– Tante, hast du vielleicht etwas Brot? Könntest du es mir auch geben?

Johanna ist 37 Jahre alt und noch nie verheiratet gewesen. Früher arbeitete sie als Buchhalterin. Noch immer sucht sie nach dem Sinn des Lebens und findet einfach keine wahre Berufung.

Alles wirkte verschwommen; Johanna war ganz benommen und schleppte sich aus dem Bett, zwang sich förmlich, zur Arbeit zu gehen. Heute war ihre Schicht dran. Sie hatte als Kellnerin angefangen, und nun musste sie die Gäste auf der Sommerterrasse bedienen. An Tagen wie heute fing sie um sechs Uhr morgens an manche Gäste standen schon gegen sieben auf der Matte.

Da sie in einer abgelegenen Siedlung außerhalb von München wohnte, musste sie sogar früher losfahren, schon um fünf Uhr. Der Busanschluss war miserabel, manchmal gab es Verspätungen, oder der Verkehr stand einfach still, als wäre die Zeit selbst eingeschlafen.

Wie immer begann Johanna, noch im Halbdunkel die Tische mit einem Lappen zu wischen. Über Nacht hinterließ der Wind immer einen feinen Schleier Staub. Die Gäste erwarteten saubere Tische, saubere Stühle. Sie summte leise Über den Wolken vor sich hin, so, wie ihre Mutter es früher tat.

Meine Mama singt auch immer, sagte da plötzlich eine kleine Stimme. Ein Kind, mitten in der Dämmerung.

Johanna erstarrte. Niemand sollte um diese Uhrzeit hier sein. Vor ihr stand ein Mädchen, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, allein. Beide blickten sich verwundert um.

Warum bist du denn hier? So früh allein?, fragte Johanna.

Ich mache einen Morgenspaziergang. Und hole Essen für mich und meinen Bruder. Tante, hast du vielleicht ein Stück Brot? Das Mädchen schaute verlegen zu ihr auf, der Hunger stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Natürlich, sagte Johanna, setz dich, ich schaue mal, was in der Küche ist. Wo ist denn dein Bruder?

Der ist zu Hause. Da gleich um die Ecke, mit unserer Oma.

Johanna fragte nicht weiter. Das Mädchen begann, die Lage zu erklären:

Unsere Eltern sind schon lange tot. Und Oma ist sehr alt, sie vergisst manchmal sogar uns, ihre Enkel.

Johanna schluckte. Ihr fehlten die Worte.

Ich will wirklich nicht stören, ich möchte nur ein wenig Brot, für meinen Bruder, für Oma, flüsterte das Mädchen.

Warte, ich geh mit dir. Bleib bitte hier und geh nicht weg, sagte Johanna.

Sie bat ihre Kollegin, sie kurz zu vertreten, und machte sich mit dem Mädchen auf den Weg. Das Mädchen hatte einen eigenen Hausschlüssel. Gemeinsam betraten sie eine verwinkelte Altbauwohnung der Flur roch nach Eintopf und altem Holz. Auf dem Boden robbte ein kleiner Junge, kaum anderthalb Jahre alt, versunken im Spiel. Er lächelte, als sie eintraten. Im Wohnzimmer lag die Oma auf dem Sofa, starrte an die Decke; sie nahm die Besucher kaum wahr, wie im Nebel.

Was ist denn hier los?, entfuhr es Johanna.

Sie rief den Rettungsdienst; es war offensichtlich, dass es der alten Dame nicht mehr lange gut gehen würde. Sie nahm die Geschwister mit zu sich nach Hause. Dort wartete ihr eigener 13-jähriger Sohn, der ziemlich erstaunt war. Johanna erklärte ihm alles, und er verstand selbstverständlich, das war immer so zwischen ihnen. Streit gab es nicht in ihrer Familie, Vertrauen war wie eine warme Wolldecke.

Johannas Sohn half ihr, kümmerte sich um die beiden Kleinen, während sie arbeitete.

Zehn Tage später starb die Oma. Die Kinder sollten ins Heim, aber Johanna fühlte, wie ihr Herz in zwei Richtungen gerissen wurde. Sie wollte sich nicht trennen, die beiden waren schon jetzt wie ihre eigenen Kinder. Sie stellte sich vor, wie sie in einem Heim zwischen Fremden aufwachsen würden. Also entschloss sie sich: Sie adoptierte die Kinder, wurde ihre Vormundin.

Sie gab den Kellnerinnenjob auf, folgte dem Rat eines alten Freundes und arbeitete wieder als Buchhalterin, diesmal in dessen kleiner Firma am Stadtrand. Ihr Freund half mit den ganzen Formularen und Behördengängen. Nach ein paar Wochen war alles amtlich; Johanna war jetzt für immer ihre Tante.

Siehst du deshalb wolltest du Kellnerin werden!, witzelte ihre Freundin einmal. Na klar, das war alles ein Masterplan mit viel Vorlaufzeit, lächelte Johanna.

Wer hätte gedacht, dass ihr Leben so seltsam wenden würde? Nun hatte Johanna drei Kinder, schwankte zwischen verschiedenen Berufen und all das, weil das Schicksal sie mitten in einem verschwommenen, deutschen Morgen zur Heldin gemacht hatte. Sie war nie dazu geboren, die Starke zu sein, aber sie nahm die Herausforderung an, die das Leben ihr im Traum gestellt hatte.

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Homy
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– Tante, hast du vielleicht etwas Brot? Könntest du es mir auch geben?
Die aufdringliche Schwiegermutter kam wie selbstverständlich zu meiner „Rückkehr-Empfangsfeier“