Ich muss gehen; Oma hat ein Testament hinterlassen – mir gehört jetzt ein Haus am Meer. Es ist alt und groß, und genau dort habe ich als Kind jeden Sommer verbracht.

Ich muss gehen; Oma hat ein Testament hinterlassenmir wurde ein Haus am Meer vermacht. Das Haus ist alt und groß, und als Kind verbrachte ich dort stets meine Sommerferien.

Die stickige Stadtluft wirkte an diesem Tag besonders erdrückend auf Alina, als der Brief ankam. Der Umschlag war vergilbt und roch nach Meer, Salz und etwas schwer Greifbarem, Vertrautemdem Duft der Kindheit. Mit zitternden Fingern öffnete sie ihn und las die Zeilen in ordentlicher, altmodischer Schrift. Oma Hildegard hinterließ ihr das Hausjenes an der tiefblauen Ostsee, wo die schönsten Sommer ihres Lebens stattgefunden hatten.

Alinas Herz begann zu rasen, Freude vermischte sich mit Wehmut. Fast spürte sie den heißen Sand unter ihren nackten Füßen, hörte das Rauschen der Wellen und spürte die sanften Hände ihrer Oma, die sie stets an der Schwelle begrüßte.

Sie rief Stefan sofort an. Seine Stimme klang durch den Lautsprecher distanziert und leicht gereizt, als hätte sie ihn von etwas Wichtigem abgelenkt.

Stefan, ich muss los, begann sie und versuchte, bestimmt zu klingen. Oma sie hat ein Testament hinterlassen. Ich habe das Haus am Meer geerbt.

Eine Sekunde Stille.
Das Haus? Dieses windschiefe, halb verfallene? fragte er mit einem Hauch von Spott.

Es ist nicht windschief!, fuhr Alina auf. Es ist alt, groß, voller Geschichte. Du weißt doch, ich habe jeden Sommer dort verbracht. Meine Eltern schickten mich ohne Bedenken hin, weil Oma Hildegard mich liebte und ein wachsames Auge auf mich hatte. Sie nahm mich als Kind sogar an der Hand mit ans Meer. Später, als ich größer war, rannte ich mit den Nachbarskindern dorthin. Oh, wir hatten genug vom Meer! Wir packten Brote und Obst und blieben den ganzen Tag bis zum Abend. Sonne, Wellen, Gelächter

Und wie lange?, unterbrach sie seine trockene, geschäftsmäßige Stimme und riss sie zurück in die schwüle Stadt.

Ich bin mir nicht sicher, aber sicher nicht nur drei Tage, seufzte sie. Ich muss mich umsehen und alles in Ordnung bringen. Ich war schon ewig nicht mehr dort. Das letzte Mal war im zweiten Studienjahr. Und seit meinem Abschluss und Jobbeginn sind drei Jahre vergangen. Ich nehme Urlaub und fahre. Und du Sie hielt inne und legte all ihre Hoffnung in die Worte. Du könntest später nachkommen. Es ist nur eine Tagesfahrt. Früh losabends bist du hier. Nimm dir ein paar Tage frei, unbezahlt wenn nötig, und wir entspannen. Am Meer.

Ich kann nicht sagen, dass mir das Meer fehlt, antwortete er teilnahmslos. Gut, ich verspreche nichts, aber ich sehe mal, wie die Arbeit läuft

Diese Worte lasteten schwer in der Luft. Er würde sehen. Wie immer sieht er etwas, und am Ende bleibt er in der Stadt, versunken in seine Angelegenheiten, die stets wichtiger waren als sie.

Drei Tage vergingen. Alina packte ihre Koffer; ihr Herz flatterte vor Vorfreude und der leisen Hoffnung, Stefan würde es sich anders überlegen, käme, brächte sie zum Bahnhof, küsste sie zum Abschied und sagte, er würde sie vermissen. Stattdessen kam drei Stunden vor der Abfahrt sein Anruf.

Alina, tut mir leid, ich kann dich nicht fahren. Dringende Arbeit. Du schaffst es doch mit dem Taxi, oder?, sagte er, und sie hörte eine falsche Note in seiner Stimme.

Natürlich, antwortete sie, während sich ein Kloß von Verletzung in ihrer Kehle bildete. Mach dir keine Sorgen.

Sie bestellte ein Taxi und starrte, auf dem Rücksitz sitzend, aus dem Fenster, ohne die vorbeiziehenden Straßen wahrzunehmen. Die Stadt verabschiedete sie mit einem grauen, gleichgültigen Blick. Und dann stockte ihr Herz. An einer Ampel stand sein Auto. Und nicht nur das. Stefanihr Stefanhalf gerade einer jungen, schlanken Frau in einem hellen Sommerkleid galant aus dem Beifahrersitz. Sie lächelten einander an; er sagte etwas, und dann gingen sie in ein gemütliches Café an der Ecke.

Ohbitte halten Sie hier!, entfuhr es Alina; ihre Stimme zitterte. Ich zahle für die Wartezeitich muss aussteigen!

Sie sprang aus dem Auto, spürte den Boden nicht unter ihren Füßen. Eine heiße Welle aus Wut und Schmerz stieg in ihr auf. Sie riss die Tür des Cafés auf und erstarrte auf der Schwelle. Sie saßen am Fenstertisch, über eine einzige Speisekarte gebeugt, ihre Fingerspitzen fast berührend.

Hallo, klang ihre Stimme, kalt und kristallklar wie Eis. Ich sehe, du bist wirklich unglaublich beschäftigt. Ich habe nur eines zu sagenleb wohl. Und ruf mich nie wieder an. Niemals.

Sie drehte sich um und ging, ohne ihm eine Chance zur Antwort zu geben. Sie sah sein verdutztes Gesicht nicht, hörte nicht, wie ihr Name hinter ihr gerufen wurde. Sie war schon zurück im Taxi, die Fäuste so fest geballt, dass sich die Nägel in ihre Handflächen gruben.

Die ganze lange Fahrterst das Taxi zum Bahnhof, dann der stickige Schlafwagen dritter Klasse, dann wieder ein Taxi über Landstraßenversank sie in einem Strudel aus Wut und Verzweiflung. Ein Rauschen füllte ihre Ohren, während sie die Szene immer wieder durchlebte: sein Lächeln, das nicht für sie bestimmt war, seine zuvorkommenden Gesten. Verräter. Lügner. Nichts.

Der wortkarge, mürrische Fahrer hielt schließlich vor einem hohen schmiedeeisernen Tor, das von wildem Wein überwuchert war.

Wir sind da, murmelte er.

Alina bezahlte und zog ihre Koffer heraus. Der Fahrer rief ihr noch hinterher: Rufen Sie, wenn Sie etwas brauchen Dann gab er Gas und ließ sie allein vor dem Tor zurück, hinter dem ihr neues, altes Haus stand.

Die Stille war ohrenbetäubend. Die Luft, dick und süß, roch nach Wermut, Meer und dem Staub vergangener Tage. Sie holte den schweren Schlüsselbund mit den antiken Schlüsselndas Erbe ihrer Omaund fand nach kurzem Suchen den richtigen. Er passte in das rostige Vorhängeschloss, das mit einem dumpfen Klick nachgab, als würde ein Schuss den Start eines neuen Lebens signalisieren.

Die schweren Tore knarrten, als sie sich öffneten, und Alina blieb auf der Schwelle stehen. Der Garten war verwildert. Omas Blumenbeete waren von üppigen Stauden überwuchert, die trotz allem blühteneine Erinnerung an frühere Gemütlichkeit. Oma Hildegard hatte jeden Frühling Blumen gepflanzt, und den ganzen Sommer über duftete der Garten unwiderstehlich. Jetzt war es bereits Juli, die Hitze unerträglich, und die Luft flimmerte über dem Boden.

Sie ging zur massiven Eichentür. Das Schloss war schwergängig; Zeit und Vernachlässigung hatten es versteift. Schließlich gab die Tür mit einem müden Seufzer nach.

Stille. Eine grabesschwere, beunruhigende Stille empfing sie im Inneren. Kein Duft von Kuchen, keine Kräuter, die Oma stets auf dem Dachboden trocknete. Alina blieb in einer geräumigen Diele stehen, deren Decke sich in die Höhe reckte. Das Haus war alt, seine Wände erinnerten sich an ihre Urgroßeltern.

In der Mitte eines breiten Treppenaufgangs, dessen Geländer mit kunstvollen Schnitzereien verziert wargenau denen, die sie als Kind heimlich ableckte, um ihrer Mutter Ärger einzuhandeln. Über der Treppe hing ein hohes Bogenfenster mit bunten Scheibenblau, rot, smaragdgrün. Die Strahlen der untergehenden Sonne fielen hindurch und schufen auf dem abgenutzten Parkett lebendig wirkende Lichtflecken.

Ja, jetzt gehört alles mir, flüsterte sie, und ihre Stimme hallte in der Leere. Danke, Oma. Jetzt habe ich mein eigenes Haus. Und mein eigenes Meer.

Sie ging von Zimmer zu Zimmer, ihre Finger strich

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Homy
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