Vor einigen Jahren heiratete mein Freund Markus. Ich muss zugeben, er hatte es lange herausgezögert, schließlich war Markus bereits dreiunddreißig. Er war immer ein Eigenbrötler gewesen, mied alles, was nach Familienleben klang Besuche bei seinen Eltern, Wocheneinkäufe, gemeinsame Feiern mit der Verwandtschaft, all das hielt er für völlig überflüssig. Wenn Freunde und Familie scherzten, zog Markus immer sein altes Argument hervor:
Ich habe meine eigene Wohnung, meinen festen Job wozu brauche ich eine Familie? Ich komme bestens allein zurecht. Dazu habe ich noch meinen treuen Freund meinen Hund Fritz. Wir leben zusammen, alles läuft prima. Und Frauen? Heute sind sie da, morgen wieder weg.
Doch irgendwann ändert sich alles. So war es auch bei Markus. Eine Frau brachte schließlich seine Prinzipien ins Wanken. Und sie war raffiniert… Gerade das Unnahbare an ihr machte ihn erst recht neugierig. Die Frau hieß Annalena, sie begegneten sich zum ersten Mal in einem kleinen Café in München. Annalena war 29, schon geschieden, aber ohne Kinder.
Bald darauf trafen sie sich wieder. Annalena übernachtete mehrfach bei Markus, und bald entdeckte er, dass ihre Sachen in seinem Schrank lagen. Ehe er sich versah, wohnte sie fest bei ihm. Eines Abends saßen die beiden mit einer Tasse Tee in der Küche, und Annalena meinte beiläufig:
Markus, du hast ja immer mal wieder das Thema Hochzeit angesprochen. Weißt du was? Ich glaube, das könnte ich mir tatsächlich vorstellen.
Markus überlegte fieberhaft, konnte sich aber partout nicht erinnern, jemals einen Antrag ins Spiel gebracht zu haben. Aber abstreiten konnte er es auch nicht mehr. Ein Versuch seinerseits wurde einfach vom nächsten Hochzeitsthema überlagert.
Gefühlt glitten ihm die Dinge immer mehr aus der Hand, aber er wehrte sich nicht. Früher oder später würde es ja doch passieren. Außerdem war Annalena keine schlechte Wahl. Ein überzeugter Junggeselle weniger.
Das erste Jahr war fantastisch abgesehen von kleinen Reibereien, die sich ab und an einschlichen. Annalena missfiel, dass Markus öfter spät und nicht selten angetrunken nach Hause kam. Sie selbst telefonierte dafür immer wieder mit ihrem Ex-Mann und beklagte ihre Eheprobleme. Das wiederum fand Markus alles andere als witzig.
Annalenas Argument: Man sollte doch freundlich mit Menschen umgehen. An Markus’ Geburtstag feierte er mit seinen Kollegen bis spät und kehrte wieder betrunken heim. Er legte sich ins Nebenzimmer und hörte, wie Annalena sich dem Hund anvertraute:
Du bist wirklich ein Schlitzohr. Den ganzen Tag schlafen und fressen, mehr kriegst du nicht hin. Genau wie dein Herrchen. Nein, eigentlich bist du sogar schlauer du sprichst nicht und verstehst trotzdem alles. Dein Herrchen versteht nichts, will gar nichts verstehen. Wie kann man nur so leben?
Markus konnte kaum fassen, was er da hörte, und wollte am liebsten aufspringen und sich äußern. Doch die Nachrede ging noch weiter:
Schon wieder ist er betrunken nach Hause gekommen. Kannst du diesen Gestank überhaupt ertragen? Er säuft immer mehr, ich ertrag es nicht mehr. Ich bereue, ihn geheiratet zu haben. Anfangs schien er normal, jetzt zeigt er sein wahres Gesicht. Mein Ex-Mann war deutlich besser hat nicht getrunken, sein Geld verdient. Warum habe ich ihn verlassen? Ja gut, er ist mir ein- oder zweimal fremdgegangen, aber passiert das nicht jedem mal? Er hat mir viele Geschenke gemacht und sich immer wunderbar entschuldigt. Noch immer versucht er, mich zurückzugewinnen. Was soll ich nur machen, Fritz? Gib mir ein Zeichen.
Plötzlich betrat ich das Zimmer. Rief Fritz zu mir, sah Annalena an und sagte:
Du denkst, ich hätte von einer Familie geträumt? Stimmt nicht. Ich brauche keine Frau, besonders keine wie dich. Du bist einfach in meine Wohnung gezogen. Es widert mich an, dich anzusehen. Du hast eine Stunde, um deine Sachen zu packen. Dein Ex-Mann wartet bestimmt schon. Oder geh sonst wohin. Und noch etwas: Morgen kannst du die Scheidung einreichen.
Anstatt einfach zu gehen, brach Annalena schluchzend zusammen, entschuldigte sich, schob mir die Schuld zu, ich hätte kein Mitgefühl. Ich blieb jedoch hart und setzte sie vor die Tür. Vor dem Haus nahm sie sich ein Taxi und verschwand wohin, das weiß ich bis heute nicht.
Was bleibt? Ich habe erkannt, dass Kompromisse wichtig sind aber nie auf Kosten der eigenen Würde. Man sollte ehrlich zu sich selbst und zu anderen bleiben.




