Mein Kind warf sich in meinen Arm und schluchzte: Mama, ich will nie wieder zu Oma gehen. Nie mehr will ich zu Oma gehen. Mama, bitte.
Und dabei waren es nur drei Tage gewesen, in denen die Kinder bei dem Vater und seiner Mutter auf dem Land verbracht hatten. Sie leben in einem alten Bauernhaus in einem kleinen Dorf in Bayern. Mein Jüngster ist vier Jahre alt, die Ältere sechs. Der Großvater hatte so sehr darauf bestanden, die Kinder bei sich zu haben. Den eigentlichen Grund dafür sollte ich allerdings erst viel später erfahren.
Anna so heißt die Heldin dieser merkwürdigen Traumgeschichte verstand sich nie mit den Schwiegereltern. Die Schwiegermutter sprach immer wieder offen aus, dass Anna nicht auf Augenhöhe mit ihrem Sohn sei. Anna ertrug das, aber das Beklemmende, ständig lauernde Gefühl im Schwiegerelternhaus mochte sie nie. Es wurde gestritten, getuschelt, manchmal schien das ganze Haus von einem leisen Grollen erfüllt zu sein. Selbst Annas Mann war nie glücklich nach den Besuchen bei seinen Eltern.
Im Laufe der Jahre wurden die Besuche seltener, reduziert auf Weihnachten oder Geburtstage. Zum Ehrentag des Schwiegervaters konnten sie aber nicht absagen, zumal die Enkelkinder die Großeltern schon lange nicht mehr gesehen hatten.
Das Fest verlief erstaunlich ruhig, als hätte jemand das Haus im Traum in einen stillen Nebel gehüllt. Niemand auch nicht eine einzige Frau wurde durch ein unbedachtes Wort verletzt. Der Großvater überzeugte die Kinder mit einer wundersamen Verlockung: Er würde mit ihnen eine Schlittenfahrt ins tief verschneite Fichtelgebirge machen.
Natürlich ließen sich die Kinder von diesem Versprechen verzaubern. Sie bettelten Anna an, sie bei den Großeltern bleiben zu dürfen. Anna gab schließlich nach, obwohl die beiden, seit sie denken konnte, nie ein einziges Schokoladenei von den Großeltern bekommen hatten. Anna wollte ohnehin schon lange das Kinderzimmer frisch streichen, was immer unmöglich war, solange die Kinder im Haus waren. Hätte sie geahnt, wie seltsam alles enden würde…
Als die Kinder zurückkamen, waren ihre Tränen salzig und schwer wie Regentropfen. Der jüngere begann zu weinen, dann die große Schwester. Sie wollten nichts sagen, der Vater und ich brauchten eine Weile, um das Geheimnis zu lüften.
Der Großvater hatte sein Versprechen gehalten, fuhr mit den Kindern auf einem alten, knatternden Motorschlitten durch den tiefen Schnee des Waldes. Doch die Großmutter begann plötzlich, Anna in Anwesenheit der Kinder zu schmähen und zu beschimpfen. Als die Ältere versuchte, ihre Mutter zu verteidigen, griff die Großmutter sie wie einen Hund am Kragen und zog sie in den Hühnerstall. Sie trug nur ihre dünnen Strickjacke und es war bitterkalt. Den Kleinen warf sie auch hinaus ins kalte Freie und schlug wütend die Tür zu.
Der Großvater war zu diesem Zeitpunkt in der dunklen Werkstatt hinter dem Haus. Als er das Weinen hörte, stürmte er heraus, Schneeflocken auf den Schultern. Zum ersten Mal in seinem Leben erhob er die Stimme gegen seine Frau. Er flehte die Kinder an, den Eltern nichts davon zu berichten. Ich liebe euch, murmelte er, und ich habe Angst, euch nie wieder zu sehen Alles löste sich auf wie ein seltsamer Nebel und plötzlich war ich wieder allein im Traum, während die Stimmen der Kinder leise verhallten.





