MUTTER
Alma Wagners Schwangerschaft wurde im Dorf schnell zum Mittelpunkt aller Kaffeedamen-Tratschereien:
Kein Funken Schamgefühl! Der Bauch wie ein Fass, und sie läuft rum mit einem Grinsen im Gesicht! Also ich würde mich nicht mehr auf die Straße trauen!, schimpfte Grete Bischof und zog ihre Strickjacke enger.
So schlimm sind die Zeiten geworden, lauter Sittenlosigkeit!, räsonierte Hertha Köhler, die stets alles besser wusste.
Weiß man denn, von wem das Kind stammt?, warf Frieda Neumann ein, während sie an ihrer Mohnschnecke naschte.
Wie nicht! Ihr erinnert euch doch an die Bauarbeiter, die damals die Kirche renovierten? Da war so ein Architekt aus Stuttgart, dunkle Haare, ein hübscher Mann. Mit DEM hat sie sich eingelassen! Und der war schon verheiratet! Fort war er, so schnell wie gekommen!, wedelte Grete dramatisch mit der Hand.
Da müsste man schon vorab den Ausweis prüfen!, warf Frieda kritisch ein.
Ach, ihr Klatschbasen, immer dasselbe Gegacker!, unterbrach sie plötzlich Opa Gustav Seiler und schüttelte missbilligend den Kopf.
Hühner gackern! Wir führen gesittete Konversation!, erwiderte Hertha empört.
Während du über anderer Leute Leben lästerst, rennt deine Henne durch meinen Gemüsegarten!, zeigte Gustav mit dem Finger direkt rüber zu Hertha.
Diese verdammte Göre! Ich zeigs ihr gleich!, knurrte Hertha und stapfte zornig davon.
Doch nicht alle verurteilten Alma. Manche bedauerten sie, andere hofften, dass sich alles zum Guten wenden würde.
Kind, du bist dreißig und unverheiratet das wird sich auch kaum ändern. Bekomm wenigstens ein Kind, dann bist du nicht allein, segnete ihr Vater, Otto Wagner, sie.
Wir packen das. Es ist ja kein Krieg zurzeit, unterstützte Mutter Marianne.
Bei der Geburt von Felix, der das Stigma des Bastards trug vaterlos, unehelich , ging Alma immer mit erhobenem Haupt durchs Dorf.
Als Vater im Pass trug Felix den Namen des Großvaters. Im Feld für Vater im Geburtsschein stand ein Strich, wie eine Narbe nach einer Amputation.
Felix war elf Jahre alt, als seine Oma starb. Der Großvater folgte ihr ein Jahr später, gebrochen vom Verlust.
Schon als Kind war Felix wortkarg und verschlossen; nach dem Tod der Großeltern ganz in sich gekehrt.
Alma sah den Schmerz ihres Sohnes und wünschte, seine Last selbst tragen zu dürfen: Herrgott, schick mir die Prüfungen, nur lass ihn wieder froh werden, flehte sie schweigend.
Opa Otto war für Felix nicht nur Vater, sondern auch bester Freund.
Nie fand Alma Ähnlichkeit zwischen Felix und seinem leiblichen Vater nur das handwerkliche Talent hatte er geerbt. Für die Nachbarskinder baute er aus alten Weinkisten Puppenhäuser, half Opa beim Werkeln am Schuppen und an der Sauna.
Aus dem wird mal ein Meisterarchitekt! Gottesgabe, sag ich!, pflegte Großvater stolz zu sagen.
Und Alma empfand immer wieder Reue, dass Felix ohne Vater aufwuchs vielleicht deshalb, glaubte sie, schien er sie nicht zu lieben.
Mein Junge, versuchte Alma ihn zu umarmen.
Mensch Mama, lass das! Nein, bitte nicht!, wies er sie schroff zurück.
Felix war schulisch schwach, hangelte sich knapp von Dreier zu Dreier außer in Sport und Kunst.
Ich weiß auch nicht, was aus ihm werden soll, Frau Wagner, klagte die Lehrerin, Frau Brandt, er verweigert alles. Welches Gymnasium nimmt ihn denn? Beim Aufsatz über die Lieblingslektüre hat er nur Witze aufgeschrieben! Sehen Sie selbst! Die Lehrerin reichte Alma das Heft.
Er macht Dienst beim Bund, dann sehen wir weiter. In der Landwirtschaft werden immer Hände gebraucht!, verteidigte Alma ihren Sohn.
Strafen kannte Felix nicht. Alma betonte nur eines: Bleib immer ein Mensch, egal, was das Leben dir bringt. Sie liebte ihn, wider alles, und konnte es sich gar nicht anders vorstellen.
Als Felix zur Bundeswehr einberufen wurde, verabschiedete ihn das halbe Dorf zwei Tage wurde gefeiert.
Bring Ehre heim, Bursche!, brüllte Gustav, schwenkend die Faust vorm Gesicht des Jungen.
Am Tag der Abfahrt, vor dem Kreiswehrersatzamt, weinte Alma:
Mein Kind, vergib mir.
Pass du auf dich auf, Mama schreib mir, alles und jedes, selbst über unsere Kuh oder über den neuesten Dorftratsch, bitte schreib, und drückte sie mit solch Zärtlichkeit, als wäre es ein Abschied für immer.
Alma schickte ihm zuverlässig Briefe, wie versprochen, über die Kuh, über Nachbarn, über die Stille daheim ohne ihn stets unterzeichnete sie: Bleib immer Mensch, mein Lieber.
Aus Felix’ Feldpost erfuhr Alma vom Dienst, von Kameraden, von seinem neuen Freund, Maximilian: Mama, er ist wie ein Bruder für mich!
In einem Brief erinnerte sich Felix: Weißt du noch, als du mir als Fünfjährigem übers Gesicht gestrichen hast und ich motzte: Deine Hände sind grob!
Verzeih, Mama! Ich weiß, du hast nur gelacht und geantwortet: Wie sollen sie weich sein? Garten und Stall machen sie rau. Ach Mama, wie ich deine Hände vermisse! Sollen sie mein Gesicht zerkratzen, ich will sie spüren. Dich will ich umarmen. Pass auf dich auf.
Das war sein letzter Brief. Die Nachricht von Felix heldenhaftem Tod erreichte Alma wie ein schwarzer Rabe durchs offene Fenster.
… der verwundete Felix Otto Wagner, mit Handgranaten umgürtet, stürzte sich mitten in die Angreifer und sprengte sich mit ihnen in die Luft, las Alma in der Regionalzeitung unter dem Foto im schwarzen Rahmen, für Mut und Tapferkeit vorgeschlagen zum Bundesverdienstkreuz (posthum).
Alma, das Schicksal ist schwer, murmelten Mitmenschen.
Alma nahm das Mitgefühl wie ihr Muttersein vom Leben geschlagen, aber dankbar. Sie beschwerte sich nie, auch jetzt nicht. Keine laute Klage, kein Urschrei nur der beständige Griff zum Taschentuch. Sie alterte plötzlich.
Der Sarg blieb geschlossen. Sie hatte ihren Sohn nie tot gesehen, nie Abschied genommen. Manchmal glaubte sie, es könnte eine Verwechslung gewesen sein, vielleicht lebte er, kehrte heim, wie es anderen Müttern ergangen war. Sie saß am Fenster und wartete, dass Felix zurückkam.
Felix, Junge!, entfuhr es ihr einmal, dass sogar die Amseln auf dem Birnbaum davonflogen.
Sind Sie Alma Wagner? Entschuldigen Sie die späte Stunde. Ich bin nicht Felix, ich bin Maximilian, sein Freund. Er hat Ihnen oft von mir geschrieben, stammelte der junge Mann und drehte seine Mütze.
Alma errötete, ihr Herz überschlug sich: Oh mein Gott, ich dachte schon… es ist dunkel, du bist ihm so ähnlich! Entschuldige meinen Schreck… Ach, komm doch herein. Ich war gerade beim Abendbrot.
Sie nestelte am Brotteller: Ich hab nichts vorbereitet. Es gibt nur Kartoffelsuppe. Magst du Kartoffelsuppe?
Sagen Sie doch bitte du, Frau Wagner. Ich bin doch fast wie Ihr Sohn.
Alma war insgeheim dankbar für des Jungen Besuch. Sie redeten die ganze Nacht, lachten und weinten, erinnerten sich an Felix.
Einmal schlief Felix so fest ein, dass unser Hund Waldi ihn im Traum das Gesicht abschleckte. Und Felix, immer noch träumend, sagte: Mama, Mama, bist dus? Wir haben Tränen gelacht! Er erzählte, dass du nachts zum Gute-Nacht-Kuss kamst, wenn er schon schlief.
Ach Gott! Mein Igelchen ließ sich kaum umarmen! Nur, wenn er schlief, küsste ich Händchen und Stirn. Ich glaubte, er merkt nichts, kicherte Alma.
Er war stolz auf dich und liebte dich sehr.
Alma öffnete das Fotoalbum mit Kinderbildern von Felix:
Hier das erste Bad dünne Ärmchen, wie ein kleiner Wurm! Da die ersten Schritte… mit der Oma beim Schulfest. Die hat ihn verwöhnt! Und da mit Opa Holz hacken… Siehst du, dieses Grinsen! Die beiden sind jetzt wieder vereint. Er hat den Opa so vermisst danach.
Durch Maximilians Erinnerungen wusste Alma nun, dass ihr Sohn ehrlich, tapfer, loyal gewesen war.
Unser Kompaniechef machte immer Mut: Durchhalten, gleich kommt Verstärkung. Aber irgendwann hörten wir auf zu hoffen. Ich wurde durch einen Splitter am Bein getroffen keine Überlebenschance. Die Angreifer brachten alles um, zielten direkt ins Gesicht, man konnte viele nicht mehr erkennen. Als keiner mehr Munition hatte, stürzten sich manche mit Granaten zwischen die Feinde so wie Felix, schluchzte der Soldat und verbarg das Gesicht in den Händen.
Er hat mir geschrieben, von euren Übungen… wollte mich nicht beunruhigen, murmelte Alma.
Maximilian blieb einige Tage. Reparierte den Zaun, dichtete das Dach. Doch schließlich musste er weiterziehen.
Darf ich Ihnen schreiben?
Schreib mir, Junge, ich freue mich darüber, lächelte Alma. Sie wollte ihn nicht gehen lassen aber wusste, auch er wurde woanders erwartet.
Ich hab niemanden mehr. Bin Heimkind. Verwaist, na ja… War mir peinlich, das zu sagen. Man hält uns für Diebe, für Abschaum. Verzeih, Frau Wagner.
Ach, du Dummer! Wo willst du denn hin?, rief Alma.
Na, weiterziehen halt…
Weißt du was? Bleib doch hier. Ich bin allein, und du auch. Gehst du, halt ich dich nicht auf. Aber mein Haus steht dir immer offen, du bist wie ein Sohn für mich.
Und sofort begann das Gerede im Dorf dass Alma schnell getröstet sei, einen herumziehenden Nichtsnutz holte, der sie sicher noch betrügen würde.
Doch nicht alle verurteilten Alma. Andere waren voller Mitleid und manche glaubten fest, es würde gut werden.
Maximilian fand Arbeit beim Dorfschmied, der bald froh war, ihn als Lehrling zu haben aus Max wurde ein toller Handwerker.
Bald brachte er eine junge, heitere Frau nach Hause: Helene. Alma mochte Helene, nahm sie wie eine Tochter auf. Sie liebte beide wie eine Mutter wie konnte sie auch anders? Nur bat sie, dass wenn ein Sohn käme man ihn Felix nennen möge. Doch nach einem Jahr brachte der Storch ein Mädchen, und bald darauf noch eins.
So glücklich sieht Frau Wagner aus! Der Junge ist fleißig, das Haus wird modernisiert, ein neues Auto steht im Hof, und die Schwiegertochter!
Nur Maximilian hörte nachts manchmal leises Weinen von Alma.
Sie wurde alt, sehr alt. Kurz vor ihrem Tod war sie ans Bett gefesselt.
Nicht jede Tochter pflegt so ihre Schwiegermutter, wie Max und Helene Frau Wagner hegen!, staunten die Dorfleute.
Wie selbstverständlich trug Max die Nachttöpfe, wusch die Wäsche.
Kurz vor ihrem Ende hob Alma die dürren Hände, als wolle sie jemanden umarmen: Felix…, hauchte sie und verschied. Enkelinnen und Schwiegertochter beweinten sie, und auch Max empfand bittersüße Freude.
Warum grinst du? Deine Mutter ist tot!, fragte Helene verwundert.
Jetzt ist sie mit Felix wieder zusammen. Keine Schmerzen mehr, jetzt sind sie vereint, endlich in den Armen. Alles heilt mit der Zeit nur der Schmerz um das verlorene Kind heilt nie, seufzte Max.
Liebend bis zum letzten Atemzug dazu ist nur eine Mutter fähig.





