3. Mai
Warum hast du dich entschieden, dich scheiden zu lassen?, fragte mich meine Schwiegermutter heute, als hätte sie jedes Recht dazu. Ich, Klara Weber, war nie bereit, mit den Eltern meines Mannes zusammenzuleben. Eigentlich war es Friedrich, der mich überredete. Er meinte, seine Mutter könne ihn nicht gehen lassen. Ein Mann von vierunddreißig! Ich brachte es damals nicht übers Herz, ihn im Stich zu lassen.
Unsere Lebensvorstellungen passen einfach nicht zusammen. So ist das eben. Wir sind weder die ersten noch die letzten, denen das passiert, habe ich geantwortet, auch wenn ich lieber Klartext gesprochen hätte.
Der eigentliche Grund? Seine Mutter rief Friedrich jeden Tag per Videoanruf an, um zu kontrollieren, ob ich alles schaffe. Das passierte immer an den Tagen, an denen sie nicht persönlich vorbeikam. Auf unserer Hochzeit, als sie uns gratulierte, sagte sie sogar:
Ich bin so froh, dass mein lieber Sohn endlich verheiratet ist. Natürlich hätte es eine bessere Wahl geben können. Aber es ist nun mal so. Nimm’s mir nicht übel, meine Schwiegertochter.
Vielleicht hätte ich damals schon gehen sollen. Sie wollte schon immer, dass ich Friedrich verlasse, und hat alles Mögliche dafür getan. Doch Friedrich hat nie versucht, mich zu schützen. Als wir einmal auf dem Heimweg an ihrem Haus hielten und sie mir den Zutritt verweigerte, schwieg Friedrich einfach. Sie meinte, sie müsse ein vertrauliches Gespräch mit ihrem Sohn führen, und ich durfte eine Stunde bei Regen vor der Tür stehen.
Und trotzdem blieb ich. Warum, weiß ich bis heute nicht genau. Doch jetzt habe ich die Entscheidung getroffen. Fang nicht wieder damit an. Unterschiedliche Ansichten das sagt man doch nur im Film. Sag mir, was dir nicht passt an meinem Sohn! Ich gebs zu, du bist nicht gerade die Frau, die ich mir an seiner Seite gewünscht habe. Nach alledem kann ich dich auch nicht einfach gehen lassen. Was stört dich denn eigentlich so sehr an ihm?
Ich habe sie nur verschmitzt angelächelt. Ihre Erlaubnis brauchte ich sicher nicht. Ich blieb nur ihretwegen; für meinen Mann. Den wahren Grund für die Scheidung gibt es nur einmal. Seine Mutter.
Ich gehe, sagte ich ruhig.
Das erlaube ich nicht, entgegnete sie sofort.
Ehrlich gesagt ist mir das egal. Für mich bist du niemand, sagte ich.
Gib mir wenigstens die Hälfte vom Wert des Rings zurück!, rief sie mir wütend hinterher.
Wie bitte?
Ich will die Hälfte vom Preis des Eherings zurück. Von dem, den mein Sohn für dich gekauft hat!
Da musste ich wirklich lachen. Drehst du dich immer um den Ring, weil das das Einzige ist, was dein Sohn je zustande gebracht hat? Behalt ihn, ich brauche ihn nicht!
Und so trennten sich unsere Wege. Ich fragte mich, wie ich nur auf die Idee gekommen war, Friedrich zu heiraten. Seine Mutter hatte ihr wahres Gesicht schon vor der Hochzeit offenbart. Warum also habe ich darauf nicht gehört? Nur der liebe Gott weiß es.
Neulich erzählte mir meine Kollegin, Lena, beim Kaffee: Ich heirate übrigens!
Oh, und wen?, fragte ich neugierig.
Du wirst lachen …, sie wurde verlegen.
Sag nicht, es ist Friedrich? Mir wurde sofort alles klar.
Doch. Deinen Ex.
Du machst Witze! Du weißt doch genau, wie das bei uns ausging.
Ich weiß, aber jeder erlebt es anders. Friedrich ist sehr fürsorglich. Und seine Mutter hilft uns. Manchmal zu viel, aber das passt schon.
Meinetwegen. Hauptsache, ich bin raus, sagte ich nur.
Lena zeigte mir stolz ihren Verlobungsring. Schau, den hat mir Friedrich geschenkt. Ist er nicht schön?
Und ich wusste schon, was ich sehen würde. Es war derselbe Ring, den Friedrich auch mir einst gekauft hatte. Stell dir vor, nicht mal ein neuer Ring war drin. Aber wundern tut mich das nun wirklich nicht.
Die Gravur Für immer zusammen stand immer noch drin. Hoffentlich lässt Lena das irgendwann entfernen.
Mein Fazit heute: Manchmal ist es besser, deinem Instinkt zu vertrauen und dich von Menschen zu trennen, die dir nicht guttun auch, wenn es Mut kostet.




