl, ein Lied über Schwarz und Weiß. Und ich? Ich habe ihn nie zu Ende gesehen.
Eigentlich… hätte ich mit dir…
Aber du heiratest, sie nimmt ihre Tasche. Ich habe jetzt frei. Ich geh nach Hause.
Ich kann dich fahren, krächze ich.
Sophie wohnt nur drei Häuser entfernt. Sie hätte anstandshalber ablehnen können, doch sie steigt ein. Wir schweigen im Auto und dieses Schweigen fühlt sich wunderbar an. Doch irgendwann läuft die Pause ab.
Ich muss zurück, sage ich.
Sophie dreht sich um:
Danke.
Ach was! Ich hab dich ja nur heimgebracht.
Nein. Danke für deine Ehrlichkeit.
Sie steigt aus, und plötzlich überkommt mich unendliche Reue, dass ich heirate.
Am Abend rufe ich Mutter an: Soll sie mich decken, falls Greta nachfragt, und Greta erzähle ich, ich müsse wegen Mutters Krankheit dort schlafen. Und ich fahre… zu Mama.
Was ist los? fragt Mama und tastet meine Stirn. Nicht krank?
Ich muss nachdenken, Mama. Kann ich in meinem Zimmer pennen?
Von mir aus könntest du immer hier sein!
Ich küsse sie entschuldige mich, dass ich ihre Gesundheit so vorschiebe. Sei bitte stark, Mama.
Ich versteh dich! Von der wird man sonst nicht los…
Nein, Mama mochte Greta wirklich nicht.
Ich liege auf dem Sofa und starre die Decke an. Warum stellt das Leben immer wieder Labyrinthe auf? Ich war immer schüchtern, was Mädchen anging. Dann begegnete ich Greta, sie ergriff die Initiative. Warum auch nicht? Ich trinke kaum, arbeite zuverlässig Elektriker kann man immer gebrauchen. Gerade befördert, mit extra Bonus. Vom Typ her kein schlechter Fang.
Und ich dachte auch, Greta sei ein Glück: hübsch, verlässlich, fleißig, eine, die alles im Griff hat. Viele Männer lassen sich von starken Frauen führen… solange sie herzlich ist, warum nicht? Immer alles klar und deutlich, kein Theater. Oder?
Aber darum gehts nicht. Es geht um dieses Gefühl, dass plötzlich alles aus dem Gleichgewicht kippt, weil man jemanden trifft, mit dem Schweigen schöner ist als Reden. Was tun? Alles vergessen? Oder das bisher Gebaute für ein paar Minuten Zauber riskieren?
Mama schaut einmal kurz rein:
Möchtest du was essen?
Ich habe keinen Hunger.
Willst du erzählen, was dich beschäftigt?
Nicht jetzt, Mama…
Vielleicht kann ich helfen?
Mama!
Schon gut, ich geh ja.
Da klingelt es. Gretas Stimme tönt aus dem Flur: Medikamente, Brot, Arzt. In meiner Brust kocht Wut auf. Kein Labyrinth, eine Falle.
Ich gehe ins Wohnzimmer.
Liebling, deiner Mutter gehts offenbar schon besser. Sollen wir nach Hause fahren? Lass sie sich ausruhen.
Greta fragt, aber es klingt nicht nach Frage. Und mir dämmert, dass ich so leben soll… ewig so.
Greta, ich hab doch gesagt, ich schlafe hier. Warum bist du da? Kontrollierst du mich?
Wahrscheinlich klingt in meiner Stimme etwas, das sie stört ein fremder Alarmton. Sie erstarrt. Ich laufe an ihr vorbei in den Flur, ziehe Schuhe an.
Lasst ihr mich heute mal in Ruhe? Ich muss nachdenken.
Und weg bin ich.
Mama sagt später, sie hätte Greta kaum hinauskomplimentiert. Die hat dauernd gefragt, was los mit mir sei, was ich denke, was sich in einem Tag wohl so ändern kann.
Greta, geh bitte nach Hause. Ich muss mich ausruhen, ich bin krank.
Und ich störe? Ich sitz einfach nur. Wenn Sie sich schlecht fühlen, bin ich da.
Sogar Mama tat Greta leid. Sie verstand selber nicht, was los war. Ich sagte niemandem etwas.
Ich fahre zu Sophies Haus. Wir hatten keine Nummern getauscht, ich wusste die Wohnung nicht. Das Haus ist klein, ich klingle drei wildfremde Nachbarn heraus. Die Nachbarin droht mit Polizei. Als ich längst den Ruf der armen Lehrerin ruiniert glaubte, öffnet Sophie doch die Tür.
Gott sei Dank! Ich hätte keine weiteren Nachbarn mehr ertragen!
Sophie zieht mich herein, schließt ab, schnuppert:
Ich trinke nicht! protestiere ich. Bin absolut nüchtern.
Sehe ich doch. Was ist?
Bist du allein?
Nein.
Nein? Oh, entschuldige…
Nein, ich bin mit dir. Sophie lacht. Ich war allein, du bist gekommen jetzt bin ich mit dir.
Wir küssen uns lange auf ihrem engen Flur. Im Zimmer. Im Bett. Und alles ganz still. Keine Worte, nur fühlen und atmen.
Erzähl mir… fordere ich.
Was denn?
Na, wie du mich gesehen hast, und dann?
Sophie dreht sich zu mir, sieht mir in die Augen:
Bist du Narzisst?
Ich bin Elektriker. Du bist Lehrerin.
Welch ein Standesunterschied! Sophie herrscht gespielt.
Wir lachen.
Dann erzählt sie doch: Als sie mich sah, raste ihr Herz, als wüsste es irgendwas vorher. Sie winkte Felix zu sich, damit ich nichts merkte, stellte ihn an der Steckdose ab, versprach ihm, mich notfalls zu fangen. Felix hat es verstanden und tat so unbeholfen, dass es schon wieder süß war. Nur ich verstand gar nichts und blubberte von Verträgen.
Dann schwiegen wir wieder. Und ich fühlte, dass unsere Stille echt war. Nicht für den Augenblick sondern so, wie sie sein muss: richtig. Es war gut, zusammen zu reden. Noch besser, zusammen zu schweigen. Zusammen aufzuwachen.
Mit Greta habe ich am nächsten Tag gesprochen. Sie ist nicht ausgerastet, immerhin. Sie sagte nur, sie hasse mich ich hätte ihr das Leben verdorben.
Das wollte ich nicht. Es tut mir leid, sage ich nach einer langen Pause.
Aha, antwortet Greta, schließt die Tür.
Meine Mutter meint, ich solle mich nicht zu früh freuen. Solche wie Greta geben nicht so leicht auf.
Warte ab, noch schüttet sie Sophie Säure ins Gesicht, sorgt sich Mama.
Sophie aber mochte Mama sofort. Und meine Freunde auch.
Ein halbes Jahr später heirateten Sophie und ich Elektriker und Lehrerin. Wir sind sehr glücklich. Im Gegensatz zu Mama erwarte ich nichts Böses mehr. Vielleicht bin ich ein glückseliger Dummkopf. Oder vielleicht war Greta viel besser als alle dachten. Gut, aber nicht meine. Sophie aber ist meine. Für immer. Meine Geliebte.





