Greta, dröhnte die Stimme ihrer Schwiegermutter durch die Wohnung. Greta, die gerade am Telefon war, zuckte leicht zusammen. Da stehst du wieder herum, wie immer!, schimpfte die Schwiegermutter und schob die Unterlippe vor. Greta telefonierte unbeirrt weiter und tat so, als höre sie die Schwiegermutter gar nicht. Reden, reden, nix als reden! Hättest du meinem Sohn wenigstens was Ordentliches kochen können!, nörgelte die Schwiegermutter weiter.
Ruhe da hinten, bitte, schnaufte Greta und versuchte, die Stimme der Schwiegermutter zu übertönen. Sieh dir das an, unmöglich! Die alte Dame stapfte aus dem Zimmer. Greta beendete endlich das Gespräch und stieß einmal tief Luft aus. Sie war so müde von all dem Drama.
Letztes Jahr hatten Greta und ihr Mann Markus endlich ihren Immobilienkredit abgezahlt. Es war zwar nur eine Einzimmerwohnung in München, aber immerhin: Die Küche war groß und der Balkon hatte sogar etwas Sonne. Endlich konnten die beiden über Nachwuchs nachdenken. Greta arbeitete zum Glück von zu Hause, doch entgegen aller Klischees wusste Markus, dass das alles andere als gemütlich war. Seine Mutter hingegen glaubte felsenfest das Gegenteil.
Die Eltern von Markus lebten bis vor Kurzem noch auf dem Land in Niederbayern und Besuche waren selten glücklicherweise, so ehrlich musste man sein. Außerdem wollte der Nachbar nebenan permanent anbauen und hatte versucht, die Schwiegereltern zum Verkauf ihres Häuschens zu überreden. Zufällig wurde gleich neben Markus Wohnung in München ein Apartment frei. Die Schwiegermutter, die vorher keinen Fuß in die Stadt setzen wollte, war plötzlich Feuer und Flamme und verkaufte das Haus. Der Schwiegervater arbeitete eh noch, aber die Schwiegermutter war frisch in Rente. Im Dorf langweilte sie sich ohnehin fast zu Tode, in München hatte sie ja jetzt Greta.
Was die Schwiegermutter partout nicht einsehen wollte: Ihre Schwiegertochter telefonierte zwar ständig, aber eben, weil sie arbeiten musste. Sie surfte nicht nur und daddelte nicht auf Instagram. Greta hatte tatsächlich Aufgaben zu erledigen den lieben langen Tag.
So kam es, wie es kommen musste: Kaum hatte Markus das Haus verlassen, stand die Schwiegermutter auf der Matte, bewaffnet mit ihrem schrillen Stimmorgan und unbezahlbaren Ratschlägen. Anfangs versuchte Greta, es zu erklären. Sogar Markus unternahm tapfere Versuche, aber alle Überredungskunst verpuffte. Es vergingen nur wenige Tage, bis sie wieder an der Haustür klingelte.
Eines Tages beschlossen Markus und Greta, einfach nicht zu öffnen vielleicht würde es ja helfen? Also arbeitete Greta mit Musik in den Ohren und ignorierte die Klingel. Da begann die Schwiegermutter vor der Tür zu lamentieren, sie werde die Polizei rufen erst dann öffnete Greta die Tür. Sie und Markus waren echt ratlos, wie sie des lieben Friedens willen ihre Schwiegermutter loswerden konnten. So konnte es ja nicht weitergehen. Einen Tag schmollte die Schwiegermutter, am nächsten Morgen stand sie wieder, als wäre nichts gewesen, in der Tür das große Schwiegermutter-Comeback.
Ich kann nicht mehr, klagte Greta schließlich ihrem Mann, die hört doch nicht mal auf dich, was soll ich da ausrichten? Ich versteh dich. Aber was sollen wir machen? Es war ihre Entscheidung, das Haus zu verkaufen und die Wohnung zu nehmen. Ich konnte das nicht verhindern. Warum beschäftigen wir sie nicht einfach, damit sie was zu tun hat? Und was denn? Ich hab schon das halbe Internet durchforstet! Zwischen den beiden kehrte betretenes Schweigen ein.
Plötzlich hob Markus den Kopf: Wie viel haben wir eigentlich auf unserem Sparkonto? Wieso? fragte Greta misstrauisch und kramte den Kontoauszug hervor. Schau, wir wohnen hier zu zweit in einer Einzimmerwohnung, sobald wir ein Baby wollen, brauchen wir mehr Platz. Wollen wir uns nicht endlich eine größere Wohnung suchen? Eine größere? Wo denn? Egal, Hauptsache raus hier. Wieso nicht gleich? Greta war so erleichtert, sie fiel Markus vor Freude um den Hals. Am nächsten Tag tanzte die Frau vergnügt durch die Wohnung, nicht mal der tägliche Schwiegermutterbesuch konnte ihr die Stimmung verderben. Zwei Wochen später überraschten sie die Eltern mit der Nachricht von ihrem geplanten Umzug.
Wie bitte?, sank die Schwiegermutter dramatisch auf den Stuhl. Kinder, ihr spinnt doch! Und wo sollen dann meine Enkel schlafen? Och, stimmt ja!, rief der Schwiegervater lachend. Mama, jetzt mach keinen Aufstand. Wir ziehen ja nicht nach Hamburg, sondern nur ein paar Straßen weiter. Außerdem gibts hier jede Menge Nachbarn in deinem Alter, und wir kommen dich ganz bestimmt besuchen!, beschwichtigte Markus schnell.
Merkwürdigerweise fand die Schwiegermutter in Windeseile Freunde im Haus schließlich ist Smalltalk auch eine olympische Disziplin. Und Markus und Greta starteten endlich in ein neues, entspannteres Kapitel.





