Weil es einfach praktischer ist

Weil es einfach bequemer ist

Johanna stand vor dem Herd und starrte versonnen auf das kochende Wasser, als würde es ihr alle Antworten des Lebens verraten.

Draußen dämmerte ein ganz gewöhnlicher Dienstagabend. Und wie immer saß er drinnen mit dem Handy, dem ewigen Muss ich mir das jetzt echt geben?-Blick und dem berühmten Versprechen, das er ihr genau vor einem Monat gegeben hatte:

Ich reiß mich zusammen. Such mir eine anständige Arbeit. Hör auf, dich anzuschnauzen. Hab noch ein bisschen Geduld. Alles wird anders. Ich hab halt gerade ne echt harte Phase.

Johanna übte sich in Geduld.

Das Wasser kochte. Sie warf Spaghetti in den Topf, rührte einmal um und schaltete das Gas aus. Hunger hatte sie nicht, aber kochen musste sie. Für ihn. Er würde ja sonst verhungern.

Essen ist fertig. rief sie in den leeren Flur.

Keine Antwort.

Sie wartete einen Moment, wischte sich die Hände am Geschirrtuch ab und tappte ins Wohnzimmer. Er hockte mit gebeugtem Nacken über dem Handy, endlos scrollend.

Ich hab gesagt, dass das Abendessen fertig ist!

Jaja, gleich. Nicht mal ein Blick nach oben.

Johanna nickte. Sie ließ sich aufs Sofa sinken und wartete.

Zehn Minuten. Fünfzehn.

Sie deckte den Tisch. Setzte sich wieder. Er verfolgte noch immer tapfer seinen Feed.

Das wird kalt, murmelte sie leise.

Boah, Johanna schnauzte er und warf das Handy auf die Couch, als hätte sie gerade seinen Weltfrieden ruiniert. Du suchst dir auch immer die besten Momente aus, ne? Ich komm ja schon.

Er schlurfte zur Küche, setzte sich, starrte schweigend in den Teller und schaufelte das Essen in sich hinein, als müsse er Strafarbeit leisten.

Johanna setzte sich ihm gegenüber. Sie wollte fragen, wie sein Tag war. Oder erzählen, was ihr im Büro heute für ein Zirkus passiert ist. Aber die Worte klebten am Gaumen.

Weil sie ganz genau wusste, was jetzt kommt.

Entweder kam gar nichts zurück. Oder eine einsilbige Antwort. Oder dieser Blick, der sie sofort bereuen ließ, überhaupt den Mund aufgemacht zu haben.

Danke, murmelte er, stellte seinen Teller in die Spüle und kündigte an: Ich leg mich kurz hin. Kopfweh.

Johanna blieb wieder allein zurück.

***

Und wie lange geht das schon so?, fragte ihre Freundin Katrin mit besorgtem Stirnrunzeln, als sie sich am Samstag im Café trafen.

Drittes Jahr jetzt.

Drittes Jahr Migräne und leere Versprechen also, ja?

Johanna nickte.

Katrin lehnte sich nachdenklich zurück und schaute sie so an, als hätte sich ihr innerer Richter auf einen sehr langen Vortrag eingestellt.

Sorry, aber ich sags jetzt mal ganz gerade raus. Sei nicht beleidigt, ja?

Los, mach schon, seufzte Johanna.

Sag mal, hast du sie noch alle?

Johanna verschluckte sich an ihrem Kaffee.

Was?!

Im Ernst jetzt. Du sitzt da und wartest auf das Ende seiner ‘schwierigen Phase’? Die wird nie enden! Weils für ihn einfach bequem ist.

Das verstehst du nicht, Katrin. Er hat wirklich Probleme. Arbeit, Stress…

Ach komm, unterbrach sie Katrin, wer hat das nicht?! Aber ich schrei meinen Mann doch auch nicht an, wenns im Büro mal wieder drunter und drüber geht. Ich komm heim und sag: ‘Drück mich mal, ich bin fix und fertig.’ Aber deiner? Der rastet lieber aus, zieht sich zurück, verspricht Besserung und schreit trotzdem wieder. Und du schluckst das. Wozu?

Ich hoffe halt, er ändert sich.

Katrin grinste bitter. Hoffnung stirbt zuletzt, hm? Aber weißt du was, Johanna? Menschen ändern sich nicht außer sie wollen es. Und wieso sollte ER was ändern? Du machst doch eh alles warten, kochen, vergeben, entschuldigen. Warum sollte er sich bemühen? Für ihn bleibts immer schön bequem: wohlig warm, Pasta auf dem Tisch und Treuebonus inklusive.

Johanna wollte einwenden, dass Katrin halt nicht wusste, wie er früher war. Oder was aus ihm werden könnte, wenn er nur mal wieder in Schwung käme.

Aber die Worte blieben irgendwo zwischen Rippe und Magen stecken.

Sie erinnerte sich plötzlich an den gestrigen Abend. Sein genervtes Gesicht wegen des Essens. Seine gereizte Stimme, als sie daran erinnerte, dass das Essen kalt wird. Und seine Rückenansicht, als er sich ohne ein weiteres Wort ins Schlafzimmer verkrümelte, das Smartphone fest umklammert.

Da wurde ihr bewusst: Sie konnte sich nicht erinnern, wann er sie zuletzt wirklich angeschaut hatte.

Nicht durch sie hindurch. Nicht entnervt. Sondern so richtig angeschaut, als würde er sie tatsächlich sehen.

***

Johanna zahlte ihre sechs Euro für den Kaffee, verabschiedete sich von Katrin und schlenderte nach Hause.

Ihre Beine fühlten sich bleischwer an. Zuhause war es dunkel. Er schlief schon.

Sie zog die Schuhe aus, ging in die Küche, setzte sich auf denselben Stuhl wie gestern. Blickte stumm aus dem Fenster.

***

Montagmorgen begann wie jeden Montag.

Er knallte die Tür hinter sich zu, kein Kuss, dafür maximal eine Spur schlechten Aftershaves.

Johanna packte ihre Sachen, ging zum Zahnarzt der Backenzahn ärgerte sie schon seit einer Woche, aber bisher war keine Zeit gewesen: ständig war etwas zu tun, für ihn, mit ihm oder wegen ihm.

Im Wartezimmer saß eine junge Frau. Hübsch, mit Smartphone am Ohr. Völlig ungeniert führte sie ein Video-Telefonat:

Marius, du hast doch gesagt, du holst mich nach dem Termin ab. Ich hab echt ein bisschen Bammel alleine! Bitte… Ich versteh ja, dass du viel arbeitest, aber du hast es doch versprochen.

Pause.

Nein, ich kann das nicht verschieben. Haben einen Termin erst in einem Monat bekommen. Bitte! Frag doch deinen Chef nur um ne Stunde! Du bist doch sonst mein Fels in der Brandung…

Längere Pause.

Okay. Schon klar.

Die Frau beendete das Gespräch, schob das Handy zurück in die Tasche und weinte. Leise, fast unhörbar. Starrte auf die Wand mit den Zahnarzt-Werbeplakaten.

Johanna beobachtete sie. Und plötzlich, mit einem Stich im Herz, erkannte sie sich selbst in dieser jungen Frau.

Die Johanna von vor drei Jahren, die selbst so oft angerufen, so oft gebettelt, so oft gehofft hatte. Die davon ausging, dass vielleicht alles besser wird, wenn sie nur genug bittet, wartet, erklärt.

Entschuldigung, flüsterte Johanna, wie heißen Sie?

Greta, schniefte sie.

Greta, ich will eigentlich niemandem in sein Leben grätschen, aber ich muss Ihnen eins sagen.

Greta sah sie an, die Augen rot.

Wenn jemand Sie so behandelt dann ist es nicht, weil er was ‘nicht versteht’. Und auch nicht wegen einer schweren Phase. Im Gegenteil. Er versteht genau, was er tut. Für ihn ist es einfach bequemer. Er merkt: Sie bleiben ja trotzdem. Sie verzeihen, Sie hoffen. Worte zählen da nicht mehr. Schauen Sie auf die Taten.

Greta nickte kaum merklich.

Und was, wenn er mich trotzdem liebt? fragte sie hauchzart.

Wenn er liebt, will er, dass Sie glücklich sind. Dann nimmt er Ihre Tränen ernst. Dann versucht er, Sie zum Lachen zu bringen nicht, Sie mundtot zu machen, damit er seine Ruhe hat.

Da wurde Greta schon aufgerufen. Sie wischte sich die Wangen trocken, flüsterte Danke und verschwand im Behandlungszimmer.

Johanna blieb zurück. Es fühlte sich an, als hätte sie mit sich selbst gesprochen.

***

Abends betrat Johanna ihre Wohnung. Er saß wie immer mit dem Handy auf dem Sofa.

Ich hab Hunger, nölte er ohne Begrüßung, wo bleibst du denn?

Johanna lief in die Küche, holte Zutaten aus dem Kühlschrank, stellte die Pfanne auf den Herd, goss Öl hinein und schnitt Zwiebeln.

Plötzlich stoppte sie.

Das Messer in der Hand, Frühlingszwiebeln vorm Gesicht.

Ich koche nicht, sagte sie laut ins Leere.

Stille.

Sie drehte den Herd ab, räumte die Pfanne weg, wischte sich die Hände ab, ging ins Wohnzimmer.

Ich koche heute nicht, wiederholte sie, fester diesmal. Hast du gehört?

Er hob verblüfft den Kopf.

Hä? Wie meinst du das?

Genau so. Du bist erwachsen. Koch dir selbst was, bestell was von mir aus oder geh zu Lidl ich bin nicht dein Hauspersonal.

Das Handy fiel zur Seite, er stand auf.

Sag mal, hast du einen an der Waffel? Ich bin müde, okay?

Und ich vielleicht nicht?, sie sah ihm zum ersten Mal seit Ewigkeiten direkt in die Augen. Ich arbeite auch. Ich habe auch Hunger. Und ich möchte genauso mal umsorgt werden.

Ach du meine Güte, jetzt geht das wieder los Immer diese Vorwürfe! Entschuldige, dass ich kein Märchenprinz bin, aber ich steck nun mal in einer blöden Phase.

Blöde Phase, wiederholte sie leise. Schon das dritte Jahr? Weißt du, was ich gemerkt hab?

Na, was?

Für dich ist das so einfach am angenehmsten. Du bist sicher, dass ich alles schlucke. Dass ich trotzdem koche. Dass ich nicht weggehe. Und du nutzt das aus. Nicht weil du böse bist. Sondern weil es halt geht.

Er schwieg.

Johanna drehte sich um und ging ins Schlafzimmer. Schloss die Tür ab.

Sie setzte sich aufs Bett und fing an zu weinen.

Aber diesmal waren es andere Tränen.

Nicht dieses verzweifelte, nächtliche Schluchzen. Keine Tränen aus Frust. Es waren Tränen der Erleichterung.

***

Am nächsten Morgen wachte Johanna früh auf.

Er schlief noch.

Sie packte ihre Sachen.

Schrieb einen Zettel: Lebe wohl. Ruf mich bitte nicht an.

Legte ihn auf den Küchentisch.

Als sie die Wohnung verließ, drehte sie sich noch einmal um.

Morgensonne in der Luft, himmlische Ruhe.

Sie schloss die Tür und atmete durch.

Zum ersten Mal seit drei Jahren fühlte sie sich frei.

***

Ein halbes Jahr später traf Johanna Katrin im gleichen Café.

Und, wie gehts deinem Ex?, fragte Katrin.

Johanna zuckte mit den Schultern, fast so leicht wie ein Frühlingswind. Keine Ahnung. Hat sich nicht gemeldet.

Und du?

Ich? Blendend! Gehe zum Psychologen, lerne, auf mich selbst zu hören. Weißt du, was das Verrückteste dran ist?

Na?

Ich hab immer geglaubt, ohne mich würde er untergehen. Weißt du was? Ist er nicht! Er hat sich einfach die Nächste gesucht. Zack, fertig. Als hätte es mich nie gegeben

Sie lächelte. Und zum ersten Mal war es ein ruhiges, echtes Lächeln.

***

Samstagabend klingelte es.

Johanna sah durchs Guckloch. Ihr Herz machte einen Satz und blieb dann ganz gelassen.

Da stand er. Mager, unrasiert, mit einem Strauß Supermarkt-Tulpen.

Mach auf, klingelte es leise durch die Tür. Ich muss mit dir reden.

Sie blieb stumm.

Ich hab mich verändert! Ehrlich! Die Neue war ein Fehler. Ich geh kaputt ohne dich. Bitte lass mich rein.

Johanna lehnte die Stirn gegen die Tür, das Kühlschrankmetall eiskalt auf der Haut.

Johanna! Ich bemühe mich doch gerade! Ich steh hier!

Sie holte Luft und sagte fest:

Tom, du stehst hier nur, weil sie dich jetzt auch nicht mehr will. Und weil du Angst hast, allein zu sein.

Bist du komplett verrückt geworden?! Ich erniedrige mich hier mach endlich auf!

Er brüllte, hämmerte gegen die Tür, drohte dann gab er auf und verschwand.

Johanna lehnte sich zurück, setzte sich auf den kleinen Hocker im Flur.

Innen war es ganz ruhig.

Sie hatte nicht aufgemacht.

Zum ersten Mal hatte sie sich selbst gewählt.

Und das war das eigentliche Ende nicht für ihn.

Sondern für sie.

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Homy
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