Fünf Minuten auf dem Balkon
Lange Zeit war ich überzeugt, dass meine Erschöpfung von der Arbeit kam. Dann schob ich es auf mein Alter. Dann wieder auf den Winter, auf die endlosen Staus, auf ständiges Einkaufen, Kochen, Waschen, auf Nachrichten in unserer Familiengruppe und die Telefonate mit meiner Mutter, die jedes Gespräch mit der Frage begann, warum ich so selten vorbeischaute. In Wahrheit aber war ich erschöpft, weil es in unserer Wohnung nie wirklich still war.
Nicht, dass es bei uns laut zuging. Niemand brüllte, die Musik dröhnte nicht, es flog kein Geschirr. Es war einfach so, dass immer irgendjemand irgendetwas wollte. Mein Mann fragte ständig, wo seine Kfz-Papiere seien. Mein Sohn rief aus dem Kinderzimmer, dass das WLAN schon wieder spinnt. Meine Schwiegermutter meldete sich, um zu wissen, ob ich sie beim Arzt angemeldet hätte. Kollegen schrieben mir auch nach 19 Uhr noch Nachrichten, so als wäre ich, selbst mit geschlossenem Laptop, immer abrufbereit. Und wenn gerade niemand etwas sagte, hallte der innere Aufgabenlaufzettel weiter: Katzenfutter kaufen. Auf die Mail der Buchhaltung antworten. Die Sportsachen waschen. Dran denken, dem jüngeren Neffen den Musikunterricht zu überweisen, weil meine Schwester es mal wieder nicht geschafft hat.
Ich bemerkte an mir, wie mich plötzlich nicht mehr die großen Dinge des Lebens störten, sondern die kleinen. Mein Mann stellte den Zucker auf das falsche Regalbrett. Mein Sohn warf seinen Rucksack mitten in den Flur. In der Spüle lag ein einzelner Löffel, den man in drei Sekunden hätte abspülen können. Ich reagierte schroff, ärgerte mich und war dann wütend auf mich selbst.
Eines Abends stand ich am Herd, drehte Frikadellen, während im Topf schon die Suppe fürs nächste Mittagessen köchelte und in der Waschmaschine die nächste Ladung drehte. Da hörte ich meinen Mann aus dem Wohnzimmer: Hast du meine graue Mappe gesehen? Nein, rief ich zurück. Sicher nicht?, fragte er. Ich antwortete lauter. Schließlich kam er raus in die Küche und sagte trocken:
Muss man denn immer gleich so aus der Haut fahren?
Und dieser Satz traf mich wie ein Schlag, viel mehr als das Thema Mappe. Denn ich bin nicht sofort explodiert. Ich war nur einfach schon den ganzen Tag am Limit. Aber das war ohnehin nicht zu erklären. Ich drehte das Gas an der Pfanne ab, wischte mir die Hände am Küchentuch und ging wortlos auf den Balkon.
Unser Balkon ist einfach verglast, mit ein paar Schraubengläsern, einem alten Klappstuhl, einer Tüte Weihnachtsdeko, dem Wäscheständer. Im Sommer hängt die Wäsche, im Winter ist er leer. Ich stellte mich zwischen Ständer und Werkzeugkiste, schloss die Tür hinter mir und stand einfach da. Im Innenhof parkte jemand sein Auto, im Haus gegenüber brannten Lichter, aus dem Erdgeschoss zog die Kälte hoch. Und das Wichtigste: Niemand sprach mich an.
Nach fünf Minuten klopfte mein Mann ans Fenster.
Was machst du da?
Ich öffnete und sagte:
Nichts. Ich wollte nur kurz allein sein.
Er sah mich an, als hätte ich was Komisches gesagt, aber widersprach nicht.
Am nächsten Abend ging ich wieder hinaus diesmal ganz bewusst. Nach dem Abendessen, während das Geschirr noch im Spülbecken stand und auf dem Handy bereits Arbeitsmails blinkten. Ich ließ das Handy drinnen, schloss die Tür und stand einfach still. Setzte mich mal auf den alten Klappstuhl. Schaute hinunter, wie die Nachbarin ihren Dackel im knallroten Mantel spazieren führte. Manchmal dachte ich an gar nichts was für mich rare Seltenheit hatte.
Fünf Minuten. Kein Yoga, keine Achtsamkeits-App, keine neue Selbstfürsorge, über die man später Freundinnen berichtet. Einfach fünf Minuten, in denen niemand etwas von mir wollte.
Zuerst hielten alle in der Familie das für eine meiner seltsamen Marotten. Mein Sohn öffnete einmal die Balkontür:
Bist du sauer?
Nein. Ich erhole mich.
Er grinste:
Auf dem Balkon?
Ja. Auf dem Balkon.
Mein Mann versuchte zweimal, etwas zu fragen durch die Scheibe. Dann ließ er es. Vermutlich begriff er: Wenn es nicht brennt, kann es warten.
Nach etwa zwei Wochen wurde ich ruhiger. Nicht übertrieben freundlich oder so fröhlich wie im Joghurtwerbespot. Einfach nur ruhiger. Wenn mein Sohn mal wieder vergaß, den Müll rauszubringen, bin ich nicht direkt gestürmt. Wenn meine Schwiegermutter abends mit der dritten Frage anrief, rollte ich nicht mehr die Augen, auch nicht, wenn sie es nicht sah. Wenn auch um 21 Uhr Bitte dringend Datei prüfen ankam, schrieb ich nur: Schaue ich mir morgen an. Die Welt brach deshalb nicht zusammen.
Aber zu Hause verstand man meine Gewohnheit weiterhin nicht ganz. Eines Abends kam meine Schwester vorbei. Wir tranken Tee in der Küche, und wie immer nach dem Essen stand ich auf und ging auf den Balkon. Als ich zurückkam, fragte sie:
Läuft bei euch alles gut?
Warum sollte nicht?
Na ja, du gehst jeden Abend raus. Ich dachte schon, ihr habt Zoff.
Ich musste lachen. Wenn eine Frau sich fünf Minuten allein einschließt, denken alle gleich, in der Familie sei was kaputt. Läuft sie aber den ganzen Tag gestresst durchs Haus und spricht abends nur noch durch die Zähne, gilt das als völlig normal.
Dann gab es diesen Tag, an dem ich merkte, wie sehr ich diese fünf Minuten brauchte. Ich hatte Überstunden gemacht, wurde auf dem Heimweg vom Schneeregen erwischt, schleppte zwei schwere Einkaufstaschen, daheim entdeckte ich, dass mein Sohn eine Fünf in Mathe geschrieben und mir das drei Tage verschwiegen hatte. Mein Mann hatte vergessen, das Rezept für seine Mutter zu besorgen. Er sagte es kleinlaut, aber in mir spannte sich bereits alles so sehr, dass ich beim nächsten Wort explodiert wäre.
Ich zog schweigend die Schuhe aus, stellte die Tüten ab, ließ den Mantel an und ging auf den Balkon.
Mein Mann kam fast sofort hinterher.
Sag doch wenigstens was.
Ich antwortete durch die Tür:
Wenn ich jetzt anfange zu reden, wird das keinem gefallen. Gib mir fünf Minuten.
Er blieb einen Moment, dann drehte er sich um und ging.
Als ich wiederkam, saß mein Sohn mit seinem Heft am Tisch. Mein Mann räumte schweigend die Einkäufe aus. Ich sagte:
Wir machen das so: Erst bestellen wir das Rezept zur Lieferung. Dann zeigst du mir die Arbeit. Ohne Ausreden, ohne Geschrei.
Und tatsächlich haben wir es ohne Geschrei geschafft. Für unsere Wohnung ein echtes Wunder.
Nach einer Weile sagte mein Mann selbst zu unserem Sohn:
Mama ist auf dem Balkon, warte mal kurz.
Einmal sah ich sogar, wie er selbst rausging, in der Jacke am Geländer lehnte, nach unten sah. Früher hätte er darüber gelacht. Ich schwieg und später beim Abendbrot sagte er:
Übrigens, ist eigentlich ganz okay da draußen. Ruhig.
Ich nickte nur.
Komisch, diese fünf Minuten haben kein einziges großes Problem gelöst. Die Arbeit blieb, die Schwiegermutter rief weiterhin regelmäßig an, mein Sohn wurde kein Musterkind, Geld haben wir immer noch nicht zu viel. Mein Mann sucht auch weiterhin Dinge, als müsste ich sie finden. Aber das Spannungsfeld zu Hause ist kleiner geworden. Nicht, weil alle sich verändert hätten, sondern weil ich aufgehört habe, immer am Rand des Zusammenbruchs zu leben.
Vor Kurzem war ein Abend, an dem ich es nicht schaffte, auf den Balkon zu gehen. Erst das eine, dann das andere, ein später Anruf, dann Geschirr, dann musste ich dringend eine Tabellenkalkulation verschicken. Ich lag im Bett und merkte: Heute war ich nicht einmal fünf Minuten allein. Und das wog am schwersten.
Am nächsten Tag ging ich früher raus. Im Hof schob der Hausmeister Schnee an den Rand, über mir polterte jemand mit dem Stuhl, in der Wohnung gegenüber goss eine Frau ihre Blumen. Ich saß auf dem alten Klappstuhl, im ausgebeulten Lieblingspullover, und dachte nur daran, dass mich jetzt niemand ansprach.
Dann wurde die Balkontür geöffnet, mein Sohn steckte den Kopf raus:
Bis gleich?
In zwei Minuten.
Er nickte:
Okay. Ich schütte schon mal die Nudeln ab.
Und ließ die Tür zufallen.




