Ich habe beschlossen, wieder zu heiraten, verkündete mein Schwiegervater eines Abends beim Abendbrot. Damals konnte ich meinen Ohren kaum trauen.
Die Abendessen bei Familie Schröder verliefen stets nach dem gleichen Muster. Frikadellen, Kartoffeln, der Fernseher leise im Hintergrund, das Wetterbericht plätscherte vor sich hin. Ich, Klara, verteilte das Essen, Matthias aß schweigend, und Herr Schröder saß mit diesem Ausdruck am Tisch, als würde er Bände sprechen wollen, aber noch wäre nicht der richtige Moment.
Walter Schröder wusste, wie man schweigt. Sein Schweigen hatte Gewicht, manchmal sogar einen Geruch. Nach sieben Jahren hatte ich gelernt, dieses Schweigen zu deuten. Wie eine Katze, die spürt, dass das Fenster offen steht.
Und plötzlich legte Walter die Gabel beiseite, akkurat parallel zur Tischkante. Dieses Zeichen kannte ich bereits. So machte er es immer, wenn es etwas Wichtiges zu verkünden gab: dass die Heizungsrohre erneuert werden mussten oder das Dach wieder undicht sei.
Ich habe beschlossen, wieder zu heiraten, sagte Walter Schröder.
Matthias erstarrte, das Brot halb zum Mund geführt.
Mir fiel die Gabel aus der Hand.
Tatsächlich fiel sie wirklich die Gabel klirrte, hüpfte ein Stück über die Tischdecke und blieb liegen.
Entschuldigung, wie bitte?
Ich will heiraten, wiederholte er ruhig. Noch einmal.
Matthias legte langsam das Brot ab, als trage es an der Schuld.
Ich habe eine Frau kennengelernt. Sie heißt Hannelore. Ein feiner Mensch.
Ich versuchte zu begreifen sollte das ein Scherz sein? Nein. Walter Schröder scherzte nie. Nicht ein einziges Mal in sieben Jahren. Ein ernster, ordentlicher, verlässlicher Mensch. Seit fünf Jahren Witwer. Führte ein ruhiges Leben. Garten im Sommer, Schach im Winter.
Und jetzt also eine Hannelore.
Ich hob die Gabel auf. Wischte sie mit der Serviette ab, halb ohne nachzudenken.
Hannelore, murmelte ich. Das ist ja… wunderbar.
Meine Stimme klang überraschend gleichmäßig.
Alle schwiegen höflich, das Thema versandete.
In dieser Nacht konnte ich keinen Schlaf finden.
Ich lag wach und starrte an die Decke, grübelnd wie jemand, der Ordnung in die Gedanken bringen will. Ein halbes Jahr kannten sie sich. Walter Schröder, Witwer, Dreizimmerwohnung in Köln-Lindenthal. Zweiundsiebzig Jahre alt. Die Rente ordentlich, ein Schrebergarten, das Auto zwar alt, aber fahrtüchtig.
Ich drehte mich auf die Seite.
Matthias schlief ruhig so gleichmäßig, wie es nur jemand kann, dem das alles scheinbar weit weniger nahegeht, als es sollte.
Matthias, flüsterte ich.
Hm.
Findest du nicht, dass wir mit deinem Vater reden sollten?
Er öffnete die Augen, blickte an die Decke.
Klara, er ist zweiundsiebzig. Ein erwachsener Mann.
Eben. Ein erwachsener, einsamer Mann mit einer schönen Wohnung.
Matthias schwieg.
Was meinst du?
Wegen Hannelore. Wir wissen nichts über sie. Überhaupt nichts. Wer ist sie, woher kommt sie, was macht sie?
Er hat gesagt, sie sei ein feiner Mensch.
Matthias, sagte ich und stützte mich auf den Ellbogen, alle Hochstapler sind fein. Das muss ihr Beruf sein.
Er schloss wieder die Augen.
Ich rede morgen mit ihm.
Am nächsten Tag kam es nicht dazu. Walter Schröder trank seinen Tee, las die Zeitung, und auf jede Frage seines Sohnes antwortete er knapp. Ja, sie haben sich in der Stadtbibliothek kennengelernt. Ja, sie wohnt zur Untermiete. Nein, eine eigene Wohnung hat sie nicht. Kinder? Einen Sohn, der lebt in München.
Ich stand im Türrahmen der Küche und hörte zu.
Keine eigene Wohnung.
Der Gedanke nagte an mir. Die Schlussfolgerung schien klar.
Sie war auf Beute aus.
Laut sagte ich das nicht. Noch nicht. Aber in mir reihte sich eins zum anderen: älterer Witwer, Wohnung, alleinstehende Frau ohne eigenes Heim. Die Bibliothek ein brillanter Ort zum Anbandeln ruhig, kultiviert, und rein freundschaftlich. Bücher, Gespräche, Vertrauen.
Drei Tage später griff ich zum Telefon und rief meine Freundin Gertrud an.
Gertrud, du kannst doch so gut Leute im Internet aufspüren, oder?
Kommt drauf an, wen du meinst.
Hannelore. So um die 65. Irgendwo hier im Viertel.
Familienname?
Den kannte ich leider nicht. Ärgerlich.
Aber ich blieb dran. Beim nächsten Familienabend spielte ich die Gelassene und fragte den Schwiegervater nebenbei:
Walter, was hat Hannelore eigentlich für einen Beruf gehabt?
Deutschlehrerin. Jetzt im Ruhestand.
Ein schöner Beruf, sagte ich.
Deutschlehrerin in Rente. Ohne Wohnung. Es passte alles zusammen.
Wieder verbrachte ich eine schlaflose Nacht. Ich musste Hannelore kennenlernen, mir selbst ein Bild machen. Menschen verraten sich: durch Blicke, Töne, durch den Umgang mit fremden Dingen in fremden Häusern.
Die Gelegenheit kam bald.
Eines Abends, wieder bei Tee, verkündete Walter:
Am Sonntag lade ich Hannelore zum Mittagessen ein. Ich möchte, dass ihr euch kennenlernt.
Matthias nickte. Ich lächelte.
Hervorragende Idee.
Die Stimme angenehm, fast natürlich.
Die ganze Woche bereitete ich mich vor. Überlegte, wo ich den Gast platzieren würde, wie der Tisch wirken soll, was sie wohl ansehen würde, wie sie sich gibt. Ob sie aufgeregt ist, ob sie sich verstohlen umsieht mit diesem besonderen Blick, wenn jemand fremdes Eigentum abwägt.
Ganz allmählich verwandelte ich mich von der Schwiegertochter in eine Detektivin.
Am Samstag kaufte ich ein schönes Stück Rinderbraten, frische Blumen für den Tisch, eine neue Tischdecke. Ich putzte so gründlich, dass mir die eigene Wohnung plötzlich fremd erschien. Matthias stolperte über eine Vase, erhielt einen Blick von mir, der für den Rest des Abends alles Verbessern verhinderte.
Du bist ja wie auf dem Sprung zur Inspektion, meinte er.
Ich bereite nur ein Mittagessen vor.
Klara.
Ja?
Sie ist einfach eine Frau. Die Papa gefällt.
Ich ordnete die Gabeln.
Ich weiß, sagte ich ruhig.
Hannelore kam pünktlich um zwölf.
Walter öffnete die Tür und sie traten gemeinsam ein er einen Schritt voraus, sie ruhig hinterher. Ganz ohne Aufgeregtheit.
Ich stand in der Küchentür, das Handtuch in den Händen und schaute.
Hannelore war eine gewöhnliche Frau. Das überraschte mich. Klein, im hellgrauen Kleid, mit kurzem, schon ergrautem Haar. Kein auffälliger Lippenstift. Eine schlichte Ledertasche, die schon ein paar Kratzer hatte, bequeme, unmodische Schuhe.
Eine ganz normale Frau.
Hannelore, sagte Walter Schröder.
Sehr angenehm, antwortete sie.
Die Stimme ruhig. Kein Unterwürfigkeitstonfall.
Kommen Sie doch herein. Das Essen ist fast fertig, sagte ich.
Das Essen dauerte lange. Hannelore aß mit Bedacht, sprach zurückhaltend. Als Matthias einen lustigen Schwank aus seiner Arbeit erzählte, lächelte sie. Als ich noch vom Salat anbot, lehnte sie höflich ab: »Danke, ich bin schon satt.« Kein: »Ach, nein, nein, nein«, kein dramatisches Handheben.
Ich beobachtete sie.
Hannelore musterte nicht die Möbel, glitt nicht mit den Augen über die Regale. Kein einziges Mal fragte sie nach der Lampe oder irgendwelchen Antiquitäten. Sie saß da, redete, trank Tee.
Das war verdächtig.
Im Ernst ich war für alles gewappnet gewesen: übertriebene Freundlichkeit, drängendes Interesse, abschätzende Blicke. Aber sie saß einfach da, als wäre ihr egal, wo.
Nach dem Essen zogen sich Walter und Hannelore zum Plattenhören zurück. Sein alter Schallplattenspieler war ihm heilig. Ich spülte ab und hörte das leise Gespräch von drinnen. Ruhige Stimmen, gleichmäßig.
Und? fragte Matthias neben mir, das Handtuch in der Hand.
Was und?
Dein Fazit, Sherlock?
Ich stellte den Teller ins Regal.
Ich weiß es nicht, sagte ich. Es war die Wahrheit.
Abends, nachdem Hannelore gegangen war, blieb ich lange in der Küche sitzen. Das Bild vom raffinierten Plan Witwer, Wohnung, Jägerin wollte sich nicht recht mit dem Eindruck vereinbaren, den sie am Tisch hinterließ. Hannelore schien nicht so, als wolle sie sich etwas aneignen. Aber das kam mir unmöglich vor. Es kam mir einfach unmöglich vor.
Ich traf eine Entscheidung.
Am nächsten Tag, als Matthias das Haus verlassen hatte und Walter von seinem Spaziergang zurück war, klingelte ich bei ihm.
Darf ich reinkommen?
Kommt rein, antwortete er. Bin gleich da.
Er kam wenige Minuten später, zog gemächlich die Jacke aus, hängte sie an den Haken, stellte den Wasserkessel auf. Alles wie immer.
Ich saß am Küchentisch und wartete.
Na, sagte er, ohne Fragezeichen.
Ich verschränkte die Hände. Ich hatte die Worte seit Tagen vorbereitet.
Walter, sind Sie sich wirklich sicher, dass Hannelore Sie und nicht nur Ihre Wohnung liebt?
Er sah mich an ganz ohne Überraschung, ganz ohne Groll. Lange, wie jemand, der auf genau diesen Moment gewartet hatte.
Ich wusste, dass du das sagen würdest, sagte er.
Ich schwieg.
Deshalb habe ich längst alles geregelt.
Was heißt alles?
Ich habe die Wohnung vor drei Wochen auf Matthias und die Enkel umgeschrieben. Beim Notar. Alles ist geregelt.
Ich blickte ihn an.
Weiß Hannelore das?
Sie weiß es.
Ich nahm meine Tasse. Der Tee war noch heiß. Draußen rauschte der Regen, der Wasserkessel wurde langsam kalt. Walter schwieg genauso ruhig, wie es nur er konnte.
Genau da wusste ich, dass ich richtig heirate, fügte er leise hinzu.
Mehr sagte er nicht.
Die Hochzeit war im Mai.
Klein, bodenständig. Ein Restaurant für zwanzig Leute, Blumen auf den Tischen, dezente Musik. Walter im dunkelblauen Anzug so hatte ich ihn noch nie gesehen. Hannelore im schlicht-beigen Kleid. Ganz einfach, ohne Spitze. Mir gefiel es auf Anhieb.
Matthias saß da, als wüsste er nicht, wie er schauen sollte, wenn Freude und Unsicherheit zusammenkommen.
Ich blickte, während des Dinners, immer wieder zu meinem Schwiegervater.
Walter unterhielt sich mit Hannelore. Sie antwortete, er hörte zu, dann lächelte er leise. Ich stellte fest, dieses Lächeln kannte ich gar nicht.
Was ist? flüsterte Matthias.
Ich schaue nur, sagte ich.
Nach dem Essen ging ich zu Hannelore. Ganz ohne Anlass, ohne vorbereitete Worte.
Hannelore, ich wollte nur sagen … ich hielt inne. Es gab nichts einzuordnen. Ich freue mich, dass Sie da sind.
Hannelore sah ganz ruhig zu mir auf. Kein Rühren, keine Träne.
Ich auch, sagte sie.
Ich nickte und kehrte an meinen Platz zurück.
Draußen war Mai. Still, trocken. Walter stellte sein Glas ganz akkurat, parallel zum Rand, auf die Tischdecke. Eine alte Gewohnheit. Ich bemerkte es und musste lächeln.
Manches bleibt sich eben doch treu.





