Mama, warum schickst du mir schon wieder diese Bilder? Guten Morgen!, Herzlichen Glückwunsch zum Namenstag Wegen denen hängt sich mein Handy immer auf! Kannst du mir nicht einfach nur schreiben, wenn es wirklich was gibt? Oder besser noch, gar nicht, solange es nichts Neues gibt? Ich arbeite, ich habe keine Zeit, mir deine Gedichte über Katzenbabys durchzulesen!
Ich, Johannes, legte mein Handy genervt auf den Tisch. Das Display leuchtete noch und zeigte eine Karte mit einem kuscheligen Hasen und der Aufschrift: Möge dein Tag sonnig werden!
Ich bin fünfunddreißig. Leitender Entwickler in einer großen IT-Firma in München. Mein Alltag besteht aus Deadlines, Zoom-Calls, Sprints und einer Flut aus Daten und Informationen.
Meine Mutter, Gisela Baumann, lebt in einem kleinen Ort, fast dreihundert Kilometer entfernt, irgendwo in Oberfranken. Vor einem halben Jahr hatte sie von mir mein altes Smartphone bekommen mit WhatsApp, extra eingerichtet.
Seitdem wird mein Alltag von animierten GIFs verfolgt.
Jeden Morgen beginnt mit einer Tasse Kaffee in Pixeln. Jeder Abend endet mit einem Schutzengel-GIF.
Anfangs reagierte ich noch höflich, schickte Emojis zurück. Dann begann ich, es zu ignorieren. Heute ist mir zum ersten Mal die Hutschnur geplatzt.
Gisela Baumann las meine Nachricht.
Nur schreiben, wenn es was Neues gibt.
Sie schaute aus dem Fenster. Es regnete trist und grau; der typische Herbst in ihrem Dorf. Was sollte sie schon berichten? Dass Kater Felix wieder eine Maus erwischt hat? Oder dass Frau Meier von nebenan sich mal wieder mit dem Briefträger gestritten hat? Ihr Blutdruck schon wieder auf 180 gesprungen ist?
Sind das Nachrichten für ihren Sohn, der doch an Deutschlands digitaler Zukunft baut?
Stille Tränen liefen ihr über die Wange, die sie mit dem Taschentuch wegwischte, während sie die vorbereitete Gute-Nacht-Karte mit rosa Wolken vom Handy löschte.
Ist gut, Hannes. Ich melde mich nicht mehr. Sie tippte es mit krummen Fingern und löschte es wieder. Warum sollte sie ihn auch stören?
Sie legte das Handy schweigend zurück auf die Kommode.
Endlich herrschte Ruhe für mich. Kein Vibrieren mehr, keine dämlichen Katzen-GIFs. Endlich kapiert, dachte ich bei mir.
Eine Woche verging.
Freitagabend. Ich saß mit Kollegen in einer Münchner Bar.
Meine Mutter hat mir gestern ein Video geschickt, wie man Gurken einlegt! lachte Timo. Sie meint, das sollte ich jetzt lernen!
Alle lachten.
Ich griff zum Handy. Der letzte Chat mit Mama.
Meine letzte Nachricht: oder schreib am besten gar nicht.
Status: zuletzt online vor 6 Tagen.
Ein seltsames Gefühl beschlich mich. Mama hat das WLAN immer an, sie sagte immer: Nicht dass du mich mal anrufst und ich’s übersehe.
Ich wählte ihre Nummer.
Es klingelte endlos. Keine Antwort.
Ich rief gleich nochmal an. Und wieder.
Panik, kalt und fremd, lief mir durch den Magen.
In jener Nacht fuhr ich die leere, nasse Autobahn hinauf, Geschwindigkeit egal Hauptsache schnell.
Ich rief unsere Nachbarin, Frau Meier, an.
Frau Meier, wissen Sie, wo meine Mutter ist?
Ach, Johannes… ich weiß nicht. Ich hab vor zwei Tagen noch geklopft, da hab ich gedacht, sie ist beim Bäcker. Licht war aus. Vielleicht ist sie bei ihrer Schwester in Bamberg?
Ich wusste, dass Mama keine Schwester in Bamberg hat. Sie hat niemanden. Außer mir.
Um drei Uhr nachts erreichte ich das Dorf.
Das Haus war dunkel. Das Gartentor nicht verschlossen.
Ich rannte zur Tür abgeschlossen von innen.
Mama! Mama, mach auf!
Ich schlug das Küchenfenster ein, spürte nicht, wie das Glas meine Hände schnitt, kletterte in die Stube.
Stille. Nur die altmodische Küchenuhr tickte.
Sie lag auf dem Sofa, trug ihren alten, karierten Morgenmantel.
Sie schlief.
Ich stürzte zu ihr, fasste ihre Hand.
Warm.
Mama schlug die Augen auf, verschlafen, erschrocken.
Hannes? Was ist denn? Ist was passiert? Krieg?
Ich sackte vor ihr auf den Boden, vergrub das Gesicht in ihrem Schoß. Ich zitterte am ganzen Körper.
Mama… warum bist du nicht ans Telefon gegangen? Warum warst du nicht mehr online?
Du hast doch gesagt ich soll nicht schreiben, flüsterte sie unsicher und streichelte mir übers Haar. Und das Handy ich glaub, es ist leer. Liegt da, auf der Kommode, ich habe es nicht mehr angerührt. Ich wollte dich nicht stören. Ich dachte, du bist beschäftigt.
Ich machte das Licht an.
Auf der Kommode lag das leere Handy.
Daneben ein Heft. Ich schlug es auf.
Ein handgeschriebenes Nachrichten-Tagebuch Mama schrieb auf, was sie mir schicken wollte, es aber nicht tat.
Dienstag. Hannes, heute hat die Sonne geschienen. Musste an unseren Spaziergang früher denken. Du warst noch klein, hast das Eis fallen lassen und geweint. Ich hab dich so lieb.
Mittwoch. Mein Blutdruck spinnt wieder. Hab eine Tablette genommen. Ich will dich nicht beunruhigen, du hast genug um die Ohren. Du sollst wissen: Ich bin stolz auf dich.
Donnerstag. Habe im Traum deinen Vater gesehen. Er sagte: Pass gut auf dich auf, Junge.
Ich las diese Zeilen, krakelig, liebevoll. In mir zerbrach alles Zynische.
Diese lustigen Karten, diese Emoticons, diese scheinbar albernen Nachrichten sie waren ihr Weg zu sagen: Ich bin da. Ich denke an dich. Ich lebe noch.
Das war ihr digitaler Herzschlag.
Den hatte ich unterbrochen.
Wäre ihr etwas passiert, hätte ich es nie erfahren. Weil ich selbst ihr das Zeichen zu schweigen gab.
Das Wochenende blieb ich bei ihr.
Reparierte den Zaun, programmierte den Fernseher neu.
Und kaufte ihr ein neues Handy mit extra großem Display.
Mama, sagte ich, als ich abreiste, schick mir alles. Katzen, Karten, Wetter, Apfelkuchenrezepte. Jeden Tag. Verstehst du? Jeden einzelnen Morgen. Ich will wissen, dass du da bist. Dass ich einen Gruß bekomme das ist mir wichtig.
Zurück Richtung München.
Mein Handy vibrierte.
WhatsApp. Mama.
Bild: Ein dicker, orangener Kater mit Brille hält einen Strauß Gänseblümchen. Text: Gute Fahrt, mein Sohn!
Ich musste lächeln. Ehrlich, von Herzen.
Ich drückte aufs Mikrofon:
Danke, Mama. Der Kater ist klasse! Melde mich, wenn ich angekommen bin.
Nachgedanke:
Nervige Nachrichten von Eltern sind kein Spam. Sie sind der letzte Faden zu einer Welt, aus der sie längst ausgeschlossen sind. Reißt ihn nicht ab. Eines Tages bleibt euer Handy stumm und ihr würdet alles geben für ein dummes Guten Morgen-Bild. Doch dann ist da niemand mehr, der es euch schickt.





