Familiengeheimnis
Schon als Kind konnte ich es kaum ertragen, meine Großmutter zu besuchen. Sie mochte mich offensichtlich nicht. Ich habe nie verstanden, warum meine Eltern darauf bestanden haben, sie mit mir zusammen zu besuchen.
Meine Oma, Hannelore, machte immer wieder Anspielungen darauf, dass schlechtes Blut durch meine Adern fließe und dass meine Mutter noch Probleme mit mir bekommen würde.
Meine Mutter, Andrea, stellte sich stets schützend vor mich. Doch Oma hörte nie auf, mit ihren Giftpfeilen zu schießen.
Sie nahm auch meinen Eltern nichts ab. Jeder Besuch endete mit schlechter Laune und vor allem für mich wurde jedes Treffen zum Alptraum.
Besonders schlimm war es, als meine Eltern sich einmal in der Küche stritten und mich im Wohnzimmer zurückließen. Aus Langeweile schloss ich die Tür hinter mir, schaute mich um und entdeckte ein wunderschönes Buch. Ich nahm es aus dem Regal, stellte aber sofort fest, dass es kein Buch, sondern ein Fotoalbum war. Ein Stapel Fotos fiel dabei zu Boden. Ich hockte mich hin und fing an, sie aufzusammeln.
Ein Foto erregte meine Aufmerksamkeit meine Mutter stand darauf, Arm in Arm mit einem fremden Mann. Er war definitiv nicht mein Vater. Sie strahlten sorglos in die Kamera.
Wer ist das?, fragte ich mich verwundert.
In diesem Moment stürmte meine Oma herein, riss mir die Bilder aus der Hand und schrie mich lautstark an.
Ich war völlig perplex. Verstohlen blickte ich zu meinen Eltern; mein Vater sagte nur: Lukas, wir gehen. Zieh dich an.
Schulterzuckend folgte ich ihnen.
Ich fragte meine Mutter nicht sofort nach der mysteriösen Fotografie. Trotz meiner acht Jahre war mir klar, dass ich sie lieber bei Gelegenheit, wenn wir allein sind, darauf anspreche.
Ein paar Tage später erklärte sie lachend, ich hätte mich verguckt: auf dem Bild sei sie gar nicht, sondern irgendeine Verwandte meiner Oma.
Doch ich merkte, dass sie log. Schließlich war meine Oma ihre Mutter, und es wäre kein Wunder gewesen, hätte sie Fotos aus ihrer Jugend bewahrt auch jene, die sie vielleicht lieber losgeworden wäre. Gut möglich!
Ich beschloss, das Bild noch mal zu suchen, aber das Album blieb für immer verschwunden. Meine Großmutter musste es gut versteckt haben.
Ich redete mir ein, dies sei vielleicht ein echtes Familiengeheimnis.
Mit der Zeit verblasste das Ereignis, und ich dachte kaum mehr daran.
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Schon im ersten Semester gefiel mir Leonie. Ich erinnere mich noch an unser erstes Zusammentreffen vor der Uni, als ich mit meinen Kumpels am Eingang stand und sie mit einer Freundin vorbeikam. Ich starrte sie an, während sie sich näherte. Sie ging einfach vorbei. Später sah ich sie in einer Vorlesung wieder und freute mich. Nur ansprechen konnte ich sie nie… Vier lange Jahre war es zwischen uns bei stummen Begrüßungsnicken geblieben. Wir kannten uns im Grunde nicht einmal!
Auch heute nickte ich ihr zu, und sie schwebte an mir vorbei.
So, so, in die hast du dich verguckt, sagte plötzlich Jana. Jana war dieses Jahr in unsere Gruppe gewechselt und sofort in unserem Freundeskreis aufgenommen worden.
Wie kommst du darauf?, fragte ich, ohne meinen Blick von Leonie abzuwenden.
Na, ist doch klar! Du starrst sie immer noch an, während du mich völlig ignorierst und dabei dümmlich grinst, lachte Jana.
Ich seufzte und drehte mich zu ihr.
Du hast mich durchschaut. Und, was machst du jetzt?
Nichts. Willst du, dass ich mich mit ihr anfreunde und euch ein Date organisiere? Mich beschleicht das Gefühl, deine Schwärmerei ist einseitig.
Nein! rief ich sofort. Bloß nicht!
Warum nicht? Hast du Angst?, Jana zog die Augenbrauen hoch und grinste spitzbübisch. Das hätte ich nicht von dir gedacht.
Ich hab keine Angst!
Okay, Thema erledigt, grinste sie und sprach einfach weiter mit mir. Ich atmete erleichtert auf.
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Sag mal, wie war noch mal die Adresse, wo wir uns heute treffen? rief ich in mein Handy, als Jana mir mitteilte, dass unser gemeinsamer Freund seine Geburtstagsparty an einen anderen Ort verlegt hatte. Ja, Sekunde, ich notiere… Und weißt du, warum er alles umplant?
Keine Ahnung, sagte Jana kurz angebunden und legte auf.
Verwirrt suchte ich die Adresse des Restaurants raus und überlegte, wie ich dorthin kommen sollte.
Schon merkwürdig, murmelte ich. So kurzfristig ändern sie das Lokal, und ich muss jetzt quer durch ganz München… Aber es half nichts. Ich machte mich auf den Weg.
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Zu meiner Überraschung war nur Jana im Restaurant.
Wo sind denn die anderen? fragte ich sie.
Wichtig ist doch, dass ich hier bin! sagte sie lächelnd.
Ich setzte mich gegenüber und sah sie erwartungsvoll an.
Und?
Und was?, Jana zuckte die Schultern.
In diesem Moment kam ein älterer Mann an unseren Tisch und setzte sich.
Guten Abend, ich bin Herr Friedrich Stein, sagte er und reichte mir seine Visitenkarte.
Lukas, stellte ich mich vor. Ich nahm die Karte, steckte sie ein und starrte den Mann an etwas an seinem Gesicht kam mir bekannt vor.
Wo habe ich ihn schon mal gesehen? überlegte ich. Die Erinnerung blieb verschwommen.
Herr Stein holte langsam eine alte Fotografie hervor und legte sie vor mich.
Ich traute meinen Augen kaum: Auf dem Bild umarmte meine Mutter als junge Frau eben diesen Mann nur jünger.
Das war mein Bruder, sagte Herr Stein ruhig.
Aber meine Mutter hat keine Geschwister, erwiderte ich irritiert.
Ich weiß. Das auf dem Bild ist deine Mutter. Das ist mein Bruder und auch dein leiblicher Vater.
Was?! entfloh es mir. Nein!
Es tut mir leid, aber das ist die Wahrheit, antwortete Herr Stein bedauernd.
Das ist unmöglich! Mein Vater ist ein anderer!
Offiziell, ja. In Wirklichkeit aber nicht.
Ich starrte die Fotografie an konnte ich irgendeine Ähnlichkeit feststellen? Nein. Überhaupt nicht.
Was wollen Sie eigentlich? fragte ich nach einer langen Pause. Und warum sagten Sie, es sei traurig, dass mein Vater Ihr Bruder war?
Ich habe nur gesagt, wie es war, antwortete Herr Stein achselzuckend.
Ich schüttelte den Kopf.
Wenn das stimmen würde, hätte meine Mutter doch Ihren Bruder geheiratet.
Daran haben meine Eltern meinen Bruder gehindert und auch deine Großeltern wollten es nicht. Deshalb kam es nie zur Ehe.
Ich war sprachlos. Und warum erzählen Sie mir das jetzt eigentlich?
Mein Bruder lebt nicht mehr. Ich bin der Meinung, dir und deiner Mutter steht ein Teil seines Erbes zu. Aber es gibt noch etwas anderes …
Was denn? fragte ich.
Du solltest keine eigenen Kinder bekommen, Lukas. Zwischen uns besteht Blutsverwandtschaft, wenn auch entfernte.
Warum sollte ich keine Kinder haben? fragte ich fassungslos.
Mein Bruder litt an einer psychischen Erkrankung, die erblich ist. Sie könnte bei dir oder deinen Nachkommen ausbrechen.
Ich konnte kaum glauben, was ich da hörte. Heiraten, eine Familie gründen und nun erklärt ein Fremder, das alles sei unmöglich?
Ich schüttelte den Kopf und wollte zu Jana schauen, doch sie war fort.
Herr Stein bemerkte meinen Blick.
Deine Mutter will keinen Kontakt. Deshalb habe ich dich getroffen.
Entschuldigen Sie, aber ich stehe zu meiner Mutter. Sie erzählen Unsinn. Es gibt nichts zu besprechen.
Ich stand auf und verließ das Restaurant.
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Sofort rief ich Jana an, um zu klären, was das eigentlich werden sollte. Hatte sie mich absichtlich nur zu diesem Treffen gelockt? Doch ihr Handy war ausgeschaltet.
Also machte ich mich wortlos auf den Heimweg nach Hause, zu meiner Mutter. Und sagte trotzdem nichts.
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Lange saß ich am Küchentisch und starrte auf meine Teetasse. Schon als Kind hatte ich es geliebt, einzelne Sachen zu betrachten und ins Tagträumen abzutauchen: Wie oft beobachtete ich die Wolken draußen oder drehte einen Bleistift in meinen Händen, anstatt Hausaufgaben zu machen! Nur mit meiner Mutter daneben arbeitete ich fleißig. Sobald sie rausging, driftete ich wieder ab. Nach ihrer Rückkehr hagelte es dann Vorwürfe: Wie kannst du so trödeln? Was soll nur aus dir werden? Am Ende habe ichs doch aufs Gymnasium geschafft.
Lukas! Schwebst du wieder in Gedanken? riss mich meine Mutter aus dem Grübeln.
Nein Ich denke nur nach, murmelte ich.
Sie war allein in der Küche. Jetzt war der perfekte Moment, Fragen zu stellen.
Worüber denn?, fragte sie misstrauisch.
Zum Beispiel über vererbte Krankheiten
Ich sah ihr ins Gesicht sie wurde nachdenklich.
Warum interessiert dich das?, wollte sie wissen.
Ich zog die Visitenkarte hervor und las ab:
Kennst du einen Friedrich Stein?
Ein Geistesblitz durchzog meinen Kopf: Das war doch Omas Mädchenname!
Das sind doch unsere Verwandten, stimmt’s?, fragte ich.
Möglich. Und?, entgegnete sie kühl.
Ich setzte nach: Ich habe das Foto gesehen, auf dem du mit einem fremden Mann drauf bist und vor einigen Tagen habe ich seinen Bruder, Herrn Stein, getroffen.
Sie zuckte nur die Schultern.
Und? Wir sind eben verwandt. Warum soll ich nicht mit ihm auf einem Foto stehen?
Sein Bruder ist gestorben. Wusstest du das?
Mutter wurde blass. Nein
Er sagt, ich sei sein Sohn.
Das stimmt nicht, entgegnete sie energisch.
Ich seufzte.
Sicher? Ich werde es überprüfen.
Mach das. Aber was willst du machen? Zu deinem Vater gehen und ihm offenbaren, dass du ihm misstraust?
Nein. Noch nicht. Ich kann doch die Verwandtschaft mit Herrn Stein prüfen.
Aber das funktioniert nicht, denn Verwandt seid ihr trotzdem, über meine Familie, gab sie zu bedenken.
Ich verstand, sie hatte recht.
Trotzdem, ich mache das!, ereiferte ich mich.
Lukas, glaub mir endlich. Dein Vater ist dein Vater.
Ich will es aber genau wissen! Und ich werde es Vater sagen. Herr Stein behauptet, sein Bruder litt an einer erblichen Krankheit. Mama, ich will irgendwann eigene Kinder und eine normale Familie!
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Zwei Wochen später saßen wir zu viert in unserer Wohnung: meine Eltern, Herr Stein und ich. In meinen Händen hielt ich einen versiegelten Umschlag: das Ergebnis des Gentests.
Alle Augen waren auf mich gerichtet.
Na los, Lukas, mach schon auf!, sagte mein Vater.
Mir wurde mulmig zumute gleich könnte alles anders werden. Was hatte meine Mutter ihm wohl erzählt? Was würde ich tun, wenn er nicht mein leiblicher Vater war? Nein, das wollte ich gar nicht wissen.
Ich streckte meiner Mutter den Umschlag entgegen. Ich kann nicht
Sie nahm ihn, reichte ihn Herrn Stein weiter.
Sie wollten die Wahrheit? Bitte.
Herr Stein öffnete den Brief, las die Ergebnisse und sagte enttäuscht: Entschuldigung, dass ich Sie gestört habe Ich dachte, unser Familienzweig wird weitergeführt, aber leider nicht.
Ich atmete erleichtert auf. Wie gut, dass meine Eltern wirklich meine Eltern sind.
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Mama, warum dachte Herr Stein, ich sei sein Brudersohn?
Wir schlenderten im Englischen Garten und ich nutzte die Gelegenheit, zu fragen.
Sie seufzte tief: Weißt du ich hatte wirklich eine Beziehung mit seinem Bruder. Wir wollten sogar heiraten. Deine Oma war strikt dagegen. Ich habe trotzdem meinen Kopf durchgesetzt. Wir hätten sicher geheiratet, aber…
Sie brach ab.
Was ist passiert?
Er hat mich geschlagen. Da war für mich alles vorbei. Ich lief weg, setzte mich heulend auf eine Bank. Genau in dem Moment kam dein Vater vorbei. Den Rest kennst du: Er bat mich, ihn zu heiraten und ich habe Ja gesagt. Wir sind gleich aufs Standesamt gegangen. Herr Steins Familie dachte, ich sei schwanger, und deshalb hätten wir so beeilt. Auch deine Oma glaubte das. Und weil du dann etwas zu früh kamst, glaubten sie alle fest daran. Aber so war es nicht.
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Ich lief über den Flur der Universität. Merkwürdigerweise war Jana nach der Aktion plötzlich verschwunden. Man munkelte später, Herr Stein sei sehr vermögend gewesen. Aber inzwischen war das alles unwichtig geworden.
Vor mir entdeckte ich Leonie. Ohne nachzudenken, holte ich sie ein.
Als ich schon wieder nur zum Grüßen ansetzen wollte, sagte ich diesmal mutig:
Hallo Leonie! Wie geht’s dir?
Sie lächelte: Hallo, Lukas! Mir geht’s gut!
Da wurde mir klar, dass sie ein ganz normales Mädchen war, nur eben eines, das mir besonders gefiel.
Hast du heute Abend Zeit? Wollen wir zusammen was unternehmen? Es klang mutig.
Ja, klar, antwortete sie fröhlich.
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Mit einem Grinsen lief ich durch die Stadt. Ich war froh, Herrn Stein begegnet zu sein und das Familiengeheimnis gelüftet zu haben. In Wahrheit gab es gar keins aber der Schatten über mir war verschwunden. Jetzt wusste ich endlich, wer ich bin, und hatte das Gefühl, alles wagen zu können.





