Die Putzfrau (Kurzgeschichte)

Die Reinigungskraft (Erzählung)

Anna stieg aus der U-Bahn und spürte sofort, dass sie sich zu dünn angezogen hatte. Ein scharfer Windstoß ließ sie frösteln, sie verschränkte die Arme und lief schnell in das warme Einkaufszentrum.

Ja, jetzt ist wohl doch Zeit für den Wintermantel, dachte sie.

Im Shoppingcenter ging Anna direkt zur Café-Ecke, kaufte sich einen Kaffee und ein Stück Flammkuchen. Sie setzte sich an einen Tisch, betrachtete die vorbeieilenden Menschen und fand, sie wirkten alle glücklich ganz im Gegensatz zu ihr selbst. Ihr war schwer ums Herz.

Wozu habe ich fünf Jahre BWL an der Uni studiert, wenn ich jetzt einfach keinen Job finde?

Anna suchte schon lange eine Stelle, die zu ihrer Qualifikation passt, aber es war aussichtslos. Es gab zwar Stellen nur das Gehalt reichte kaum für eine kleine Mietwohnung oder auch nur für die wichtigsten Dinge.

Warum nur bin ich nach Berlin gezogen, um hier mein Glück zu versuchen? Habe ich noch über die Freundinnen gelacht, die daheimbleiben und jetzt? Zurück kann ich nicht mehr, das wäre zu peinlich.

Tatsächlich war Anna nicht arbeitslos: Sie wischte morgens die Treppen in mehreren Wohnhäusern. Die Bezahlung war ordentlich, und für ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft musste sie nichts zahlen.

Aber war das wirklich ein Job? Das war doch nur eine Übergangslösung Aber diese Übergangszeit dauerte schon viel zu lang.

Der Vorteil war immerhin, dass sie nur ein paar Stunden pro Tag arbeiten musste und so Zeit hatte, zu Vorstellungsgesprächen zu gehen.

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Fräulein, guten Tag!

Anna hielt beim Wischen inne, sah auf und erkannte einen der Bewohner, der sie stets freundlich grüßte.

Guten Tag.

Ich bin Herr Friedrich Baumann. Und wie heißen Sie?

Anna.

Frau Anna, ich möchte Ihnen mal Danke sagen. So gründlich wie Sie hat hier noch niemand geputzt.

Anna freute sich über das Kompliment. Tatsächlich hatte noch niemand sich bisher über ihre Arbeit beschwert. Im Gegenteil, sie wurde ab und zu sogar gelobt.

Sie lächelte und entgegnete: Wenn ich etwas mache, will ich es auch richtig machen, egal um was es geht.

So entstand die Bekanntschaft mit Herrn Baumann. Sie plauderten oft: Er erzählte aus seinem langen Leben, sie aus ihrem.

Anna, möchten Sie nicht etwas dazuverdienen?

Was müsste ich denn tun?

Eigentlich das Gleiche wie bisher putzen. Nur halt bei mir privat. Ich kann das nicht mehr so gut selbst, mein Sohn lebt in der Schweiz und mein Enkel naja, der hat andere Sorgen. Wenn Sie einmal pro Woche vorbeikommen würden, wäre ich sehr dankbar. Ich hab Sie schon länger beobachtet, Sie scheinen mir sehr zuverlässig zu sein.

Ich kann es gern mal ausprobieren, willigte Anna ein.

So hatte Anna bald einen Nebenjob. Dann erzählte ein Freund von Herrn Baumann davon, dass Anna auch bei ihm putzen könnte dann folgte noch jemand, und noch jemand Manche baten sie, auch den Einkauf zu erledigen, manche sogar um Hilfe beim Kochen.

Und niemand von ihnen geizte mit dem Lohn.

Herr Baumann, eigentlich schaffe ich das alles gar nicht mehr allein, gestand Anna bald.

Hast Du keine Kollegen? Hol sie ins Boot aber mach ihnen klar, dass die Arbeit ordentlich und zuverlässig gemacht werden muss!

So entstand mit der Zeit ein kleines Reinigungsunternehmen. Anna putzte bald nicht mehr selbst, sondern kümmerte sich darum, dass alles nach ihren Vorstellungen lief. Doch nebenbei bewarb sie sich weiterhin um einen Job in ihrem Bereich.

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Eines Tages saß Anna wieder im Einkaufszentrum, tippte ihre Planung für den nächsten Tag ins Handy und nippte entspannt an ihrem Kaffee.

Ist hier noch frei?, fragte eine freundliche Männerstimme. Es scheint alles voll zu sein

Anna sah sich um der Saal war fast leer. Sie lachte: Klar, alles besetzt. Setzen Sie sich ruhig.

Ich bin Lukas. Und Sie?

Marlene, sagte Anna spontan. Warum sie nicht ihren echten Namen nannte, wusste sie selbst nicht so recht.

Ein schöner Name. Hat bestimmt etwas mit Licht zu tun, stimmts?

Sie kamen schnell ins Gespräch. Anna fühlte sich leicht und frei mit Lukas; sie hatten viele gemeinsame Interessen und der Nachmittag verging wie im Flug.

War schön, Marlene. Ich muss los.

Lebst Du nicht in der Nähe?

Nein, mein Großvater wohnt hier. Stell dir vor, der hat irgendeine Frau engagiert, die bei ihm putzt. Ist mir nicht ganz geheuer Vielleicht will die sich sein Geld unter den Nagel reißen.

Ach, so was gibts doch heute nicht mehr!

Na, warum nicht? Lass ihn ihr alles überschreiben schon ist es weg. Ich will die Frau mal kennenlernen

Naja, dann ruf doch mal durch, lächelte Anna. Und sie lächelte noch, als Lukas sich entfernte.

Bald darauf meldete er sich, und sie trafen sich häufiger.

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Anna, weißt du, man kann übers Internet inzwischen auch Nachhilfe anbieten Du hast doch studiert, oder?, meinte Herr Baumann eines Tages.

Stimmt wohl Ich habe darüber noch nie nachgedacht.

Oder steuerst Firmen als Buchhalterin, das geht auch von Zuhause aus. Vielleicht wär das was für dich?

Ich wollte eigentlich Wirtschaftlerin werden

Aber dann musst Du nicht mehr von neun bis achtzehn Uhr ins Büro. Und vielleicht studierst du weiter und wirst Wirtschaftsprüferin die verdienen richtig gutes Geld!

Anna musste lachen: Herr Baumann, Sie sind ein echter Stratege! Aber irgendwie gefallen mir Ihre Ideen immer.

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Anna fuhr zum nächsten Treffen mit Lukas und haderte mit sich. Sie waren seit Monaten zusammen, aber sie hatte ihm nie erzählt, dass sie weder Marlene noch Wirtschaftlerin war, sondern eine Einwanderin aus der Provinz und als Reinigungskraft arbeitete. Zugegeben, sie leitete inzwischen ihr eigenes Team, machte Buchhaltung für zwei kleine Firmen im Home-Office und hatte sich sogar eine Wohnung am Rand von Berlin gekauft, in die sie bald einziehen wollte.

Sie nahm sich immer wieder vor, Lukas alles zu erklären. Doch es ergab sich nie der passende Moment.

So blieb sie für ihn Marlene.

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Herr Baumann Glauben Sie, wenn man jemandem etwas vorspielt und es dann beichtet, wird er einen trotzdem noch mögen?

Du hast Fragen, Anna! Herr Baumann und sie saßen bei Tee in seiner Küche. Das kommt immer ganz auf den Menschen an

Da klingelte es an der Tür. Herr Baumann ging öffnen.

Anna, mein Enkel ist da. Komm, ich stelle euch meine fleißige Helferin vor.

Anna fuhr zusammen, als sie Lukas erblickte.

Sie wurde blass. Lukas grinste spöttisch: Na, hallo, Anna oder Marlene? So, du bist also die, die es auf Opa und seine Wohnung abgesehen hat!

Lukas, das stimmt nicht. Ich wollte euch beide die ganze Zeit einweihen

Man siehts dir doch an!, unterbrach er sie.

Anna wurde noch blasser.

Ich wollte euch bekannt machen ich dachte, ihr würdet euch verstehen, murmelte Herr Baumann enttäuscht.

Herr Baumann, sagte Anna entschlossen. Vielen Dank für den Tee. Ich gehe dann mal.

Sie ging an Lukas vorbei, hielt kurz inne:

Übrigens dein Opa hat tolle Ideen. Und ich putze schon seit Wochen bei ihm und gehe für ihn einkaufen ohne einen Cent dafür zu nehmen.

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Anna stand am Fenster ihres kleinen Zimmers. Sie hatte den ganzen Tag und die ganze Nacht geweint. Lukas schrieb ihr ständig gemeine Nachrichten, sodass sie gezwungen war, ihn auf allen Kanälen zu blockieren.

Vielleicht ist es besser so, sagte sie zu sich selbst. Natürlich ist es besser! Sicher, ein netter Kerl, aber ziemlich berechnend. Wie hätte das weitergehen sollen, wenn er merkte, dass ich Zugezogene bin und meine Wohnung erst im Bau ist Wahrscheinlich hätte er mich sowieso verlassen. Also: Gut, dass es so gekommen ist.

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Die Zeit verging. Anna arbeitete längst nicht mehr selbst als Reinigungskraft, aber sie führte immer noch ihr wachsendes Reinigungsunternehmen, das inzwischen zu einem mittelständischen Betrieb geworden war. Außerdem hatte sie nebenberuflich den Abschluss als Wirtschaftsprüferin gemacht, geheiratet und eine Tochter bekommen.

Eines Tages, als sie ein neues Abo für das Fitnessstudio kaufte, lief sie plötzlich Lukas direkt in die Arme.

Wow, du siehst fantastisch aus!, meinte er. Erzähl mal, wie läufts bei dir?

Mir gehts super: Ehemann, Tochter, und eine Firma

Eine Firma?, fragte Lukas misstrauisch.

Ja, ein Reinigungsunternehmen.

Gibts da wirklich genug Kunden?, spottete Lukas.

Mehr, als du denkst. Nicht nur Wohnungen, sondern auch Villen, Büros und Einkaufszentren Aber das ist eigentlich nicht das Thema. Und bei dir so?, Anna war sein Ton unangenehm, er musterte sie wie eine Außenseiterin.

Ach zwei gescheiterte Beziehungen, noch keine Kinder. Die Frauen wollten nur mein Geld, hatten alle nur das eine Ziel: absahnen und heiraten. Aber ich bin klüger!

Sie unterhielten sich noch kurz und gingen dann ihrer Wege.

Auf dem Heimweg war Anna froh, dass sie damals nicht mit Lukas zusammengeblieben war. Manchmal zeigt das Leben erst später, was man aus Niederlagen lernen konnte: Stolz auf den eigenen Weg und innere Unabhängigkeit sind oft wichtiger als der Applaus anderer.

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Homy
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Die Putzfrau (Kurzgeschichte)
Ich habe das Gespräch meines Mannes mit seiner Mutter belauscht