Heute Morgen, als ich in den Flur ging, um meine Schuhe zu holen, fiel mir auf, dass ein fremder Mantel an der Garderobe hing. Mein Mann hatte nichts davon gesagt, dass wir Gäste erwarten würden.
Ein paar Sekunden blieb ich einfach stehen und betrachtete den Mantel. Dunkelblau, neu, eindeutig von einem Mann und niemand aus unserem Freundeskreis hatte so einen.
Aus der Küche hörte ich Stimmen.
Eine davon war die von meinem Mann, Dieter. Die andere gehörte einem Mann, den ich noch nie zuvor gehört hatte.
Langsam näherte ich mich. Es roch nach Kaffee und frisch gebackenem Brot. Auf dem Tisch standen Tassen, daneben eine Tüte mit Brezeln.
Ich trat ein.
Dieter saß dem Fremden gegenüber. Sie verstummten, als sie mich sahen.
Oh, du bist früher zurück, sagte Dieter.
Ich schaute zu dem Mann hinüber. Vielleicht um die vierzig, kurzes Haar, sehr korrekt gekleidet. Neben ihm auf dem Stuhl lag eine lederne Aktentasche.
Wer ist das? fragte ich.
Dieter zögerte kurz.
Das ist Thomas. Ein Bekannter.
Thomas nickte höflich.
Freut mich, sagte er.
Keiner erklärte, worum es ging.
Ich setzte mich langsam an den Tisch.
Was besprecht ihr?
Dieter fuhr sich nervös mit der Hand über den Nacken; das macht er immer, wenn ihn etwas belastet.
Nichts Wichtiges.
Mein Blick fiel auf die Aktentasche. Daraus ragte ein Blatt Papier.
Darauf war deutlich unsere Wohnungsadresse zu erkennen.
Mir wurde ganz mulmig.
Dieter warum steht unsere Adresse auf diesem Dokument?
Thomas bewegte sich plötzlich unbehaglich.
Dieter klappte die Tasche hastig zu.
Es ist nur eine Idee.
Was für eine Idee?
Stille breitete sich aus.
Von draußen hörte man eine sirrende Straßenbahn vorbeifahren und irgendwo unten fiel eine Tür ins Schloss.
Ich habe darüber nachgedacht, die Wohnung für eine Weile zu vermieten, sagte er schließlich.
Ich konnte es kaum glauben.
Wie bitte?
Nur vorübergehend.
Wir wohnen doch hier.
Er zuckte mit den Schultern.
Wir könnten für ein paar Monate zu meiner Mutter ziehen.
Ich sah ihn an, dann den Fremden.
Ist das dein Ernst?
Thomas erhob sich leicht.
Vielleicht sprechen wir lieber ein anderes Mal weiter.
Nein, sagte ich. Jetzt.
Dieter seufzte.
Ich habe ein kleines finanzielles Problem.
Wie klein?
Er antwortete nicht sofort.
Ich muss einen Kredit abbezahlen.
Und deshalb soll unsere Wohnung vermietet werden?
Nur für ein Jahr.
Da fiel mir plötzlich etwas ein.
Vor einem Monat hatte er mich gedrängt, irgendein Papier zu unterschreiben ich hatte es nicht genau gelesen, weil er sagte, das sei nur für unseren Internetvertrag.
Eine kalte Welle überrollte mich.
Dieter hast du unsere Wohnung als Sicherheit für einen Kredit angegeben?
Er sah mich an.
Schweigen.
Man merkt manchmal an solchen Pausen mehr als durch Worte.
Ich erhob mich vom Tisch.
Du hast also beschlossen, unser Heim zu riskieren, ohne mich zu fragen.
Es hätte nicht so weit kommen müssen.
Aber jetzt ist es so.
Thomas packte leise seine Unterlagen zusammen.
Dieter wirkte erschöpft.
Ich wollte doch nur alles regeln.
Indem du uns aus unserem eigenen Zuhause vertreibst?
Keine Antwort.
Mein Blick wanderte zu den Brezeln auf dem Tisch, die inzwischen kalt geworden waren.
Wie seltsam selbst die gewöhnlichste Morgenstunde kann sich plötzlich in einen Moment verwandeln, in dem man begreift, wie wenig Kontrolle man eigentlich über sein Leben hat.
Ich ging zur Tür und öffnete sie.
Das Gespräch ist beendet.
Dieter schaute mich überrascht an.
Ist das dein Ernst?
Ja.
Thomas ging zuerst hinaus. Dieter blieb noch kurz in der Küche, dann folgte er in den Flur.
Als die Tür ins Schloss fiel, setzte ich mich noch einmal an den Tisch und starrte auf die Adresse, die durch die Klarsichthülle der Mappe schimmerte.
Manchmal besteht der größte Verrat nicht in Untreue, sondern darin, dass jemand über deine Zukunft entscheidet, ohne dich überhaupt zu fragen.
Ganz ehrlich habe ich zu heftig reagiert, oder hat Dieter die Grenze schon überschritten, als er begann, Entscheidungen über unser Zuhause hinter meinem Rücken zu treffen?




