Gabi war die Geliebte. Mit der Ehe hatte sie kein Glück. Sie blieb bis zu ihrem dreißigsten Lebensjahr unverheiratet und beschloss dann, sich doch endlich einen Mann zu suchen.

Liebes Tagebuch,

heute möchte ich ehrlich zu mir selbst sein und meine Geschichte festhalten. Franzi war ich immer nur die Andere. Mein Glück mit Männern lief nie rund. Bis zu meinem Dreißigsten stand ich allein da immer darauf wartend, endlich den Richtigen zu finden. Dann tauchte Johannes auf. Anfangs wusste ich nicht, dass er verheiratet ist, aber irgendwann erzählte er es mir doch. Als die Gefühle schon zu tief waren, um einfach auszusteigen.

Nie habe ich ihm einen Vorwurf gemacht. Im Gegenteil ich war wütend auf mich selbst, dass ich mich auf so eine Beziehung eingelassen hatte und meine Schwäche für ihn nicht abstellen konnte. Ich schämte mich, weil ich niemanden gefunden hatte, der richtig zu mir passt, während die Jahre davonliefen. Dabei war ich objektiv gesehen gar nicht unattraktiv: keine Schönheit, aber sympathisch mit runden Wangen vielleicht wirkte ich dadurch älter, als ich war. Die Beziehung mit Johannes lief ins Nichts. Ich wollte nicht auf ewig die Geliebte sein, aber ihn einfach loszulassen, dazu fehlte mir der Mut. Zu groß meine Angst vor dem Alleinsein.

Eines Tages steht plötzlich mein Cousin Tom vor der Tür. Er war dienstlich in München und schaute spontan für ein paar Stunden vorbei wir hatten uns ewig nicht gesehen. Wir plauderten am Küchentisch wie früher in Kindertagen, redeten über dies und das, auch übers heutige Leben. Schließlich erzählte ich Tom die Wahrheit von Johannes, von der Affäre, von den Tränen. Ich konnte nicht anders, ich musste weinen.

Da klingelte es. Frau Schulte, meine Nachbarin, bat mich kurz zu ihr rüber, weil sie ihre neuen Einkäufe zeigen wollte. Ich ließ Tom kurz allein, war höchstens zwanzig Minuten weg. In dieser Zeit klingelte es erneut. Tom öffnete dachte wohl, ich sei zurück. Die Haustür war ja wie immer nicht verschlossen. Vor der Tür stand Johannes. Tom erkannte sofort, wer da stand: mein Liebhaber.

Ist Franzi da? fragte Johannes, etwas verdattert.

Franzi ist im Bad, log Tom ohne mit der Wimper zu zucken.

Entschuldigung, und Sie sind?

Ich bin ihr Mann. Lebensgefährte zumindest vorerst, sagte Tom und bohrte seinen Blick in Johannes, packte ihn sogar am Kragen. Sind Sie nicht dieser verheiratete Schnösel, von dem Franzi erzählt hat? Hören Sie zu: Wenn ich Sie hier noch mal erwische, dann können Sie was erleben!

Johannes befreite sich aus Toms Griff und verschwand so schnell, wie er gekommen war.

Als ich zurückkam, erzählte Tom mir von dem Zwischenfall.

Was hast du getan? schluchzte ich sofort. Jetzt kommt er nie wieder.

Ich ließ mich auf das Sofa fallen und verbarg das Gesicht in den Händen.

Genau richtig so!, sagte Tom ruhig. Du brauchst so einen Kerl doch nicht. Ich hätte da jemanden für dich ein richtig guter Mann! Witwer, in unserem Dorf. Seit seine Frau gestorben ist, laufen ihm die Frauen die Türen ein, aber bisher hat er keine beachtet. Er möchte erstmal seine Ruhe. Aber es wird Zeit, dass er wieder jemanden kennenlernt. Nach meiner Dienstreise kommst du mit ins Dorf. Ich stell euch vor.

Tom, nein, das geht nicht… Ihr kennt euch kaum. Was soll ich denn da? Das ist doch total peinlich, wehrte ich ab.

Peinlich ist es, mit einem verheirateten Mann zu schlafen. Jemanden Anständigen kennenlernen, das ist doch nichts Schlimmes! Außerdem hat meine Frau Marlene bald Geburtstag da kommst du eh mit.

Eine Woche später fuhren Tom und ich ins Dorf. Marlene deckte den Tisch im Garten hinterm Haus. Nachbarn kamen, Freunde, auch Toms Kumpel der Witwer Sebastian. Den kannte ich bisher gar nicht. Die anderen kannten mich schon.

Der Abend war richtig schön und entspannt. Sebastian fiel mir gleich auf: still, höflich, zurückhaltend sicher litt er noch unter dem Verlust seiner Frau. So ein lieber Kerl, dachte ich. Solche Männer gibts selten.

Zurück in meiner Wohnung in Augsburg spürte ich immer noch diese Wärme. Eine Woche später, an einem Samstag, klingelte es überraschend. Ich rechnete mit niemandem. Sebastian stand vor der Tür, mit einer Einkaufstüte in der Hand.

Hallo Franzi, ich war gerade in der Stadt zum Markt. Da dachte ich, ich komm vorbei und… na ja, inzwischen kennen wir uns ja, sagte er etwas nervös und reichte mir einen kleinen Strauß Tulpen.

Ich musste lachen vor Überraschung und holte Tee. Wir saßen in meiner Küche, sprachen übers wechselhafte Wetter und die Preise auf dem Viktualienmarkt. Irgendwie fühlte sich sein Besuch überhaupt nicht zufällig an.

Als er sich verabschiedete, zog er langsam seine Jacke an, schnürte verlegen die Schuhe und blickte mich dann am Ausgang noch einmal an. Franzi, ich muss es loswerden, sonst bereue ich es ewig. Ich habe die ganze Woche an dich gedacht. Ehrlich. Den ganzen Tag. Deshalb bin ich sofort am Wochenende hergekommen. Die Adresse hab ich von Tom…

Ich wurde rot und konnte nur kurz aufblicken. Wir kennen uns doch kaum…

Das ist nicht so wichtig. Hauptsache bin ich dir nicht unsympathisch? Dürfte ich du sagen?… Ich weiß, ich habe kein einfaches Leben. Meine kleine Tochter sie ist acht lebt bei meiner Mutter zurzeit.

Sebastians Stimme zitterte.

Eine Tochter ist was Schönes, antwortete ich leise. Ich habe mir immer eine Tochter gewünscht.

Er fasste Mut, nahm meine Hände und zog mich vorsichtig an sich, gab mir einen Kuss.

In meinen Augen standen Tränen.

Bin ich dir etwa unangenehm?, fragte er unsicher.

Nein im Gegenteil. Ich hätte das nie von mir gedacht… Es fühlt sich so echt und beruhigend an. Ich raube diesmal niemandem das Glück.

Von da an sahen wir uns jedes Wochenende. Zwei Monate später heirateten wir im kleinen Rahmen und ich zog zu Sebastian aufs Land. Ich fand eine Stelle im Kindergarten im Nachbardorf und ein Jahr darauf kam unsere Tochter zur Welt. So wuchsen zwei Mädchen in unserer Familie heran beide geliebt, beide geborgen. Es reichte für alle an Wärme und Zuwendung. Sebastian und ich genossen unser Glück, fühlten uns jünger mit jedem Tag. Unsere Liebe wurde nur stärker, reifer, wie ein alter Spätburgunder.

Bei Familienfesten prostete Tom mir oft zu: Na sieh mal, Franzi, was für einen Mann ich dir verschafft habe! Du wirst ja immer schöner! Auf deinen Bruder hörst du am besten immer!Ich hob mein Glas und lachte, Tränen in den Augen diesmal vor Glück und Dankbarkeit. Mein Herz war ganz leicht, als hätte es endlich seinen Platz gefunden. Vielleicht war ich nie die Andere. Vielleicht musste ich nur lernen, mich selbst zu lieben und nicht aufzugeben, wenn der Frühling auf sich warten ließ. Während die Mädchen fröhlich um uns herumliefen, fasste Sebastian meine Hand fester und sagte leise: Weißt du, ich hatte nie geglaubt, dass ich nochmal so lieben kann. Aber jetzt weiß ich, dass es Wunder gibt manchmal kommen sie einfach an einem ganz gewöhnlichen Tag, mit einem Strauß Tulpen und warmem Tee.

Ich lächelte und wusste: Diesmal war nichts heimlich, nichts fremd. Es war unser Leben, ganz und gar. Und ich war endlich angekommen.

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Homy
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Gabi war die Geliebte. Mit der Ehe hatte sie kein Glück. Sie blieb bis zu ihrem dreißigsten Lebensjahr unverheiratet und beschloss dann, sich doch endlich einen Mann zu suchen.
Mein Ex tauchte an einem Samstagnachmittag plötzlich mit einem riesigen Blumenstrauß, Pralinen, einer Tüte voller Geschenke und diesem Lächeln auf, das ich monatelang nicht mehr gesehen hatte – ich dachte, er wolle sich entschuldigen oder mit mir endlich über das sprechen, was zwischen uns offen geblieben war. Es war seltsam, denn nach der Trennung war er eiskalt und distanziert gewesen, als wäre ich für ihn eine Fremde. Sobald er hereinkam, begann er zu erzählen, wie sehr er nachgedacht habe, wie sehr ich ihm fehle, dass ich „die Frau seines Lebens“ sei und er seine Fehler eingesehen habe. Er redete so schnell, dass es wirkte wie ein auswendig gelerntes Skript. Ich saß ruhig da und hörte zu – ich verstand nicht, woher plötzlich all diese Zärtlichkeit nach Monaten des Schweigens kam. Doch er trat näher, umarmte mich und sagte, er wolle „zurück, was uns gehört“. Während er sprach, packte er ein Parfüm, ein Armband und eine Schachtel mit einem Brief aus – alles sehr romantisch inszeniert. Er erklärte mir, wir müssten uns noch eine Chance geben, er habe sich geändert und wolle mit mir alles richtig machen. Ich fühlte mich seltsam – das alles war zu schön, um wahr zu sein, zumal er nie so aufmerksam war, als wir noch zusammen waren. Die Wahrheit kam ans Licht, als ich ihn bat, sich zu setzen, und ihn direkt fragte, was er wirklich wolle. Da verhedderte er sich. Er meinte, er habe ein „kleines Bankproblem“, bräuchte einen Kredit für „ein Geschäftsprojekt, das uns beiden zugutekäme“ – und ihm fehle „nur eine Unterschrift: meine.“ Da wurde mir klar, warum er so liebevoll war und mit diesen Geschenken aufgetaucht ist. Ich sagte ihm, dass ich nichts unterschreiben würde. In diesem Moment veränderte sich sein Gesicht schlagartig. Das Lächeln verschwand, er warf die Blumen auf den Tisch und schrie mich an, warum ich ihm nicht vertraue und dies „die Chance seines Lebens“ sei. Er redete, als ob ich ihm etwas schulde. Sogar die Frechheit besaß er zu sagen, wenn ich „ihn noch wollen würde“, müsse ich ihm helfen. Alles brach so schnell zusammen, wie es gekommen war. Als er merkte, dass ich mich nicht überzeugen ließ, wechselte er die Taktik. Er sagte, ohne diesen Kredit sei er „am Ende“ und falls ich ihm helfen würde, „komme er offiziell zu mir zurück“ und wir könnten „neu anfangen“. Er sagte das ganz schamlos, indem er Versöhnung mit finanziellen Interessen vermischte. Da wurde mir endgültig klar, dass die ganze Show – die Geschenke, Blumen, liebevollen Worte – nur eine Fassade war, damit ich unterschreibe. Am Ende, als ich ihm nochmals sagte, dass ich garantiert nichts unterschreiben werde, sammelte er fast alle Geschenke wieder ein: nahm die Pralinen, das Parfüm, sogar das Armband. Nur die Blumen ließ er achtlos auf dem Boden liegen. Er ging, beschimpfte mich als undankbar und sagte, ich soll später bloß nicht behaupten, „er habe nicht versucht, die Beziehung zu retten.“ Er knallte die Tür zu, als hätte ich ihm etwas zu schulden. Damit war das große „Versöhnungstheater“ nach genau fünfzehn Minuten vorbei.