Schwiegersohn fuhr jeden Samstag „zum Angeln“. Ich bin ihm gefolgt und habe etwas entdeckt, womit ich nie gerechnet hätte

Matthias, schon wieder Angeln? ruft meine Tochter aus dem Schlafzimmer, während ihr Mann auf dem Balkon mit den Angelruten klappert.

Ja, murmelt mein Schwiegersohn knapp und wühlt weiter in seinem Angelzeug.

Ich sitze in der Küche bei einer Tasse Kräutertee und horche unwillkürlich hin. Schon seit sechs Samstagen das gleiche Spiel: Matthias packt morgens Rucksack und Angeln ins Auto und ist den ganzen Tag unterwegs. Er kommt abends erschöpft, aber immer zufrieden zurück nur ohne Fisch. Niemals bringt er auch nur eine Forelle mit.

Als er eine halbe Stunde später aus der Wohnung tritt und uns zum Abschied zuwinkt, gehe ich gedankenverloren zum Balkon. Die Gummistiefel stehen blitzsauber da, offensichtlich kaum benutzt. So, als wären sie gerade erst gekauft worden.

Merkwürdig, flüstere ich vor mich hin.

Wenige Minuten später kommt meine Tochter Johanna im Bademantel in die Küche, das Gesicht noch schlaftrunken.

Was murmelst du da, Mama?

Ach nichts, Matthias ist wieder los.

Johanna zuckt die Schultern, gießt Tee ein und sagt: Soll er doch. Wenigstens hat er einen Tag in der Woche zum Abschalten. Seine Arbeit in der Werkstatt ist echt stressig den ganzen Tag auf den Beinen, immer Öl und Schmutz. Wenn Angeln ihn entspannt, soll er eben fahren.

Ich sage nichts mehr, doch die Gedanken lassen mich nicht los. Irgendetwas stimmt nicht. Matthias ist seit einem halben Jahr verändert oft abwesend, in Gedanken, und diese Samstagstrips werden immer rätselhafter. Nie ein Fisch, aber immer dieses geheime Lächeln.

Vor drei Jahren bin ich zu ihnen nach Köln gezogen, als sie die Eigentumswohnung gekauft haben. Johanna war damals im siebten Monat, Matthias arbeitete rund um die Uhr, um die Abzahlung zu stemmen. Ich koche, putze, passe auf unsere kleine Paulina auf. Und ich habe Matthias als verantwortungsvollen, zuverlässigen Mann kennengelernt, der keinen Alkohol anrührt und seine Familie liebt. Aber diese Samstage…

Sagt mal, Johanna, hat Matthias eigentlich je mal Fisch nach Hause gebracht? frage ich ganz beiläufig.

Johanna überlegt, nippt am Tee.

Ehrlich, nein. Er meint immer, heute hat nichts gebissen oder er hat alles zurückgesetzt. Warum fragst du?

Nur so, hab mich gewundert.

Sie zuckt wieder die Schultern, verschwindet ins Bad. Ich bleibe mit kaltem Tee und einem unguten Gefühl allein zurück. Gibt es eine andere Frau? Vielleicht irgendwo, ohne Kind und Schwiegermutter? Der Gedanke schnürt mir die Kehle zu Johanna liebt ihn wirklich.

Am Abend kehrt Matthias zurück, so wie immer: erschöpft, aber gelöst. Er isst mit gutem Appetit, spielt noch mit Paulina vor dem Zubettgehen, ganz der fürsorgliche Familienvater. Aber ich spüre: Er ist nur mit einem Teil zuhause der andere Teil ist irgendwo dort draußen am Samstag.

Die ganze Woche beobachte ich ihn heimlich, suche nach Hinweisen auf eine Affäre aber Matthias verhält sich tadellos. Hilft Johanna mit Paulina, zahlt die Rate für die Wohnung pünktlich, kommt nie zu spät. Und doch, das Gefühl bleibt.

Freitagnacht, ich habe einen Entschluss gefasst: Morgen gehe ich ihm nach. Ich will endlich wissen, was wirklich los ist.

Am Samstag stehe ich früher auf als alle anderen. Matthias klappert kurz nach sieben auf dem Balkon, dann verlässt er das Haus und steigt in seinen alten Golf. Ich ziehe sofort los und nehme ein Taxi, das an der Ecke wartet.

Sehen Sie das graue Auto? Dem müssen wir unauffällig folgen, sage ich zum Fahrer, einem Mann mit müdem Gesicht.

Er grinst: Ehemann auf Abwegen?

Schwiegersohn, erwidere ich, aber ich weiß noch nicht, ob er mir einen Grund gibt, misstrauisch zu sein.

Verstanden, sagt der Taxifahrer und setzt sich in Bewegung.

Etwa vierzig Minuten lang folgen wir dem Golf durch halb Köln, vorbei an Altbauten und Industriegebieten. Kein See, kein Fluss weit und breit wo will er hin?

Der Wagen hält vor einem grauen, unscheinbaren Gebäude, dessen Fassade marode ist. Am Tor hängt ein Schild: Kinderheim Nummer 17. Ich blicke verwundert zum Fahrer.

Was…? bringe ich hervor.

Vielleicht arbeitet dort jemand von seiner Familie, meint er achselzuckend.

Matthias steigt aus, nimmt anstelle der Angeln einen großen Rucksack und eine Sporttasche heraus und geht hinein. Ich zahle schnell den Taxifahrer und schleiche hinterher.

Das Foyer riecht nach Desinfektionsmittel. An einem altmodischen Empfang sitzt eine Dame Mitte fünfzig im blauen Kostüm, die freundlich lächelt.

Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?

Entschuldigen Sie, gerade ist ein Mann hier reingegangen. Groß, Jeansjacke…

Ach, Herr Meier! Unser Lieblingshelfer! Sind Sie verwandt?

Schwiegermutter, bringe ich mühsam hervor.

Wie schön! Ich bin Frau Krüger, die Leiterin. Ihr Schwiegersohn ist ein Segen für uns. Seit einem halben Jahr kommt er jeden Samstag vorbei.

Mir ist ganz schwindelig. Ein halbes Jahr. Ehrenamt. Kinderheim.

Aber er sagt uns, er geht angeln…

Frau Krüger nickt verständnisvoll.

Viele Helfer bleiben lieber im Hintergrund. Ihr Matthias kam damals zufällig zu uns hat dem Hausmeister auf dem Hof das Auto repariert.

Er hat dann einfach gefragt, ob wir Hilfe brauchen. Erst kümmerte er sich um Reparaturen: Wasserhähne, Türen, was eben anfiel. Dann begann er, mit einigen Jungs zu basteln.

Sie führt mich einen Flur entlang. Im zweiten Stock durch eine Glaswand sehe ich Matthias, umringt von Jungen aller Altersklassen. An einer Werkbank erklärt er geduldig, wie man ein Ersatzteil auseinanderbaut. Die Jungs hängen an seinen Lippen.

Er bringt ihnen bei, mit Werkzeug umzugehen, flüstert Frau Krüger. Unsere Jungs kommen meist aus schwierigen Verhältnissen. Manche haben keinen Plan von ihrer Zukunft.

Drei von ihnen machen jetzt sogar eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker! Dank Matthias.

Mir bleibt der Mund offen stehen. Eben noch verdächtige ich meinen Schwiegersohn, nun erlebe ich, wie er einem Vierzehnjährigen zeigt, wie ein Vergaser funktioniert.

Er bringt auch Material mit, zahlt das Werkzeug oft aus eigener Tasche, fährt Frau Krüger fort. Ich weiß, dass er Familie und Wohnung abbezahlt. Trotzdem hilft er immer weiter.

Er sagt, er weiß, wie es ist, ohne Vater groß zu werden.

Davon hat er nie gesprochen, murmele ich.

Männer reden selten über so etwas, meint Frau Krüger sanft. Sie wollen nicht als Held auftreten.

Einer der Jungs entdeckt uns, zupft Matthias am Ärmel und zeigt auf die Tür.

Matthias schaut auf, unsere Blicke treffen sich. Er sieht ertappt aus, wie ein Teenager, der beim Naschen erwischt wurde.

Er kommt auf mich zu.

Brigitte… ich kann das erklären…

Ein halbes Jahr hilfst du den Kindern, ohne etwas zu sagen, unterbreche ich ihn. Warum?

Er kratzt sich verlegen am Kopf.

Ach… Johanna hätte vielleicht gedacht, ich lasse die Familie im Stich. Das mit dem Geld für Werkzeug, da hätte sie sich Sorgen gemacht. Ich wollte keinen Stress.

Du Dussel, Matthias, seufze ich. Ein echter Dussel.

Er schaut erschrocken, ich trete zu ihm und nehme ihn einfach in den Arm. Genauso, wie ich früher meine Tochter umarmte, wenn sie mit einer Eins heimkam, aber sich nicht traute, stolz zu sein.

Danke, flüstere ich ihm ins Ohr. Danke, dass du so bist.

Am Abend erzähle ich Johanna alles. Wir sitzen in der Küche, diesmal zu dritt, und Matthias berichtet uns die ganze Geschichte: Wie er auf den Hausmeister traf, die Jungs durchs Fenster beobachtete, wie er sich an seine eigene Kindheit erinnerte.

Ich hatte Angst, du würdest mir vorwerfen, die Familie zu vernachlässigen, gesteht er Johanna.

Sie steht auf, legt den Kopf an seine Schulter: Ich liebe dich jetzt noch mehr, sagt sie nur.

Seitdem ist alles anders. Matthias verschweigt seine Besuche im Kinderheim nicht mehr. Johanna fährt manchmal mit und hilft bei den Hausaufgaben der Mädchen mit. Ich selbst habe schon Kuchen für die Kinder gebacken und dort verteilt. Frau Krüger ist jedes Mal so dankbar, dass ich jetzt regelmäßig vorbeikomme.

Im Sommer hat Matthias den Jugendlichen ein Praktikum in seiner Werkstatt organisiert; der Chef war begeistert und hat zwei von ihnen übernommen.

Am wichtigsten war für mich: Ich habe gelernt, Menschen an ihren Taten zu erkennen. Matthias prahlt nicht lauthals mit seinem Engagement er handelt still, weil es für ihn selbstverständlich ist.

Ich fragte ihn einmal:

Matthias, warum hast du immer vom Angeln erzählt und nie die Wahrheit gesagt?

Er überlegt einen Moment: Wissen Sie, Brigitte, wenn man Gutes tut, soll es nicht wie eine große Heldentat wirken. Angeln ist so normal, das versteht jeder. Aber das andere… Ich wollte einfach helfen, ohne Lob zu erwarten.

So ist er, mein Schwiegersohn: Einer, der leise hilft, ohne Erwartungen. Und ich bin dankbar, dass meine Tochter genau so einen Mann an ihrer Seite hat.

Denn echte Güte macht keine großen Worte sie zeigt sich in den kleinen Dingen des Alltags. Finden Sie nicht auch?

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Homy
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Schwiegersohn fuhr jeden Samstag „zum Angeln“. Ich bin ihm gefolgt und habe etwas entdeckt, womit ich nie gerechnet hätte
Das Kind abgeschoben, weil es mir zu viel wurde.