Liebes Tagebuch,
Die Verwandten meines Mannes sind wirklich eigenartig. Oft erzähle ich anderen voller Stolz, dass sie sich nie in unsere familiären Angelegenheiten einmischen und mich so akzeptieren, wie ich bin. Das schätze ich sehr und weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Trotzdem gibt es auch manches, das mich stört. Sie sind fest davon überzeugt, dass man alles im Leben allein schaffen muss, obwohl sie wohlhabend sind und von ihren eigenen Verwandten eine beachtliche Erbschaft erhalten haben. Natürlich verstehe ich den Wert der Selbstständigkeit, dennoch frage ich mich manchmal, ob sie uns nicht doch ein wenig unterstützen könnten schließlich sind wir doch eine Familie.
In München besitzen sie zwei weitere Wohnungen, die durch eine frisch durchgeführte Renovierung derzeit leerstehen. Als wir vorsichtig andeuteten, wie gern wir dort wohnen würden, haben sie unsere Wünsche einfach ignoriert. Deswegen müssen wir ständig von einer Mietwohnung zur nächsten ziehen. Meine Eltern leben auf dem Land und können uns finanziell kaum unterstützen; ihr Einkommen ist begrenzt. Mit unserem eigenen Verdienst können wir gerade so die Miete und die nötigsten Ausgaben decken für Rücklagen oder Freizeit bleibt fast gar nichts übrig. Es erscheint mir nahezu unmöglich, unter diesen Umständen für eine eigene Wohnung zu sparen.
Vor Kurzem habe ich meiner Schwiegermutter, der Helga, unsere Lage erklärt und auf die Instabilität hingewiesen, die unser Leben den Kindern beschwert. Ich hoffte, sie würde das verstehen aber ihre Antwort war enttäuschend. Sie hat uns beschuldigt, die Kinder seien zu klein, und gesagt, verantwortungsvolle Menschen würden immer das Eigentum an erste Stelle setzen. Es tat weh, zu hören, wie sie unsere Sorgen abwies und uns für unsere schwierige Lage verantwortlich machte.
Ich bin hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, das gute Verhältnis nicht zu gefährden, und der Erkenntnis, dass sie ihren Besitz offenbar mehr schätzen als das Wohl ihrer Enkel. Zwar hilft Helga gelegentlich, auf die Kinder aufzupassen, aber im Grunde scheint ihr der eigene Komfort wichtiger als die Familie ihres Sohnes.
Dennoch, angesichts ihres Alters, weiß ich, dass sie irgendwann auf unsere Hilfe angewiesen sein könnten. Vielleicht werden sie dann besser nachvollziehen können, welche Herausforderungen wir tagtäglich meistern müssen und uns um Unterstützung bitten. Bis dahin bleibt für mich das Dilemma, wie ich diese empfindliche Situation bewältigen soll einerseits will ich die Beziehung erhalten, andererseits bin ich enttäuscht von der Gleichgültigkeit gegenüber ihren Enkelkindern.
Alles fühlt sich schwer und ungewiss an, aber vielleicht gibt es irgendwann einen Wandel. Bis dahin hoffe ich auf Kraft und Verständnis für meine eigene Familie und für den Zusammenhalt, der sich hoffentlich irgendwann auch in Taten zeigt.





