Der Schwiegersohn
Ihr wiederholt euch. Was in meiner Vergangenheit war, geht nur mich etwas an.
Mein Sohn lebt mit seiner Mutter in München, ich unterstütze sie komplett.
Greta weiß das. Ich habe nie etwas vor ihr verheimlicht.
Sie ist doch noch ein Kind! Sie kann Wahrheit und Lüge nicht auseinanderhalten!
Mama, Papa, darf ich vorstellen? Das ist Gregor. Mein zukünftiger Ehemann.
Birgit spürte einen Kälteschauer über den Rücken laufen, obwohl die Zentralheizung im Wohnzimmer mal wieder Hochleistung zeigte.
Langsam wanderte ihr Blick von Gretas strahlendem Gesicht zum Mann im Türrahmen.
Er trug einen edlen Wollmantel, hielt einen Korb voller exotischer Früchte in der einen, und eine Weinflasche mit Siegel in der anderen Hand.
Stefan, ihr Mann, erstarrte wie ein Gartenzwerg ab dem ersten Frost. Birgit klammerte sich mit beiden Händen an seinem Ärmel fest.
Wie alt bist du eigentlich, Gregor? knurrte das Familienoberhaupt.
Gregor trat seelenruhig in den Raum.
Achtunddreißig, Stefan. Wir sind fast gleichalt, wenn ich mich nicht irre.
Gleichalt… Birgit schluckte trocken. Greta, meinst du das ernst?
Mama, fängst du jetzt auch an? Ihr habt immer gesagt, ich soll glücklich werden!
Ich bin glücklich. Wir lieben uns. Der Rest? Steht nur im Ausweis!
Der Rest?! Stefan fand endlich seine Stimme und schob seine Frau sachte beiseite. Als du eingeschult wurdest, da hat der Typ hier schon im Biergarten gesessen und mit Mädels geflirtet!
Bist du noch ganz bei Sinnen, Greta? Der ist bald vierzig!
Achtunddreißig, Papa! konterte die Tochter. Und er behandelt mich besser als du je Mama behandelt hast!
Er hört mir zu! Er sieht mich!
Er sieht sie… Stefan drehte sich an Birgit gewandt um Unterstützung bittend. Birgit! Hörst du diesen Unsinn?
Er hat sie ja praktisch in der Wiege entdeckt!
Gregor, oder wie auch immer du heißt… Hast du kein bisschen Anstand?
Gregor stellte den Korb behutsam ab.
Ich kann eure Reaktion verstehen. Ehrlich. Wäre ich Vater einer Tochter, würde ich wahrscheinlich ähnlich toben.
Aber wir sind doch nicht hier, um zu streiten, oder?
Ich liebe Greta. Und ich will sie heiraten.
Raus aus meinem Haus, sagte Stefan mit gefährlich leiser Stimme.
Papa! Wenn er geht, geh ich mit! Greta klammerte sich an Gregors Mantel. Dann seht ihr mich nie wieder, klar?
Birgit sah ihre Tochter an und erkannte sie kaum wieder. Wo war das stille Mädchen, das noch vor einem halben Jahr Zöpfe flocht und um Hilfe bei der Geschichtsarbeit bat?
Greta stand mit geballten Fäusten da, bereit, die Eltern für den Kerl, den sie gerade zum ersten Mal sahen, in die Schranken zu weisen.
Bitte, lasst uns doch einfach reden, mischte sich Birgit beschwichtigend ein. Stefan, reiß dich jetzt mal zusammen.
Gregor, nehmen Sie doch Platz. Vielleicht sollten wir manches… klären.
Gregor nickte stumm. Alle setzten sich steif um den Esstisch.
Seit wann läuft das? Birgit fixierte ihre Tochter streng. Diese Wahnsinns-Sträuße zu deinem achtzehnten… Die goldenene Kette… War das alles er?
Greta reckte das Kinn.
Ja. Auch ein halbes Jahr davor schon.
Stefan sprang auf.
Ein halbes Jahr davor? Da war sie siebzehn!
Du… du… dir ist klar, dass ich jetzt die Polizei rufen könnte? Willst du eine Anzeige kassieren?
Gregor zuckte nicht einmal.
Wir haben nur geredet, Stefan. Keine Grenzen überschritten. Ich bin doch nicht bescheuert. Ich habe einen Ruf zu verlieren und führe ein Unternehmen.
Wir sind ins Kino gegangen, mal ein Geschenk aber ich habe auf ihre Volljährigkeit gewartet, um ihr offiziell einen Antrag zu machen.
Gewartet… Stefan lief in der Küche auf und ab. Birgit, der hat sie ja nur bearbeitet.
Papa, bitte! Greta schrie beinahe. Ich wollte das alles! Ich hab mich sofort verknallt, als ich ihn in der Uni-Cafeteria sah!
Ich bin auf ihn zugegangen!
In der Cafeteria… Stefan schlug sich an die Stirn. Du bist ein Kind, Greta! Hast doch keine Ahnung vom Leben!
Und du vielleicht? Greta sprang nach. Du hast Mama mit einundzwanzig geheiratet! Ihr hattet nichts! In einer Studentenbude mit Spaghetti für zwei!
Soll ich das wollen? In einer Einzimmerwohnung jeden Cent bis zur nächsten Bafög-Rate zählen?
Wir waren jung und glücklich! warf Birgit ein. Wir hatten Träume! Und sind gemeinsam gewachsen!
Wir sind mit Gregor schon gewachsen! Greta schlang die Arme um Gregor. Er gibt mir Sicherheit. Bei ihm ist alles unkompliziert.
Er hat mich letzte Woche nach Paris entführt, während ihr dachtet, ich wäre mit Freundinnen im Schwarzwald!
Gregor, Birgit schaute ihn direkt an, wir sind alle so alt wie Sie. Mir sind es auch achtunddreißig, Stefan ebenso.
Verstehen Sie, in zwanzig Jahren ist Greta achtunddreißig in Bestform und Sie sind fast sechzig.
Sie sind dann in Rente, wenn sie vielleicht noch mal ein Kind will oder ihren Job wechselt. Wer kümmert sich dann um die Kids?
Oh, ich habe genug Polster für drei Leben, Birgit, entgegnete Gregor sanft. Um die Kinder müssen Sie sich keine Sorgen machen.
Und vor dem sechzigsten mache ich keine Anstalten, abzutreten. Ich halte mich fit und gehe jede Woche joggen.
Ach, er joggt… knurrte Stefan und ließ sich fallen. Hör mal, Sportskanone. Weißt du eigentlich, was du Greta antust?
Jetzt ist sie im Banne deiner Geschenke und Auslandsreisen. Und dann? Wenn sie sich noch einmal mit Altersgenossen rumtreiben will und du schon die Zeitung auf dem Sofa liest?
Die Zeitung lese ich nicht auf dem Sofa, Stefan. Und Greta will keinen Trubel. Wir reden viel. Uns verbindet was.
Was soll das denn bitte sein? Birgit hob die Hände. Märchenfilme? Oder bringst du ihr bei, wie man Steuern umgeht?
Wir lieben Architektur, klassische Musik und Reisen, zählte Gregor. Greta ist für ihr Alter sehr reif. Sie langweilt sich mit Gleichaltrigen das hat sie selbst gesagt.
Klar langweilt sie sich! explodierte Stefan. Die können ihr ja auch keine Goldkettchen kaufen!
Papa, du beleidigst mich! Jetzt standen Greta die Tränen in den Augen. Glaubst du, ich wäre so berechnend? Wenn Gregor keinen Cent hätte, wäre ich trotzdem bei ihm!
Ja, erzähl das dem Stammtisch, grummelte Stefan und schaute aus dem Fenster.
Der Abend zog sich dahin, einig wurde sich niemand. Am Ende packte Greta ein paar Sachen und zog aus.
Birgit saß blass auf dem Sofa. Stefan rauchte auf dem Balkon seit fünf Jahren eigentlich Nichtraucher.
Birgit, das ist doch verrückt, kam Stefan irgendwann herein, der Rauch hing ihm in den Haaren. Achtunddreißig! Mein Jahrgang! Vielleicht waren wir auf dem gleichen Abi-Ball.
Ich kann den doch nicht Schwiegersohn nennen. Da verknotet sich mir die Zunge.
Sie ist verliebt, Stefan. In echt oder nicht, ist jetzt egal. Sie hört gerade nicht mehr auf uns.
Und dieser … Typ? Hast du gesehen, wie aalglatt der ist? Ich hab gewartet, bis sie achtzehn wird. Pfui!
Der hat vermutlich in jeder Stadt eine Greta gesammelt.
Das glaube ich nicht. Er wirkt viel zu ernst. Fast schon beängstigend.
Ein Weiberheld hätte sie enttäuscht so einer will wirklich Familie. Greta will Kinder. Sogar zwei auf einmal.
Stefan schlug mit der Faust aufs Sofa.
Kinder… Von so einem alten Sack? In zehn Jahren fällt er auseinander! Blutdruck, Rückenschmerzen…
Und sie? Die will doch noch das Leben genießen!
Ich geh morgen zum Anwalt, sagte Stefan entschlossen. Die prügeln dem schon das Gefühl aus dem Kopf. Ich mach den fertig.
Dann verlierst du Greta für immer, seufzte Birgit. Siehst du nicht? Wenn wir auf Kriegsfuß gehen, wird er für sie der Retter vor den Bösen Eltern.
Willst du das wirklich?
Stefan sackte auf einen Stuhl.
Na, was schlägst du vor? Sollen wir ihn zum Grillen einladen und über Gelenkschmerzen jammern?
Ich spreche mit ihr. Morgen. Allein.
***
Am Tag darauf traf Birgit ihre Tochter im hippen Café nahe der Uni.
Greta erschien pünktlich, sah aus wie aus dem Katalog frisch, leuchtend, neues Mäntelchen, bestimmt nicht vom Bafög gekauft.
Hi Mama, setzte sich Greta steif an den Tisch. Falls du mich umstimmen willst, spars dir.
Ich bin nur hier auf einen Kaffee mit einer Tochter, die ich seit gestern vermisse, konterte Birgit. Wie läufts bei Gregor?
Riesenwohnung in der Innenstadt. Traumhaft, Mama. Eigene Bibliothek, Panoramafenster, mein eigenes Ankleidezimmer.
Klingt klasse. Aber so ein Ankleidezimmer ist am Ende auch nur ein Kleiderschrank. Du weißt schon, dass Zusammenleben mit einem Mann nicht nur Blick auf den Dom und Kleiderträume ist? Gibt auch Unterschiede im Alltag.
Hausarbeit gibts keine. Gregor hat eine Haushälterin. Ich mach fast nix selbst.
Birgit rührte ihren Zucker in der Tasse.
Gretelein, hör zu. Wir wünschen dir nichts Böses. Nur… wir haben Angst. Du steckst mitten im Rausch.
Und Gregor? Er hat diesen Part hinter sich. Er weiß, wie er Gefühle beeinflusst. Er ist zwanzig Jahre älter und hat ganz andere Lebenserfahrung.
Mama! Wer sieht das heute bitte noch so eng? In Berlin heiratet doch keiner mehr mit zwanzig.
Genau. Er ist fast vierzig. Du wirst erst und erlebst alles durch seine Augen.
Was ist, wenn du irgendwann eigene Wege gehen willst und er ist dann einfach… stehen geblieben?
Hältst du mich für blöd? Greta verengte die Augen.
Ich finde nur, du überstürzt dich. Wartet doch einfach ein Jahr. Zusammenleben, noch nicht heiraten. Testet euch.
Nein! Gregor will es offiziell. Ich soll seine Frau sein, nicht Mitbewohnerin. Er behandelt mich richtig.
Oder er sichert sich dich, bevor du aufwachst, Birgit warf ein.
Weißt du was, Mama? Ihr seid einfach neidisch du und Papa.
Neidisch, weil ihr nie so eine Liebe hattet. Ihr habt euer Leben lang gearbeitet und eure Drei-Zimmer-Wohnung abgezahlt.
Ich hab Glück gehabt. Könnt ihr mir das nicht gönnen?
Ach, Greta… welche Eifersucht? Uns reißt es das Herz.
Macht euch keinen Kopf. Ich heirate in einem Monat. Einladung kommt. Ob ihr erscheinen wollt, ist euer Ding.
Greta schulterte die Tasche und verschwand.
***
Zuhause wartete ein wütender Ehemann auf Birgit.
Hab recherchiert, knurrte Stefan. Gregor Schmitt. Firmeninhaber, Alarmanlagen deutschlandweit, geschieden.
Er hat schon einen Sohn, fünfzehn. Unser Schwiegersohn hat also einen Sohn, der fast so alt ist wie Greta!
Birgit bedeckte das Gesicht.
Ach du meine Güte, Stefan… Das hat noch gefehlt.
Ich habe mit seiner Ex telefoniert. Die sagt: der Typ ist eiskalt. Sie ist mit dem Jungen geflüchtet
Das erfährt Greta nicht von ihm. Und wenn wir es sagen, glaubt sie uns nicht.
Ich fahr zu ihm ins Büro, bestimmte Stefan. Männergespräch.
Lass es! Stefan, bitte! Damit machst du alles kaputt!
Doch Stefan stiefelte am nächsten Morgen ins Büro zu Gregor. Viel Gespräch war da nicht mehr.
Listen, Schmitt, sagte Stefan über den massiven Schreibtisch hinweg, ich weiß von Ihrer Ex und Ihrem Sohn.
Warum machen Sie meiner Tochter den Kopf heiß? Sie sind zehn Jahre älter als ich fast! Sie könnten ihr Vater sein!
Stefan, Gregor lehnte sich entspannt zurück, Sie wiederholen sich. Meine Vergangenheit bleibt privat.
Mein Sohn lebt mit der Mutter in München, ich sorge für sie. Greta weiß das alles. Da gibt’s keine Geheimnisse.
Sie ist ein Kind! Sie merkt nicht, was sie tut!
Sie ist erwachsen. Sie handelt aus freien Stücken. Ich biete Ihnen Frieden. Bitte keine Shakespeare-Drama. Wir heiraten ohnehin, obs Ihnen passt oder nicht. Meine Anwälte sind da schon durch. Ihre Drohungen? Reines Geblubber. Auf Wiedersehen!
***
Die Hochzeit fand tatsächlich statt einen Monat später. Birgit und Stefan blieben fern. Greta schickte ein paar Bilder: Sie im Wahnsinnskleid vom Designer, Gregor im Smoking, barocke Villa als Kulisse.





