In unserer Schule besucht gerade ein Mädchen den Unterricht ein Waisenkind. Sie lebt mit ihrer Großmutter, die schon sehr alt und tiefgläubig ist. Jeden Sonntag gehen sie gemeinsam in die Kirche, vorbei an unserem Haus. Beide sind schmächtig und zerbrechlich, mit weißen Kopftüchern auf dem Kopf. Es wird erzählt, dass die Großmutter ihr verbietet, fernzusehen, Süßigkeiten zu essen oder mit offenen Mund zu lachen damit keine Dämonen in sie fahren. Außerdem muss das Mädchen sich mit eisigem Wasser waschen.
Wir hänseln sie oft. Sie schaut uns mit grauen, ernsten Augen an kein bisschen kindlich und sagt: Gott erbarme sich, sie wissen nicht, was sie tun. Niemand will mit ihr befreundet sein, man hält sie für seltsam. Ihr Name ist Marlena. Wirklich, nur Marlena.
Damals schmeckte das Essen in der Schulmensa nie besonders gut. Am Freitag aber gab es Streuselschnecken mit Tee oder ein Wiener Würstchen im Hefeteig mit Kakao und ein kleines Stück Schokolade. Beim wiederholten Ärgern von Marlena schubste jemand sie. Sie stolpert und fällt gegen mich, ich stoße mit meinem Tablett voller Gläser Kakao ans Ende des Tisches und alles schwappt über zwei Oberstufenschüler.
Na toll, sagen die beiden Jungs.
Schnell weg! sage ich. Ich packe Marlenas Hand und wir rennen.
Mir kommt es vor, als würde uns eine wilde Horde hinterherjagen, laut und stürmisch. Die letzten beiden Stunden sind Mathe. Hinter der Glastür tauchen immer wieder zwei große Gestalten auf. Manchmal wird die Tür einen Spalt aufgemacht, dann schauen zwei Köpfe herein und tuscheln miteinander. Mir ist klar: Uns erwartet die große Untersuchung, das Urteil und die Strafe, wie in den Klassikern.
Wichtig ist, wir schleichen uns unauffällig raus. Ich kenne einen Weg auf den Dachboden, da warten wir bis es dunkel wird und rennen dann nach Hause.
Nein, sagt Marlena. Wir gehen, wie Mädchen eben gehen. Im Hellen und bescheiden.
Aber da sind doch die Die werden
Was? Was werden sie tun? Schütten sie uns einen Trinkjoghurt über den Kopf? Brüllen sie uns an? Schlagen sie zwei Fünftklässlerinnen? Was denn?
Na ja
Selbst wenn sie uns schlagen, dann tun sie das nur einmal. Wenn wir nicht gehen, haben wir jeden Tag Angst.
Wir verlassen den Klassenraum ganz normal, so wie die anderen Mädchen. Bescheiden. Die Oberstufenschüler lehnen am Gang.
Hey, ihr kleinen, wem gehört das hier? Der Junge hält meine Geldbörse mit dem Mickey-Maus-Motiv und zehn Euro drin fürs Schwimmbad und den Kunstkurs.
Hier, sagt er, gibt mir die Börse zurück und grinst. Und lauf nicht wieder weg.
Ich gehe nach Hause, schwinge meinen Ranzen und denke: Wie schön das Leben ist! Wie leicht sich alles lösen kann. Und wie wunderbar, dass ich nun so eine neue Freundin habe.
Komm, ich ruf meine Mutter an. Sie fragt deine Oma, ob du zu mir kommen darfst dann schauen wir zusammen Zeichentrickfilme. Oder darfst du das gar nicht?
Marlena verdreht die Augen.
Lass uns von Oma ein paar Waffeln mit gezuckerter Kondensmilch holen, sie hat heute welche gebacken.
Wir bleiben lange Jahre Freunde. Bis das Leben uns auf unterschiedlichen Kontinenten verteilt.
Doch eines bleibt mir im Gedächtnis.
Vom Turm ins blaue Wasser springen ist furchteinflößend aber nur einmal. Neues zu wagen macht Angst. Was kann passieren? Man wird vielleicht als dumm bezeichnet? Aber das hört man nur einmal. Sonst sagt man es sich jeden Tag selbst.
Angst hat man einmal. Oder jeden Tag.
Man besiegt die Angst einmal. Oder sie lebt jeden Tag für einen.
Man hat eine Wahl.




