Veronika steht zitternd an der Wohnungstür und hält Markus fest an der Hand. In ihren Augen spiegelt sich die Angst, ihre Beine sind unsicher.
Mama, das ist meine Freundin. Veronika, sagt Markus, als er nach einer weiteren Geschäftsreise nach Hause zurückkehrt.
Er war zwei Wochen unterwegs gewesen und kommt diesmal nicht alleine zurück. Markus wohnt gemeinsam mit seinen Eltern in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung in München. Nachts schläft Veronika im Zimmer von Markus, während er auf einer ausziehbaren Couch in der Küche übernachtet.
Wo hast du sie denn kennengelernt? Heutzutage laufen doch alle Jugendlichen in schrillen Klamotten herum und haben Piercings an den Augenbrauen, fragt seine Mutter skeptisch.
Mama, ich hatte einfach Glück. Wir haben uns im Studentenwohnheim kennengelernt, das mir zugeteilt wurde. Veronika ist übrigens im Heim groß geworden.
Am nächsten Morgen besucht Markus jüngere Schwester ihre Mutter.
Wo sind die beiden denn?
Sie sind zum Standesamt gegangen, um einen Antrag einzureichen.
Dein Markus ist doch noch viel zu jung! Und warum braucht er ausgerechnet ein Waisenkind an seiner Seite? Pass lieber gut auf eure Wertsachen auf, man weiß ja nie, was solche Leute im Kopf haben.
Wovon redest du eigentlich?, ruft Markus Mutter empört.
Ich bin auch im Heim groß geworden. Heißt das, ich bin weniger wert als andere? Markus Vater springt ebenfalls für Veronika ein.
Warts ab, irgendwas wird sich schon zeigen mit ihren Genen, lästert die Schwester weiter.
Untersteh dich, so über Veronika zu reden!, fährt ihr der Vater dazwischen.
Markus Eltern sind der Meinung, dass ihr Sohn selbst entscheiden darf, was gut für ihn ist.
Sie mischen sich nicht mehr in seine Angelegenheiten ein. Die jungen Leute entscheiden sich, zunächst noch bei den Eltern von Markus zu wohnen, planen aber bald, auf eigenen Füßen in eine eigene Wohnung in München zu ziehen. Veronika ist allerdings zunächst keine große Hilfe im Haushalt. Die Schwiegermutter will mehr als einmal nachgeben, doch der Schwiegervater steht immer zu dem Mädchen.
Später erzählt Markus, dass Veronika plant, an der Ludwig-Maximilians-Universität Germanistik zu studieren. Damit wäre er zunächst Alleinverdiener der kleinen Familie. Natürlich gefällt das der Schwiegermutter gar nicht. Doch sie kann wenig dagegen tun. Auch sie weiß, dass man heutzutage ohne Studienabschluss kaum Chancen hat.
Einige Zeit später ziehen die beiden in ihre erste eigene kleine Wohnung. Veronika arbeitet nebenbei als Nachhilfelehrerin.
Der Schwiegermutter tut ihr Sohn leid. Sie bietet den jungen Leuten immer wieder an, doch wieder in die elterliche Wohnung zurückzukommen. Doch der Schwiegervater bleibt dabei: Die Entscheidung des Sohnes und der Schwiegertochter zählt.
Eines Tages kommt die Schwägerin der Schwiegermutter mit zwei neuen Pfannen zu Besuch.
Schau mal, was ich habe! Ich verkaufe dir eine, wenn du willst. Kannst du den Kindern geben. Heutzutage hat doch jeder finanzielle Sorgen, die beiden haben es bestimmt noch schwerer.
Weißt du, meine Kinder kommen bestens zurecht. Veronika studiert, schafft trotzdem Haushalt und kocht auch noch lecker.
Die Schwiegermutter gibt Veronika die Pfanne und erklärt ihr gleich, dass sie diese am besten nur mit einem Holzlöffel benutzt.
Eine Woche vergeht. Die Schwiegermutter besucht ihre Schwiegertochter in der neuen Wohnung. Veronika sitzt heulend in der Küche.
Die Frikadellen sind angebrannt, jammert sie. Ich habe die Pfanne mit einem Stahlschwamm geschrubbt sie war doch ein Geschenk von dir.
Ach, hör auf! Ist doch nicht so schlimm! Die Schwiegermutter nimmt Veronika in den Arm, um sie zu trösten.
In diesem Moment betritt Markus die Küche. Zunächst will er etwas sagen, hebt dann aber nur die Hand und meint, die beiden werden das schon gemeinsam regeln.
Heute sind mittlerweile 18 Jahre vergangen. Veronika ist nun stellvertretende Direktorin einer Schule. In all den Jahren ist sie für ihre Schwiegermutter wie eine eigene Tochter geworden und die Schwägerin hat die beiden nie aufgehört zu beneiden.
Ist es wirklich wichtig, wo ein Mensch aufgewachsen ist, wenn er ehrlich und gutherzig ist?





