Geh zu deiner Mutter, sagte der Schwiegervater

Geh doch zu deiner Mutter, sagte mein zukünftiger Schwiegervater.

Ihr kennt euch?, fragte Annemarie verwundert.

Nein, ich meine doch, stotterte mein Verlobter Maximilian nach einem Moment. Nur ein bisschen

Aber Annemarie war längst alles klar: Das war diese große Liebe, von der Maximilian immer nur mit Widerwillen sprach

Annemarie, weißt du was? Ich glaube, ich heirate nochmal!, schallte die fröhliche Stimme meines Vaters Herrmann durchs Telefon. Warum auch nicht?

Du bist erwachsen und hast dein Glück doch schon gefunden! Dein Max ist wirklich ein großartiger und verlässlicher Kerl. Mein zukünftiger Schwiegersohn!

Deine Mutter ist jetzt seit zehn Jahren nicht mehr da. Warum sollte ich mein weiteres Leben allein verbringen? Außerdem ohne eine Frau im Haus ist es einfach nicht das Gleiche!

Und Leonie ist wunderbar Du wirst sie bestimmt mögen! Ich bin sicher, ihr werdet euch sogar anfreunden!

Nach kurzem Zögern fügte mein Vater hinzu: Sie ist fast in deinem Alter!

Wie viel jünger ist sie als du?, fragte Annemarie amüsiert. Mein Vater hatte schon immer eine Wirkung auf Frauen.

So wie seinerzeit unser Kaiser Wilhelm, der mit seinem eindrucksvollen Auftreten Frauen aller Altersklassen begeisterte.

Schon gebeugte Damen versuchten, ihre Haltung aufzurichten, und die Handtasche fester zu packen, wenn er den Raum betrat.

Die noch nicht ganz alten Damen zupften an ihren Blusen und zogen den Bauch ein.

Junge Frauen lachten ein bisschen lauter und warfen schüchterne Blicke auf diesen attraktiven, selbstbewussten, ehemaligen Offizier.

Und selbst kleine Mädchen wurden plötzlich ruhig, sobald er ihnen freundlich ein Lächeln schenkte.

Es war also nicht verwunderlich, dass mein Vater wieder heiraten wollte er war schon viel zu lange allein.

Das Name Leonie war Annemarie ebenfalls nicht fremd: So hieß nämlich auch Maximilians Ex-Freundin. Von der wollte er nie sprechen. Schon gar nicht ausführlich.

Annemarie hätte nie davon erfahren, hätte Maximilians Mutter bei der ersten Begegnung nicht etwas durchsickern lassen: Bist du dir sicher, dass du meinen Sohn wirklich heiraten willst? Nicht, dass du wegläufst wie Leonie!

Und die Liebe zwischen ihnen die war legendär! Davon träumte man nur!

Stellt sich heraus: Maximilians Freundin ist tatsächlich einfach abgehauen ja, sie hat Maximilian verlassen!

Aber warum? Von so einem tollen Mann läuft man doch nicht einfach weg: Verstand, Ausstrahlung, gutes Einkommen, einwandfreier Charakter!

Und dennoch ist sie gegangen!

Maximilian behauptete zwar, beide hätten sich im gegenseitigen Einvernehmen getrennt unterschiedliche Vorstellungen vom Leben, nicht kompatible Charaktere.

Doch ohne diese zufällige Bemerkung seiner Mutter

Oder war sie gar nicht zufällig?

Immerhin mochte Max Mutter Annemarie wohl lieber als ihre Vorgängerin.

Tatsächlich sollte Annemarie die erste Schwiegertochter sein: Mit Leonie war es nie zur Hochzeit gekommen obwohl sie vorher drei Jahre zusammenlebten. Genauso wie nun Annemarie und Maximilian.

Aber dann: Zack, weg war sie! Aus angeblich unüberbrückbaren Differenzen.

Drei Jahre habt ihr dafür gebraucht, das festzustellen?, wollte Annemarie später wissen.

Manchmal dauert das ein ganzes Leben, antwortete Max beinahe philosophisch.

Hat sie dich betrogen?, bohrte Annemarie nach; sie wusste, wie treuherzig Max war.

Nein!

Hatte sie unmögliche Ansprüche? War sie faul im Haushalt? Missfiel ihr dein Gehalt?

Eigentlich nicht.

Hatte sie mit deiner Mutter Probleme?

Sag ich doch wir hatten einfach andere Vorstellungen!

Was für Vorstellungen denn?, ließ Annemarie nicht locker. Immerhin wollte sie nicht das Gleiche erleben!

Wolltet ihr unterschiedlich Urlaub machen? Ganz unterschiedliche Hobbys?, zählte Annemarie auf.

Nee, eigentlich nicht.

Warum ist sie dann gegangen?

Max brach plötzlich gereizt aus: Woher soll ich das wissen? Warum bohrst du so, warum dieses ganze Wühlen in der Vergangenheit? Uns gehts doch gut!

Annemarie ließ das Thema daraufhin ruhen. Schließlich lief alles bestens: Die Hochzeit war in vier Wochen, der Antrag war gestellt, und seine Mutter schien sie zu mögen.

Kurz darauf lud mein Vater uns ein, um Leonie kennenzulernen auch sie wollten heiraten.

Die Tür öffnete eine attraktive Frau, Mitte dreißig fast zwanzig Jahre jünger als mein Vater.

Annemarie selbst war gerade dreißig geworden, Max etwas über vierzig: In beiden Paaren herrschte Harmonie!

Max Überraschung war offensichtlich: Du?, starrte er die zukünftige Schwiegermutter fassungslos an die tatsächlich jünger als er war

Ihr kennt euch?, fragte Annemarie.

Nein na ja doch, stotterte Max. Ein klitzekleines bisschen

Da fiel bei Annemarie der Groschen: Das war also seine große, verschmiegene Liebe.

Max schien sprachlos, dann fragte er leise: War das jetzt alles Absicht von dir?

Was meinst du?, verstand Leonie nicht.

Na das hier diese Hochzeitsnummer!, klärte er.

Entschuldige mal was heißt denn das? Aber sowas!, empörte sich Leonie. Was für eine Show? Und wozu?

Um mir und meiner Mutter eins auszuwischen! Du hast doch alles über Annemaries Vater erfahren und hast dich gleich an ihn rangemacht!

Einen einsamen Mann zu verführen ist doch ein Leichtes für dich!

Kriegst du dich noch ein?, fragte Leonie ruhig. Du und deine Mutter ihr wart mir total egal ab dem ersten Tag nach der Trennung! Warum sollte ich mich für euch interessieren?

Erzähl nicht so einen Blödsinn!, schrie Max.

Annemarie sah ihren Verlobten fassungslos an: Der liebevolle, großzügige Mann war verschwunden. Sein Gesicht war rotfleckig, und er spuckte förmlich vor Wut

Er schien sogar zu schrumpfen: Annemarie betrachtete dieses Schauspiel wie ein Wunder das gibts doch nicht!

Doch, das gibts leider.

Schläfst du oder träumst du?, sagte mein Opa immer. Früher verstand ich diesen Spruch nicht. Jetzt schon.

Mein Vater betrat den Flur: Na, seid ihr endlich da? Los, an den Tisch! Wir warten schon!

Ich gehe nicht rein! Und erst recht setze ich mich nicht an einen Tisch!, kreischte Max plötzlich.

Das war ziemlich unhöflich; alle schaute peinlich berührt umher, nur Max nicht.

Schaut euch das an!, brüllte Max und zeigte auf Leonie. So eine Rache! Und so ausgeklügelt!

Das ist widerlich, Leonie! Was sagt denn deine Mutter dazu? Man muss auch würdevoll Schluss machen können!

Ahaaa!, machte mein Vater, dem langsam alles dämmerte. Du bist also dieses Muttersöhnchen?

Der Junge, der mit vierzig immer noch an Mamas Rockzipfel hängt?

Reden Sie nicht, wenn Sie keine Ahnung haben!, fuhr ihn Max an.

Und wie! Leonie hat mir alles erzählt!, ließ sich mein Vater nicht beirren.

Das ist IHRE Version! Meine Mutter und ich sehen das anders!, Max wurde immer lauter.

Alle blickten sich wieder an: Seine Version, Mamas Version was sonst!

Na gut!, sagte mein Vater plötzlich. Dann erzähl mal!

Was denn?, wunderte sich Max, dem offenbar die Argumente ausgingen.

Papa, lass das doch, flehte Annemarie; sie ahnte, dass das ausarten würde.

Aber warum?, grinste mein Vater. Es gibt immer zwei Seiten, Tochter. Vielleicht platzt ja auch deine Hochzeit noch schau, wohin das hier führt!

Also los, Schwiegersohn hau raus! Was hat diese böse Leonie alles falsch gemacht?

Sie hat alles mit Absicht gegen meine Mutter gemacht!, nuschelte Max.

Und? Nenn uns mal Beispiele, bitte!, stichelte mein Vater.

Sie hat schlecht gekocht! Meine Mutter hat mich immer ordentlich ernährt!

Habt ihr denn mit deiner Mutter zusammen gewohnt? Woher wusste Leonie denn, was gesund ist?

Ich habs ihr erzählt. Wir haben täglich telefoniert

Mein Vater schüttelte den Kopf: Und weiter?

Sie war immer genervt, wenn ich am Wochenende zu meiner Mutter gefahren bin!

Und sie sollte darüber glücklich sein?, bohrte mein Vater.

Ja, klar! Das ist doch meine Mutter! Liebst du mich, dann liebst du auch meine Mutter! Noch dazu hat Leonie nie auf ihre Ratschläge gehört! Dabei weiß Mama doch, was richtig ist!

Max fuhr immer weiter fort mit verschiedensten Lappalien.

Währenddessen stand Leonie ruhig daneben. Sie versuchte keine Rechtfertigungen.

Annemarie kam sich vor, als stecke sie in einem schlechten Traum. Ihr geliebter Mann zeigte eine ganz neue Seite.

Wie hatte sie das nicht vorher bemerkt?

Vielleicht hatten er und seine Mutter beschlossen, sich diesmal einfach ein bisschen zusammenzureißen bis zur Hochzeit. Damit Annemarie nicht wegläuft.

Mit vierzig sollte man schließlich eine Familie gründen. Aber jetzt war klar, warum er noch immer allein war.

Das Gespräch zog sich im Flur keiner schaffte es zum Tisch, die Emotionen waren zu heftig.

Hätte Max sich beherrschen können, hätte alles geklappt. Annemarie hätte ihn geheiratet

Aber er konnte nicht. Zum Glück, wie es Opa gesagt hätte.

Stille. Dann sagte mein Vater:

Ich hab verstanden! Aber was jetzt? Ja, Leonie hatte mit deiner Mutter kein gutes Verhältnis. Doch das ist Geschichte! Sie hat mit euch nichts mehr zu tun.

Warum jetzt so ein Drama? Lass die Vergangenheit ruhen und geh deinen Weg setz all die Energie lieber in dein neues Leben! Wozu klebst du an alten Geschichten, Max?

Ich schlage vor, wir verhalten uns wie erwachsene Menschen und konzentrieren uns auf das Schöne. Oder haben wir wirklich nichts anderes zu besprechen als diesen alten Kram?

Trotz aller Peinlichkeit versuchte mein Vater, die Stimmung zu retten.

Aber Max schwenkte plötzlich wieder um: Wie soll ich meiner Mutter erklären, dass Leonie jetzt deine Frau ist?

Ganz einfach erklär es ihr! Mit Worten, wie alle normalen Erwachsenen!, platzte Annemarie heraus.

Du verstehst das nicht! Leonie kommt ja dann zur Hochzeit, zusammen mit deinem Vater!

Und?, fragten wir alle gleichzeitig. Dann ist das halt so.

Das wird meiner Mutter nicht gefallen!, zischte Max.

Dann soll sie eben nicht kommen!, entschied mein Vater. Wir werden das alle überleben, oder Mädels?

Die Frauen nickten.

Wie soll sie denn nicht kommen?, entgegnete Max empört.

Alternativ: Wen willst du nicht dabei haben? Leonie, stimmts?, spöttelte mein Vater.

Na ja, ehrlich gesagt, ja!, gab Max zu.

Und denkst du nicht, dass das langsam peinlich wird?, fragte mein Vater nun ernst.

Annemarie war alles klar. Leonie hätte schon viel früher gehen sollen

Ihr wollt uns also nichts entgegenkommen?, fragte Max unbeholfen.

Womit denn?

Na ja, zwischen uns und eurer neuen Frau gibt es nur negative Erinnerungen man sollte sich also besser nicht sehen!

Da hast du recht, mein Lieber. Am besten, ihr seht euch nie wieder! Annemarie, sorgen wir für den Frieden von Max und seiner Mutter?

Annemarie nickte stumm sie hatte begriffen, dass das das einzig Sinnvolle war.

Mein Vater tat dann auch das einzig Richtige er bat Max zu gehen. Und seine Mutter gleich mitzunehmen.

Tja, sagte mein Vater ruhig, geh zu deiner Mutter, heirate sie meinetwegen und werdet glücklich.

Max schwieg, denn er hatte keine Worte mehr. Noch dazu war das für ihn nicht vorgesehen jetzt wurde ER samt Mutter rausgeworfen! Das würde Mama ihm nie verzeihen

Meinen Sie wirklich, Sie schmeißen mich raus?, fragte Max schüchtern.

Du hast uns keine Wahl gelassen! Ich empfehle, alle Kontakte zu beenden. Das ist für alle besser.

Damit hatte Max nicht gerechnet. Und eigentlich war es vernünftig.

Sie sollten ja doch nicht rausgeworfen werden eigentlich dachte er eher, Leonie sollte weg!

Was hatte denn er oder seine Mutter getan? Waren sie nicht die eigentlichen Opfer?

Annemarie schaute weg, voll und ganz auf Papas Seite. Von Liebe zu Max war nach dieser Szene nicht mehr viel übrig Scham und Enttäuschung wuchsen ins Unermessliche.

Auch Leonie blieb ruhig und unterstützte ihren zukünftigen Mann.

So blieb Max nichts, als zu gehen. Er schaute Annemarie bedeutungsvoll an:

Willst du wirklich unser Glück so einfach zerstören? Ich gehe. Und du bleibst allein!

Schmeiß Leonie raus, und alles ist vergessen!

Doch niemand dachte daran, Leonie rauszuwerfen.

Nach dem Weggang des ehemaligen Verlobten setzten wir uns an den festlich gedeckten Tisch. Aber feiern wollte keiner ein weiteres Hochzeitsdrama in unserer Familie.

Mit Leonie nicht die erste geplatzte Hochzeit. Blieb zu hoffen, dass es bei Papa und ihr besser laufen würde.

Annemarie war am Boden zerstört.

Kopf hoch, mein Kind! Vom Boden kann man leichter abstoßen!, tröstete mein Vater sie. Und mal ehrlich: Max hätte dich mitsamt Mama ganz nach unten gezogen!

Jetzt hast du Ballast abgeworfen!

Ja, seufzte Annemarie, die Hochzeit, die Träume alles weg! Für eine Frau in ihrem Alter ist eine Hochzeit halt alles!

Traurig aber nicht das Ende der Welt.

Sei froh, dass ihr nicht verheiratet und du kein Kind mit ihm bekommen hast!, schloss mein Vater.

Genau!, stimmte Leonie zu.

So stießen wir gemeinsam an auf die Befreiung: von Ketten, Fesseln, Zauber.

Und von der Liebe falls es überhaupt welche war Die Liebe zu Mama war jedenfalls bewiesen. Der Rest bleibt ein Fragezeichen.

Einige Fragen beantwortet das Leben eben nie endgültig also, Max, sei glücklich. Am besten mit Mama.

Wenn du es kannst, zumindest. Aber das ist schon die nächste FrageIn diesem Moment klingelte das Telefon. Annemarie zögerte, dann nahm sie ab. Mama? Die Stimme am anderen Ende war warm und vertraut, ein kleiner Trost in diesem Chaos.

Ich wollte nur hören, wie es dir geht, sagte ihre Mutter. Ich habe geträumt, dass du heute neue Wege gehst. Bist du bereit dafür?

Annemarie lachte leise, Tränen und Lächeln zugleich. Ich glaube, ja. Es tut weh, aber vielleicht war es nötig.

In den nächsten Stunden saßen wir zusammen, erzählten alte Geschichten und entdeckten, dass Familie manchmal einfach entsteht nicht durch Trauschein oder feste Regeln, sondern weil Menschen füreinander da sind, wenn alles auseinanderbricht.

Mit jedem Glas Wein und jeder Anekdote wuchs zwischen uns eine neue Art von Verbundenheit. Annemarie spürte, wie die Enttäuschung in Zuversicht überging: Der Platz an ihrer Seite war nicht leer. Er war frei.

Irgendwann wurde gelacht, wirklich herzlich, nicht aus Höflichkeit und niemand vermisste Max oder seine Mutter. Im Gegenteil: Die Luft war klar, das Herz leicht. Draußen färbte die Abendsonne den Himmel golden, als wollte sie sagen, dass auch gebrochene Pläne Schönheit haben.

Weißt du, Annemarie, sagte Leonie schließlich, zu sich selbst Ja zu sagen, ist die beste Hochzeit, die es gibt.

Da hob Annemarie ihr Glas, lächelte und prostete uns allen zu auf das Unerwartete, das Leichte, die zweite Chance. Und irgendwo in diesem Moment begann ein ganz neues Kapitel.

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Homy
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